Tag: Demokratie (page 11 of 37)

Drygalla und die Demokratie

Nadja Drygalla (Foto: tagesschau)

Nadja Drygalla (Foto: tagesschau)

Auf meinen Artikel – den ich aufgrund von Medienmeldungen verfasste – über die Ruderin Nadja Drygalla habe ich hier im Blog aber vor allem bei Facebook einiges an Kritik einstecken müssen. Der Vorwurf lautet, dass ich Drygalla in “Sippenhaft” nehme.

Spannend daran ist, dass ich die Artikelüberschrift mit einem Fragezeichen versehen habe und auch im Artikel keine Behauptungen aufgestellt habe, sondern von “soll” und “könnte” sprach. Trotzdem wurde mir sofort unterstellt, dass ich Absolutes verkündet habe…

Gestern Abend dann fand ich einen Artikel bei netz-gegen-nazis, der sich ausführlich und – wie mir scheint – abschließend deutlich und klar zu den Vorgängen um Drygalla äußert:

Was derzeit der deutschen Ruderin Nadja Drygalla widerfährt, ist ein Lehrstück in unüberlegtem Umgang mit rechtem Lifestyle: Weil das Thema unbequem ist, viel unbequemer noch als der Umgang mit offen Rechtsextremen, haben zuerst etliche Menschen die Augen zugemacht – und dann plötzlich viele hingeguckt und vor Empörung wiederum unüberlegt reagiert. Aus einer Aktzeptanzkultur des Wegsehens wurde so eine Handlungshysterie, die auch keinem nutzt. Vor allem nicht einer demokratischen Alltagskultur, die wir uns wünschen.

Der Artikel fasst meines Erachtens nach gut zusammen, wie die Medien und die Öffentlichkeit auf das Bekanntwerden der Freundschaft/Liebe zu Michael Fischer reagierte und endet mit den Worten:

Es geht hier nicht um die einzelne Ruderin, sondern um den gesellschaftlichen Umgang mit Rassismus und Rechtsextremismus. Darf jemand aus einem Neonazi-Umfeld als sportliches Vorbild gefördert werden und Deutschland auf internationalen Wettkämpfen vertreten, so lange er oder sie selbst sich nichts Rechtsextremes nachweisen lässt? Wenn sich der DOSB, die Sportverbände und Vereine dafür entscheidet, müssen sie aushalten, dass dies kritisiert wird – aber auch hinter den Sportler*innen stehen. Wenn sich die Verbände dafür entscheiden, dass Menschen aus einem rechtsextremen Umfeld nicht als Repräsentant*innen in Frage kommen, ist es ebenso. Die Diskussion um eine “Extremismusklausel” in der Sportförderung, wie das Bundesinnenminsterium sie zunächst überlegte, ist lächerlich. Jeder Neonazi, der sich sicher ist, dass ihm seine Gesinnung nicht nachzuweisen ist, wird sie ohne zu zögern unterschreiben. Er glaubt ja nicht einmal an das Land, dass sie von ihm fordert. Zu wünschen wäre vielmehr eine aufmerksame Zivilgesellschaft, die vor rechtem Lifestyle nicht die Augen verschließt, sondern selbst die Entscheidungen trifft, wo sie ihre Grenze im Umgang mit Demokratiefeind*innen zieht – und mit ihren Freund*innen.

Ich habe wohl genau so pawlowsch reagiert, wie der Rest der Medienwelt… Den Vorwurf lasse ich mir gefallen. Mich aber Undemokrat zu nennen halte ich für – Sorry – lächerlich und dumm.

Nic

“Mildes Urteil” für Pussy Riots?

Geht es nach dem Willen der Staatsanwaltschaft in Moskau, dann müssen Maria Alechina, Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch drei Jahre ins Gefängnis. Ihnen wird Rowdytum und religiöse Hetze zur Last gelegt.

Staatsanwalt Alexander Nikiforow bestätigte am Dienstag (07.08.2012) in seinem Schlussplädoyer, das Vergehen der drei Angeklagten sei so “schwer”, dass sie “von der Gesellschaft isoliert” werden müssten. Es müsse einen “echten Entzug von Freiheit” geben. Gleichzeitig sagte allerdings Nikiforow, er wolle der Tatsache Rechnung tragen, dass keine der drei Frauen vorbestraft sei und Tolokonnikowa und Alechina kleine Kinder hätten.
Mit dem geforderten Strafmaß bleibt die Anklage damit deutlich unter der möglichen Höchststrafe von sieben Jahren.

Quelle: http://www.dw.de/dw/article/0,,16150017,00.html?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Das schickt sich nicht, Herr Schick!

WEIMAR. (fgw) Ob sie wollen oder nicht, auch die höchsten Vertreter der Catholica müssen sich an Recht und Gesetz in unserer Demokratie halten. Sonderregelungen darf es nicht geben. Schon gar nicht für Religionsgemeinschaften, denn Glauben ist Privatsache. Ist § 166 StGB (Beschimpfung von Bekenntnissen) schon kontrovers genug und gehört an sich nicht in unsere säkulare Demokratie, gibt es noch § 185 StGB (Beleidigung) und zahlreiche andere Gesetze zum Schutz der Persönlichkeit. Aber der katholische Erzbischof Schick fordert ein Blasphemie-Verbot in Deutschland. Anlass war wohl die befleckte Soutane des Papstes. Der konnte sich jedoch mit dem bestehenden Rechtsinstrumentarium wehren.

von Georg Korfmacher

(Foto/Montage: Evelin Frerk, hpd.de)

(Foto/Montage: Evelin Frerk, hpd.de)

Schick will schlicht die durch unsere Verfassung geschützte Meinungsfreiheit mit der Forderung beugen, dass gegen “heilige Personen, heilige Schriften, Gottesdienste und Gebete sowie heilige Gegenstände und Geräte aller Religionen” kein Spott und Hohn zugelassen werden dürfe. Aber wo war denn die Stimme dieses hohen Herren, als die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht wurden?

