Schlagwort-Archiv: Demokratie

Wahlrechtschaos

Reichstagsgebäude
Reichstagsgebäude

Erinnert sich noch wer daran? Deutschland könnte, wenn es müsste, derzeit keinen neuen Bundestag wählen. Grund dafür ist das vollständige Versagen “unserer” Politiker, ein neues Wahlrecht zu schaffen, nachdem das Bundesverfassungsgericht das bisherige den Regierenden um die Ohren schlug.

Das letzte mal schrieb ich darüber am 25. Juli dieses Jahres – viel verändert hat sich seitdem nicht. Nur, dass es offenbar einen neuen Entwurf für ein neues Wahlrecht gibt. Der aber so hahnebüchend ist, dass es dem Demokraten graust. Denn was bedeutet es? Dass der Bundestag auf 700 Sitze kommen soll. Weiterlesen

Waffen für den Weltfrieden

“Es liegt in unserem Interesse, wenn wir Partner dazu befähigen, sich für die Bewahrung oder Wiederherstellung von Sicherheit und Frieden in ihren Regionen wirksam einzusetzen.” 

Leopard 2a7
Leopard 2a7 (Foto: Wikipedia)

Nein, das ist kein Zitat eines bei Krauss-Maffay Beschäftigten; auch keines von irgendeinem anderen, der daran verdient. Sondern eines von der Kanzlerin dieses Landes.

So viel Fremdschämen, wie hier angesagt wäre, kann ich gar nicht leisten. Weiterlesen

Kopftuchstreit im Bloghaus

Albrecht Dürer: Kopftuch (gemeinfrei)
Albrecht Dürer:
Kopftuch (gemeinfrei)

Mein kurzer Artikel, der eigentlich nichts weiter war als die Zusammenfassung zweier, die ich für den hpd schrieb, wurde mehrfach kommentiert.

Ich bin – das sei vorab gesagt – sehr zufrieden damit, auch gegenteilige Positionen zu lesen; gerade Uwe Lehnert hat mich schon mehrfach gelehrt, Dinge anders zu sehen. Dieses mal will ich aber nur auf einen Hinweis von Walter Otte eingehen. Dieser schreibt: Weiterlesen

50 Jahre II. Vaticanisches Konzil – Der Papst und sein Dilemma

Petersplatz, gesehen von der Kuppel des Petersdomes
Petersplatz, gesehen von der Kuppel
des Petersdomes
Foto: Diliff, Wikipedia

WEIMAR. (fgw) In der aktuellen Diskussion um Erinnerungen und Enttäuschungen an das / nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-65) gerät die Catholica in Erklärungsnot. Jeder will aus den Texten lesen, was er will. Und jeder findet sich darin wieder und hat recht. Allen voran der Papst mit seiner pauschalen Aufforderung an alle „vom Christentum entfremdeten Menschen“, “nur mit notwendigem Gepäck” den Weg des Lebens zu bewältigen, selbst aber Prunk und Protz wie kaum ein anderer vor ihm zu pflegen.

von Georg Korfmacher

Der Ratzinger-Papst postuliert, „die Neuheit in der Kontinuität zu erfassen”, während sein Freund und Widersacher Hans Küng die Zeichen der Zeit verstehen … und mittelalterliches Kirchenrecht, mittelalterliche Theologie und mittelalterliche Liturgie im Mittelalter belassen möchte. Weiterlesen

Deutschlands Probleme mit dem Islam

Albrecht Dürer: Kopftuch (gemeinfrei)
Albrecht Dürer: Kopftuch (gemeinfrei)

Es sind eigentlich nur zwei kurze Meldungen. Doch beide betreffen Gerichtsurteile, die den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit dem Islam in Deutschland betreffen.

So schrieb ich heute für die externe Presse des hpd:
“Ein zehnjähriges Mädchen musste das Gymnasium verlassen, weil ihre Eltern der Auffassung waren, dass es gegen den Islam verstoße, wenn das Kind am vorgeschrieben Schwimmunterricht teilnehmen würde. Das Angebot, einen sog. “Burkini” zu tragen genügte den Eltern nicht: “Weil in dem Unterricht auch Jungen sind, die in Badehose zu sehen wären.”

So also wird das Mädchen von seinen Eltern um die Möglichkeit einer guten Ausbildung gebracht. Weiterlesen

finde den Fehler

Argentinien, Ruanda, Australien, Südkorea und Luxemburg sind neue nichtständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Die fünf Länder wurden in New York von der Vollversammlung der Vereinten Nationen gewählt.
Zeit

In Ruanda werden Kritiker der Regierung hart bestraft. Die Oppositionelle Victoire Ingabire sitzt im Gefängnis. Sie wollte mit ihrer Partei bei den Präsidentschaftswahlen antreten – und wartet jetzt auf ihr Urteil.
Deutsche Welle

Ich glaub Euch nicht

Eigentlich sollte man sich sicher fühlen, wenn man die drei Worte zusammen hört: Demokratie, Polizei und Geheimdienst. (Na gut, beim letzten bleibt immer eine gewisse Ambivalenz.)

