Samstag , 18 Mai 2013
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Fragwürdige Neu-Edition: Nackt unter Wölfen

WEIMAR. (fgw) Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman: Das sollte eigent­lich auch für die Neuherausgabe des Romans von Bruno Apitz gel­ten, der 1958 erst­ma­lig unter dem Titel “Nackt unter Wölfen” erschien und davon erzählt, wie unter den grau­sa­men Bedingungen des Konzentrationslagers Buchenwald ein jüdi­sches Kind geret­tet wurde: “Über die Gesichter der Häftlinge ging ein Glänzen, sie hat­ten lange kein rich­ti­ges Kind mehr gese­hen.” So steht es in der alten Ausgabe und auch in der neuen, die vom Aufbau-Verlag Anfang des Jahres in den Handel gebracht wurde.

von Ulrich Gellermann

Und in bei­den Ausgaben steht auch vom Ringen der ille­ga­len Häftlings-Lagerleitung, die den Aufstand plant und denen, die das Kind ver­ste­cken wol­len: Für die einen ist das Kind ein Risiko, das zur Aufdeckung ihrer Pläne füh­ren könnte, für die ande­ren ist das Kind das kleine biss­chen Hoffnung auf ein Über­le­ben, auf klei­nes Stück Leben inmit­ten des Mordens.

Nun ste­hen auf bei­den Seiten der kind­li­chen Über­le­bens­frage Kommunisten, auch der Autor war einer, so wie das kom­plette ille­gale Internationale Lager-Komitee in Buchenwald aus Kommunisten bestand. Das erschwerte und erschwert die Rezeption des Themas unter den Bedingungen der Bundesrepublik erheb­lich. Auch weil es tat­säch­lich das Kind gab, das vor dem Morden geret­tet wer­den konnte und viele der wirk­li­chen Umstände von Apitz in des­sen Buch als Vorlage genutzt wor­den sind, hat die Kritik die Neigung, den Roman an der Wirklichkeit zu mes­sen. Und die ist, wie sie immer ist: Differenziert. Apitz war einer der Über­le­ben­den aus Buchenwald, mit einer Sicht auf das Lager: Der sei­nen. Weil das so ist, und weil die Wahrheit der Bundesrepublik Kommunisten nicht ein­mal für gut befin­den kann wenn sie tot sind, wurde schon lange an “Nackt unter Wölfen” her­um­ge­mä­kelt: Für das eine geret­tete Kind des Romans sei aber in der Wirklichkeit ein ande­res gestor­ben, die Häftlinge hät­ten sich gar nicht selbst befreit und über­haupt sei das Buch letzt­lich ein SED-Propaganda-Werk.

In die­ses wun­der­same Horn der Umwertung des wert­vol­len Romans tutet nun auch der Aufbau-Verlag mit der “erwei­ter­ten Neufassung” des Romans, die ein “neues Licht” auf den Welterfolg wer­fen soll und vor allem dar­auf, dass “Apitz die Rolle der Kommunisten (ursprüng­lich) viel kon­flik­ti­ver anlegte”. Das beschert dem Band unend­lich viele Klammern, ein mehr­sei­ti­ges Nachwort der Herausgeberin Susanne Hantke und – dar­über hin­aus – edi­to­ri­sche Notizen, die uns die Klammern-Inflation erklä­ren soll. In den Büchern der DDR gab es häu­fig Nachworte. Manche waren sehr erhel­lend, man­che soll­ten nur erklä­ren, wie der Leser das Buch gefäl­ligst zu lesen habe. Frau Hantkes Anmerkungen zäh­len zu den letz­te­ren. Denn in den Klammern, so Hantke, stün­den all die geheim­nis­vol­len Sachen, die der Autor ent­we­der aus kom­mu­nis­ti­scher Selbstdisziplin oder der dama­lige Verlag aus ideo­lo­gi­schen Gründen weg­ge­las­sen habe, um irgend­wie der Rolle der Kommunisten zu schö­nen, die, so muss man anneh­men, in Wirklichkeit ganz anders war.