Selbstverständlich muss man sich wundern und auch spotten dürfen über z.B. die Vorhaut Jesu, die als Ringe um den Saturn kreisen soll, über die ihrem Vater beischlafenden Töchter in der Bibel oder den Eid beim Gemächte seines Herrn, als dieser seinen Diener auf Brautschau schickte und, und, und. Aber nein, Schick fordert, “dass die Person Jesu Christi, Gott der Vater, Maria, die Heiligen, die Hostie des Altarsakraments, die sakralen Gegenstände wie Kelche und Monstranzen, auch die Kirchengebäude und Prozessionen von unserem Staat geschützt werden”. (Der heilige Geist ist da irgendwo auf der Strecke geblieben) Nein Herr Schick, dafür sind neue Gesetze nicht nötig. Der elfte Abschnitt unseres StGB für Straftaten mit Bezug auf Religion und Weltanschauung ist mehr als hinreichend.

Insofern befindet sich auch Thomas Goppel auf dem Holzweg, wenn er postuliert: “Wer nicht so zu seinem Anstand findet, der braucht ein Gesetz”. Ein Blick ins Gesetz würde auch ihm für die Rechtsfindung behilflich sein. Für den Purpurträger Marx ist das Thema nicht neu, und seine Reaktion auf den Kollegen eher diplomatisch zurückhaltend.

Es schickt sich nicht, Herr Schick, wenn ein Bischof sich hier scheinheilig zum Sprecher aller Religionsgemeinschaften aufspielt. Sollte dieser Kirchenmann wirklich schon vergessen haben, wie viele Andersgläubige und Andersdenkende durch die Catholica umgebracht worden sind, als diese noch das Sagen hatte? Das, Herr Schick, ist endgültig vorbei und darf nicht wiederkommen. Unser Recht ist sicherlich nicht perfekt und bedarf der stetigen Entwicklung. Aber es gilt nun einmal für alle, auch für die Catholica, die sich laut GG nur im Rahmen der für alle geltenden Gesetze zu bewegen hat. Ein religionsspezifisches Sonderrecht ist ein Frontalangriff auf unsere demokratische Ordnung. Dagegen muss sich jeder vernünftig denkende Mensch in dieser Republik vehement wehren.

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

Pussy-Riot Prozess: Sofortige Aberkennung der Rechtspersönlichkeit der russisch-orthodoxen Kirche beantragt!

via Initiative Religion ist Privatsache

Pussy Riot, Foto: Wikipedia

Pussy Riot, Foto: Wikipedia

Als Reaktion auf den in Moskau derzeit stattfindenden Pussy-Riot Schauprozess, der als Teil der systematischen Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche für das autoritäre Putin-Regime zu betrachten ist, brachte nun die „Initiative Religion ist Privatsache“ einen Antrag auf die Aberkennung der Rechtspersönlichkeit der „Russisch-orthodoxen Kirche zum hl. Nikolaus in Wien“ beim Kultusamt ein. Dem 5 Seiten starken Schriftsatz ist eine detaillierte Beschreibung der symbiotischen Beziehung, die zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und dem zunehmend national-konservativen Putin-Regime herrscht, zu entnehmen. Ferner enthält der Antrag eine Auflistung von mehreren Tatbeständen, die zur Aberkennung der Rechtspersönlichkeit dieser Kirche in Österreich führen müssen. Eytan Reif, Vorstandsmitglied der Initiative, dazu: „Maria Alechina, Jekaterina Samuzewitsch und Nadeschda Tolokonnikowa stehen vor Gericht nicht nur, weil sie sich angeblich getraut haben, Putin und seine Politik zu kritisieren, sondern weil sie die russisch-orthodoxe Kirche sehr öffentlichkeitswirksam als das, was sie ist, geoutet haben: als eine skrupellose, machtbesessene und gar nicht so heilige Komplizin Putins“.

Die Wahrscheinlichkeit für die Aberkennung der Rechtspersönlichkeit der russisch-orthodoxen Kirche in Österreich betrachtet Reif als „realistisch“, da die „russisch-orthodoxe Kirche in Wien von der Mutterkirche in Russland in jeder Hinsicht gänzlich abhängig ist und letztere nachweislich keine ‚positive Grundeinstellung gegenüber Gesellschaft und Staat’, wie vom Gesetzgeber verlangt, aufweist“. Eine Weigerung der zuständigen Ministerin Claudia Schmied, die Rechtspersönlichkeit der russisch-orthodoxen Kirche abzuerkennen, würde hingegen laut Reif „das ohnehin bedenkliche österreichische System der gesetzlichen Anerkennung von Weltanschauungen ad absurdum führen, verfassungsfeindliche Elemente staatlich legitimieren und die Republik für Verletzungen der Menschenrechte in Russland mitverantwortlich machen“.

Das Team der Initiative Religion ist Privatsache

Warum wird im Namen Gottes gefoltert?

Ein Gespräch mit dem irakischen Schriftsteller Najem Wali

BERLIN. (hpd) Den Roman „Ein Ort namens Kumait – die Geschichte einer Beschneidung“ schrieb Najem Wali bereits im Jahr 1989. Doch erst 1997 erschien dieser erstmalig in Kairo auf arabisch, ein Jahr später auf französisch und im Jahr 2002 auf schwedisch. Ein solcher Tabubruch, der darin bestand, dass Wali die Beschneidung Folter nannte, brauchte acht Jahre, bis sich ein Verlang fand, der den Roman zu drucken sich traute.
In den letzten Tagen hat sich Najem Wali auch in der Beschneidungsdebatte zu Wort gemeldet. In der TAZ erschien ein Artikel von ihm, in dem er über seine eigene Beschneidung, die er „Folter“ nennt, berichtet und von den traumatischen Erlebnissen, die er mit anderen Betroffenen teilt.

Najem Wali

Najem Wali

hpd: Guten Tag, Herr Wali. Ich habe anfangs ein paar Fragen zur Person an Sie. Weshalb sind Sie in Deutschland? Wollen Sie wieder zurück in den Irak? Ich hab gelesen, dass Sie 2004 im Irak waren. Waren Sie danach noch einmal dort?

Najem Wali: Ich war im Januar 2011 im Irak und ich habe vor, in jedem Jahr hinzufahren. Ich will auch in diesem Jahr noch einmal hinfahren. Es ist jetzt dort sehr heiß, 56 Grad. Gestern hat mich mein Vater angerufen: er hat ein paar Dattelpalmen auf unserem Grundstück gepflanzt und war gerade bei der Ernte. Normalerweise passiert das erst in der zweiten Augustwoche – aber wegen der Hitze dort sind die Datteln zwei Wochen früher reif.

