Montag , 20 Mai 2013
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Laizismus: Atheismus als überflüssiges Schreckgespenst

WEIMAR. (fgw) Religion: Was ist das? Der DDR-sozialisierte Philosoph Alfred Kosing (Jg. 1928) unter­sucht in sei­nem bereits 2010 erschie­ne­nen Buch “Im Schatten des Kreuzes” die geis­ti­gen Grundlagen der Christentums und die Geschichte der Kirche(n), um dann nach ihrem Platz in einer säku­la­ren Gesellschaft zu fra­gen. Anlaß sei­ner lei­der in der ver­öf­fent­lich­ten Meinung viel zu wenig beach­te­ten Streitschrift sind aktu­elle Versuche der Retheologisierung in der Politik, reli­giöse Anwandlungen selbst bei lin­ken Atheisten und die Folgen des christ­li­chen Fundamentalismus für Staat, Kultur, Moral und Wissenschaft. Den Anstoß für diese Auseinandersetzung gaben ihm Gregor Gysi (DIE LINKE) mit einem Artikel in “Kompass”, der Zeitschrift des katho­li­schen Militärbischofs, und der poli­ti­sie­rende Theologe Richard Schröder (SPD) mit dem Buch “Abschaffung der Religion?” (Herder 2009)

Gysi hatte geschrie­ben: “Ohne die Religionen, ohne den Glauben, ohne die Kirchen gäbe es keine Grundlage für all­ge­mein ver­bind­li­che Moralnormen gegen­wär­tig in unse­rer Gesellschaft. Das hätte zer­stö­re­ri­sche Konsequenzen. Obgleich ich nicht reli­giös bin, fürchte ich also eine gott­lose Gesellschaft nicht weni­ger als jene, die reli­giös gebun­den sind.”

Dazu Kosing, dem Gysis Behauptung, daß die Kirchen in der gegen­wär­ti­gen Gesellschaft die ein­zige Instanz seien, wel­che eine all­ge­mein ver­bind­li­che Moral ver­tre­ten wür­den, keine Ruhe läßt: “Welche Moral hat Gysi hier im Sinn, was sind ihre Grundlagen und ihre Inhalte, und inwie­fern ist diese Moral geeig­net, all­ge­mein ver­bind­lich zu sein, wird man ziem­lich apo­dik­ti­sche Urteil wohl hin­ter­fra­gen müs­sen, um zu ver­ste­hen, wovon hier die Rede ist. Meint er mit die­ser ver­bind­li­chen Moral den ‘Mosaischen Dekalog’, (…) des­sen ers­tes Gebot lau­tet ‘Ich bin der Herr Dein Gott, und du sollst keine ande­ren Götter haben neben mir’?” (S. 10)

Mehr muß mal wohl zu Gysis Lobpreisung der christ­li­chen Amtskirchen und ihrer Militärbischöfe nicht sagen!

Kosing geht in sei­ner Auseinandersetzung mit Gysi der Frage nach: “Religion – was ist das?” Er schreibt dazu: “Die Frage, was Religion sei, ist aus vie­len Gründen nicht ein­fach zu beant­wor­ten, denn es gab und gibt sehr viele und sehr unter­schied­li­che Religionen, die im Laufe ihrer geschicht­li­chen Entwicklung ihren Inhalt und Charakter mit­un­ter ganz erheb­lich ver­än­der­ten. (…) Denn es gibt ja nicht ‘die Religion’, son­dern eine Vielzahl unter­schied­li­cher Religionen…” (S. 19)

Und der Philosoph zählt die wesent­li­chen cha­rak­te­ris­ti­schen Merkmale auf, mit denen die Wissenschaft den Begriff Religion und ihr Wesen zu erfas­sen ver­sucht. Er wen­det sich auch der Behauptung ins­be­son­dere der katho­li­schen Kirche zu, daß der Glaube an den christ­li­chen Gott bereits in der mensch­li­chen Natur ange­legt sei.