Auch ent­deckt Frau Hantke in einem Schulaufsatz einer DDR-Schülerin aus dem Jahr 1984, dass die von einem Besuch in Buchenwald mäch­tig beein­druckt war: “Viele Dinge sahen wird dort, die uns zum Nachdenken, zum Mahnen und zum Handeln anreg­ten.” Und gleich erin­nert sich die Herausgeberin daran, dass “Nackt unter Wölfen” zum staat­lich ver­ord­ne­ten Schulstoff gehörte und fragt sich, ob denn die Formulierung der Schülerin ehr­lich war oder nur nur die Erwartung des Lehrers wie­der­spie­gelte. So oder so ähn­lich ist die Tendenz der meis­ten Anmerkungen: Vermutungen, Fragen und Unterstellungen.

Zum Beispiel habe die alte Druckfassung den Begriff “Bergen Belsen”, das Todeslager, das dem Kind drohte, weg­ge­las­sen. Nur um die Rolle des Häftlings-Komitees, das den Jungen nicht in Buchenwald las­sen wollte, zu über­schmin­ken. An kei­ner Stelle der alten Fassung ist unklar, dass dem Kind der Tod droht, ob in Bergen Belsen oder anderswo, aber man kann ja mal ver­su­chen das Buch in sei­ner alten Fassung zu dis­kre­di­tie­ren. Und wenn das nicht reicht, dann muss die Behandlung des Buches im DDR-Schuluntericht her­hal­ten, der jene Passage nicht behan­delt habe, in der die Häftlinge das Zahngold aus den Mündern der Toten bra­chen. Man möchte sie schüt­teln, die Hantke, und ihr zuru­fen: Aber im Roman steht es doch aus­führ­lich! Auch würde man ihr gern sagen, dass die Todeslager ein gesamt­deut­sches Erbe sind und, wenn sie denn mal die Rezeption des Romans in Westdeutschland mit in ihre Betrachtungen genom­men hätte, sie auf den Namen von Walter Krämer gestos­sen wäre. Apitz kannte den im KZ ermor­de­ten Krämer und nannte eine sei­ner wich­ti­gen Figuren nach ihm, um ihn zu ehren. Eine Ehre, die Krämer auch in der israe­li­schen Gedenkstätte Yad Vashem erfah­ren hat, die ihn zu einem “Gerechten unter den Völkern” zählt, weil er 500 jüdi­schen Häftlingen in Buchenwald das Leben geret­tet hat. Krämers Heimatstadt Siegen, die nicht wenige Straßen nach ver­dien­ten Nazis benannt hatte, mochte Walter Krämer erst vor weni­gen Wochen einen Platz wid­men, obwohl es bereits unmit­tel­bar nach Kriegsende und Jahr für Jahr immer wie­der Bestrebungen in Siegen gab an ihn zu erin­nern. Aber: Krämer war Kommunist.

Wer den irri­tie­ren­den und sinn­lo­sen Klammern aus dem Weg gehen und sich trotz­dem ein wich­ti­ges Werk deut­scher Literatur aneig­nen will, kann mit der Taschenbuchausgabe der alten Fassung sehr glück­lich wer­den.

[Dafür sei dem freigeist-weimar.de an die­ser Stelle eine Klammer mit einer Information gestat­tet: Gleich nach 1990 wurde in Weimar der Name von Walter Krämer aus dem Stadtbild getilgt; SRK]

(mit freund­li­cher Genehmigung von rationalgalerie.de )

Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen. Roman. 586S. geb. Aufbau Verlag Berlin 2012. 22,99 Euro, ISBN 978-3-351-03390-3

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

Über SRK

Co-Autor des Blogs, ansonsten schreibt er für den Freigeist Weimar.

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