Aber Sie bleiben hier, sie gehen nicht zurück?

Nein, das geht nicht. Exil ist eine Einbahnstraße. Einmal Exil ist immer Exil. Man ändert sich, das Land ändert sich, die Menschen ändern sich. Jetzt habe ich die Möglichkeit, hin und her zu reisen. Meine Heimat nach dreißig Jahren ist da, wo ich sitze und wo ich schreibe. Und das ist Berlin-Kreuzberg.

Ist es noch Ihr Irak, den Sie mal verlassen haben?

Nein, niemals. Ich sagte ja bereits: man ändert sich und das Land ändert sich. Und gerade im Irak: das Land hat sich völlig verändert. Es waren viele Kriege und Kriege verändern die Menschen.

Sie sind ja damals vor dem Iran-Irak-Krieg geflohen.

Ich bin Ende 1980, also sechs Wochen nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland geflohen. Ich habe im Irak Deutsche Literatur studiert. Ich war die Ausnahme, all meine Kollegen sind nach Paris gegangen; Paris ist die Hauptstadt der Kunst und der Literatur.

Aber Sie waren auch mal in Paris?

Das ist eine andere Geschichte. Das war mein erster Versuch – das war am 14. Juli 1976. Ich war sehr jung und hatte 600 Dollar in der Tasche und wollte Regie studieren. Das hat dann aber nicht geklappt und ich bin zurück in den Irak gegangen.

Da hat die Filmwelt vielleicht einen Regisseur verloren, die Literatur aber einen Schriftsteller gewonnen.
Dann lassen Sie uns zu dem Thema „Beschneidungen“ kommen. Es gibt ja eine unglaubliche Medienresonanz. Überrascht Sie das?

Nein, weil wir in Deutschland leben. Hätte es dieses Urteil in Frankreich gegeben oder anderswo wäre das nicht so passiert.
Die islamische Gemeinde war moderat bei der Geschichte. Es ging um den Sohn syrischer Eltern. Ich kenne auch viele Türken und andere Muslime. Die waren relativ entspannt und sagten: ‚Wenn die das hier verbieten, dann machen wir das in der Türkei.‘ Sie wissen, dass das ein diskutiertes Thema ist.
Aber da es auch um die jüdischen Gemeinden geht, ist das in Deutschland ein heikles Thema. Und deshalb gab es eine Überreaktion bei der jüdischen Gemeinde. Und deshalb auch gab und gibt es diese öffentliche Diskussion.
Dabei war das ein Einzelfall und niemand weiß, ob andere Gerichte in anderen Bundesländern nicht anders entschieden hätten.
Nun musste die deutsche Regierung reagieren. Noch nie hat der Bundestag einen solchen Beschluss gefasst wie in diesem Falle.

Es ist ja noch kein Gesetz, sondern eine Empfehlung.

Ja, aber es wirkt ja trotzdem. Und es wird ein Gesetz geben.
Im Oktober will die Bundesregierung ein Gesetz vorlegen und der Bundestag soll dann darüber entscheiden.
Es bleibt die Frage, ob die Gerichte verpflichtet sind, diesem Beschluss zu folgen.

Im Moment noch nicht. Aber es halten sich alle zurück. Bei den Ärzten gibt es eine große Unsicherheit und selbst das jüdischen Krankenhaus hier in Berlin führt keine Beschneidungen mehr durch.

Ich glaube nicht, dass man jetzt keine Beschneidungen mehr durchführt. Ich glaube, Beschneidungen werden immer durchgeführt werden – die Religionen werden das einfach machen. Es gibt Ärzte und andere Menschen, die das machen.
Viele sagen, das ist ein harmloser Eingriff und daher nimmt man das in Kauf. Nur wenn es jetzt dazu kommt, dass ein beschnittener Junge Blutungen hat oder andere Komplikationen auftreten werden wir davon hören. Aber ansonsten wird das nicht publik werden.
Man kann es den Juden jetzt nicht verbieten im Moment; es gibt kein Gesetz dagegen. Es gibt im Jüdischen diese acht-Tage-Frist. Das gibt es bei den Muslimen ja nicht. Deshalb bin ich mit zwölf Jahren beschnitten worden.

Das schreiben Sie ja auch in dem TAZ-Artikel am Ende: Die Religionen werden sich durchsetzen. So pessimistisch sind wir nicht.

Das ist nicht Pessimismus, das ist einfach Tatsache. Religionen haben immer Gesetze umgangen.
Egal, was der Gesetzgeber jetzt regelt und verbietet. Es wird eine Ausnahme gemacht werden. Es gibt von jedem Gesetz eine Ausnahme und die einzige Regel in Deutschland ist die Ausnahme. Auch in der Sprache. Und daher wird es auch eine Ausnahmeregelung im Gesetz geben.
Das gab es damals auch bei der Abtreibungsdebatte. Es gab dann Ausnahmeregelungen. So wird es auch bei dem Beschneidungsgesetz kommen. Das meinte ich, wenn ich sage: die Religionen werden es weiterhin tun. Dann unter anderem Mantel, mit anderen Begründungen.

Es mag ja möglich sein, dass sich etwas wie ein Beschneidungstourismus für Muslime entwickelt. Aber es dürfte unwahrscheinlich sein, dass man mit einen achttägigen Säugling ins Ausland reist.

Natürlich nicht! Deshalb weise ich ja darauf hin, dass es Ausnahmeregelungen geben wird. Und ich denke, der Gesetzgeber sucht genau nach diesem Kompromiss, um es den Juden zu ermöglichen, die Beschneidung durchzuführen. Ich glaube, keine Regierung, kein Bundestag will ein Problem mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland haben wollen.

Gibt es denn nach Ihrer Kenntnis Diskussionen unter Muslimen? In Richtung, dass die jungen Männer achtzehn sind und selbst entscheiden können, ob sie beschnitten werden wollen?

