WEIMAR. (fgw) Am 18. Oktober veröffentlichte die “Thüringer Allgemeine” einen Leserbrief aus Ilmenau, unterschrieben mit Prof. Dr. Hartmut Witte. Ilmenau ist Standort einer renommierten Technische Universität. Der Schreiber bezieht sich auf einen Artikel in dieser Zeitung “Professoren trauern dem Diplom nach, Kultusminister Matschie hält dagegen” vom 12. Oktober 2012.

Der Titel des Amtsblattes
eines Kultusministeriums spricht
für sich: Kultus (also Religion)
steht an erster Stelle, erst dann
kommt der Unterricht.
In dem Leserbrief heißt es u.a.:
“Wenn man den Sachargumenten der Professoren nichts entgegenzuhalten hat, schiebt man’s halt ins Gefühlsduselige. ‘Trauern’ soll heißen ‘die sind rückwärtsgewandt’. Diese Diffamierung ist von den Spin-Doktoren der Bildungspolitik clever aufgebaut worden und wird nach zehn Jahren Propaganda [gemeint ist die Umstellung der Studiengänge vom Diplom auf Bachelor und Master; SRK] heute bereits als angebliche Tatsache von den Medien unterstellt.
‘Trauern’ passt als Begriff aber viel besser zum politischen Entscheider-Gremium, der Kultusministerkonferenz. In dieser sitzen zwar Theologen, aber weder Ingenieure noch Naturwissenschaftler. Dennoch wissen diese Experten besser als die rückwärtsgewandten (früher nannte man das ‘erfahrene’) Professoren, wie man Ingenieure ausbildet.
Dementsprechend wird der Theologe Matschie, wie im Leitartikel reflexartig hervorgehoben, keine Häresie zulassen.”
Der Herr Professor hat zwar Recht und ihm ist voll und ganz zuzustimmen, dennoch sei ein Einwand gestattet. Er kritisiert die bundesdeutsche Kultusministerkonferenz als solche und daß darin Theologen sitzen.
Doch wenn man Kultus im Wortsinne nimmt, dann gibt es nichts an den Entscheidungen dieser Kultusministerkonferenz und auch an ihrer Zusammensetzung zu kritisieren.
Denn der Begriff Kultus bedeutet das Ressort der Religiösen Angelegenheiten, das früher in der deutschen Monarchie mit dem Ressort Schulung in einem Kultusministerium zusammengefaßt war. Zumal ja seinerzeit der Staat die Schulaufsicht in die Hände des Klerus gelegt hatte.
Und trotz der seit 1919 verfassungsgemäß gebotenen Trennung von Staat und Kirche und der Trennung der Schule von der Kirche leben die Kultusminister und die Kultusministerien in der Bundesrepublik Deutschland ungebrochen weiter. Man schaue doch bloß mal ins Grundgesetz, dieses benennt einzig den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen. (Art.7). Und in nicht wenigen Landesverfassungen ist sogar als oberstes Erziehungsziel “die Ehrfurcht vor Gott” festgeschrieben. Folglich sind Mathematik, Naturwissenschaften etc. ganz offiziell zweitrangig…
Also sind die bundesdeutschen Kultusminister, wenn sie denn sogar Theologen sind, streng genommen nicht für die qualifizierte Ausbildung von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren zuständig, dafür sind sie aber wegen ihres christlichen Glaubens all-kompetent.
Weitere Schlußfolgerungen aus dem Leserbrief möge jeder selbst ziehen…
Im übrigen, der Leserbriefschreiber ist keine nörgelnde SED-Altlast, wie manch einer ob seiner klaren Worte vermuten könnte. Zur Person des 1961 in Wanne-Eickel Geborenen gibt z.B. die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig folgende Auskunft: Hartmut Friedrich Witte, Prof. Dr. med. habil., Dipl.-Ing., Professor für Biomechatronik an der Technischen Universität Ilmenau, Ordentliches Mitgliedes dieser Akademie in der Technikwissenschaftlichen Klasse.
[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]
Nics Bloghaus
Dualismus Theorie und Praxis. Zunächst wird Theorie immernoch wie im Mittelalter mit Theologie gleichgesetzt. Wir haben keinen Fachkräftemangel, sondern eine Tradition, diesen Kräften keine Chance zu geben. Ihnen bleibt das überqualifizierte Ehrenamt oder lieber gleich Dr.-BWL zur Vollendung des Gotteswerkes statt Dipl.-Ing. mit ethischer Grundausbildung. Richtige Unbegabtenförderung s. Dr. Schavan, Fachkraft für Gewissen und Seele. 1/2 Gewissen + 1/2 Seele = 1 Gott. Diese Grundrechenart zu beherrschen, reicht für einen Heiligenschein im Kultusministerium.