Montag , 20 Mai 2013
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Was ist denn sonst noch schön außer der Liebe und dem Tod?

WEIMAR. (fgw) „Was ist schön außer der Liebe und dem Tod?“, fragt Walt Whitman in sei­nem Gedicht „Scented Herbage of my Breast“ (1888). Beide Themen greift die öster­rei­chi­sche Autorin Cordula Simon in ihrem Erstlings-Roman „Der Potemkinsche Hund“ auf und beweist damit ein­mal mehr, daß die deut­sche Gegenwartsliteratur zwar ihren Schwung ver­lo­ren haben mag, die öster­rei­chi­sche aber nicht.

von Ilka Lohmann

Irina, Mitte Dreißig und allein­ste­hend, lebt in Odessa (Ukraine) und ist ver­liebt in ihren Nachbarn Anatol. Aber Anatol stirbt plötz­lich und uner­war­tet. Dieser Tod stürzt Irina in eine tiefe Krise. Sie, eine Chemikerin, wen­det ihre Fähigkeiten an, schleicht sich nachts auf den Friedhof und ver­sucht, den Leichnam wie­der zum Leben zu erwe­cken. Vermeintlich schei­tert ihr Experiment. Sie war­tet nicht lang genug, um Anatols Rückkehr aus dem Reich der Toten mit­zu­er­le­ben. Sie beginnt nun, ihr Leben zu beden­ken, ihre ver­pass­ten Chancen und unge­nutz­ten Möglichkeiten und ver­lässt die Stadt.

Anatol indes­sen kehrt aus dem Grab zurück. Ein Hund, er nennt ihn Celobaka (russ. Menschhund), führt ihn durch die Straßen und wird ihm zum treuen Begleiter. Anatol ver­sucht, sich zu erin­nern, doch obwohl er wie­der­be­lebt wurde, kann er sein Leben nicht mehr wie­der­fin­den. Es ist vor­bei. Es ist been­det. Unwiderruflich. Mit jedem Tag ver­blas­sen die Bilder ein wenig mehr.

Als Irina und Anatol ein­an­der auf ihren eige­nen Odysseen doch begeg­nen, bleibt das Feuer aus. Sie blei­ben Fremde. Die Liebe ist tot. Wie das Leben. Irina hat alles ver­lo­ren außer ihrer Verzweiflung, und Anatol ver­schwin­det in der Nacht.

Es könnte ja fast ein Schauerroman sein. Doch trotz des Zombies Anatol, der stin­kend und ver­we­send durch die Straßen von Odessa und Kiew wan­dert, stellt sich kein Schauer ein. Vielmehr wird das Absurde der Situation zu einer merk­wür­di­gen Realität.

Während Anatol sich nicht an sein Leben erin­nern kann, wird Irina von ihren Erinnerungen gera­dezu über­schwemmt – eine Flut, der sie sich nicht wie­der­set­zen kann. Anatol ist gestor­ben, und auch sie fühlt sich wie eine lebende Tode. Innerlich ist sie eben­falls ein Zombie. Sie, die immer hin­ter den ande­ren stand, auf die nie der Scheinwerfer fiel, die all ihre Chancen, glück­lich zu wer­den, ver­tan zu haben glaubt, die kei­nen eige­nen Blick zu haben scheint und sich selbst immer nur mit frem­den Augen betrach­tet. Sie meint, von einer Doppelgängerin ver­folgt zu wer­den – ein Symptom der Spaltung, in die der Abscheu vor sich selbst sie getrie­ben hat.

Nein, die­ses Buch ist nicht schau­er­lich. Es ist kein Horrorroman im Stile von Steven King. Doch düs­ter ist der Roman auf alle Fälle. Es ist ein bemer­kens­wer­tes Stück Gegenwartsliteratur.

Es mag zu Beginn nicht leicht zugäng­lich sein, doch es öff­net sich all­mäh­lich dem Leser wie die Tür einer Gruft zu Mitternacht. Die Sprache ist ein­fach, nahezu kühl.

Ein Höhepunkt ist das 15. Kapitel. Hier gibt sich die Verfasserin nahezu rhap­so­disch einem gro­ßen Entwurf über das Leben, den Tod, die Liebe und die Qual des all­täg­li­chen Dasseins hin. Hier bringt sie den Menschen auf einen Punkt. Der Mensch, der Verlorene im Universum. Der Tod, der ein Freund sein kann, der hilft, der dahin­ei­len­den Zeit einen Anker und Bedeutung zu geben.

Cordula Simons Erstlings-Roman ist ein klei­nes Meisterwerk. Es fällt schwer, in der Gegenwartsliteratur Ähn­li­ches zu benen­nen. Allenfalls wären es Jelineks „Die Kinder der Toten” oder – um die Gegenwart zu ver­las­sen – „Der Fall Waldemar” von Edgar Allan Poe. Was ist das für eine Welt, in der die Toten auf­er­ste­hen, weil die Liebe nach ihnen ruft, und der die Liebenden am Ende doch nicht zu ein­an­der fin­den?

Cordula Simon: Der Potemkinsche Hund. Roman. 208 S. Picus Verlag Wien 2012. 19,90 Euro. ISBN 978-3-85452-688-9

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

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Über Nic Frank

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