Friday, July 31. 2009
Bevor ich beginne, das Fehlende von gestern und den heutigen Tag zu beschreiben, möchte ich noch über den alles übertönenden Duft Istanbuls berichten. Chlor! Chlor ist der vorherrschende Geruch in geschlossenen Räumen mit Waschgelegenheit. Das Wasser hier ist dermaßen gechlort, dass ich denke, dass das Trinken gesundheitsschädlich sein würde.
Wann immer wir in unser Zimmer hier im Hostel kommen, denke ich, dass gerad eine Großreinigung stattgefunden hat. Und wann immer ich zu Haus wieder mit diesem scharfen Reinigungsmittel den Fussboden wischen werde, werde ich an Istanbul denken.
 Doch nun zum gestrigen Abend.
Erinnert sich noch Irgendwer an das Theater, dass 1973 in der DDR stattfand? Man nannte das „Internationale Weltfestspiele der Jugend“.
Wir hatten gestern Abend unsere eigenen Weltfestspiele... wir saßen mit netten Menschen aus Südkorea, aus Peru, einem netten New Yorcker aus Mexiko und einer Griechin aus Australien zusammen. Und unsere türkischen Gastgeber saßen ebenfalls am Tisch. Das war ein wunderbarer Abend.
Mit einem Teil der Menschen haben wir eine Gedenkminute für Neda durchgeführt.
 Heute haben wir versucht, einmal das gesamte touristische Programm (na ja, einen Teil), das Istanbul bietet, „mitzunehmen“. Wir haben vormittags die blaue Moschee besucht; danach die Hagia Sophia und sind dann sogar noch zu einer kleinen Kreuzfahrt auf den Bosporus aufgebrochen. Anschließend: zusammengebrochen. Nun sitzen wir auf der Terrasse, ich schaue auf das Meer und bewundere die großen und die schnellen Schiffe, trinke Tee und um mich herum fliegen englische Worte durch die Luft. Es sind ein Italiener, zwei Israelis, der Mann aus Mexiko und noch zwei junge Männer, die nichts sagen.
 Die blaue Moschee und auch die Hagia Sophia waren völlig überlaufen. Und seit heute weiß ich auch, weshalb zum Gebet in der Moschee die rituelle Waschung gehört: es roch ein wenig streng, als sich hunderte Menschen die Schuhe auszogen...
Die Moschee ist überwältigend ob ihrer Größe. Man kann sie nicht in Gänze betreten; aber das, was man besichtigen kann (im Übrigen: Kostenlos!) ist wirklich schön. Allerdings hatte ich ein gewisses Problem damit dass nur etwa 10 % der Grundfläche des großen Gebetsraumes für Frauen zur Verfügung stehen: hinter einem Gitter..
Aber ich konnte diesen Raum nicht wirklich auf mich wirken lassen; es waren einfach zu viele Menschen darin.
  Das Gleiche gilt auch für die ungeheuer trutzig wirkende Hagia Sophia. Diese ist (leider) ziemlich heruntergekommen und wird derzeit deshalb restauriert. In schwindelnder Höhe turnen Menschen auf Gerüsten umher um an der Decke Malereien zu bearbeiten.
Was mir als das Beeindruckendste in Erinnerung blieb: dort gibt es halbmeterdicke Türschwellen aus Marmor. Die in den Hunderten von Jahren abgetreten sind wie Türschwellen aus Holz in alten Häusern. Wie viele Millionen Füße werden darüber gelaufen sein?
Aber zum wirklichen Eindruck der Zeit, die dieses Gebäude bereits steht, kommt man wegen der Menschenmassen kaum.
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Thursday, July 30. 2009
 Schon heute früh schwärmte ich von dem Ausblick von unserer Terrasse auf das Meer. Und vielleicht kann das Bild einen winzigen Eindruck davon geben, wie wundervoll der Blick über das Marmarameer ist.
Nachdem wir ausgepackt, gefrühstückt und uns auch sonst etwas von der nächtlichen Fahrt erholt haben, machten wir einen ersten Erkundungsausflug in die Umgebung. Es wurden dann fast 5 Stunden daraus.