Die Diskussion wird nicht nach Außen getragen. Aber die Diskussion gibt es seit dem Moment, wo man begann, darüber zu sprechen.
Wenn ich das so sagen kann: der einzige Vorteil des Urteils aus Köln ist, dass eine Debatte begonnen hat. Und Diskussionen in einer demokratischen Gesellschaft sind immer gut. Innerhalb der Gemeinde, in der es auch viele säkular denkende Menschen gibt – aber eben auch in der gesamten Gesellschaft.
Aber die Beschneidung hat nichts mit Säkularismus zu tun. Sondern mit einem kulturellen Ritual. Das ist ein Ritual, das diskutiert man nicht. Es ist genau wie ein Feiertag. Man denkt darüber nicht nach. Oder wollen Sie die Sonntage abschaffen? In Israel wird am Samstag nicht gearbeitet. In muslimischen Ländern nicht am Freitag und hier am Sonntag. Das ist historisch und kulturell gewachsen und steht einfach nicht zur Diskussion.
Es gibt solche Traditionen, über die man nie nachdenkt. Und so war es bisher auch mit der Beschneidung. Nun überlegt man sich, ob das ein Übergriff ist, eine Verletzung. Ist das Kastration? Die Debatte hat erst jetzt angefangen. Und das gefällt mir.

Haben Sie Söhne?

Nein. Es ist auch nicht glaubwürdig, wenn ich darüber nachdenken würde, ob ich Söhne beschnitten hätte. Wenn, dann würde ich darüber nachdenken, ob man sie nicht früher als ich beschnitten wurde, beschneiden sollte. Mein Bruder wurde im Alter von sechs Monaten beschnitten. Er hat ganz sicher andere oder keine Erinnerungen daran als ich.

Wenn Sie sagen, dass die Debatte innerhalb der muslimischen und jüdischen Gemeinden jetzt begonnen hat; was sind denn da die wichtigsten Aspekte dabei? Spielt denn dabei eine Rolle, dass es vielleicht doch eine Körperverletzung ist?

Erstens haben die beiden verfeindeten Religionen entdeckt, dass sie Gemeinsamkeiten haben: das Verbot von Schweinefleisch, das Kopftuch, Der Heirat von mehreren Frauen (wie bei den Orthodoxen Juden) und eben auch die Beschneidung.
Was ist die Vorhaut? Die Leute haben immer gedacht: das ist ein Lederstück. Das kann man abschneiden. Da haben Rabbis und Imame gleich gedacht. Es ist Teil der unhinterfragten Kultur. Selbst jemand wie der türkische Schriftsteller Semiglou haben gesagt: Deutschland macht sich lächerlich mit der Diskussion. Das haben auch Leute gesagt, die meinen Artikel gelesen haben: Du wirst Schwierigkeiten bekommen. Aber nein! Es ist die Wahrheit. Warum soll man diese Wahrheit verschleiern?
Es hat auch eine Debatte begonnen innerhalb des Judentums. Wenn man sagt: der achte Tag ist der letztmögliche, dann fragt man sich doch: Warum gibt es Ausnahmen und wer hat diese Ausnahmen festgelegt? Und zweitens: Warum gilt Isaaks Beschneidung als Vorgabe und nicht Abrahams, der erst mit 99 beschnitten wurde. Wenn es nun eine gesetzliche Regelung in Deutschland machen: warum sollen wir dort 14 Jahre festschreiben? Warum nicht neunundneunzig?

Oder alles zwischen 14 und 99…

Nun ja, mit 99 gibt es da keine Haut mehr. Das ist ein abgefucktes Stück Leder. Damit hätte sich alles erledigt. Man hätte alle Freiheit bis 99.
Wichtig ist aber einzig, dass diese Diskussion begonnen hat.

Sie waren – soweit ich weiß – auch mehrmals in Israel. Wissen Sie, ob es dort Diskussionen zum Thema gibt?

Nein, das ist zu lange her.

Es soll in Nordisrael ja einmal eine Initiative gegeben haben, die sich erfolglos bis zum Obersten Gericht geklagt hat gegen die Beschneidung.

Wenn das im Norden ist, kann vielleicht es mit dem Kubbiz Mizra zusammenhängen?! Das ist auch der einzige Ort in Israel, wo man Schweinefleisch isst. Ich habe darüber geschrieben, dass die Schweine mehr für den Frieden geleistet als alle Politiker auf beiden Seiten.
Was das Judentum angeht gibt es wohl auch eine Entwicklung, dass die Beschneidung als symbolischer Akt vorgenommen wird.
Ich denke, das wird auch im Bundestag diskutiert werden. Aber Symbolik wird interpretiert werden.
Es gibt ja auch die Frauenbeschneidung in vor allem afrikanischen Ländern. Oder in den Golfländer: wie eine Freundin mir offenbarte, wird dort auch eine eher symbolische Beschneidung praktiziert. Aber in Afrika z.B und je weiter man in den Süden kommt, dort geht es bis zur Verstümmelung. Interessant daran ist ja, dass in Ägypten selbst Christen die Mädchen beschneiden lassen.

Das ist ja auch älter als die Religionen. Eher eine überlieferte Kulturfrage.

Ja, und ähnlich verhält es sich ja mit der Vorhautbescheidung. In Deutschland muss man daher einen Ausgleich zwischen Ethik und Ritualen finden.

Sie nennen die eigene Beschneidung in Ihrem Artikel ja „Folterung“. Werden solche Aspekte denn innerhalb der muslimischen Gruppen diskutiert?

Nein, es wird keiner so zuspitzen und es Folterung nennen. Vielleicht, weil man Folter nicht erlebt hat. Ich habe unter Saddam Hussein Folter erlebt und weiß also, wovon ich rede.
Wenn jemand in meinem Alter, ohne Betäubung, wenn die Haut zugewachsen und ausgewachsen ist – nicht wie die Vorhaut eines acht Tage alten Kindes – beschnitten wird, dann ist das Folter. Ich habe kürzlich erfahren, dass 8 Tage alten jüdische Jungen eine Narkose bekommen. Das ist doch gefährlich, wenn es sich hier sogar um eine Art Droge handelte!. Ich habe keine bekommen und der christliche Arzt Dr. Sûrîn Salîbâ, der mich beschnitt, sagte später, dass eine Betäubung meine Sexualität beeinträchtigt hätte.

