Donnerstag , 23 Mai 2013
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Zur Ideengeschichte von Pazifismus und Antimilitarismus

WEIMAR. (fgw) Krieg ist in der „christlich-abendländischen“ Welt seit dem Jahrtausendwechsel wie­der salon­fä­hig gewor­den. Nur nen­nen Politik und Mainstream-Medien den Krieg frei nach Orwell „huma­ni­täre Einsätze zum Schutz der Menschenrechte und zur Einführung der Demokratie“. Mörderische Bombardements oder geziel­tes Töten von Menschen bei sol­chen Aktionen hei­ßen beschö­ni­gend Luftschläge. Widerstand gegen den Krieg als Mittel zur Durchsetzung der wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Interessen von USA, NATO und EG leis­ten fast aus­schließ­lich kleine linke Oppositionsparteien und eine doch stark geschwächte Friedensbewegung.

Mit sei­ner Schrift „Pazifismus und Antimilitarismus” will Wolfram Beyer eine Einführung in die Ideengeschichte der (vor­wie­gend) euro­päi­schen Friedensbewegung geben. Dabei ver­sucht er Klarheit in die diver­sen Begrifflichkeiten zu brin­gen. Denn gerade die gewollte Begriffsverwirrung, die bewußte Manipulierung der öffent­li­chen Meinung, hat in den letz­ten Jahren dazu beige­tra­gen, daß sogar sich links und frie­dens­be­wegt nen­nende Menschen NATO-Angriffe auf „unlieb­same” Staaten und Regierungen kri­tik­los beja­hen. Und die Ursachen und die Hintergründe für Menschenrechts-Kriege wer­den immer wie­der aus­ge­blen­det.

„Nie wie­der Krieg”, „Nie wie­der Faschismus!” – so über­schreibt der Autor sein Vorwort und geht dabei auf den 1. September als Antikriegs- bzw. Weltfriedenstag ein.

Doch schon hier (S.9ff) zei­gen sich erste Schwächen die­ser Schrift. So wenn er von neue­ren Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft spricht, die die Beteiligung der Wehrmacht an den deut­schen Kriegsverbrechen kon­sta­tiert. Nun, das mag für die alt- und neu­bun­des­deut­sche Geschichtsschreibung gel­ten, nicht aber für die der DDR. Denn in die­ser gehörte das zum beleg­ten Grundwissen.

Eine wei­tere Schwäche zeigt sich in der Klassifizierung des viet­na­me­si­schen Befreiungskampfes gegen Kolonialismus und US-Aggression als „Krieg”. Und Krieg sei zu ver­dam­men, so die Aussage im Text. Und da sich sozia­lis­tisch ori­en­tierte Staaten auch gegen Angriffe wapp­ne­ten, seien sie letzt­lich als mili­ta­ris­tisch zu ver­dam­men.

Beyer geht spä­ter auf den Krieg der faschis­ti­schen Mächte gegen das repu­bli­ka­ni­sche Spanien und die bewaff­ne­ten Befreiungsbewegungen in afri­ka­ni­schen Kolonien ein. Er ver­tritt dabei sehr deut­lich den Standpunkt, daß Kriegsgegner diese Kämpfe nicht unter­stüt­zen dür­fen, denn Krieg sei nun mal Krieg und gene­rell zu ver­ur­tei­len.

Damit wird das Recht auf Selbstverteidigung geleug­net und sogar bekämpft. Wem nutzt das? Doch nur den­je­ni­gen, die Aggressionen bege­hen bzw. ihre erober­ten Kolonien nicht wie­der frei­ge­ben wol­len. Und bei der abs­trak­ten Isolierung des Begriffes „Krieg” bleibt die wich­tige Frage der Kriegsgewinnler, und das sind zuvör­derst nun mal die pri­va­ten Eigentümer der Rüstungsindustrie, weit­ge­hend aus­ge­klam­mert.

Aber zu Recht zitiert der Autor hier den frü­he­ren SPD-„Verteidigungs”-Minister Peter Struck: „…ich bin der Meinung, die Kardinal Meisner kürz­lich bei einem inter­na­tio­na­len Soldatengottesdienst [!!!; SRK] geäu­ßert hat: Diese Bundeswehr ist die größte Friedensbewegung Deutschlands!”

Da ver­schlägt es einem die Sprache, da würde sich sogar ein Orwell wun­dern, wie dreist doch Begriffe und Tatsachen von Politik und katho­li­schem Klerus in ihr Gegenteil ver­wan­delt wer­den.