Weil ich – nicht nur der Meinung meiner Frau nach sondern sogar selbst – der Meinung war, dass ein Haarschnitt mir gut tun würde, war das das erste, wofür ich türkische Lira ausgab. Ich denke, dass ich auch in Berlin nur noch zu türkischen Friseuren gehen werde – so angenehm war mir das. Wenn auch erschreckend, als er mir mit einem brennenden Alkoholbausch die Ohrenhaare absengte. Das war ein hervorragender Einstieg, Istanbuler kennen zu lernen. Die uns alle bisher mit Freundlichkeit begegnet sind (wenn auch zu sagen ist: sie lassen sich das bezahlen; Touristen zahlen generell einen Aufschlag).
 Unten am Kai hatten wir einen weiten Blick auf die vorgelagerten Inseln (unser Ziel in den kommenden Tagen) und auf das asiatische Ufer Istanbuls. Nein, falls Fragen kommen, ich habe Europa heute nicht verlassen. Noch nicht.
Dort unten am Bosporus und in der Gegend, in der wir wohnen treffen der historische Orient und die Moderne aufeinander. Zwischen alten – zum Teil römischen – Ruinen stehen Wolkenkratzer. Egal an welchem Punkt man sich umsieht; ein Minarett ist immer in Sichtweite.
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S.
Den ganzen tag schon war uns bang -
vor der letzten nachtfahrt mit dem zug.
im schlafwagen nur liegend oder stehend
die ganze nacht.
Noch die bilder der biennale im kopf,
kunst in zeiten der unsicherheit-
was geschieht an europas grenzen und wie mit wem?
die ganze nacht.
Während also andere anders reisen,
im boot über ozeane
um zu leben ihres aufs spiel setzen
mehr als eine nacht.
Finden wir das unbequem-
so als luxussardine im einzelbett,
im ratternden zug,
nur diese nacht.
Wir sind in Istanbul! Am Bosporus; am Marmarameer. Gerade jetzt sitzen wir auf der Terrasse (dem Dach des Hostels) und schauen in den Süden. Große und kleine Schiffe fahren vorüber; Möwen segeln im leichten Wind. Es riecht nach Wärme, Knoblauch und ein wenig nach frischem Beton.
 Gestern waren wir dann endlich mal in der Stadt Thessaloniki. Wir sind beim weißen Turm - der graubraun und das Wahrzeichen der Stadt ist – aus einem der vielen Busse gestiegen und am Hafen entlanggeschlendert. S. hat schon Tage zuvor von einer Ausstellung gelesen, die sich dort befindet. Es hat sich wirklich gelohnt; insbesondere die auf dem Gelände des alten Hafens war sehenswert. meterhohe und -breite Farbbilder sind wirklich beeindruckend.
 Aber die Stadt wurde warm und wärmer, heiß und heißer – so dass irgendwann sogar die beste Ehefrau von allen bereit war, in die Kühle des Bahnhofes zu fliehen und dann doch dort lieber knapp 1 ½ Stunden auszuharren, als sich weiter braten zu lassen.
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Wednesday, July 29. 2009
Willkommen und Abschied – so heißt es bei Goethe. Für uns aber erst einmal nur Abschied. Und das Willkommen dann morgen früh in Istanbul.
Heute ist der letzte Tag in Griechenland, der letzte Tag am Strand, am Bade-Meer, am Kolpos Thessalonikis. Morgen – so hoffen wir – sehen wir das Wasser des Marmarameeres.
Es ist schon wieder heiß... das Meer strahlend blau. Und eine gewissen Sentimentalität hat sich meiner ermächtigt, den Ort jetzt, heut verlassen zu müssen. Auch wenn das nächste Abenteuer bereits wartet.
Mit einem letzten Blick vom Balkon über die Bucht verabschiede ich mich...
Nic
Tuesday, July 28. 2009
 Heute habe ich Urlaub gemacht, nicht nur beschrieben. Den Tag bisher faul am Strand liegend verbracht; nur zu einem kleinen Spaziergang in das „Landesinnere“ (Etwa 800 Meter) haben wir uns aufraffen können. Und aufgegeben weil es unerträglich heiß war.
Das sage ich, obwohl selbst ich weißhäutiger Mann mich langsam an das Klima gewöhne und nicht mehr nur stöhne in der täglichen Hitze.