Bezogen auf Joseph Ratzinger schreibt Kosing: “…erklärte er auf der Generalkonferenz der latein­ame­ri­ka­ni­schen Bischöfe im Mai 2007, daß die Völker Südamerikas, also Azteken, Maya, Inka und andere in ihren Religionen eigent­lich immer Christus gesucht hät­ten. ‘Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehn­ten.’ (…) Daß diese Völker im Verlauf der Christianisierung weit­ge­hend aus­ge­rot­tet und ihre Kulturen ver­nich­tet wur­den, scheint den ‘Heiligen Vater’ nicht wei­ter zu stö­ren, wich­tig ist nur, daß sie ‘auf die Wege des Evangeliums’ aus­ge­rich­tet wur­den.” (S. 21)

“Das Christentum und seine geis­ti­gen Grundlagen” (u.a. das Alte und Neue Testament kri­tisch refe­rie­rend) ist das nächste Kapitel über­schrie­ben. Hierauf soll nicht näher ein­ge­gan­gen wer­den, denn zu die­sem Thema ist – mit glei­chen oder ähn­li­chen Aussagen – bereits ander­wei­tig geschrie­ben wor­den.

Bei der Frage jedoch, ob die Bibel Gottes Wort sei, beginnt die Auseinandersetzung mit dem Theologen Schröder. Hier sei etwas aus­führ­li­cher zitiert:

“Mit der DDR hat Schröder es ganz beson­ders. Alle nur mög­li­chen Vergehen, Untaten und Verbrechen wer­den die­sem ‘athe­is­ti­schen Staat’ ange­dich­tet, immer sehr pau­schal, ohne Details und ohne Belege, aber oft die Realität und die vor­ge­führ­ten Auffassungen ver­fäl­schend, mal etwas geschick­ter, aber meist doch recht pri­mi­tiv. (…) …angeb­lich gehen alle Untaten und Missetaten nicht nur der DDR, son­dern ‘des Kommunismus’ über­haupt auf den Atheismus zurück. (…) es ist ein­fach nicht wahr, daß jemand in der DDR dar­über Rechenschaft abzu­le­gen hatte, was, wie­viel und in wel­cher Weise er von der Bibel glaubte oder nicht glaubte (…) Im Unterschied zur BRD, wo in fast allen Unterlagen die Frage nach der Religionszugehörigkeit auf­taucht, inter­es­sierte das herz­lich wenig.” (S. 53)

Ein län­ge­res Kapitel ist über­schrie­ben “Aus der Geschichte der christ­li­chen Religion und Kirche”. Hier wen­det Kosing sich fol­gen­den Themen zu: “Urchristliche Gemeinden”; “Der große Sündenfall der christ­li­chen Religion”; “Die christ­li­che Kirche wird mit­tel­al­ter­li­che Weltmacht”; Christliche Nächstenliebe in Aktion: Die Kreuzzüge”; “Christliche Finanztheologie” und “Reformation – Gegenreformation – Religionskriege”. Auch hier­auf soll nicht näher ein­ge­gan­gen wer­den, denn auch hierzu ist bereits ander­wei­tig glei­ches oder ähn­li­ches geschrie­ben wor­den.

Einige wenige Zitate sol­len aber den­noch ange­bracht wer­den: “…Klöster waren nicht nur Stätten from­mer Lebensführung, son­dern vor allem große land­wirt­schaft­li­che Wirtschaftsbetriebe, auf denen oft Tausende von Sklaven und Kolonen [spä­ter dann Leibeigene; SRK] arbei­te­ten und aus­ge­beu­tet wur­den. Wenn spä­ter von der katho­li­schen Kirche gerne behaup­tet wurde, sie hätte das Los der Sklaven erhebn­lich ver­bes­sert, wenn nicht gar die Sklaverei abge­schafft, dann ist das eine völ­lige Verdrehung der Tatsachen. Schon seit Paulus hatte die christ­li­che Religion die Sklaverei als ganz nor­mal [siehe dazu auch die Zehn Gebote; SRK] akzep­tiert und Paulus ermahnte die christ­li­chen Sklaven zu Gehorsam und Demut gegen­über ihren Herrn.” (S. 75/76)

Zur Christianisierung Europas heißt es: “Der größte Teil der erober­ten Ländereien wurde sogleich der Kirche über­eig­net. (…) Die Bekehrung zur ‘Religion der Liebe und des Friedens’ erfolgte über­wie­gend in Form der gewalt­sam erzwun­ge­nen Massentaufe, denn auf Verweigerung der Taufe stand die sofort zu voll­zie­hende Todesstrafe.” (S. 77) Von der Kirche selbst als “Schwertmission” umschrie­ben.

