
WEIMAR. (fgw) Krieg ist in der „christlich-abendländischen“ Welt seit dem Jahrtausendwechsel wieder salonfähig geworden. Nur nennen Politik und Mainstream-Medien den Krieg frei nach Orwell „humanitäre Einsätze zum Schutz der Menschenrechte und zur Einführung der Demokratie“. Mörderische Bombardements oder gezieltes Töten von Menschen bei solchen Aktionen heißen beschönigend Luftschläge. Widerstand gegen den Krieg als Mittel zur Durchsetzung der wirtschaftlichen und politischen Interessen von USA, NATO und EG leisten fast ausschließlich kleine linke Oppositionsparteien und eine doch stark geschwächte Friedensbewegung.
Mit seiner Schrift „Pazifismus und Antimilitarismus” will Wolfram Beyer eine Einführung in die Ideengeschichte der (vorwiegend) europäischen Friedensbewegung geben. Dabei versucht er Klarheit in die diversen Begrifflichkeiten zu bringen. Denn gerade die gewollte Begriffsverwirrung, die bewußte Manipulierung der öffentlichen Meinung, hat in den letzten Jahren dazu beigetragen, daß sogar sich links und friedensbewegt nennende Menschen NATO-Angriffe auf „unliebsame” Staaten und Regierungen kritiklos bejahen. Und die Ursachen und die Hintergründe für Menschenrechts-Kriege werden immer wieder ausgeblendet.
„Nie wieder Krieg”, „Nie wieder Faschismus!” – so überschreibt der Autor sein Vorwort und geht dabei auf den 1. September als Antikriegs- bzw. Weltfriedenstag ein.
Doch schon hier (S.9ff) zeigen sich erste Schwächen dieser Schrift. So wenn er von neueren Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft spricht, die die Beteiligung der Wehrmacht an den deutschen Kriegsverbrechen konstatiert. Nun, das mag für die alt- und neubundesdeutsche Geschichtsschreibung gelten, nicht aber für die der DDR. Denn in dieser gehörte das zum belegten Grundwissen.
Eine weitere Schwäche zeigt sich in der Klassifizierung des vietnamesischen Befreiungskampfes gegen Kolonialismus und US-Aggression als „Krieg”. Und Krieg sei zu verdammen, so die Aussage im Text. Und da sich sozialistisch orientierte Staaten auch gegen Angriffe wappneten, seien sie letztlich als militaristisch zu verdammen.
Beyer geht später auf den Krieg der faschistischen Mächte gegen das republikanische Spanien und die bewaffneten Befreiungsbewegungen in afrikanischen Kolonien ein. Er vertritt dabei sehr deutlich den Standpunkt, daß Kriegsgegner diese Kämpfe nicht unterstützen dürfen, denn Krieg sei nun mal Krieg und generell zu verurteilen.
Damit wird das Recht auf Selbstverteidigung geleugnet und sogar bekämpft. Wem nutzt das? Doch nur denjenigen, die Aggressionen begehen bzw. ihre eroberten Kolonien nicht wieder freigeben wollen. Und bei der abstrakten Isolierung des Begriffes „Krieg” bleibt die wichtige Frage der Kriegsgewinnler, und das sind zuvörderst nun mal die privaten Eigentümer der Rüstungsindustrie, weitgehend ausgeklammert.
Aber zu Recht zitiert der Autor hier den früheren SPD-„Verteidigungs”-Minister Peter Struck: „…ich bin der Meinung, die Kardinal Meisner kürzlich bei einem internationalen Soldatengottesdienst [!!!; SRK] geäußert hat: Diese Bundeswehr ist die größte Friedensbewegung Deutschlands!”
Da verschlägt es einem die Sprache, da würde sich sogar ein Orwell wundern, wie dreist doch Begriffe und Tatsachen von Politik und katholischem Klerus in ihr Gegenteil verwandelt werden.