Gestern Abend sind wir noch weit am Strand entlanggegangen und haben das Nachtleben bewundert: hämmernde Musik am Strand, Tinneff-Verkäufer und gegrillte Maiskolben. Wir entschieden uns aber für Gyros (das hier eher mit einem Döner vergleichbar ist) und später am Strand für Retzina.
 Das ist unser letzter „ganzer“ Tag hier in Griechenland. Morgen Abend geht der Zug nach Istanbul (wo wir dann übermorgen Vormittag eintreffen sollen). Und obwohl ich mich hier langsam unglaublich faul vorkomme (immer nur: essen, baden, liegen, schlafen)... gewöhne ich mich an dieses Leben. Und denke mit Erschrecken daran, in Istanbul vor allem Stadt zu sehen. Bei den Temperaturen vermutlich mehr anstrengend als das, was wir hier gerade tun.
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Monday, July 27. 2009
 Kühle Temperaturen bedeutet also: 29 Grad. Aber auch das ist inzwischen Vergangenheit denn es ist wieder wärmer geworden, der Wind hat nachgelassen und nur über den fernen Bergen am anderen Ufer der Bucht schweben noch zerrissene Wolken. Der Strand vor meinen Augen ist trotzdem noch leer. Vermutlich wird sich das aber ändern; noch ist Siesta (so heißt diese mittägliche Pause in Spanien, das griechische Wort ist mir unbekannt.
 Am Vormittag sind wir wieder in der kleine Dorf nebenan gegangen und haben das übliche „Futter“ geholt – und dabei festgestellt, dass Obst, Gemüse und Brot recht preiswert sind. Olivenöl zum Beispiel jedoch erstaunlich teuer.
Apropos teuer: wir haben heute den vermutlich teuersten (und bisher auch schlechtesten) Kaffee getrunken: die Tasse zu 3,50 (und das sind Euro – nicht Forint!). Das wirkt dann schon etwas seltsam. Zum einen bleiben die Sommergäste aus, zum Anderen ist das so teuer, dass es auch nicht wundert, wenn das Café leer bleibt. Vermutlich haben wir den hohen Preis für den Kaffee bezahlen müssen, weil die anderen 19 Tische unbesetzt blieben.
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 Heute früh möcht ich gar nicht so viel schreiben, nur die Bilder von gestern Abend zeigen.
Das ist ein Teil von „unserem“ kleinen Dorf. Man beachte die Vorboten des schlechten Wetters: die ersten Wolken am Himmel.
Ist das nicht malerisch gelegen? Direkt am Meer (das ist der Beweis) und mit offenem Blick in die Weite.
 Unsere temporäre Unterkunft ist nur zum Teil belegt ist und unser Vermieter sagt „das ist eine Katastrophe – die Menschen haben kein Geld für Urlaub“. Es ist wirklich Schade (andererseits hätten wir vielleicht bei einem vollen Haus nicht dies Zimmer mit Meerblick bekommen). So wie dem Vermieter das Geld für kleinere Reparaturen fehlt, weil die Touristen ausbleiben, so bleiben die möglicherweise auch deshalb aus, weil die Reparaturen nicht getan werden. Es sind kleine Dinge wie klemmende Türen oder unser Kühlschrank, der zwar seinen Inhalt kühlt, aber das Zimmer kräftig heizt.
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Sunday, July 26. 2009
S.
Nach Sonne, Wind, Wellen, gutem Essen, dem Wein und Sex
bequemt sich der träge Geist
im Land der vielen Göttinnen einst
ein wenig zu drehen und wenden die Gedanken
Nach den Aktionen, dem Leid der Fernen, der Tränen
entspannt sich der Geist
im Land der vielen Götter einst
zu blättern in Geschichte und Geschichten
Firdousi schrieb so hochgelobt
von Kampf und Mord und Blut und Sieg
einer des anderen Rächer -
sie sind wie Schüler, die da klagen:
Aber er hat angefangen, Nein! Er!
Und du, Forough?
Hast aufbegehrt, gehadert, gelebt und geschrieben
geschrieben
geschrieben
Geliebte Schwester, jetzt stehen sie auf, die Frauen!
Gequält im Gefängnis - und kämpfen weiter.