In wei­te­ren Kapiteln wen­det sich Beyer fol­gen­den Begriffen zu, nennt hier Namen von Personen und Organisationen, theo­re­ti­sche An- und Grundsätze sowie his­to­ri­sche Entwicklungen: „Antimilitarismus”; „Pazifismus”; „Föderalismus und Frieden”; Menschenrechte und Pazifismus”; „Friedensbewegung nach dem 2. Weltkrieg”; „Gewaltfreiheit”; „Soziale Verteidigung und Friedensdienste”, „Gegenkultur und Frieden”; Denkmal – Tod und Leben des Soldaten” sowie „Ausblicke – Pazifismus aktu­ell”.

Viel zu kurz und eher ober­fläch­lich geht es bedau­er­li­cher­weise im Kapitel „Öko­no­mie und Frieden” zu.

Im 8. Kapitel gibt es einen kur­zen Abschnitt über „Kulturkritik und Humanismus”. Hier wird die enge Verbindung der christ­li­chen Amtskirchen zu feu­da­lem und kapi­ta­lis­ti­schem Staat auf­ge­zeigt. Zitiert wird Bertrand Russell mit sei­ner Feststellung, daß der 1. Weltkrieg „in Gänze christ­li­chen Ursprungs” sei. Beyer zeigt die frü­here Einheit von Staat und Kirche auf und daß die Kirchen nicht nur Gegner von Kommunismus, Sozialismus und Liberalismus waren (und sind), son­dern auch von Antimilitarismus und Pazifismus.

Von beson­de­rem Interesse für Humanisten dürfte hin­ge­gen das 11. Kapitel sein: „Religion und welt­li­cher Humanismus”.

Beyer beginnt damit, daß sich heute in Deutschland die christ­li­chen Kirchen – unwi­der­spro­chen und unhin­ter­fragt – als DIE Adressen in Friedensfragen gerie­ren. Er schreibt dazu: „Die katho­li­sche und die evan­ge­li­sche Kirche waren und sind mehr­heit­lich und grund­sätz­lich nicht gegen Krieg.” (S.211)

Fragen wirft aller­dings eine Passage auf: „Den Geistlichen wurde erlaubt, sich vom Kriegsdienst fern­zu­hal­ten und in ihrer per­sön­li­chen Lebensführung den Widerspruch zu den Gewaltfreiheitsidealen des Christentums zu redu­zie­ren…” (S. 212)

Aber was ist mit den mön­chi­schen Ritterorden, die aktive Kriegsheere dar­stell­ten? Und was ist mit den geist­li­chen Landesherren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die in unzäh­li­gen (inner­deut­schen) Kriegen aktiv an der Spitze ihrer Truppen ins Gefecht zogen? Und wel­ches sind eigent­lich die immer wie­der bemüh­ten Gewaltheits- und Friedensideale des Christentums? Allein die „Offenbarung des Johannes” stellt doch eine men­schen­ver­ach­tende Gewaltverherrlichung son­der­glei­chen dar…

Insofern ist es schon frag­wür­dig, wenn Kriegsdienstverweigerung in der Bundesrepublik fast aus­schließ­lich mit christ­li­chen Gewissensgründen begrün­det wer­den konnte.

Dem Abschnitt „Weltlicher Humanismus und Frieden” sind in die­sem Büchlein ganze 46 Zeilen gewid­met, die lei­der auch nicht son­der­lich aus­sa­ge­kräf­tig sind. Zumal hier Atheismus und Humanismus begriff­lich in einen Topf gewor­fen wer­den (Dabei soll es doch in die­ser Schrift um die Klarheit von Begriffen gehen!) Abwertend klingt durch, daß auch Atheismus keine Garantie für Demokratie und Frieden bie­tet. Aber ist es nicht viel­mehr so, daß im Namen des Atheismus noch kein ein­zi­ger Krieg geführt wor­den ist?

Andererseits ist Beyer im Abschnitt „Militärseelsorge” weit­ge­hend zuzu­stim­men. Und da geht es nicht nur um die eta­blierte amts­kirch­li­che Militärseelsorge:

„Der HVD steht aller­dings, wie die Kirchen, vor einem Dilemma. Dieses betrifft, ana­log der Militärseelsorge der Kirchen, die ‘huma­nis­ti­sche Soldatenberatung’. Der HVD erhebt den Anspruch einer Bekenntnisorganisation, will also neben den Kirchen als eine ‚Dritte Konfession‘ aner­kannt wer­den. (…) Wie die Kirchen im Militär die Militärseelsorge als eine Institution im Militär orga­ni­sie­ren, will auch der HVD Soldatenberatung gleich­be­rech­tigt anbie­ten, nicht ehren­amt­lich, son­dern auch staat­lich finan­ziert.” (S. 219)