Aber ich fühle mich nicht mehr sicher. In Deutschland verteilen Mitarbeiter des Geheimdienstes bei den Rechtsaußen Todeslisten politischer Gegner. Und in New York hat das FBI mal wieder die Welt gerettet – zumindest das Gebäude der US-Notenbank. Weiterlesen

Putin, der Menschenfreund

Pussy Riot, Foto: Wikipedia
Pussy Riot, Foto: Wikipedia

In diversen Qualitätsjournaillien wird Zar Putin als großer Held gefeiert – zu seinen 60. Geburtstag kommen einige der Speichellecker gar nicht mehr aus ihrer Lobhudelei heraus1 . Seit Ex-Kanzler Schröder ihn “einen lupenreinen Demokraten” nannte, scheint der Mann hinter dem gefallenen eisernen Vorhang zu so etwas wie ein Vorbild für deutsche Politiker und Journalisten abzugeben. Endlich wieder ein starker Mann, zu dem man aufschauen darf!

Daran hat sich offenbar seit Tucholskys Zeiten nichts geändert: noch immer brüllt der deutsche Spießbürger nach starker Führung. Und das wissen Politiker auszunützen: “Die Deutschen akzeptieren robuste politische Führung.” sagte seinerzeit Helmut Kohl2.
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theater_der_unterdrueckten

Zivilcourage als Handlungstypus kann trainiert werden

WEIMAR. (fgw) Zivilcourage – diesen Begriff führen Politiker und auch Journalisten immer wieder im Munde und fordern bei Konflikten in der Gesellschaft gerne den „Normalbürger“ auf, Zivilcourage zu zeigen. Aber was bedeutet eigentlich dieser Begriff? Zivilcourage heißt oft auch zu widersprechen, sich gegen bestimmte, zum Teil gesellschaftlich akzeptierte Werte und Handlungsmuster aufzulehnen.

von Isabel Zahn

Doch wie kann das geschehen? Kritisch denkende Menschen, egal wie jung oder wie alt, sollten deshalb gestärkt und ermutigt werden, sich einzumischen, zu handeln und für humanistische Wertvorstellungen einzutreten.

Zivilcourage ist hierbei als Handlungstypus zu sehen, nicht als Persönlichkeitseigenschaft. Daher sollte bereits in der Schule die Fähigkeit zum Wahrnehmen und Eingreifen in Konfliktsituationen gefördert werden und entsprechende Verhaltensformen erprobt und reflektiert werden, abhängig vom situativen Kontext, um dieses Handeln auf spontane Situationen im Alltag zu übertragen.

Es gilt, eine Kultur des Hinschauens und Einmischens zu entwickeln, Denken und Handeln zu verknüpfen und dieses Handeln wiederum zu reflektieren.

Eine konfliktfähige Gesellschaft ist auch immer eine, die nicht stehenbleibt, die zum Anspruch hat, sich weiter zu verbessern, darum streitet, wie wir zusammenleben wollen und in der jeder an diesem gesamtgesellschaftlichen Dialog teilhat.

Wenn wir Strategien und Möglichkeiten entdecken, Konflikte im kleinen, im zwischenmenschlichen Bereich friedlich zu lösen, befähigt uns das auch, diese Lösungen in größeren Zusammenhängen anzuwenden. Zivilcourage kann trainiert werden, auch mittels eines „Theaters der Unterdrückten”.

Was ist Zivilcouragetraining?

Zivilcourage, auch sozialer Mut genannt, bezeichnet ein öffentliches Handeln, welches sich an ideellen, humanen und demokratischen Werten orientiert und in Situationen gezeigt wird, in denen die Interessen oder die Integrität einer Person bedroht sind: Situationen wie rechte Gewalt, Rassismus aber auch Formen nicht-körperlicher Gewalt.

Es geht darum, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, Widersprüche zu akzeptieren und andere nicht zu diskriminieren. Zivilcourage oder auch sozialer Mut sollte in allen Lebensbereichen gefördert und gelernt werden, ob in Schule, Berufsleben, öffentlichen Verkehrsmitteln oder in großen Organisationen oder Institutionen. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit in manchen Situationen hindert uns steuernd einzugreifen, aber man kann Motivation und Qualifikation zum Eingreifen fördern..

Was ist das “Theater der Unterdrückten”?

Die Technik des Theaters der Unterdrückten stammt von Augusto Boal, der in Brasilien in den 1950/60er Jahren ein pädagogisches Theater entwickelte.

Sein Ansatz ist es, dass Menschen sich selbst befähigen, gemeinsam ihre Gegenwart mit Bezug auf ihre Vergangenheit zu analysieren und ihre Zukunft selbst zu erfinden.

Unterdrücken ist nach Boal, Menschen das Recht auf die Teilnahme am gesamtgesellschaftlichen Dialog über unser Zusammenleben vorzuenthalten.