Warst du es nicht, die sagte:
iranische Frauen brauchen keinen Madjnun-
keinen Verrückten, sondern einen Partner.
Wann sind sie bereit, die Männer mit den langen Wimpern?
Wie lange sollen wir noch warten?
Sollen wir überhaupt?
Forugh Farrochsad
übersetzt von Kurt Scharf
Niemand denkt an die Blumen
Niemand denkt an die Fische
Niemand will glauben
Daß der kleine Garten stirbt
Daß das Herz des kleinen Gartens in der Sonne aufgedunsen ist
Daß im Geist des kleinen Garten nach und nach
Die Erinnerungen an das Grün verblassen
Und die Sinne dieses Gärtchens gleichsam
Etwas Losgelöstes sind, das in der Abgeschiedenheit des Gärtchens welkt
Der Hof unseres Hauses ist verlassen
Der Hof unseres Hauses
Wartet auf den Regen einer unbekannten Wolke
Er gähnt
Und das Wasserbecken hinter unserem Haus ist leer
Unerfahrene, kleine Sterne
Fallen hoch von den Bäumen herab auf die Erde
Und aus den bleichen Fenstern vom Haus der Fische
Hört man nachts ein Husten
Der Hof unseres Hauses ist verlassen
[...]
Ich fürchte mich
Vor einer Zeit, die herzlos ist
Ich fürchte mich vor der Einsicht
In die Vergeblichkeit all dieser Hände
Ich fürchte mich vor dem Anblick
All dieser fremden Gesichter
Wie eine Schülerin
Die ihre Mathestunde
Wahnsinnig liebt, so einsam bin ich, so allein
Ich glaube, man müsste das Gärtchen ins Krankenhaus bringen
Ich glaube...
Ich glaube...
Ich glaube...
Daß das Herz des kleinen Gartens in der Sonne aufgedunsen ist
Daß im Geist des kleinen Gartens nach und nach
Die Erinnerungen an das Grün verblassen
Quelle: Jene Tage - Gedichte - Suhrkamp Verlag 1993
Nein. Wir sind nicht in die Stadt gefahren! Das 60-Cent-Ticket blieb ungekauft.
Einen langen Spaziergang am Strand haben wir gemacht - immer an der Grenze entlang, die das Nasse vom Trockenen trennt. Sobald man die windige Zone des Ufers verlässt fällt wieder auf, dass die Sonne unbarmherzig auf den Nacken brennt. In dem kleinen Ort, in dem wir Tomaten, Knoblauch und Schafskäse, Retsina und Wasser kauften, stand die flirrende Luft über dem Asphalt. Und ich war froh, in den Läden mich in den kalten Zug der Klimaanlagen stellen zu können.
 Der Sturm in der Nacht warf viel Strandgut an die Ufer. Sie sind übersät von abgerissenen Algen oder Tangresten; es riecht intensiv nach Meer, nach Jod.
Die Wellen brechen sich laut klatschend am Strand und hinterlassen Kinderlachen, Muscheln und wunderschöne Schneckenhäuser. Aber auch Teile von Schwämmen - von denen ich nicht wusste, dass es sie im Mittelmeer überhaupt gibt. Ich habe die gefundenen Schwämme wieder ins Wasser zurückgeworfen. Denn selbst diese tot aussehenden Stücken waren voller wimmelnden Lebens: kleine Garnelen, einen Zentimeter lang, lebten in den Schwämmen und - so hoffe ich - entkamen dank meiner Hilfe dem Hitzetod.
 Der Wind vertrieb den Dunst über der Bucht. Und so haben wir heute vom Balkon aus einen unglaublich weiten Blick über das Meer - bis hinüber nach Thessaloniki auf der einen und zu einem bisher noch nicht gesehenen Kap mit Steilküste auf der anderen Seite.
Ich weiß nicht, wie weit dieses Kap von uns aus entfernt ist; aber es reizt mich, es zu erkunden.
Unser Herbergsvater sprach davon, dass es in den nächsten Tagen kühler werden soll. Nun, ich bin gespannt, was ein Grieche mit "kühl" meint. Wenn es jedoch abkühlen sollte, dann werden wir - so haben wir uns vorhin, als wir in der Sonne am Strand lagen, vorgenommen, in die Stadt fahren.
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