In einer Wehrpflichtarmee könnte eine Humanistische Soldatenberatung durch­aus ihren Sinn haben, doch in einer Freiwilligenarmee, vulgo in einer Söldnerarmee, dürfte die­ses Anliegen wohl fehl am Platz sein. Diesen Einwand vie­ler Humanisten und Freidenker am HVD-Projekt teilt der Rezensent. Die wesent­li­chen Kritikpunkte benennt Beyer recht deut­lich zusam­men­fas­send mit der pole­mi­schen Frage, „ob Humanisten nun in der fort­schrei­ten­den Säkularisierung der Gesellschaft, die Rolle der Kriegslegitimation über­neh­men wol­len”, die bis dato den Kirchen zukommt. (S. 220)

In der Militärseelsorge komme die Verbindung von Religion-Staat-Militär am offen­kun­digs­ten zum Ausdruck, hebt Beyer her­vor: „Militärpfarrer sind Staatsbeamte und dem Bundesverteidigungsministerium zuge­ord­net.” Außerdem: „Der von den Geistlichen bei­der Konfessionen zu ertei­lende ‚lebens­kund­li­che Unterricht‘, ebenso wie die Eidesunterweisung [!!!; SRK], sind mili­tä­ri­sche Pflichtveranstaltungen.” (S. 220)

Sehr deut­lich wird der Autor im Abschnitt „Ideologisierung – Religion und Staat”, aus dem etwas aus­führ­li­cher zitiert wer­den soll:

„Fast alle Religionen tra­gen Triebkräfte für Verfolgung und Krieg, für Folter und Mord in sich [Wie lau­tet doch das 1. Gebot? - Du sollst keine ande­ren Götter neben mir haben.; SRK]. Die drei Offenbarungsreligionen – Judentum, Christentum und Islam – haben gemein­sam die Über­zeu­gung dass jeweils [ihr; SRK] Gott für ihre Religion allein die Wahrheit über sich, den Menschen und die Welt offen­bart. (…) Über­all dort, wo sich Religion und Staat (oder Staat mit Religion) ver­bin­det, wird aus Religion ein Gewaltfaktor, bis hin zum Terror und/oder Staatsterrorismus. (…) Zur Kriegsführung leis­tet Religion den Dienst der ideo­lo­gi­schen Militarisierung der Bevölkerung. (…) Die Religionen eint die Über­zeu­gung, dass dem säku­la­ren Gemeinwesen die Legitimation fehlt, die nur aus der Religion zu ent­neh­men sei.

Auch die Christen in Deutschland erhe­ben die­sen Anspruch und gehen selbst­ver­ständ­lich davon aus, dass die Kirchen für Moral- und Wertefragen des Gemeinwesens die erste Adresse sind. Dabei denkt heute die katho­li­sche Kirche modern mit den Begriffen Menschenwürde und Menschenrechte und will dazu gleich die ein­zige gül­tige Deutungskompetenz ein­neh­men.” (S. 221/222)

Trotz solch kla­rer Aussagen zum Bestehenden kommt bezüg­lich von Lösungsmöglichkeiten zu viel Illusionäres und Weltfremdes zum Ausdruck. Begriffe wie Krieg und Gewalt wer­den los­ge­löst von sozi­al­öko­no­mi­schen Verhältnissen betrach­tet. Hinzu kom­men Idealisierungen von Kerzen und Friedensgebeten.

Zu vie­les in den Betrachtungen geschieht aus enger euro­zen­tris­ti­scher Sicht, läßt andere Kulturen außer acht. Abgesehen von Gandhi, der auch hier eben­falls idea­li­siert wird.

Dennoch ist diese Einführung ins Thema lesens­wert und gerade dem HVD, dem Humanistischen Verband Deutschlands, zu emp­feh­len. Damit die­ser zah­len­mä­ßig doch recht kleine Verband sich in der „Militärfrage” nicht von der Masse reli­gi­ons­freier Menschen iso­liert, sie mög­li­cher­weise sogar abstößt.

Wolfram Beyer: Pazifismus und Antimilitarismus – Eine Einführung in die Ideengeschichte. 240 S. kart. Reihe theorie.org im Schmetterling Verlag. Stuttgart 2012. 10,- Euro. ISBN 3-89657-666-6

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

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Co-Autor des Blogs, ansonsten schreibt er für den Freigeist Weimar.

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