Ausgangspunkt sollen die Erfahrungen des Individuums sein, das sich seiner Rolle innerhalb der Gesellschaft und des politischen Systems bewusst wird. Es findet dabei ein ständiger Wechsel zwischen Perspektiven, Reflexion und Aktion statt. Unterdrückungssitutionen werden dargestellt, unterbrochen, neue Handlungsalternativen werden erprobt.

Klassisches Theater wird umgewandelt in ein gemeinsames Lernen auf gleicher Augenhöhe. Die Subjekt-Objekt-Beziehung zwischen Schauspieler und Zuschauer, genauso wie die zwischen Lehrer und Belehrtem, soll in einen gemeinsamen Dialog und in das gegenseitige Lernen voneinander aufgelöst werden.

Um die allerseits geforderte Zivilcourage zu zeigen, lohnt es sich einen Ausflug in die Theaterpädagogik zu machen. Nicht vorgefertigte Handlungsschemen zu übernehmen, sondern auszuprobieren, Zivilcourage von und miteinander zu lernen, Handlungsalternativen zu erfinden, um selbstbewusst am Dialog der Gesellschaft teilzunehmen und gewaltfreie, konstruktive Lösungen von Konflikten zu finden.

Studenten haben an der Friedrich-Schiller-Universität Jena dazu einen Methodenordner für das Konflikttraining im Schulunterricht entwickelt.

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

zündeln (Fotomontage)

“Aufstände” in der islamischen Welt

zündeln (Fotomontage)In den letzten Tagen machte die islamische Welt wieder mit Schlagzeilen auf sich aufmerksam. Dieses Mal allerdings nicht mit revolutionären Parolen, sondern mit Protesten gegen die USA und andere westliche Länder. Warum? Was war geschehen?

Im fernen Amerika dreht irgendein ehemaliger Pornoproduzent im Auftrag evangelikaler Christen ein grottenschlechtes Video und stellt Teile davon ins Netz. Tage, ja Wochen später wird das zum vermeintlichen Anlass genommen für einen neuen “Aufstand” in der islamischen Welt. Ein Vorgehen, dass genau dem Muster im Karikaturenstreit entspricht.

Hier wie da wird eine ziemlich dumme – nichtsdestotrotz legitime – Meinungsäußerung eines Einzelnen zu einer Aussage des gesamten “Westens” heraufstilisiert. Und – wie damals – mit erheblicher Zeitverzögerung. Es ist kein Zufall, dass die blutigen Proteste am elften September “ausbrachen”. Dieses Datum wird nicht nur im Westen als historisch erinnert.

Etliche Tage spekulierten die Medien noch über die Macher des Videos und dessen Hintermänner sowie über die, die die “Aufstände” plante. Denn schon allein die Tatsache, dass die “Protestierenden” mit Panzerfäusten und Handgranaten bewaffnet waren, spricht gegen die ersten Vermutungen, dass es sich um spontane Proteste handeln könnte. Und so lag es nicht fern, dass bald die Agenturen meldeten, dass hinter allem Al-Kaida stecken würde; eine These, die bisher noch nicht bewiesen werden konnte.

Dabei wurde nur eines klar; vor allem, wenn man die Stimmen hörte, die in diverse Kameras sprachen: die arabische Revolution hat noch längst nicht geschafft, den Menschen nahezubringen, was es mit der Demokratie auf sich hat. Denn wenn in den “Stimmen von der Straße” gefordert wird, dass die USA schon das Drehen des Filmes hätte verbieten sollen, dann zeigt das vor allem eines: dass das Recht auf freie Meinungsäußerung noch nicht verstanden wird. Umso weniger das Recht auf künstlerische Freiheit. Hier wird es noch eines langen Lernprozesses bedürfen.

Der Film in seiner primitiven und rein provokatorischen Botschaft hat genau dass erreicht, was er erreichen wollte: Er wird von ebenso einfach gestrickten Religioten dazu missbraucht, die Werte der Demokratie in Misskredit zu bringen.

Das scheint das wirklich Gefährliche an dieser brisanten Situation zu sein. Es macht Angst zu wissen, dass es nur einiger Weniger an den politischen Außenrändern der Gesellschaft benötigt, um Unruhe in die Gesellschaft zu bringen. Was nicht nur die vorsichtigen Demokratisierungsversuche im Nahen Osten gefährdet; sondern auch den Westen daran zweifeln lassen könnte, dass dieser lange Weg zur Demokratie von islamischen Staaten gegangen werden kann.

Wenn Hamed Abdel-Samad in einen Interview sagt: “Wir müssen die Erziehung zum Hass in der muslimischen Welt endlich stoppen” dann gilt das auch in gewissem Umfange für die andere Seite. Insofern ist es ausnahmsweise einmal richtig, wenn Innenminister Friedrich erklärt, die Aufführung des Filmes verhindern zu wollen. Denn Demokratie bedeutet auch, sie zu schützen.

Nic

[Erstveröffentlichung: hpd]