Zur Selbstdarstellung der Kirchen als “Kirche der Armen” schriebt Kosing: “…sie gehö­ren mit all ihren Besitztümern zwei­fel­los zu den reichs­ten Institutionen der Welt.” Und er stellt die Frage aller Fragen, die auch die poli­ti­sche Linke scheut wie der Teufel das Weihwasser: Wie denn die Kirchen zu ihrem Reichtum gekom­men sind!
(…)
Die katho­li­sche Kirche war schon im Römischen Reich einer der größ­ten Grundbesitzer, so besaß der römi­sche Bischof im 6. Jahrhundert nur auf Sizilien 400 Güter (…) in der mit­tel­al­ter­li­chen Feudalgesellschaft wuchs ihr Besitztum kon­ti­nu­ier­lich wei­ter, so daß ihr (…) vor der Reformation und Kirchenspaltung weit mehr als ein Drittel des gesam­ten Bodens gehörte.

Aber der Grundbesitz war nicht nur ein­fach Land; das waren bewirt­schaf­tete Latifundien, Gutshöfe und Bauerhöfe mit Tausenden von Sklaven leib­ei­ge­nen Bauern und ande­ren abhän­gi­gen Arbeitskräften (…) eine Bischofskirche konnte gut tau­sende Höfe mit 20.000 bis 30.000 Beschäftigten ihr Eigentum nen­nen. (…) Ebenso ver­füg­ten die zahl­lo­sen Klöster nicht nur über gro­ßen Grundbesitz, sie betrie­ben Viehzucht, Weinbau, besa­ßen Bäckereien, Kornspeicher, Mühlen, Brauereien und Marktplätze.” [und lie­ßen hier stets andere für sich arbei­ten...; SRK] Und “nicht in jedem Falle war es not­wen­dig, Dokumente zu fäl­schen, denn es gab auch Wege an echte Schenkungen und Vermächtnisse zu kom­men. Diese unchrist­li­che Methode, die eben­falls sehr erfolg­reich war, nennt man heute schlicht Nötigung, Erpressung und Erbschleicherei. (…) es gibt bis heute noch Praktiken der Kirche, die man nur als Nachklang die­ser christ­li­chen Finanztheologie bezeich­nen kann, so wenn katho­li­sche und evan­ge­li­sche Kirche in ‘öku­me­ni­scher Eintracht’ vom Staat unter Berufung auf Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 (…) der längst seine Gültigkeit ver­lo­ren hat, enorme Geldzahlungen for­dern.” (S. 101ff.)

Und auch anstands­los bekom­men, wäre noch hin­zu­zu­fü­gen.

Doch wie wei­ter? Weiter so? Oder Menschenrechte über “Gottes Wille”, den ein­zig die Priesterkaste defi­niert, stel­len?

Darauf geht Kosing in dem Kapitel “Religion und Kirche in der säku­la­ren Gesellschaft” ein. Er weist u.a. dar­auf hin, daß es erste Säkularisierungsforderungen schon Anfang des 15. Jahrhunderts gab, geäu­ßert von Jan Hus. Kosing geht es hier um die Frage, wel­chen Inhalt und wel­chen Sinn Religion in der heu­ti­gen Welt haben und wel­che Rolle sie im Leben einer moder­nen, plu­ra­len und säku­la­ren Gesellschaft und in einem lai­zis­ti­schen Staat spie­len kann. Angesprochen wer­den Bismarcks Bemühungen zur Trennung von Staat und Kirche, die Bestimmungen der Weimarer Reichsverfassung, aber auch rück­wärts­ge­wandte Entwicklungen mit dem Konkordat von 1933.

Der Autor hin­ter­fragt den Artikel 140 des Grundgesetzes und ver­tritt die Ansicht, daß es 1948/49 durch­aus auch die Option gege­ben habe, daß Verhältnis von Staat und Religion (ins­be­son­dere das Verhältnis zu den bei­den Amtskirchen) im Sinne eines demo­kra­ti­schen säku­la­ren Staates zu regeln. Damit seien die Weichen für eine Konfessionalisierung der Politik gestellt wor­den.

Kosing geht geht u.a. auf die reli­giöse Eidesformel als Normalfall ein: “…Privatsache, die in staat­li­chen Akten abolut nichts zu suchen hat. ‘So wahr mir Gott helfe’ lau­tet die übli­che Formel; aber was ist, wenn ‘Gott’ nicht hilft, ist man dann an den Eid nicht mehr gebun­den? Und da ‘Gott’ bekannt­lich nicht hel­fen kann, ist das Ganze nichts wei­ter als eine unsin­nige Konzession an kle­ri­kale Politik.” (S. 142) Wie auch der Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes, die wie Kosing zu Recht sagt, gegen die Erfordernisse einer säku­la­ren Verfassung ver­stößt.

