Samstag , 18 Mai 2013
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Luther-Preis für “Gotteslästerung”?

Wittenberg, Rathaus und Kirche

Wittenberg, Rathaus und Kirche

Auch in Deutschland ist die rus­si­sche Band Pussy Riot jetzt zum Thema gewor­den. Kurze Zeit nach der Verurteilung zu mehr­jäh­ri­gen Haftstrafen im Arbeitslager wer­den die jun­gen Bürgerrechtlerinnen nun hier­zu­lande der Gotteslästerung bezich­tigt. Die Frauen sind vom Wittenberger Stadtrat für den Luther-Preis 2012 nomi­niert wor­den.

Der Preis wird für „Das uner­schro­ckene Wort“ ver­lie­hen, für die gewagte Meinungsfreiheit und kri­ti­sche Äuße­run­gen gegen den Mainstream. Obwohl der Namensgeber des Preises oft mit def­ti­gen Bemerkungen Widersachern gerne mal die Meinung gesagt hat, mag manch einer (heut­zu­tage) ein sol­ches Verhalten bei den vor­ge­se­he­nen Preisträgerinnen nicht. Es wird ver­sucht, die Aktion in Moskau zu einer „Gotteslästerung“ auf­zu­bla­sen.

An vor­ders­ter Stelle bei der Denunziation dabei sind etli­che Kirchenvertreter, dar­un­ter der bekannte Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemer. Früher war er Bürgerrechtler in der DDR und kämpfte für freie Meinungsäußerung, heute dif­fa­miert er junge Frauen, die er als „anstö­ßig“ bewer­tet, weil sie mutig gegen das reak­tio­näre Bündnis von Staat (wor­un­ter in Russland immer stär­ker aus­schließ­lich das System Putin zu ver­ste­hen ist) und ortho­do­xer Kirche pro­tes­tiert haben. Für Schorlemmer unfass­bar ist, dass bei dem Auftritt der Gruppe in der Moskauer Kathedrale etwa von „Gottes Dreck“ gesun­gen wor­den sei, was er für belei­di­gend hält: „Man stelle sich aber nur mal vor, der Auftritt wäre so im Magdeburger oder im Kölner Dom gesche­hen. Eine Lutherstadt sollte keine Gotteslästerung ehren.“ Nach einem „sol­chen Auftritt“ im Magdeburger oder Kölner Dom wären jedoch keine mehr­jäh­ri­gen Gefängnisstrafen ver­hängt wor­den.

Pussy Riot ist vor allem des­halb beim heu­ti­gen „Zaren“ und sei­nen reli­giö­sen Verbündeten in Ungnade gefal­len, weil die Gruppe im Februar die­ses Jahres in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale mit einem „Punkgebet“ öffent­lich auf­ge­tre­ten ist. Es ging um eine Kritik an Putin, an sei­nem selbst­herr­li­chen anti­de­mo­kra­ti­schen  Gebaren und  vor allem an sei­ner Verbrüderung mit dem ortho­do­xen Klerus. Der Patriarch der Orthodoxen, Kyrill I., hatte kurze Zeit vor dem „Punkgebet“ dazu auf­ge­ru­fen, Putin erneut in das Amt des rus­si­schen Staatsoberhaupts zu wäh­len. Pussy Riot hat diese Wahlunterstützung kri­ti­siert und es gewagt, in der Kathedrale die ortho­do­xen Würdenträger als „Scheiße Gottes“ zu bezeich­nen; und die „Mutter Gottes“ war zudem in einem Stoßgebet auf­ge­for­dert wor­den, einen Wahlsieg Wladimir Putins zu ver­hin­dern und der rus­si­schen Opposition zu hel­fen, ihn zu ver­trei­ben. Wer, wie Kyrill I., sich in das poli­ti­sche Geschäft ein­mischt, muss auch damit rech­nen, dass ihm wider­spro­chen wird – Widerspruch aber scheint die­ser Herr ebenso wenig zu mögen wie Putin selbst.

