Dienstag , 21 Mai 2013
Du bist hier: Startseite >> Literatur >> Erwin Strittmatter und der Krieg unserer Väter

Erwin Strittmatter und der Krieg unserer Väter

Drommer: Strittmatter-Biografie (Cover eBook)

Drommer: Strittmatter-Biografie (Cover eBook)

Bereits vor 12 Jahren hat Günther Drommer beim Aufbau-Verlag eine Strittmatter-Biografie vor­ge­legt: „Des Lebens Spiel“ hieß sie. Nachdem Erwin Strittmatter post­hum von meh­re­ren Feuilletons in den Ruch eines Kriegsverbrechers gebracht wurde, wehrt Drommer sich mit einer wei­te­ren Biografie dage­gen.

In „Erwin Strittmatter und der Krieg unse­rer Väter“ ver­sucht er, Strittmatter als Kind sei­ner Zeit zu begrei­fen und stellt klar, dass Vieles an Strittmatters Lebenslauf – soweit er sich noch dar­stel­len lässt – ein nor­ma­ler deut­scher Lebenslauf ist. Einer, wie ihn Millionen vor­wei­sen kön­nen, die die Jahre des „Dritten Reiches“ mit­er­leb­ten. Wer ihm unter­stellt, an Kriegsverbrechen betei­ligt gewe­sen zu sein, tut das – so Drommer – nur des­halb, weil Erwin Strittmatter als einer der weni­gen viel­ge­le­se­nen Schriftsteller der ehe­ma­li­gen DDR die­sem Land nie den Rücken gekehrt hat.

Das klingt pole­misch und ist es auch. Es ist die Schwäche des Buches, dass Drommer die Tatsachen, die er mühe­voll her­aus­ar­bei­tet an eini­gen Stellen zu pole­misch denen um die Ohren pfef­fert, die Strittmatter angrif­fen. Als selbst in der DDR Aufgewachsener darf ich das sagen. Ich kann ver­ste­hen, dass er Angriffe gegen Strittmatter zurück­weist. Ich kann auch ver­ste­hen, dass er sich gegen die Vereinnahmung ost­el­bi­scher Biografien durch west­li­che Kritiker wen­det. Ich kann nach­voll­zie­hen, wie es sich anfühlt, gesagt zu bekom­men, wie wir in die­sem Teil Deutschlands leb­ten. Ob es not­wen­dig ist, sich dabei einer „Wie-Du-mir-so-ich-dir“-Polemik zu beflei­ßi­gen mag ich nicht beur­tei­len. Es klingt des­halb ein wenig nach Ossi-Jammerei, wenn er schreibt:

„In die­ser soge­nann­ten Diktatur, die ich jeden­falls als sol­che nicht emp­fand und nicht emp­fin­den konnte, habe ich die ers­ten fünf­zig Jahre mei­nes Lebens ver­bracht. Abgeduckt, feige, kor­rum­piert, bemit­lei­dens­wert? So soll ich es erlebt haben, jeden­falls nach dem Willen derer, die mein Leben bes­ser ken­nen wol­len als ich selbst?“

Dabei hat Drommer wirk­lich etwas zu berich­ten. Er hat sich nicht nur in die Vergangenheit Erwin Strittmatters bewegt; er hat auch das Leben sei­nes Vaters unter­sucht. Und stellt sich der – von ihm ver­tei­dig­ten – Kollektivschuld der Deutschen im zwei­ten Weltkrieg. Er lis­tet akri­bisch auf, wann Strittmatter wo im Kriegseinsatz war; er nennt Zahlen und Fakten; nennt Einsatzorte und –zei­ten. Und ver­schweigt nicht, dass die Polizeieinheit, zu der Strittmatter ein­be­ru­fen wurde, gegen Partisanen ein­ge­setzt wurde. Aber es gibt kei­ner­lei Beweis dafür, dass Erwin Strittmatter – der in der Schreibstube eige­setzt war – betei­ligt war. Es ist jedoch davon aus­zu­ge­hen, dass er ver­mut­lich von den Kriegsverbrechen infor­miert war.

