Als bekennender Reggae-Fan bin ich derzeit in einer sehr unangenehmen Situation. Einerseits liebe ich diesen Rhythmus und andererseits möchte ich dafür einstehen, dass Menschenrechte nicht Papiertiger sind, sondern tatsächlich universell. Und somit gültig für Alle und Jeden.
Nun gibt es neben dem allseits bekannten Bob Marley, der Texte gegen Unterdrückung, gegen die Versklavung und über die „schwarzen Befreiung“ sang, aktuelle Artists, die sich unter anderem darin gefallen, Homosexuelle, Andersdenkende und Frauen zu diskriminieren. Das Wesen der Reggae-Musik hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert; je schneller, je lauter der Rhythmus, desto unerfreulicher und diskriminierender die Texte.
Wenn ich vor einiger Zeit noch gesagt hätte: Das gehört zur Kultur dazu... dann kann ich das heut nicht mehr guten Gewissens.
Denn wenn ich einem Richter in Deutschland vorwerfe, dass er die Menschenrechte offensichtlich nur für weiße Mitteleuropäer anerkennt und mulimischen Frauen das Geschlagenwerden aus „kulturellen Gründen“ zumutet, dann kann ich nicht die Augen davor verschließen, dass die bisher von mir verteidigte Kultur der Rastafarians gegen die universellen Menschenrechte verstößt.
Dies zu schreiben kostet mich ehrliche Überwindung.
Hintergrund für diese Überlegung ist natürlich das medial gut ausgeschlachtete Hin und Her um den Auftritt von Sizzla in Berlin. (Siehe unten)
Eine breite Front aus Linken und Schwulenverbänden, gestützt auch von den Grünen (Volker Beck) wollten das Auftreten des „Hasssängers“ verhindern. Einmal abgesehen davon, dass ich diese Wortwahl für alles andere als geglückt halte – Ausgrenzung wird also mit Ausgrenzung begegnet – halte ich es für sinnvoller, mit Sizzla (oder seinerzeit mit Elephant Man) zu reden als sich lautstark, wenn auch erfolgreich, gegen deren Auffassung zu stellen.
Hass gegen Hass, Gewalt gegen Gewalt... mir missfallen ganz sicher Sizzlas homophobe Texte. Und mir missfallen auch seine frauenverachtenden Texte ebenso. Doch dieses „Hurra, wir haben ein Opfer!“-Geschrei geht mir ebenso auf die Nerven.
Denn diese sehr fragwürdigen Aussagen teilt Sizzla mit vielen anderen Reggae-Artists; aber auch mit diversen Rappern. Und ich kann mich nicht erinnern, dass es bisher gegen diese oder gegen die diskriminierenden Texte gegen Frauen je einen Aufschrei gab. Offenbar haben Frauen keine so lautstarke und mediale Lobby wie Schwule... Und HipHop verkauft sich sowieso besser als Dancehall-Reggae...
All das entschuldigt nicht Sizzlas Texte. Aber es wird hier definitiv mit zweierlei Maß gemessen.
Nic
Im Tagesspiegel gibt es dazu einen recht guten
Kommentar von Jost Müller-Neuhof
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