Sonntag in Berlin. Es ist gerade einmal zehn Uhr am Morgen. Die Strassen sind leer und es ist kalt. Nur in Berlin-Neukölln bewegen sich ein paar Leute anscheinend zielstrebig auf einen Hauseingang zu. Man flüstert: "Schmidt-Salomon ist in der Stadt!"

Die Evolutionären Humanisten Berlin-Brandenburg
luden zu einer Lesung ein und viele kamen. Mehr, als der kleine Saal zu fassen vermochte.
Das waren nicht nur Mitglieder der Berliner Freunde der GBS, die sich an diesem Novembermorgen im Cafe Rix vorerst zum Essen und Trinken und Plaudern trafen. Viele Interessierte, die daran zu erkennen waren, das sie etwas verunsichert auf die in anregende Gespräche vertieften Frühstückenden schauten, fanden sich ein. Für die anderen Gäste des Rix muss es ein Seltsames gewesen sein, einen Haufen wacher Menschen am frühen Morgen über philosophische Fragen und den letzten Klatsch und Tratsch reden zu hören.
Nach einer letzten Zigarette im Innenhof ging es dann in den völlig überfüllten Saal. Michael Schmidt-Salomon begann zu lesen und es wurde still. Er las ein paar einleitende Sätze aus seinem Buch "
Jenseits von Gut und Böse" - diesem meiner Meinung nach noch viel zu wenig beachteten großartigen Buch, in dem er die aktuellen säkular-philosophischen Memplexe zusammenfasst und - wie ich finde - in einer hervorragend lesbaren Art und Weise präsentiert. Wie der Autor mir allerdings nach Ende der Veranstaltung verriet, ist der Inhalt des Buches für viele Leser offenbar zu schwer verständlich. Was - meiner Meinung nach - aber nicht an der Sprache, sondern am Inhalt des Buches liegen dürfte, das ja auch bei mir dafür sorgte, über einige Dinge neu und lange nachzudenken (Stichwort: Freier Wille). Man muss "wollen wollen" - um einen Spruch aus der anschließenden Diskussion aufzugreifen: man muss das begreifen wollen. Diese tatsächlich neue Denkart von der "Entschuldung" des Menschen muss man erst einmal verstehen - ehe man sie verinnerlicht und dann eines Tages auch leben kann.

Doch nun wieder fort von mir und meinen Gedanken hin zu denen vom (Vor)Lesenden. Das tat er gar nicht so viel. Sondern er fasste den Inhalt seines Buches so zusammen, wie es die Struktur vorgibt und gab so einige Grundideen, die das Buch ausmachen, zum Besten. Interessant fand ich dabei, dass Schmidt-Salomon dabei sowohl die Mem-Theorie von Dawkins benutzte, um sein Gedankengebäude zu untermauern, als auch von "kultureller Evolution" sprach; sind doch beides Begriffe und Theorien, die auch von säkularer Seite nicht unumstritten sind.
Doch so wenig wie Dawkins kümmert das Schmidt-Salomon: ich verstehe beide so; dass diese Memplex-Theorie sowieso nur als Modell dient, Dinge klar zu stellen oder klar zu machen. Und bei beiden finde ich keine Theorie, die aufgrund der Meme irgendetwas beweisen möchte.
Eine interessante Formulierung für den freien Willen fand Schmidt-Salomon, als er sagte, dies sei "das Prinzip der alternativen Möglichkeiten" - denn das macht deutlicher, dass es nur schwerlich denkbar sein kann, dass in einer den Naturgesetzen unterliegenden Welt bei ein und der selben Ursache es zu verschiedenen Wirkungen kommen könnte.
Ich werde nicht den gesamten Vortrag Schmidt-Salomons dokumentieren; es liefen mindestens zwei Videokameras bei der gesamten Veranstaltung mit - und so das FSM will, werden wir also demnächst bei YouTube fündig werden.
Sehr gut und spannend (und zu kurz) war dann die anschließende Diskussionsrunde. Da habe ich mir einiges notiert und werde versuchen, das Viele in ein paar Worte zu fassen. Man entschuldige, dass ich nicht wörtlich zitieren kann; aber mein Steno ist inexistent.