In weiteren Kapiteln wendet sich Beyer folgenden Begriffen zu, nennt hier Namen von Personen und Organisationen, theoretische An- und Grundsätze sowie historische Entwicklungen: „Antimilitarismus”; „Pazifismus”; „Föderalismus und Frieden”; Menschenrechte und Pazifismus”; „Friedensbewegung nach dem 2. Weltkrieg”; „Gewaltfreiheit”; „Soziale Verteidigung und Friedensdienste”, „Gegenkultur und Frieden”; Denkmal – Tod und Leben des Soldaten” sowie „Ausblicke – Pazifismus aktuell”.
Viel zu kurz und eher oberflächlich geht es bedauerlicherweise im Kapitel „Ökonomie und Frieden” zu.
Im 8. Kapitel gibt es einen kurzen Abschnitt über „Kulturkritik und Humanismus”. Hier wird die enge Verbindung der christlichen Amtskirchen zu feudalem und kapitalistischem Staat aufgezeigt. Zitiert wird Bertrand Russell mit seiner Feststellung, daß der 1. Weltkrieg „in Gänze christlichen Ursprungs” sei. Beyer zeigt die frühere Einheit von Staat und Kirche auf und daß die Kirchen nicht nur Gegner von Kommunismus, Sozialismus und Liberalismus waren (und sind), sondern auch von Antimilitarismus und Pazifismus.
Von besonderem Interesse für Humanisten dürfte hingegen das 11. Kapitel sein: „Religion und weltlicher Humanismus”.
Beyer beginnt damit, daß sich heute in Deutschland die christlichen Kirchen – unwidersprochen und unhinterfragt – als DIE Adressen in Friedensfragen gerieren. Er schreibt dazu: „Die katholische und die evangelische Kirche waren und sind mehrheitlich und grundsätzlich nicht gegen Krieg.” (S.211)
Fragen wirft allerdings eine Passage auf: „Den Geistlichen wurde erlaubt, sich vom Kriegsdienst fernzuhalten und in ihrer persönlichen Lebensführung den Widerspruch zu den Gewaltfreiheitsidealen des Christentums zu reduzieren…” (S. 212)
Aber was ist mit den mönchischen Ritterorden, die aktive Kriegsheere darstellten? Und was ist mit den geistlichen Landesherren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die in unzähligen (innerdeutschen) Kriegen aktiv an der Spitze ihrer Truppen ins Gefecht zogen? Und welches sind eigentlich die immer wieder bemühten Gewaltheits- und Friedensideale des Christentums? Allein die „Offenbarung des Johannes” stellt doch eine menschenverachtende Gewaltverherrlichung sondergleichen dar…
Insofern ist es schon fragwürdig, wenn Kriegsdienstverweigerung in der Bundesrepublik fast ausschließlich mit christlichen Gewissensgründen begründet werden konnte.
Dem Abschnitt „Weltlicher Humanismus und Frieden” sind in diesem Büchlein ganze 46 Zeilen gewidmet, die leider auch nicht sonderlich aussagekräftig sind. Zumal hier Atheismus und Humanismus begrifflich in einen Topf geworfen werden (Dabei soll es doch in dieser Schrift um die Klarheit von Begriffen gehen!) Abwertend klingt durch, daß auch Atheismus keine Garantie für Demokratie und Frieden bietet. Aber ist es nicht vielmehr so, daß im Namen des Atheismus noch kein einziger Krieg geführt worden ist?