So etwas reicht in Russland aus, um mehr­jäh­rige Gefängnisstrafen gegen Mütter klei­ner Kinder zu ver­hän­gen. Schnell waren genug Claqeure vor­han­den, die sich in ihren reli­giö­sen Gefühlen ver­letzt fühl­ten und dies laut­hals kund­ta­ten, harte Strafen für die jun­gen Frauen von Pussy Riot for­der­ten und nicht bemerk­ten, dass sie allen­falls „Bauern“ der poli­ti­schen Schachzüge eines nun zum obers­ten Herrscher auf­ge­stie­ge­nen und seine Macht ver­tei­di­gen­den frü­he­ren Geheimdienstmitarbeiters sind.

Nun möch­ten die CDU und die Wittenberger „Allianz der Bürger“ den Beschluss für die Preisverleihung an „Pussy Riot“ wie­der rück­gän­gig machen; dabei spielt zum einen eine plötz­lich ent­deckte Empfindlichkeit für „reli­giöse Gefühle“ eine Rolle – wobei die christlich-demokratischen Wortführer nicht begrei­fen kön­nen oder begrei­fen wol­len, dass sie letzt­lich Putin in die Hände arbei­ten, wenn sie die Ehrung des muti­gen Protestes gegen ihn sabo­tie­ren – zum ande­ren spielt eine Rolle ein fun­da­men­ta­lis­ti­scher Hass auf junge Frauen, die Zeichen für mehr Demokratie in Russland gesetzt haben; anders denn als eine Hasstirade kann man die Äuße­run­gen des Herrn Heiner Friedrich List von der „Allianz der Bürger“ in Wittenberg nicht bezeich­nen. Geäußert hat er, dass er nicht ver­ste­hen könne, dass eine Stadt mit so christ­li­chen Wurzeln wie Wittenberg den Preis “chao­ti­schen Weibern, die ver­mummt in eine Kirche ein­drin­gen, sich dis­kri­mi­nie­rend und belei­di­gend äußern“ ver­lei­hen wolle. „Chaotische Weiber“, und die schafft man am bes­ten gleich weg – weit weg, ins Straflager?

Die (geis­tige) Nähe zu Herrn List scheint Herrn Schorlemmer nicht ganz zu gefal­len, ein wenig ist er zurück geru­dert. Eine so harte Strafe, wie in Russland ver­hängt, mag er dann doch nicht bil­li­gen: man müsse sich für die jun­gen Frauen ein­set­zen, sagte er vor kur­zem gegen­über der Tageszeitung (TAZ), aller­dings mit einer Einschränkung: „Aber nicht für den Scheißdreck, den sie da gesun­gen haben.“ Den könn­ten sie „auf dem Roten Platz anbrin­gen, in einer Badeanstalt oder sonst wo, aber nicht in einer Kirche.“ Kyrill I. hat aber nicht auf dem Roten Platz oder in einer Badeanstalt zur Wiederwahl Wladimir Putins auf­ge­ru­fen. Wenn der Patriarch sein reli­giö­ses Amt miss­braucht, warum dann keine Reaktion dar­auf im reli­giö­sen Haus?

Nun hat Schorlemmer sich wie­der etwas Neues ein­fal­len las­sen. Im Interview mit der TAZ vom 24. Oktober, moniert er: „Mein Hauptvorwurf an diese Pussys ist, dass sie nicht beten, son­dern pro­vo­zie­ren.“ Von Gotteslästerung will er über­haupt nicht gespro­chen haben. In dem Mann denkt es, frag­lich ist nur, was: Gebet statt Provokation – soll das in Russland der Demokratie wei­ter­hel­fen? Schorlemmer scheint ein­fach wei­ter­re­den zu müs­sen, ohne die Zusammenhänge zu begrei­fen. Das Sprichwort, dass Schweigen Gold, Reden aber nur Silber sei, ist wohl in Wittenberg noch nicht bekannt gewor­den.

Deutschland ist jedoch nicht Russland. Hier wird deut­lich und öffent­lich den reli­giö­sen Propagandisten wider­spro­chen. Und nicht nur von Leuten, die kei­nen Gott anbe­ten.