Es wird ja bei der Beschneidung ein großes Fest gefeiert. Es gilt als Initiationsritus. Meinen Sie, dass damit die Jungs von den Schmerzen abgelenkt werden sollen?

Ja, es ist wie Kommunion: eine Art Aufnahme in die Community. Diese großen Feiern gibt es nur in der Türkei, im Irak nicht.
Die Jungen sitzen aber auf einer Art Thron, sie sind bekleidet mit der Dischdascha – einer Art Kleid – wie ein Engel sitzen sie da. Mit einem bisschen Blut auf dem Gewand. Es wird Musik gemacht, getrunken (aber natürlich kein Alkohol) – so war es früher.
Das Kind darf keinen Schmerz zeigen und weinen…

aber sie haben geweint und geschrieen…

ja, die anderen Kinder haben vielleicht auch geschrieen und geweint, als sie allein waren. Aber nicht, wenn die anderen dabei sind. Es gibt nicht viele Kinder, die allein in einer Arztpraxis beschnitten werden. Ich bin die Ausnahme.
Wenn zehn Kinder einen Luftballon haben und einem fliegt der Ballon fort: dann weint das Kind, Wenn aber alle zehn die Ballons fliegen lassen, dann lacht es. Deshalb hat man die Beschneidungen immer zusammen gemacht; also meistens Brüder zusammen beschnitten, damit sie den Schmerz nicht herausschreien, sondern das feiern.
Mein Vater hat keine Feier gemacht. Es gab Nachblutungen und ich hatte Fieber und mein Vater wusste, dass ich anders bin und nicht glücklich.
Ich erinnere mich an den Tag nach meiner Beschneidung: ein Junge, der mit mir in der Schule war, wurde auch beschnitten. Als ich ihn fragte, ob es ihm wehgetan hätte, griff der Vater den Freund an den Arm und drückte leicht zu. ‚Nein‘ sagte der Freund, ‚es war schön.‘ Danach konnte ich nicht mehr mit ihm befreundet sein weil ich wusste, dass er gelogen hat.

Sie sagen, dass ihr Vater erkannt hat, dass Sie sensibel waren und die Beschneidung für sie kein zu feierndes Fest. Wäre es denn möglich gewesen, dass er oder gar Sie die Beschneidung abgelehnt hätten?

Das kam nicht in Frage. Wie hätte sein sein Sohn heiraten können? Das gehört einfach zur Gemeinde. Man denkt darüber einfach nicht nach. Es ist eine Selbstverständlichkeit wie, dass Freitag Feiertag ist.

Ich komme darauf, weil ich las, dass etwas 20 bis 30 Prozent der jüdischen Eltern ihre Söhne eigentlich nicht mehr beschneiden wollen. Dass aber der Druck der Gemeinschaft viel zu hoch ist, es doch zu tun.

Ja natürlich. Es ist überhaupt nicht vorstellbar, sich als Eltern oder gar als Kind dagegen zu entscheiden. Das geht nicht weil es Tradition ist. Man denkt darüber nicht nach. Es ist normal und gehört einfach dazu.
Nein, ich wusste ja auch immer, dass ich beschnitten werde. Nur nicht wann. Aber es gab nie Zweifel am „das“. Es war einfach selbstverständlich.
Wenn nun Deutschland ein Gesetz machen würde, dass die Beschneidung verbietet, müsste auch die Kommunion abgeschafft werden, der Religionsunterricht und die Kreuze in den Klassenräumen.

Generell stimmen wir darin ja überein. Aber der Unterschied ist doch der, dass die Kommunion oder der Religionsunterricht keine körperlichen Schäden hinterlässt.

Ja aber geistige. Und ich bin Intellektueller: für mich ist der Geist genauso wichtig wie der Körper. Warum entscheiden christliche Eltern, dass ihr Kind getauft wird? Mit welchem Recht schicken sie diese zur Kommunion und Konfirmation und was es da alles gibt.
Es ist unvorstellbar, dass ein Kind in diesen Dingen seinen Eltern widerspricht.

Man kommt nicht aus seinem Kulturraum heraus.

Ja eben! Und daher kommt die Begründung – egal ob bei Körperverletzung oder Gehirnwäsche: Eltern sollten das nicht bestimmen dürfen.

Gut, aber was stellen Sie sich denn vor, was dann noch als Ausnahmeregelung erlaubt werden soll in einem Gesetz?

Das weiß ich nicht. Das ist eine Sache der Juristen und für die Ethik. Ich spreche nur darüber. Ich glaube nicht, dass man solche eine Sache per Gesetz regeln kann. Wir leben in einer Demokratie und da muss man diese Dinge ausdiskutieren. Man muss abwägen zwischen der Religion oder Tradition und ethischen Werten.
Ich bin jedenfalls gegen Verbote. Verboten verdrängen die Dinge nur. Sie klären sie nicht.

Was würden Sie sich denn wünschen?

Das ist wirklich eine schwere Frage. Denn egal was ich mir wünsche: die Religionen werden das weiterhin tun: Beschneiden und Taufen.
Stellen Sie sich vor, es würde verboten: dann würden sie es im Keller oder Hinterzimmern machen. Darum geht es aber nicht. Es muss jetzt eine Kampagne, eine Debatte darum geben. Und dann sollte es dem Menschen freistehen, ob er das mit seinem Kind macht oder nicht. Die Leute machen mit ihren Kindern doch, was sie wollen. Das wissen wir doch. Wir wissen nicht, was bei den Leuten zuhause passiert.
Und diese neue Regelung ist keine Lösung, indem man sagt: Kinder sollen mit 14 entscheiden. Das ist lächerlich. Welches Kind kann mit 14 darüber entscheiden? Es ist noch ebenso abhängig von seinen Eltern wie mit 10 oder 12. Und es ist ja schlimmer, wenn die Beschneidung erst mit 14 erfolgt. Da plädiere ich dann doch eher für die 8 Tage; wenn die Vorhaut noch nicht ausgewachsen ist.

Sie schreiben ja darüber, dass in ihrer Familie zwei Onkel an der Beschneidung verstorben sind. Gibt oder gab es so etwas häufiger?