Da war die Weimarer Reichsverfassung doch deut­lich wei­ter als das bun­des­deut­sche Grundgesetz, denn die Präambel von 1919 lau­tete kurz und knapp, ‘Gott’ kommt darin nicht vor!: “Das Deutsche Volk, einig in sei­nen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuen und zu fes­ti­gen, dem inne­ren und dem äuße­ren Frieden zu die­nen und den gesell­schaft­li­chen Fortschritt zu för­dern, hat sich diese Verfassung gege­ben.”

Beim Gottesbezug des Grundgesetzes kommt Kosing wie­der auf Schröder zurück: “Theologe Schröder hat dafür eine inter­es­sante Begründung, die man wohl nur humo­ris­tisch neh­men kann. ‘Was das für die Art der Verantwortung besagt, dürfte wohl auch ein Atheist ver­ste­hen. >>Vor Gott<< heißt hier: Trickserei geht nicht. Wer geschickt ist, kann Menschen ziem­lich lange nar­ren, ver­füh­ren, blen­den, sprich Verantwortung vor­täu­schen.’ Ob das theo­lo­gi­sche Logik ist?”, fragt Kosing. (S. 143) Nun, so meint der Rezensent, da hat Schröder ein­fach mal aus dem jahr­tau­sen­de­al­ten Nähkästchen sei­ner eige­nen Priesterkaste geplau­dert…

Zu Schröder schreibt Kosing wei­ter, daß die­ser stets vom athe­is­ti­schen Programm der SED und vom athe­is­ti­schen Staat DDR rede. Nur, so Kosing tro­cken, der Begriff Atheismus kam zu kei­ner Zeit im SED-Programm und auch nicht in der DDR-Verfassung vor.

Kosing resü­miert: “…wie Geschichte nun in haar­sträu­ben­der Weise ver­fälscht und mit­un­ter gera­dezu ins Gegenteil ver­kehrt wird, davon zeugt ein Buch wie ‘Abschaffung der Religion?’ des Theologen sehr anschau­lich.” (S. 151) Hierfür führt Kosing eine ganze Reihe von Schröder-Zitaten an, für die die Vokabel “haar­sträu­bend” eigent­lich nur höf­lich gemeint sein kann.

Der Autor geht im Abschnitt “Christliche Religion und Kultur” nicht nur auf die Zusammenhänge von Religionen und Kultur in der Menschheitsgeschichte ein. Vielmehr setzt er sich mit einem Mißbrauch aus­ein­an­der: “Es ist weit­hin üblich gewor­den, sehr undif­fe­ren­ziert von der ‘christ­li­chen Kultur’ des Abendlandes zu spre­chen und den Eindruck zu erwe­cken, das Christentum allein sei die ent­schei­dende Grundlage der euro­päi­schen Kulturentwicklung gewe­sen.” (S. 161) Kosings Ausführungen ist aus kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Sicht voll zuzu­stim­men.

Das gilt auch für den Abschnitt “Christlich-religiöse Moral?” Hier räumt er mit dem von Klerus, Politik und Medien gepfleg­ten Vorurteil auf, daß Moral mehr oder weni­ger auto­ma­tisch der christ­li­chen Religion zuzu­ord­nen und ihr unter­zu­ord­nen sei, weil allein diese Religion die Grundlage für Moral bilde. Damit Klarheit in die Debatte kommt, geht es Kosing um klare Definitionen; ins­be­son­dere zu den Begriffen Moral und Ethik. Und er hin­ter­fragt die hei­li­gen Zehn Gebote, stellt diese der gesell­schaft­li­chen Realität im Laufe der Geschichte gegen­über.

In Kosings Betrachtungen darf natür­lich “Das Verhältnis von Wissenschaft und Religion” nicht feh­len. Wie es darum bestellt war und ist, das macht er hier­mit deut­lich: “In der Gegenwart unter­nimmt die katho­li­sche Kirche unter dem Papst Benedikt XVI. große Anstrengungen, das Rad der Geschichte noch­mals zurück zu dre­hen und Wissenschaft wie kri­ti­sche Vernunft erneut eini­gen angeb­lich höhe­ren Glaubenswahrheiten zu unter­wer­fen.” (S. 218)

Zum “Atheismus als über­flüs­si­ges Schreckgespenst” schreibt der Philosoph Kosing: “…Theologen, die sich ein­fach nicht vor­stel­len kön­nen, daß es Menschen ganz ohne Religion geben könne. Atheisten haben über­haupt keine Religion und benö­ti­gen sie auch nicht, weil sie ihre Über­le­gun­gen und Handlungen auf Wissen und Erfahrung zurück­füh­ren und begrün­den.