Schmidt-Salomon schreibt in "Jenseits von Gut und Böse" unter anderem auch darüber, dass Vergebung hilfreich ist. Sowohl um selbst als Individuum mit seinen Fehlern umgehen zu können und auch, um anderen Menschen deren Fehler nachsehen zu können. "Wir können nur so sein, wie wir sind." Diese Erkenntnis kann das Leben einfacher und glücklicher machen. Das ist letztlich das Credo des gesamten Buches. Nun wurde in der Diskussion aber darauf hingewiesen, dass Vergebung erlernt werden muss. Und dieses Lernen kein Vorgang von kurzer Dauer ist; ja, dass es vermutlich sogar traumatische Erlebnisse geben mag, die ein Vergeben unmöglich machen könnte, weil das Trauma dem Individuum nicht bewusst ist.
(Unter den Zuhörern befand sich auch ein Vorstandsmitglied des Vereines, der sich für die Rechte (und Entschädigung) der in den Kinderheimen missbrauchten Kinder einsetzt.) Schmidt-Salomon wies darauf hin, dass dabei oft Emotionen - also das Zulassen und das Achten auf Emotionen - wichtiger sein kann, als das reine rationale Vorgehen. Die Möglichkeit des Menschen, Empathie empfinden zu können, ermöglicht es ihm auch, zu vergeben.
Es komme darauf an, das Schuld-Sühne-Denken abzulegen; sich davon zu befreien. Dass es sich auch dabei um einen zeitlichen Vorgang des Lernens handelt, der vermutlich nicht innerhalb einer Generation erfolgen kann (leider), davon geht Schmidt-Salomon aus.
Nun, ich denke, ich bin nur sehr marginal mit diesem doch sehr christlichen Memplex von Schuld und Sühne in Berührung gekommen; vielleicht fällt es mir deshalb aber auch leichter, darauf zu verzichten. Allerdings brauchte ich einen anderen Memplex, der den Platz des bisherigen besetzen konnte; eine andere gedankliche Lösung des Problemes, wie ich mir Ungerechtigkeiten (und das Verhalten darauf) erklären kann. Momentan bin ich mit der von Schmidt-Salomon vorgeschlagenen Lösung sehr einverstanden; kann sie zu meiner machen.
Das jedoch geht nicht Jedem so. Oder so einfach. Ich hatte den Eindruck, dass Etliche der Zuhörer sehr angetan waren von dem Gedankengebäude, das der Autor errichtet hat; aber vor den Konsequenzen zurückschrecken. Schmidt-Salomon hatte einen "Trost" für diese Zweifelnden: "Glück ist nichts statisches. Glück ist dynamisch. Und der Prozess selbst ist das Glück."
In diesem Zusammenhang definierte er auch "Reue" als positiv-produktiv, während er Schuld als destruktiv (oft gegen sich selbst) ansieht. Mit dem Ablegen des Schuld-Sühne-Denkens kann man sich auch von den Schuldgefühlen frei machen, die sich allein darum bewegen, was man hätte anders machen können, wenn... (usw.) Wenn man aber davon ausgeht, dass der einzelne Mensch (das Ich) nicht anders sein kann, als er ist, dann kann dieses Ich auch aus seinen Fehlern lernen. Und sich (Reue) bemühen, diese nicht zu wiederholen. Anstatt sich in Schuld zu wälzen und immer wieder die gleichen Fehler zu wiederholen.

Eine sehr gute Frage (fand ich) war die nach der Möglichkeit einer ethischen Wertung, wenn man "Das Gute" und "Das Böse" sich aus der Welt denkt. Ist dann noch eine ethische Wertung möglich? Schmidt-Salomon verwies darauf, dass er keinesfalls der Meinung sei, dass es nichts Gutes mehr gäbe. Allerdings sieht er als Gegenteil des Guten das Schlechte (und nicht das Böse). Es geht nicht um die Abschaffung von Wertungen. Sondern darum, die moralischen Begriffe, die in unserer Gesellschaft benutzt werden, zu hinterfragen und nur anhand ethischer Maßstäbe zu werten. Niemand kann sich selbst gegenüber unethisch handeln. Aber - nach den Maßgaben von Religionen zum Beispiel - sehr wohl unmoralisch. Das nenne ich ein schmidt-salomonisches Urteil.
Er erklärte - auf Anfrage - den Begriff der Memplexe und nannte sich dabei selbstironisch "Meminator", der versucht, neue Memplexe in die Welt zu setzen.
Bevor sich die Leute in den Sonntagnachmittag verliefen, gab Michael Schmidt-Salomon ihnen noch mit auf den Weg: "Wir sollen uns annehmen, wie wir sind. Dann können wir werden, was wir werden können."
Nic
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