Ja früher. Auch in Europa waren die hygienischen Umstände schlimmer als heute. Es war früher der Friseur, der als Chirurg arbeitete. Und wenn man dann eine Entzündung bekam oder Blutungen und starb, dann sagte man ‚Es war Gottes Wille‘.
Aber verstehe ich das richtig, dass Sie hoffen, das aus der Debatte heraus weniger Leute ihre Kinder beschneiden lassen?
Ja. Denn in der Debatte kommt ja auch heraus, dass es nicht im Koran steht, dass beschnitten werden muss. Das sind Hadithe – also vermutete Aussagen Mohammeds – die das vorschreiben sollen.
Aber die Aussagen Mohammads sind immer wieder bestritten worden. Es gibt große theologische Diskussionen darüber. Denn einige davon sind so modern, dass man denkt, sie sind vor zwei Monaten veröffentlicht worden. Man kann darüber also lange diskutieren und es gibt immer wieder die Meinung, dass es auch gefälschte Aussagen gibt.
Eine Regelung muss gefunden werden. Ich bin aber gegen einen vorschnellen Beschluss oder ein Gesetz. Das muss in der gesamten Gesellschaft diskutiert werden.
Es ist ekelhaft, dass der Bundestag diesen schnellen Entschluss formulierte. Es ist Heuchelei, denn hätte Deutschland nicht eine besondere Stellung zu den Juden, hätte es den Beschluss nicht gegeben. Denn die muslimischen Gemeinden haben doch auch kaum darauf reagiert. Das zeigt, was für eine Heuchelei das ist.
Wenn schon in einer Sprache ein Verb existiert wie in keiner anderen Kultur: nämlich „nachdenken“ – dann sollten wir genau das jetzt tun. Ein Jahre oder auch zwei Jahre, bis man feststellt: dieser Beschluss des Kölner Gerichtes ist so oder so zu werten.
Wenn schon im jüdischen Krankenhaus in Berlin zwei Drittel der beschnittenen Kinder Muslime sind, dann zeigt auch das, wie heuchlerisch die Feindschaft zwischen den Religionen ist. Muslimische Väter liefern die Schwänze ihrer Söhne zu jüdischen Ärzten…

…und Sie wurden von einem Christen beschnitten…

[Erstveröffentlichung: hpd]

Putin, der Gnadenreiche

Pussy Riot, Foto: Wikipedia

Pussy Riot, Foto: Wikipedia

Es ist kaum zu glauben: Putin fordert Gnade für Pussy Riot. Er setzt sich – so SPON(1.) – für die drei Angeklagten ein und “verlangte ein mildes Urteil”. Das – so der Spiegel – sei ein Entgegenkommen an den Westen.

Bekommt der “lupenreine Demokrat” etwa kalte Füße?

Jetzt fehlt ja nur noch, dass das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, sich Putin anschließt; lang genug ist die Kirche dem neuen Zaren ja in den Allerwertesten gekrochen.
Vor einigen Tagen hieß es dazu noch(2.):

Russlands Orthodoxe Kirche spielt in dem Verfahren die unrühmliche Rolle des Anklägers. Sie hat sich bereitwillig zum Büttel des Regimes machen lassen. Zu einer Zeit, in der sich Spannungen zwischen einem selbstbewusster werdenden Bürgertum und der autoritären Staatsmacht mehren, fällt sie damit aber auf absehbare Zeit als möglicher Vermittler und Friedensstifter aus.

Nic

(1.) http://www.spiegel.de/politik/ausland/prozess-gegen-pussy-riot-putin-fordert-milde-strafen-a-847977.html
(2.) http://www.spiegel.de/politik/ausland/pussy-riot-prozess-in-moskau-beginnt-a-847050.html

Mit Hajo Funke im Gespräch

Hajo Funke ist einer der bekanntesten Politikwissenschaftler Deutschlands. Er hat sich in den letzten Jahren immer mehr auf die Beobachtung der rechtsextremen Szene spezialisiert und ist im Moment ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um die Aufklärung der Vorgänge um die NSU geht. Als emeriterter Professor hatte er zuvor einen Lehrstuhl für Politik und Kultur am Otto-Suhr-Institut für Politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin inne.

Prof. Dr. Hajo Funke

Prof. Dr. Hajo Funke

Prof. Dr. Hajo Funke stellte sich dem Humanistischen Pressedienst für ein längeres Gespräch zur Verfügung, in dem es vor allem um die Beweggründe ging, die ihn dazu brachten, sich mit der Themik Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus schon zu einem Zeitpunkt zu befassen, als vom “Nationalsozialistischen Untergrund” (NSU) noch keine Rede war.

Vor mehr als dreißig Jahren beteiligte sich Funke an Demonstrationen gegen die Wahl von Franz Joseph Strauß, da dieser mit Angst vor dem Kommunismus und gegen Andersdenkende seinen Wahlkampf führte. Ein rassistisches Wahlkampfvideo der Republikaner im Jahr 1989 war dann jedoch der Auslöser, sich vor allem mit dem Thema auseinanderzusetzen, wie und auf welchen Wegen sich rechtspopulitisches und rechtsradikales Denken in der Gesellschaft verbreitet.

Gewaltvermeidung und Gewalteindämmung sind seit jeher Zeit die Grundthemen, die sich Funke widmet. Er nennt das “mein Lebensthema”. Ursächlich dafür war unter anderem auch, dass er sich seit 40 Jahren mit seinem gewaltbereiten Vater auseinandersetzen musste.

Die Aufarbeitung der NS-Zeit als “politische Religion” sieht er – auch wegen des Schweigens der Generation des Vaters – als seine Lebensaufgabe an. Dabei interessiert er sich allgemein für “idiologische Phänomene”; auch die Siedlerbewegung in Israel und der Stalinismus zählen für ihn zu den “politischen Religionen”. Deshalb studierte (und lehrte) er Politikwissenschaften, Wirtschaft und Geschichte.

Zu den immer wieder aufflammenden Debatten um ein NPD-Verbot hat Hajo Funke eine Meinung, die über das populistische Reagieren der Politiker hinausgeht: Nicht ein Verbot beseitigt die rechten Ideologien, sondern Aufklärung und Bildung. Er nennt das “integrierte Prävention”.