Heiner Geißler, Katholik, der frü­here Jesuiten-Zögling und pro­funde Kenner der christ­li­chen Religion, hat es auf den Punkt gebracht: „Was soll das für ein Gott sein, für den das, was die drei getan haben, Gotteslästerung ist?“ Es komme, so Geißler in einem Spiegel-Gespräch, doch nicht dar­auf an, ob die Gefühle von Gläubigen ver­letzt wor­den seien, Schorlemmer und ähn­lich Argumentierenden gehe es um „ihre eige­nen höchst per­sön­li­chen Gefühle, von denen sie offen­sicht­lich wol­len, dass auch andere sie emp­fin­den.“ Wer so – wie Schorlemmer – gegen die Protestaktion von Pussy Riot agiere – der müsse „eine ganz per­verse Sicht von Gott haben“.

Nun, viel­leicht hat Herr Schorlemmer eine Sicht von Gott, die weni­ger einen lie­ben­den Gott in den Vordergrund stellt und mehr von einem Gott als einem mit der rus­si­schen staat­li­chen Macht ver­bün­de­ten spieß­ge­sel­len­ar­ti­gen Wesen aus­geht.
Letztlich kommt es auf die Vorstellungen von Herrn Schorlemmer und ande­ren Religionsvertretern aber auch nicht an. Pussy Riot hat sich um die Demokratie in Russland ver­dient gemacht. Ohne spek­ta­ku­läre Aktion wäre die Kritik an Staat und Kirche (vor allem bei dem gesteu­er­ten Mediensystem in Russland) unbe­ach­tet geblie­ben. Und selbst wenn man die Wortwahl von Pussy Riot als nicht sehr fein­sin­nig bezeich­nen möchte, so war sie doch klar und ein­deu­tig. Und sie war eine Reaktion auf die gro­ben Beschimpfungen der Opposition durch die Putin-Freunde, auf die Diskriminierungen und Verhaftungen.

Wer mit dem gro­ben Klotz auf­tritt, muss damit rech­nen, dass andere einen gro­ben Keil drauf­set­zen. So ist das eben.

Apropos Gotteslästerung:
Emel Zeynelabidin, die Tochter des Gründers der deut­schen Sektion von Milli Görüs,  erhielt den Luther-Preis im Jahr 2007 wegen ihres Verhaltens im soge­nann­ten Kopftuchstreit: 2005 legte sie nach jah­re­lan­ger Auseinandersetzung mit dem Koran und isla­mi­schen Glaubensregeln ihr Kopftuch ab. Auch sie eine Gotteslästerin?

Es wird bestimmt genug mus­li­mi­sche Schorlemmerer geben, die dies für Gotteslästerung hal­ten. Also: Preis zurück? Nein, selbst­ver­ständ­lich nicht.

Hinweis: Auch Nic hat zu die­sem Thema etwas geschrie­ben: Putin, der Menschenfreund

Über W. Otte

Gastautor, noch wenig bewandert mit den Geheimnissen von Wordpress und dem Bloggen. Im Normalleben Anwalt.

6 Kommentare

  1. Ich kann dem her­vor­ra­gen­den Beitrag von Walter Otte nur zustim­men.

    Was ich bei anti­kirch­li­chen Aktionen wie der von Pussy Riot ledig­lich zu beden­ken gebe, ist Folgendes. Je weni­ger eine Provokation auf Elemente wie fäkal­sprach­li­che und unnö­tig auf Gefühlsverletzung set­zende Wortwahl setzt, umso mehr wird sie bei jenen Eindruck erzeu­gen, auf die es in der momen­ta­nen Situation in Russland ankommt: die rela­tiv große Mehrheit der nicht mehr mit Über­zeu­gung gläu­bi­gen und für Argumente offe­nen Teilnehmer und Beobachter sol­cher und ähn­li­cher Veranstaltungen. Provokationen wie jene von Pussy Riot wir­ken ob ihrer – unnö­ti­gen – Über­zo­gen­heit kon­tra­pro­duk­tiv, sie wir­ken wie Kriegserklärungen auch an die Gläubigen, die eigent­lich nicht gemeint sind. Gemeint sind staat­li­che Macht und Klerus, die in jahr­tau­sen­de­lang geüb­ter Praxis Thron und Altar wie­der zu Kumpanen machen wol­len.

