Sonntag , 19 Mai 2013
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Bertrand Russell

Ich per­sön­lich bin der Über­zeu­gung, dass es kei­nen Unsinn gibt, den eine Regierung ihren Untertanen nicht ein­re­den könnte. Man stelle mir eine ange­mes­sene Armee zur Verfügung und gebe mir die Möglichkeit, sie so zu bezah­len und zu ernäh­ren, dass ihr Los sich von dem des Durchschnittsbürgers ange­nehm unter­schei­det und ich mache mich anhei­schig, die Mehrheit der Bevölkerung inner­halb von drei­ßig Jahren davon zu über­zeu­gen, dass zwei und zwei drei ist, dass Wasser gefriert, wenn man es erhitzt, und kocht, wenn es sich abkühlt, und der­glei­chen Unsinn mehr. Selbstverständlich wür­den die Leute trotz die­ser neuen Erkenntnisse den Teekessel nicht in den Eisschrank stel­len, wenn sie kochen­des Wasser brau­chen. Dass Wasser durch Kälte zum Kochen gebracht wird, würde eine Sonntagswahrheit blei­ben, etwas Heiliges und Mystisches, das nur in ehr­furchts­vol­lem Ton erwähnt wer­den dürfte, im prak­ti­schen Leben aber keine Anwendung fände. Wer sich ein­fal­len ließe, die mys­ti­sche Doktrin mit dreis­ten Worten zu ver­leum­den, würde sich damit außer­halb des Gesetzes stel­len und hätte als Ketzer den »Kältetod« auf dem Scheiterhaufen zu erwar­ten. Alle, die dem neuen Staatsglauben nicht begeis­tert zustimm­ten, müss­ten aus dem Lehramt oder ande­ren wich­ti­gen Staatsstellungen ent­fernt wer­den. Nur den höchs­ten Würdenträgern dürfte gestat­tet sein, in leicht ange­trun­ke­nem Zustand ein­an­der zuzu­flüs­tern, welch haar­sträu­ben­der Unfug das Ganze sei; sie wür­den dann lachen und wei­ter­trin­ken. Leider ist, was ich hier skiz­ziere, nicht ein­mal Karikatur; denn es deckt sich nahezu völ­lig mit dem, was unter eini­gen moder­nen Regierungssystemen tat­säch­lich geschieht.
Bertrand Russel

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

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