Dazu gehört auch (staatliche) Gewalt gegen Gruppen, die Gewalt vorbereiten. Rechtsextreme Dominanz, wie sie in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen verbreitet sind, muss mit sozialer Prävention begegnet werden. Dazu gehört auch eine sachliche Auseinandersetzung mit dem “Phänomen Sarrazin”, so Funke. Menschen, die keine Möglichkeit der sozialen Absicherung haben oder für sich erkennen, also eine “soziale Demütigung” erfahren, sind leichter ansprechbar auf Rassismus und NS-Gedankengut. Wer sich benachteiligt fühlt, der wird schnell einen “Sündenbock” suchen, den er benachteiligen kann.

Menschen, die in sozialer und kultureller und nicht zuletzt auch materieller Sicherheit aufwachsen, Menschen, die sich geliebt und gebraucht fühlen, sind viel eher immun gegen rechtspopulistische Parolen. Deshalb ist Bildung eine der wichtigsten Bedingungen, um Kinder gegen die “einfachen Lösungen”, die Rechtspopulisten anbieten, standhaft zu machen.

In einem der letzten SPIEGEL wird Hajo Funke auch zu den Vorgängen in Limbach-Oberfrohna (Thüringen) befragt. Dort wird eine Gruppe Jugendlicher als “Punks” bezeichnet und sowohl der Bürgermeister der Stadt als auch die Polizei bringen sich in Stellung gegen diese Gruppe Jugendlicher, gegen die Gruppen, die (Zitat des Bürgermeisters:) ”Mit Sprengstoff arbeitet.” Denn diese Gruppe stellt sich gegen den offen rassistisch auftretenden Neonazis in der Kleinstadt.

Mit dieser Haltung erklären die Behörden die Jugendlichen zu Freiwild und schauen weg, wenn Neonazis einmal mehr gewalttätige Übergriffe gegen die “Punks” verüben.

Funke dazu: “Man muss etwas anbieten wollen gegen eine kulturelle und soziale Ausgrenzung.” Dies aber vermisst er im geschilderten Fall. Den jugendlichen Neonazis wird keine soziale Sicherheit geboten, aber “Opfer” zum Sich-Abreagieren.

In einen anderen Fall aus dem thüringischen Altenburg wurde ein elfjähriges Kind von der Klasse gemobbt. Andere Kinder wurden gegen das betroffene Kind von ihren Eltern zum Mobbing, zum Ausgrenzen angestachelt. Auslöser war unter anderem die soziale Schicht, aus der das gemobbte Kind stammt.

Hier hat die Lehrerin sofort eingegriffen und eine Ballrunde in der 5. Klasse organisiert. In diesen 90 Minuten lernten die Kinder Strategien, wie mit solchen Vorfällen umzugehen sei: in der Reihenfolge Ignorieren, Lehrer einbeziehen und Eltern einbeziehen. Selbst wenn, wie im Altenburger Fall, die engangierte Lehrerin innerhalb des Lehrerkollegiums für ihre Arbeit selbst gemobbt wird: solche Lehrerpersönlichkeiten sind wichtig und notwendig.

Es wird generell viel zu häufig verleugnet und verharmlost, dass wir in der Gesellschaft ein Problem haben mit den Rechtspopulisten. Als soziale Bewegung werden diese Strömungen nicht wahr- und nicht ernstgenommen. Die kulturelle (ideologische) Einstellung eines inzwischen nicht mehr geringen Teils der Bevölkerung wird weder von der Politik noch den Medien als das wahrgenommen, was es ist: eine Gefahr für die Demokratie.

Aus diesem Grund ist Hajo Funke derzeit auch bei allen Beratungen des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages als Gast anwesend. Er sagte, dass er dabei so viel Material sammeln würde, dass das möglicherweise eines Tages als Buch erscheinen könne. Im Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtages wird er auch als Sachverständiger gehört.

Was teilweise in den Ausschüssen verhandelt wird, grenzt für ihn an den Tatbestand der Strafvereitelung im Amt. Wenn sich bewahrheitet, dass V-Leute vom Verfassungsschutz gewarnt wurden, wenn beispielsweise die Polizei Ermittlungen und Hausdurchsuchungen plante, ist dieser Tatbestand als gegeben anzunehmen. Der zurückgetretene Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, Thomas Sippel, hat sich dem Untersuchungsausschuss gegenüber nicht kooperativ gezeigt. Nicht nur, dass Akten zurückgehalten worden sind, hat er den Ausschuss auch nicht angemessen informiert. Auf Grund dessen wurde Sippel in den vorläufigen Ruhestand geschickt.

Doch nicht er allein: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, hat zum 31. Juli seinen Rücktritt erklärt; Sachsens Verfassungsschutzpräsident Reinhard Boos wird am 1. August seinen Posten räumen.

Das ist – auch wenn es bestritten wird – das Eingeständnis der bisherigen Ignoranz bzw. des fatalen Miteinander des Verfassungsschutzes und der Rechten.

Nic

Blog von Prof. Dr. Hajo Funke

[Erstveröffentlichung: hpd]

Erzbischof Schick will Blasphemie verbieten

Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick

Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick (Fotos von dapd)

Der Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick, fordert, dass Blasphemie gesetzlich verboten werden muss. Denn “Spott und Satire über religiöse Einstellungen stellten eine Verletzung der Menschenwürde dar.” (1.)

Ich weiß nicht, was Herr Schick vor den Äußerungen zu sich genommen hat; aber ein Blick nach Russland zeigt, wohin es dann kommen könnte.

Und noch ne Frage: Will Schick nun die Rolle des in den Vatikan beorderten Herrn Müller übernehmen? Der Gesichtsausdruck ist schon der gleiche.

Nic

(1.) http://www.derwesten.de/politik/erzbischof-will-gotteslaesterung-gesetzlich-verbieten-id6937957.html

Pussy-Riot-Sängerin kollabiert im Gerichtssaal

Sie bekommen wenig Essen und Schlaf, sind zwölf Stunden pro Tag in einem Käfig eingesperrt: Die Strapazen des Prozesses sind den regierungskritischen Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot anzusehen. Eine brach vor Gericht zusammen – und musste vom Notarzt versorgt werden.