    Provokation muss – lei­der – sein, sonst hört kei­ner zu und Presse und Fernsehen füh­len sich nicht ver­an­lasst, dar­über zu berich­ten. Bekanntlich sind nur schlimme und außer­ge­wöhn­li­che Ereignisse mit­tei­lens­wert. Will man aber einen Wandel in den Köpfen jener errei­chen, die noch Argumenten zugäng­lich sind und auf deren demo­kra­tie­för­dernde Mitwirkung man hofft, dann darf die wohl­kal­ku­lierte Provokation nur der Eingangsgong sein, dem dann mit den Mitteln des jewei­li­gen Genres eine ver­ständ­li­che und zustim­mungs­fä­hige Nachricht fol­gen muss. Nur dann kann man hof­fen, dass eine sol­che Aktion mehr als ein momen­ta­nes Spektakel bleibt. Eine Provokation, die in sehr gro­ber Weise die jeweils übli­chen Umgangsformen ver­letzt, macht es den Gegner zu leicht, mit den übli­chen juris­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Sanktionen zu kon­tern. Die Folge ist, dass jene, die etwas bewe­gen könn­ten, einer wich­ti­gen demo­kra­ti­schen Bewegung – zumin­dest für län­gere Zeit – ver­lo­ren gehen.

    Wir kön­nen in Deutschland sehr schön beob­ach­ten, wie man dem poli­ti­schen, hier spe­zi­ell kirch­li­chen Gegner, höchst erfolg­reich den Wind aus den Segeln neh­men kann. Michael Schmidt-Salomon hat sich in den letz­ten Jahren immer stär­ker einer selbst­be­wuss­ten, aber ruhi­gen, sach­li­chen, mit stim­mi­gen Fakten unter­leg­ten Argumentationsweise bedient und tritt sei­nen Kontrahenten sehr deut­lich, aber stets freund­lich ent­ge­gen. Genau diese Verhaltensweise macht es den kirch­li­chen Vertretern immer schwe­rer, einer Diskussion mit ihm mit dem Argument aus­zu­wei­chen, dass er pole­misch und aggres­siv sei, fal­sche Tatsachenbehauptungen aus­streue und über­haupt einer fai­ren Diskussion nicht fähig sei. Sowohl Fernsehen wie das zuschau­ende Publikum sind offen­bar nicht mehr bereit, so ganz ein­sei­tig wie bis­her den kirch­li­chen Wünschen in der öffent­li­chen Auseinandersetzung zu fol­gen. Wer gute Argumente hat, sollte Aufmerksamkeit erre­gende Provokationen genau kal­ku­lie­ren. Pussy Riot hat gute Argumente. Wir auch.

  2. Einverstanden mit den stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen im Zusammenhang mit Rückgrat und Gratwanderung. Zum stim­mi­gen Beitrag bezüg­lich Preisverleihung ja oder nein meine Lieblingsaussage:
    “Nun, viel­leicht hat Herr Schorlemmer eine Sicht von Gott, die weni­ger einen lie­ben­den Gott in den Vordergrund stellt und mehr von einem Gott als einem mit der rus­si­schen staat­li­chen Macht ver­bün­de­ten spieß­ge­sel­len­ar­ti­gen Wesen aus­geht.”
    Die Problem stellt sich immer, wenn man Gott einen Spieß in die Hand gibt. Schorlemmer outet sich aber zuneh­mend als Stratege für spieß­bür­ger­li­che Mitläufer Opporzunisten), denn als ent­ta­bui­sie­ren­der Freiheitskämpfer.