So schreibt Drommer: „Obwohl fest­steht, dass Erwin Strittmatter 1940 und auch Anfang 1945 kein Antifaschist war, spricht aus sei­nen spä­te­ren Büchern genau so deut­lich ein Antifaschist zu uns wie aus denen des Mitglieds der Reiter-SA seit 1938 und Weltkriegssoldaten, des ande­ren Dichters, Franz Fühmann (»Kameraden«, »Das Gottesgericht«, »König Ödi­pus«) und aus denen zahl­rei­cher Schriftsteller in Ost und West. Alle zusam­men sind sie in ihren Büchern Zeugen eines Weges hin zur Wahrheit.“ Und stellt dem die Ehrung von ehe­ma­li­gen Wehrmachtsoffizieren (auch ehe­ma­li­gen Vorgesetzten Stittmatters!) in der Bundesrepublik Deutschland gegen­über, die sich nie mit ihrer Vergangenheit kri­tisch aus­ein­an­der­setz­ten.

„In Griechenland hat es wäh­rend des Zweiten Weltkriegs rund sech­zig, sowohl das Völkerrecht als auch das Kriegsrecht ver­let­zende Massaker und soge­nannte Sühneerschießungen gege­ben. Mehr als zwei­hun­dert Strafverfolgungsanträge zu Verletzungen des Völker- und Kriegsrechts durch die 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division und ihre Mordtaten in die­sem Lande wur­den gegen Täter und befehls­ge­bende Täter gestellt. In der Bundesrepublik Deutschland hat­ten sie juris­tisch gese­hen alle­samt berech­tigte Aussichten auf Erfolg. –Nicht in einem ein­zi­gen Fall ist es zu einer Verurteilung vor einem west­deut­schen Gericht gekom­men…“ Man mag über das Rechtssystem der DDR den­ken, was man mag; aber Kriegsverbrecher wur­den rigo­ros ver­folgt und ver­ur­teilt. So auch in dem von Drommer geschil­derte Fall des ehe­ma­li­gen SS-Obersturmführers der Waffen-SS, Heinz Barth, der 1983 zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt wurde und nach der Wiedervereinigung auf freien Fuß kam. „Ihm wurde eine Rente als ‚Kriegsopfer‘ zuge­bil­ligt.“

Ich bin mir ehr­lich gesagt nicht sicher, ob diese Gegenüberstellungen: hier die DDR und der sich mit sei­ner Vergangenheit aus­ein­an­der set­zende Erwin Strittmatter – dort die (alte) Bundesrepublik mit ihrem Vertuschen und Verstecken der Aussage des Buches; die eigent­lich eine objek­tive Darstellung der Wehrmachtszeit des Dichters sein soll, dient. Ob nicht viel­mehr die Polemik den Blick (für den Leser) auf die rei­nen Tatsachen: näm­lich, dass Strittmatter keine Beteiligung an Kriegsverbrechen nach­weis­bar sind, ver­stellt.

Doch mit aller Kritik ist Schluss, wenn man liest, wie Günther Drommer sei­nen für sich selbst wahr­ge­nom­me­nen Teil der Kollektivschuld begli­chen hat.

Im grie­chi­schen Dorf Dístomo wurde am 10. Juni 1944 durch Truppen der Wehrmacht und der Polizei ein Massaker an 218 unschul­di­gen Frauen und Kindern ver­übt. „Das Bundesverfassungsgericht hat am Ende des Jahres 2008 ein immer­hin als kla­res Kriegsverbrechen klas­si­fi­zier­tes Massaker […] nicht mit einer finan­zi­el­len Entschädigungszahlung an die über­le­ben­den Angehörigen zu ver­bin­den­des Ereignis abge­tan.“ Dieses Urteil ließ Drommer keine Ruhe und er sam­melte Geld, kaufte Tiere für einen Spielzeugzoo und brachte die 135 Tiere selbst zu den Kindern von Dístomo.

Nic

Das Buch bei Amazon
Das eBook bei Amazon

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

Kommentare sind geschlossen.

Scroll To Top