Dieses Buch
musste ich lesen! Bin ich doch davon ausgegangen, dass in diesem Buch Handlungsanleitungen für die Umsetzung eines humanistischen Weltbildes zu finden sein mögen.
Das ist leider nicht so ganz der Fall.
Doch unabhängig davon hat mich das Büchlein gefesselt; ist doch sein Thema derzeit auch meines.
In Deutschland hat die soziale Frage für die säkulare Szene lange Zeit keine zentrale Rolle gespielt; andere Themen – Horst Groschopp erwähnt in seinem Vorwort Religionskritik, Sterbehilfe, Ethikunterricht oder die Trennung von Staat und Kirche – wurden intensiver diskutiert. Seit es immer mehr soziale Einrichtungen gibt, die von Organisationen mit explizit weltlich-humanistischem Selbstverständnis unterhalten werden, wächst auch das Bedürfnis nach einer theoretischen Fundierung dieser praktischen Arbeit. Einen ersten Schritt tut dieser Aufsatzband, der Bausteine für ein humanistisches Sozialwort sammelt.
Groschopp versammelt in dem Band Texte, die sich mit der theoretischen Seite eines "tätigen Humanismus" befassen; und das aus verschiedenen Blickwinkeln. Und absehen vom seinem eigenen und dem Text von Frieder Otto Wolf, sind die Aufsätze sehr verständlich geschrieben und bieten ein paar neue Sichten auf das weite Feld der humanistischen Arbeit in einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinanderklafft.
Wie bereits bei meiner
Besprechung der "humanismus aktuell" werde ich auf jeden einzelnen Aufsatz eingehen und mehrere Beiträge schreiben (müssen).
Humanismus und organisierte Barmherzigkeit
Das ist das Vorwort des Herausgebers; Groschopp führt in seinem Artikel in die Problematik ein und stellt die grundsätzlichen Ansätze der versammelten Autoren dar. Und jene auch ein wenig vor.
Er schreibt, nachdem er die (auch im Zitat erwähnten) Kernthemen des Humanismus (im Weiteren immer als tätiger Humanismus zu lesen) benannte:
Es geht letztlich um einen "sozialen Humanismus". Deshalb bewegen heute Humanistinnen und Humanisten stärker als zuvor zwei soziale Ideen: die unbedingte "Gleicheit" aller Menschen und die "Barmherzigkeit" allen Menschen gegenüber.Seite 7
(Ich meine, man sollte mal darüber nachdenken, ob es für das Wort "Barmherzigkeit" keine Entsprechung gibt; assoziiert das Wort doch einen sehr stark religiösen Hintergrund.) Dass man als Humanist alle Menschen für gleich und gleichberechtigt hält, ist Konsens. Dass man jedoch daraus auch die Folge ableiten muss, dafür zu arbeiten, noch nicht. Die Folgen, die sich ergebenden Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten, sind das generelle Thema des "Humanistischen Sozialwortes".
Die oft aus freidenkerisch-kirchenkämpferischer Vergangenheit ererbten Annahmen eines freidenkerischen bzw. atheistischen Humanismus verdecken dessen vielfältige Quellen und seinen wahren politischen Kern: Weil der Mensch für den Menschen das höchst Wesen ist, sind durch ihn selbst "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtetes Wesen ist". (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)Seite 8 f.
Hieraus lässt sich schon deutlich erkennen, wessen Geistes Kind Groschopp ist und in welcher Traditionslinie er den Humanismus sieht. Es geht darum, aus theoretischen Ansätzen praktische Handlung zu ermöglichen.
Bausteine für ein humanistisches Sozialwort
...so betitelt Frieder Otto Wolf seinen Beitrag zum Heft.
Hunger in der heutigen Welt tötet nicht nur täglich viele Menschen - er nimmt auch wieder ... galoppierend zu. [...] Immer mehr Menschen leiden heute nicht nur unter Hunger - und sie haben keinerlei Hoffnung auf eine Verbesserung.Seite 14
Davon ausgehend erklärt Wolf, dass genau diese Hoffnungslosigkeit unter anderem dazu führt, dass "dieser Prozess der Leidensbekämpfung durch Religion" sich derzeit tatsächlich wieder im Aufwind befindet: die Religionen vermehrten Zulauf gewinnen. Weil es sich für viele der von Hunger, Elend und Armut Betroffenen so darstellt, als könne nur die Religion Trost und (teilweise tatsächliche und tätige) Hilfe spenden.