  3. Ein ( ver­ge­ses­sen und eine Taste dan­a­ben: (Opportunisten)

  4. Nochmals zu Pussy Riot oder: Schluß mit der uner­träg­li­chen Schorlemmerei!

    Der ZEIT vom 16.08.2012 ( http://www.zeit.de/2012/34/Putin-Orthodoxe-Kirche/seite-2 ) ist zu ent­neh­men, dass sich Kyrill I. im Rahmen sei­ner Männerkumpanei mit Putin sogar dazu ver­stie­gen hat, die Regentschaft Putins als “Wunder Gottes” zu bezeich­nen. Nach allem, was wir wis­sen, waren der­ar­tige Bemerkungen und die Kumpanei selbst Anlaß für Pussy Riot, deut­li­che Anspielungen auf (den ortho­do­xen) Gott und vor allem sei­nen Klerus zu machen. Uwe Lehnert ist zwar zuzu­stim­men, dass eine mit “Fakten unter­legte Argumentationsweise” der Aufklärung am bes­ten dien­lich ist und dass eine aus­schließ­lich auf Provokation und Spektákel set­zende Vorgehensweise letzt­lich ontra­pro­duk­tiv sein wird. Doch soll­ten Diskussionen in Deutschland (ein wenig) anders bewer­tet wer­den als sol­che im gegen­wär­ti­gen Rußland; dort wird es eher dar­auf ankom­men, laut und ver­nehm­lich den Protest gegen den Weg in den auto­ri­tä­ren Staat und gegen die (un)heilige Allianz von Staat und Kirche zu äußern. Andere Möglichkeiten, jen­seits des für die Medien inter­es­san­ten Spektakulären, um Aufmerksamkeit zu errin­gen, gibt es in Rußland kaum.

    Pussy Riot hat mit den den jun­gen Frauen zur Verfügung ste­hen­den Mitteln auf die Männerkumpanei von Kyrill, der eigent­lich Wladimir Gundjajew heißt, und Wladimir Putin rea­giert – aus­schließ­lich rea­giert wor­den ist. Die Band sei­ner­zeit in der Kathedrale: »Der Patriarch glaubt an Putin«, rie­fen sie. »Besser sollte er, der Hund, an Gott glau­ben.«, so teilt es die evan­ge­li­sche Wochenzeitung “Der Sonntag” ( http://www.sonntag-sachsen.de/2012/10/10/die-wahren-gotteslasterer/ ) mit. Da wird doch nicht Gott, da wird der Patriarch kri­ti­siert! Und “Der Sonntag” hat die Vorgänge in einen grö­ße­ren Rahmen ein­ge­ord­net und das eigent­li­che – aus christ­li­cher Sicht – poin­tiert aus­ge­drückt: “Bei den Propheten des Alten Testa­ments lässt sich noch Derberes über reli­giöse und poli­ti­sche Führer lesen. Hier wie dort geht es um die Vergötzung von Macht, von mensch­li­chen Wünschen. Mit ande­ren Worten: um den Missbrauch des Namens Gottes. Es geht den Musikerinnen, fromm gespro­chen, um Umkehr. Die wah­ren Gotteslästerer sind andere. Auch die Propheten muss­ten diese Wahrheit teuer bezah­len.”

    Wenn – wie die reli­giö­sen Schorlemmerer es mei­nen – die Äuße­run­gen jun­ger (theo­lo­gisch nicht gebil­de­ter) Frauen, über den Klerus als “Gottes Scheiße” , deren Aufforderung an W. Gundjajew, doch an Gott statt an den ande­ren Wladimir zu glau­ben, eine “Gotteslästerung” sein soll, ist dann nicht die vor­her­ge­hende Äuße­rung des mit reli­giö­ser Autorität aus­ge­stat­te­ten (und reli­giös aus­ge­bil­de­ten) Patriarchen, die Regentschaft Putins sei ein “Wunder Gottes”, gerade unter Berücksichtigung der anti­de­mo­kra­ti­schen Politik des frü­he­ren Geheimdienstmitarbeiters, erst recht Blasphemie? MIßbraucht nicht er den “Namen des Herrn” für pro­fane poli­ti­sche Zwecke – ent­ge­gen dem zwei­ten Gebot: »Du sollst den Namen des Herrn, dei­nes Gottes, nicht miss­brau­chen.«, das er doch bereits kraft Amtes zu ver­tei­di­gen hätte, auch wenn es womög­lich nicht sei­ner Über­zeu­gung ent­spricht? (Nebenbei: wir erle­ben immer wie­der, was diese sich fromm geben­den Figuren, die in ver­meint­lich engem Kontakt zu ihrem Heiland ste­hen, doch für erbärm­li­che Heuchler sind – man denke nur einen gewis­sen W.Mixa.)