Das scheint über den Horizont eines Theologen hin­aus­zu­ge­hen, weil er glaubt, ohne gött­li­che Hilfe keine posi­ti­ven Verbindlichkeiten für sein Leben fin­den zu kön­nen. ‘Und Atheismus, also die Leugnung der Existenz Gottes, benennt eine Vermeinung’, schreibt Schröder. Das ist aller­dings schon eine bewußte Irreführung, denn leug­nen kann man nur die Existenz von etwas Existierendem, die Existenz ‘Gottes’ ist aber keine Tatsache, son­dern bes­ten­falls eine Glaubensannahme, und diese abzu­leh­nen ist nicht die Leugnung einer Existenz, son­dern die Ablehnung eines Glaubens.” (S. 274/275)

“Einen ver­söhn­li­chen Abschluß” bie­tet Kosing am Ende sei­nes Buches an. Dieses “ver­söhn­lich” darf aber nicht miß­ver­stan­den wer­den, soll wohl eher eifern­den Klerikern ein wenig den Wind aus den Segeln neh­men. Lassen wir also den Philosophen daher noch­mals zu Worte kom­men:

“Meine kri­ti­schen Analysen ver­schie­de­ner his­to­ri­scher und aktu­el­ler Probleme der christ­li­chen Religion mögen von man­chen Lesern viel­leicht als ‘reli­gi­ons­feind­lich’ emp­fun­den wer­den, aber sie sind nicht dar­auf gerich­tet die Religion abzu­schaf­fen (…) Diese Auffassung stützt sich auch auf Erfahrungen aus der Entwicklung des Verhältnisses von Religion, Kirche und Staat in der DDR. Bei allen Problemen, die es in die­sem Feld gege­ben hat, wende ich mich gegen Versuche, die­ses Verhältnis ein­fach in eine Verfolgung der Religion umzu­fäl­schen. (…)

Ein ver­trau­ens­vol­ler und Dialog [zwi­schen Christen und Atheisten bzw. zwi­schen Klerus und lin­ken Politikern z.B.; SRK] ver­langt jedoch keine Anbiederung, um Über­ein­stim­mung vor­zu­täu­schen, wo es sie nicht gibt, son­dern einen offe­nen und ehr­li­chen Umgang mit­ein­an­der. Das schließt auch wech­sel­sei­tige Kritik ein, denn nur so kann wech­sel­sei­ti­ges Verständnis und Vertrauen wach­sen.
(…)
…aller­dings halte ich den Weg [Gysis; SRK] einer ‘reli­giö­sen Anbiederung’ für grund­falsch und eher kon­tra­pro­duk­tiv, denn ich bezweifle, daß über­zeugte Christen einem Nichtreligiösen enrnst­haft abneh­men, er ‘fürchte eine gott­lose Welt’, ganz abge­se­hen davon, in wel­che Widersprüche er sich mit die­ser Auffassung ver­wi­ckelt.” (S. 282 – 284)

Vielleicht sollte sich gerade die füh­rende Politiker der LINKEN die­sen Schlußfolgerungen nicht ver­wei­gern.

Zu Kosings Buch ist zwei­er­lei zu sagen: Erstens, es ist bril­li­ant geschrie­ben, fak­ten­reich, argu­men­ta­tiv, wis­sen­schaft­lich und zugleich ver­ständ­lich. Und zwei­tens, es sollte unbe­dingt eine bal­dige Neuauflage und mög­lichst große Verbreitung fin­den.

Alfred Kosing: Im Schatten des Kreuzes. Der Einfluß der Kirche auf Staat und Gesellschaft. 284 S. kart. ver­lag am park in der edi­tion ost. Berlin 2010. 16,90 Euro. ISBN 978-3-89793-253-1

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

Über SRK

Co-Autor des Blogs, ansonsten schreibt er für den Freigeist Weimar.

3 Kommentare

  1. Sehr neu­gie­rig machende Buchbesprechung. Buch schon bestellt. Dank an Siegried Krebs.

  2. Muss natür­lich »Siegfried Krebs« hei­ßen! ‘tschul­di­gung!

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