Hier muss in Zukunft auch ein tätiger Atheismus ansetzen, so die These Wolfs (die ich in jedem Falle befürworte). Doch dazu muss - so Wolf - erst einmal auch verstanden werden, was es bedeutet, sich zum einem von den sozialen Angeboten der Kirche zu unterscheiden und zum anderen natürlich auch, worum es bei der Leidensbewältigung überhaupt geht.
...es geht in Wirklichkeit immer wieder darum, wie wir den Strukturen menschliche Leidens entgegentreten.[...]
Es kann keinesfalls genügen, wirksam das Leiden zu mindern, indem den Subjekten gleichsam "Schmerzmittel" verabreicht werden. Vielmehr geht es darum, die Ursachen des Leidens als solche in Angriff zu nehmen.Seite 15 f. (Hervorhebungen durch mich)
Dies weist auf einen tatsächlich tätigen Ansatz des Humanismus hin - und vor allem auch auf den Unterschied zum Versuch der kirchlichen Sozialarbeit. Wo diese nur die Wirkungen mildern will, will ein tätiger Humanismus die Ursachen verändern.
Dabei - und das sagt Frieder Otto Wolf auch - darf nicht vergessen werden, dass die Religionen in Form der Amtskirchen aber auch der Laienarbeit sehr wohl einen wichtigen Beitrag leisten, das Leiden der Welt zu vermindern; selbst wenn man davon ausgehen muss, dass der theoretische Ansatz ein falscher, weil unwissenschaftlicher ist.
Im folgenden Text analysiert Wolf den Begriff der Armut. Ich finde bemerkenswert, dass er dabei über den rein monetären Gedanken hinausgeht. Denn in einer reichen Gesellschaft bedeutet Armut etwas anderes als in einer in ihrer Gesamtheit ärmeren. Wolf führt zur Relativierung deshalb aus:
Wir kommen der Sache sicherlich näher, wenn wir die Fähigkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum in den Blick nehmen - wer uneingeschränkt dazu fähig ist, kann als "reich" gelten, wessen Teilhabe dagegen prinzipiell eingeschränkt ist, muss als "arm" gelten.Seite 18
Das bedeutet, dass zum Beispiel auch die Möglichkeiten der kulturellen Teilhabe ein Maßstab für eine Armutsbewertung darstellt.
Nachdem er einen Umweg über Bloch, Freud und andere geht, um die Positionen des Humanismus in der sozialen Frage zu begründen, fährt er fort:
Ein moderner praktischer Humanismus kann seinen spezifischen Beitrag zu einer Erneuerung der Sozialpolitik aus seinen eigenen Prinzipien inhaltlich entwickeln und begründen, wie sie der HVD in seinem "Humanistischen Selbstverständnis" zusammengefasst hat...Seite 25
und dann - mit einem kräftigen, aber an dieser Stelle völlig unnötigen, Sidekick schreibt Wolf weiter:
In diesem Sinne hat der zeitgenössische Humanismus seine eigene Agenda hinsichtlich der zu führenden Debatten - im Unterschied zu den "neuen Atheisten" lässt er sch daher nicht auf modische Nebengleise ohne echte Schwierigkeiten ablenken, sondern erkennt und anerkennt die neue Zentralität der sozialen Frage - und ist dazu in der Lage, ein umfassend sensibles Verständnis der heutigen Armutsproblematik zu entwickeln.Seite 25
Soweit die theoretischen Ausführungen Frieder Otto Wolf's. Die im Buch folgenden Beiträge sind dann kaum noch in der reichlich verquasten
GeheimSprache der deutschen Geisteswissenschaft geschrieben. Denn grundsätzlich gefallen mir die Gedankengänge von Frieder Otto Wolf... aber ich würde mir sehr wünschen, sie würden in einer Sprache formuliert werden, die auch jemand versteht, der nicht Philosophie oder Soziologie studiert hat.
Nic
Das Buch bei Denkladen.de
Interview mit dem Herausgeber beim hpd
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