    Darüber – über die Äuße­run­gen des W. Gundjajew redet (selt­sa­mer­weise?) kei­ner der gelehr­ten Herren Theologen. Oder kommt es ihnen für die Beurteilung von “Gotteslästerungen” aus­schließ­lich auf die Form und den Ton, nicht jedoch auf den Inhalt an?

    Dass ein Herr Schorlemmer in Deutschland den Begriff “Gotteslästerung” scheint hof­fä­hig machen zu wol­len, wirft zum einen ein bezeich­nen­des Licht auf seine Geisteshaltung, zum ande­ren zeigt sich, dass in der Tat kri­ti­sche Aufmerksamkeit gebo­ten ist, wenn Personen aus der Mitte (und nicht von den Rändern) der Gesellschaft in die Mottenkiste reli­giö­ser Propaganda grei­fen. Bei Schorlemmer zeigt sich “Geist vom sel­ben Geist”, wie ihn der (katho­li­sche) Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ver­kör­pert, der jüngst gefor­dert hat: “Wer die Seele der Gläubigen mit Spott und Hohn ver­letzt, der muss in die Schranken gewie­sen und gege­be­nen­falls auch bestraft wer­den.“, auch wenn Schorlemmer nicht so deut­lich wird wie sein Bruder in Christo.

    Selbst wenn gezielte Provokationen bis­wei­len (immer unter Berücksichtigung aller Umstände der kon­kre­ten Situation) erfor­der­lich sind, “Spott und Hohn” über Andersdenkende aus­zu­gie­ßen wird nie­mals das Mittel der Aufklärung sein.DIes aller­dings gilt aber nicht nur in Deutschland und nicht nur gegen­über christ­li­chen Religionsgemeinschaften. Dies gilt auch in Bezug auf den Islam und die mus­li­mi­schen Glaubensrichtungen. Kritik muss sein, ist unver­zicht­bar – aber gezielte Provokationen sei­tens kaput­ter Typen, wie einem gewis­sen 30-Seelen-Pfarrer aus den USA, der zwang­haft auf die Verbrennung von Koranen fixiert ist, sei­tens isla­mo­pho­bi­scher Hass-Figuren, die (anonym) Schund-Videos pro­du­zie­ren, sei­tens ras­sis­ti­scher Organisationen, die zwar auf den Islam ein­dre­schen, aber den Türken, den Araber, den Pakistani usw. mei­nen, haben mit Aufklärung nichts zu tun und dür­fen von den­je­ni­gen, denen es um Humanismus, um Menschenrechte geht, weder unter­stützt noch ver­tei­digt wer­den. Da kann manch “Aufklärer” durch­aus etwas vom ame­ri­ka­ni­schen Präsidenten ler­nen, der bekannt­lich im Zusammenhang mit dem Mohammed-VIdeo in pakis­ta­ni­schen Medien Informations-Videos ver­brei­ten ließ. Eine Aktion auf glei­cher Augenhöhe.

    Nochmals zurück zu Pussy Riot. Hier zwei Anlagen zur unbe­ding­ten Lektüre:

    http://www.elfriedejelinek.com/
    und
    http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1350986540903

    Kommentar über­flüs­sig!

    Walter Otte

  5. Also, daß beim Schorlemmer das Sprichwort von “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold” zutref­fen mag, schon mög­lich. Dieses Sprichwort aber so ver­all­ge­mei­nert gut zu heis­sen und ihm all­ge­meine Gültigkeit zuzu­spre­chen, da kann ich nur dras­tisch wider­spre­chen.
    Man könnte es ebenso auf Pussy Riot anset­zen, oder auf poli­ti­schen Diskurs all­ge­mein.
    Ach ja, wie warv­das noch… nicht durch Reden, son­dern durch Eisen und Blut wird ent­schie­den….
    Eisen und Blut ist Gold.

    • Eisen und Blut??? Das klingt für mich aber schon ver­däch­tig nach Blut und Boden…
      Drum ver­stehe ich nicht, was Du damit sagen willst.

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