Andererseits ist Beyer im Abschnitt „Militärseelsorge” weitgehend zuzustimmen. Und da geht es nicht nur um die etablierte amtskirchliche Militärseelsorge:
„Der HVD steht allerdings, wie die Kirchen, vor einem Dilemma. Dieses betrifft, analog der Militärseelsorge der Kirchen, die ‘humanistische Soldatenberatung’. Der HVD erhebt den Anspruch einer Bekenntnisorganisation, will also neben den Kirchen als eine ‚Dritte Konfession‘ anerkannt werden. (…) Wie die Kirchen im Militär die Militärseelsorge als eine Institution im Militär organisieren, will auch der HVD Soldatenberatung gleichberechtigt anbieten, nicht ehrenamtlich, sondern auch staatlich finanziert.” (S. 219)
In einer Wehrpflichtarmee könnte eine Humanistische Soldatenberatung durchaus ihren Sinn haben, doch in einer Freiwilligenarmee, vulgo in einer Söldnerarmee, dürfte dieses Anliegen wohl fehl am Platz sein. Diesen Einwand vieler Humanisten und Freidenker am HVD-Projekt teilt der Rezensent. Die wesentlichen Kritikpunkte benennt Beyer recht deutlich zusammenfassend mit der polemischen Frage, „ob Humanisten nun in der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft, die Rolle der Kriegslegitimation übernehmen wollen”, die bis dato den Kirchen zukommt. (S. 220)
In der Militärseelsorge komme die Verbindung von Religion-Staat-Militär am offenkundigsten zum Ausdruck, hebt Beyer hervor: „Militärpfarrer sind Staatsbeamte und dem Bundesverteidigungsministerium zugeordnet.” Außerdem: „Der von den Geistlichen beider Konfessionen zu erteilende ‚lebenskundliche Unterricht‘, ebenso wie die Eidesunterweisung [!!!; SRK], sind militärische Pflichtveranstaltungen.” (S. 220)
Sehr deutlich wird der Autor im Abschnitt „Ideologisierung – Religion und Staat”, aus dem etwas ausführlicher zitiert werden soll:
„Fast alle Religionen tragen Triebkräfte für Verfolgung und Krieg, für Folter und Mord in sich [Wie lautet doch das 1. Gebot? - Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.; SRK]. Die drei Offenbarungsreligionen – Judentum, Christentum und Islam – haben gemeinsam die Überzeugung dass jeweils [ihr; SRK] Gott für ihre Religion allein die Wahrheit über sich, den Menschen und die Welt offenbart. (…) Überall dort, wo sich Religion und Staat (oder Staat mit Religion) verbindet, wird aus Religion ein Gewaltfaktor, bis hin zum Terror und/oder Staatsterrorismus. (…) Zur Kriegsführung leistet Religion den Dienst der ideologischen Militarisierung der Bevölkerung. (…) Die Religionen eint die Überzeugung, dass dem säkularen Gemeinwesen die Legitimation fehlt, die nur aus der Religion zu entnehmen sei.
Auch die Christen in Deutschland erheben diesen Anspruch und gehen selbstverständlich davon aus, dass die Kirchen für Moral- und Wertefragen des Gemeinwesens die erste Adresse sind. Dabei denkt heute die katholische Kirche modern mit den Begriffen Menschenwürde und Menschenrechte und will dazu gleich die einzige gültige Deutungskompetenz einnehmen.” (S. 221/222)
Trotz solch klarer Aussagen zum Bestehenden kommt bezüglich von Lösungsmöglichkeiten zu viel Illusionäres und Weltfremdes zum Ausdruck. Begriffe wie Krieg und Gewalt werden losgelöst von sozialökonomischen Verhältnissen betrachtet. Hinzu kommen Idealisierungen von Kerzen und Friedensgebeten.
Zu vieles in den Betrachtungen geschieht aus enger eurozentristischer Sicht, läßt andere Kulturen außer acht. Abgesehen von Gandhi, der auch hier ebenfalls idealisiert wird.
Dennoch ist diese Einführung ins Thema lesenswert und gerade dem HVD, dem Humanistischen Verband Deutschlands, zu empfehlen. Damit dieser zahlenmäßig doch recht kleine Verband sich in der „Militärfrage” nicht von der Masse religionsfreier Menschen isoliert, sie möglicherweise sogar abstößt.
Wolfram Beyer: Pazifismus und Antimilitarismus – Eine Einführung in die Ideengeschichte. 240 S. kart. Reihe theorie.org im Schmetterling Verlag. Stuttgart 2012. 10,- Euro. ISBN 3-89657-666-6
[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]
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