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von
Timo Krall
Bayreuth. "Dem Menschen hilft kein Gott - weder hier noch in Haiti!" - mit provokanten Thesen dieser Art sah sich das Publikum der
Dritten Bayreuther Debatte im Laufe des Debattenabends am vergangenen Mittwoch häufiger konfrontiert. Hart in der Sache, fair im Ton, aber ohne Tabus - so wollten die studentischen Veranstalter der Bayreuther Debatten die zeitgemäße Rolle von Religionen diskutiert sehen. "Natürlich wird nach diesem Abend der Papst nicht evangelisch werden und auch die Redner werden nicht in die Kirche eintreten oder von ihrem Glauben abschwören, aber Sie als Zuschauer haben die einmalige Gelegenheit, sich ein Urteil über dieses zutiefst persönliche Thema zu bilden!", so fasst Organisationsleiter Steffen Hahn den Sinn der Veranstaltungsreihe in seiner Eröffnungsrede. Der Grundstein für eine kontroverse Debatte war durch die Auswahl der Redner mit redeerfahrenen und TV-bekannten Persönlichkeiten sowohl auf der Seite der Gläubigen wie auch auf der Gegenseite der Religionsfreien gelegt: ans Pult traten unter anderem die ehemalige Bundesministerin Andrea Fischer und der von DER SPIEGEL zu "Deutschlands Chef-Atheist" ausgerufene Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Dr. Michael Schmidt-Salomon.

Wie jeder Redner hatte auch "Chef-Atheist" Salomon für die Eröffnungsrede der Dritten Bayreuther Debatte volle acht Minuten Zeit. "Du wirst dran glauben - oder: Du wirst dran glauben!", zu oft seien Menschen im Laufe der Geschichte vor diese Wahl gestellt worden. In jeder Religion schlummert, so Salomon, die Versuchung zu Dogmatismus und Intoleranz: was sich weder beweisen noch rational begründen lässt, das müsse umso fester geglaubt werden.
Die Gegenrede hielt der Erzbischof des Bistums Bamberg, Dr. Schick. Selbst Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, ließ sich der Würdenträger nicht auf eine Diskussion darüber ein, ob und wann von einem religiösen Fundamentalismus eine Gefahr ausgehen könnte. Schick erinnerte an die Verdienste von Christen, die - so sein Standpunkt - in den hinter uns liegenden Generationen viel Gutes in die Welt getragen haben und auch heute noch vielfältig engagiert sind. Motivation zu uneigennützigem Handeln im Dienst der Gemeinschaft - auch das sei Glaube.
Auch das, aber nicht nur das ist Glaube - dafür spricht die Geschichte von Mina Ahadi. Bevor sie aus dem Iran nach Deutschland emigrierte, musste sie erleben, wie ihre Verwandten für Bagatellen diskriminiert, ausgepeitscht oder zu Tode gesteinigt wurden. "Ich habe Religion nicht als Privatsache, sondern als politisches Instrument, als ein gutes Geschäft kennen gelernt", bringt die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime ihren Leidensweg mit dem politischen Islam auf den Punkt. Mit Religion kann sie nichts Positives verbinden, sondern vor allem Kontrolle und Unterdrückung, bis in die letzten Bereiche der Privatsphäre und des Alltags hinein.
Der Leiterin des Instituts für interreligiöse Pädagogik und Didaktik, der Muslima Rabeya Müller, gelang es auch nach dieser tiefpersönlichen Rede einen rhetorischen Glanzpunkt zu setzen. "Abwesenheit von Religion bedeutet noch nicht Abwesenheit von Gewalt!", so ihre pointierte Replik auf Mina Ahadi. Es sei ebenso falsch, den Atheismus für die Verbrechen des Kommunismus zu beschuldigen, wie das Christentum oder andere Religionen für die Untaten ihrer Anhänger verantwortlich zu machen. Religiöse oder a-religiöse Überzeugungen von Privatpersonen sind keine Bedrohung für unsere Gesellschaft, sondern erst eine Aufgabe der weltanschaulichen Neutralität des Staates. Insofern irre Ahadi, wenn sie aus dem politischen Missbrauch von Religion im Iran schließen sollte, dass Religion an sich eine Gefahr für Freiheit, Leib und Leben darstelle. Der säkularisierte Staat, so zitiert Rabeya Müller den ehemaligen Richter des Bundesverfassungsgerichts Ernst-Wolfgang Böckenförde, geht von Voraussetzungen aus, die der Staat selbst nicht garantieren kann ? erst die von Toleranz und Mitmenschlichkeit geprägten Werte aller Bürgerinnen und Bürger machen das Leben in einer modernen Demokratie möglich. Religiosität könne eine Quelle für solche freiheitlichen Werte sein. Es sei, so das emotionale Schlussappell an das Publikum, die Aufgabe von uns allen als Gesellschaft - ob gläubig oder nichtgläubig - diese Werte zu verteidigen. Nicht zuletzt die Religionsfreiheit müsse im Interesse aller geschützt werden. Die wahre Trennungslinie verlaufe nicht zwischen Gläubigen und Atheisten, sondern allzu oft zwischen Männern und Frauen.