[...]Die Regierungskritikerinnen hätten kaum geschlafen, wenig gegessen und an den ersten Verhandlungstagen jeweils zwölf Stunden in einem Käfig ausharren müssen. “Sie werden nach Mitternacht ins Gefängnis zurückgebracht, bekommen kein Abendessen und können dann nur wenige Stunden schlafen”, sagte Polosow. Bereits zuvor hatte die Verteidigung kritisiert, die Frauen würden morgens um 5 Uhr geweckt und bekämen mitunter zwölf Stunden lang nichts zu essen. Die Musikerinnen kritisieren die Strapazen des Prozesses als “Folter”.

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/pussy-riot-mitglied-kollabiert-waehrend-moskauer-marathonprozess-a-847719.html

Neues aus der “lupenreinen Demokratie”

Es ist ein Sommer voller Anklagen. Nach der Punkband Pussy Riot gerät auch der bekannteste Blogger und Regierungskritiker Nawalny ins Visier der russischen Staatsanwälte. “Vergehen im großen Stil”, wollen ihm Ermittler anhängen, Nawalny hält die Vorwürfe für für “vollkommen absurd”. Außerdem werden in Moskau und St. Petersburg dutzende Regierungsgegner festgenommen. [...]
Putin trat auf einem Jugendforum auf, wo er versicherte, die staatlichen Stellen hätten “nicht den Wunsch, irgendjemanden wegen seiner Menschenrechtsaktivitäten ins Gefängnis zu werfen”.

Quelle: http://www.n-tv.de/politik/Blogger-Nawalny-angeklagt-article6859211.html

Panzer für Katar

Leopard 2a7

Leopard 2a7 (Foto: Wikipedia)

Nun ist die Katze aus dem Sack: Die Regierung bestätigt das Interesse des Öl-Emirates Katar an Leopard-Panzern1 .

Es gebe eine diesbezügliche “Interessensbekundung” von Seiten Katars, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in Berlin. Er könne allerdings nicht bestätigen, dass es darüber schon Gespräche gegeben habe. Mehr war ihm nicht zu entlocken.

Es geht um 200 Panzer und um einen Waffendeal in Höhe von rund 2 Milliarden Euro.  Ganz ähnlich wie beim (noch nicht so ganz bestätigten) Waffendeal mit Saudi-Arabien wird das Öl-Emirat wohl auch eine “lupenreine Demokratie” sein:

Laut Verfassung ist Katar ein Emirat, also eine absolute Monarchie. Staatsreligion ist der Islam und laut Artikel 1 ist die Schari’a die Hauptquelle der Gesetzgebung.[8] Der Emir ist zugleich Staatsoberhaupt und oberster Inhaber der exekutiven und legislativen Gewalt; auch die Regierung ist ihm allein verantwortlich. Ein Parlament oder politische Parteien existieren nicht. (Wikipedia)

Nic

  1. http://www.dw.de/dw/article/0,,16132486,00.html?maca=de-rss-de-all-1119-rdf

Amnesty International: Free Pussy Riot!

AI: Free Pussy Riot

Das Gerichtsverfahren gegen drei Mitglieder der feministischen Punkband Pussy Riot beginnt am 30. Juli im Bezirksgericht Khamovnicheskii in Moskau. Bei der vorbereitenden Anhörung am 20. Juli wurde die Untersuchungshaft der Frauen um weitere sechs Monate verlängert. Ihre Rechtsbeistände legten gegen die Entscheidung Rechtsmittel ein.

Jedes bislang eingelegte Rechtsmittel der Rechtsbeistände gegen die Haft von Nadezhda Tolokonnikova, Maria Alekhina und Ekaterina Samutsevich wurde abgelehnt. Das Moskauer Stadtgericht übernahm in der Anhörung des jüngsten Rechtsmittels am 9. Juli die Argumente der Anklage, dass das von den Frauen begangene Verbrechen schwerwiegend sei und die Sängerinnen im Falle einer Freilassung fliehen könnten. Dabei ließ es außer Acht, dass sich über 50 bekannte Kulturschaffende und Geschäftsleute in Russland bereit erklärt hatten, für die drei Bandmitglieder zu bürgen.

Die Staatsanwaltschaft erhielt die Ermittlungsakten am 11. Juli, unterzeichnete die Anklageschrift und übergab den Fall noch am selben Tag dem Gericht. Das Bezirksgericht von Taganskii hatte am 4. Juli der Forderung der Ermittler stattgegeben, den drei Frauen und ihrer Verteidigung für die Akteneinsicht und die Prozessvorbereitung lediglich bis zum 9. Juli Zeit zu geben. Das Gericht überging dabei den Einspruch der Rechtsbeistände, dass dieser Zeitraum für die gründliche Vorbereitung einer Verteidigungsstrategie nicht ausreiche. Die Rechtsbeistände und Beschuldigten durften nur drei bis vier Stunden am Tag die etwa 3000 Seiten starken Akten und das 10 Stunden umfassende Videomaterial des Falls einsehen, denn nur so lange wurden ihnen die Materialien im Untersuchungsgefängnis zur Verfügung gestellt. Die Beschuldigten mussten sich allein vorbereiten, ohne dabei auf einen funktionierenden Fotokopierer zurückgreifen zu können.

Im zweiten Teil der vorbereitenden Anhörung am 23. Juli gewährte der Richter der Verteidigung für die Einsicht der Fallakten und zur Vorbereitung ihrer Strategie zwar eine Fristverlängerung bis zum 27. Juli, wies aber deren Antrag auf Wiederaufnahme der Ermittlungen und die Berufung weiterer Zeugen wie Präsident Putin und das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche in den Zeugenstand zurück. Das Gericht vertagte die Entscheidung über den Antrag der Verteidigung, zusätzliche psychologische und linguistische Sachkundige zu konsultieren, um festzustellen, ob die Aktionen der drei Frauen antireligiösen Hass schürten. Während zwei von den ErmittlerInnen in Auftrag gegebene Gutachten keine Beweise für ein solches Schüren von Hass finden konnten, untermauerte ein drittes Gutachten die Anklage in diesem Punkt.

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