Religionsfreiheit ? auch für den als "Hamburger Kirchenrebell" bekannten Dr. Paul Schulz ein hohes Gut. Wenn auch Schulz vor allem die negative Religionsfreiheit, also die Freiheit eine Religion nicht ausüben zu müssen, als die herausragende Errungenschaft einer modernen Demokratie versteht.
Der ehemalige evangelische Theologe und bekennende Atheist Dr. Schulz trat in einer flammenden Rede für ein "Bayreuther Manifest" ein. Insgesamt 7 Punkte skizzieren eine säkulare Gesellschaft, getragen von selbstbestimmten und solidarischen Bürgern. Im Kern sei mit Religion immer Bevormundung verbunden, erst ein Atheist lebe in eigener Verantwortung. Religion solle vom Staat getrennt als Privatsache gelebt werden, so wie durch die UN-Menschenrechtserklärung, das Grundgesetz und den Lissabonner Vertrag garantiert. Schulz ist überzeugt: "Der Mensch braucht keinen Papst, keine Kirche, keine Religion, denn es hilft ihm kein Gott - weder hier noch in Haiti. Der Mensch braucht nur verantwortungsbewusste Menschen, die mit ihm im Leben und Sterben solidarisch sind!"
Natürlich blieb auch diese Sicht nicht unkommentiert. In den Worten des Moderators der Dritten Bayreuther Debatte, dem Präsident des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen, Tim Richter: jede Medaille hat zwei Seiten. Nachdem Dr. Schmidt-Salomon für die Seite der Religionsfreien das Privileg der Eröffnungsrede zuteil wurde, konnte die ehemalige Bundesministerin Andrea Fischer aus ihrer persönlichen Glaubenserfahrung heraus den Schlusspunkt der Debatte setzen. Sie sprach aus, was wohl viele Zuhörer dachten ? das legt zumindest der Applaus großer Teile des Publikums nahe. Gott und der Glauben an Gott können, so ihre Botschaft, für das eigene Leben durchaus eine Stütze und Befreiung sein.
Die Zuschauer waren im Vorfeld der Veranstaltung eingeladen worden, jeden der bei der Debatte anwesenden Redner zur Rede zu stellen ? wortstark und mit guten Argumenten kamen einige Gäste dieser Aufforderung nach. "Sind nicht atheistische Weltanschauungen und der Nicht-Glaube an Gott genauso willkürlich, genauso unbegründbar wie ein religiöser Glaube?", "Sie sagten, das Christentum sei unentbehrlich für das gesellschaftliche Engagement in diesem Land. Sind Sie also der Meinung, dass Atheisten weniger engagiert sind als Christen?", mit solchen und anderen Fragen wurde Rednern beider Seiten argumentativ auf den Zahn gefühlt.
Neben allen Unvereinbarkeiten hat die Veranstaltung auch Gemeinsamkeiten offen gelegt. Rabeya Müller sprach sich dafür aus, stärker als bisher Anknüpfungspunkte für gemeinsames Handeln von Gläubigen und Glaubensfreien für positive Veränderungen zu suchen. Dem fügte Dr. Schmidt-Salomon hinzu, dass es der Giordano-Bruno-Stiftung ein großes Anliegen ist, auch liberale Christen und vor allem liberale Muslime zu unterstützen ? der Schutz der Grundwerte unserer Demokratie vor fundamentalistischem Extremismus sei ein gemeinsames Ziel.
Eine große Überraschung blieb natürlich aus, alle Redner blieben wie vorhergesagt bei ihrer Meinung. Die Atmosphäre und die Argumente aber haben das Publikum in den Bann geschlagen. In manchen Momenten konnte man eine Stecknadel fallen hören - trotz mehr als 600 Zuschauern auf den Rängen des Audimax. Einzelne Redner blieben noch lange am Podium, um mit besonders interessierten Gästen in kleiner Runde zu diskutieren. Selten ist Meinungsstreit so nah erlebbar.
Pressemitteilung zur Dritten Bayreuther Debatte vom 27. Januar 2010.
Foto: Fabian Heil (CC-BY)
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