
Uwe Lehnert: “Warum ich kein Christ sein will”
(Cover 5. Auflage)
Meinen langen Auszug aus dem Wuketits-Buch zu Fragen der Evolution hat auch Uwe Lehnert kommentiert. Nachgefragt, ob ich den Kommentar als Artikel veröffentlichen darf, hat Uwe Lehnert nicht nur das erlaubt, sondern mir einen etwas umfangreicheren Ausschnitt aus seinem – nunmehr in der 5. Auflage vorliegenden Buches “Warum ich kein Christ sein will” – zur Verfügung gestellt:
Das hier [in der Evolutionstheorie - Anm. Nic] behauptete Walten des Zufalls provoziert allerdings den massiven Protest vieler, insbesondere natürlich gläubiger Christen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass der Mensch ein Produkt blinden Agierens natürlicher Kräfte sein sollte. Ich habe noch den apodiktisch urteilenden Spruch meines damaligen Biologielehrers im Ohr, der meinte: »Zu argumentieren, dass der Mensch durch Zufall entstanden sei, kommt der Behauptung gleich, dass der Parthenon-Tempel auf der Akropolis sich durch bloßen Steinwurf geformt hätte.« Und er schmetterte noch ein nachdrückliches »Niemals!« hinterher, so überzeugt war er davon, dass er mit seinem Vergleich auch den ultimativen Gegenbeweis erbracht hätte.
Zwei Irrtümer liegen hier jedoch vor. Erstens eine falsche Vorstellung von der Rolle des Zufalls im Rahmen des Evolutionsprozesses. Und zweitens die immer wieder vorgetragene, nur durch Glauben gestützte Auffassung, dass die Evolution ein zielgerichteter Prozess wäre, der im Menschen als Krone der Schöpfung seinen Höhepunkt und seine Erfüllung fände.
Die falsche Vorstellung von der Rolle des Zufalls bei der Entwicklung der Arten und schließlich des Menschen besteht in der naiven Annahme, dass sich bei der Entwicklung von Pflanzen und Tieren einfach Zufall an Zufall gefügt hätte. Viele Kritiker der Evolutionstheorie meinen, dass sich nach dieser Theorie eine zufällige Merkmalsänderung an die nächste zufällig erfolgende gereiht hätte und dass sich so das Leben in seiner beobachtbaren Vielfalt nach und nach ergeben haben sollte. Und zu Recht wird dann von diesen Kritikern festgestellt, so könne es denn wohl doch nicht gewesen sein. Aber kein Evolutionsbiologe, auch schon DARWIN nicht, vertritt ein derart ein-fältiges Konzept.
Nach Überzeugung der Evolutionstheoretiker spielt sich im Prinzip Folgendes ab. Bei jedem auf die Welt kommenden Organismus gibt es, verglichen mit den Organismen der gleichen Art, eine mehr oder weniger starke Variation der inneren und äußeren Merkmale. Diese Variationen erfolgen zufällig und völlig ungerichtet, die meisten Veränderungen bleiben dabei in ihren Auswirkungen neutral. Merkmalsänderungen allerdings, die das Individuum im Kampf ums Dasein benachteiligen, führen dazu, dass solche Individuen nach und nach verschwinden.
Nur ein außerordentlich kleiner Teil der Merkmalsänderungen, vielleicht eine Änderung unter Millionen, hat eine unterstützende Funktion im Überlebenskampf. Das kann zum Beispiel eine leicht gefleckte Fellfarbe sein, die eine bessere Tarnung ermöglicht, ein leicht veränderter chemischer Aufbau eines Enzyms, der die vorgefundene Nahrung besser zu verdauen hilft, eine höhere Lichtempfindlichkeit, die diesem Organismus die Nahrungssuche erleichtert, ein Verhaltensmerkmal, das Zusammenhalt und Überlegenheit der für das Überleben notwendigen Gruppe stärkt oder vielleicht eine anatomische Änderung, die neue Lebensräume zu erschließen ermöglicht. Individuen mit solchen vorteilhaften Merkmalen haben dann einen Überlebensvor-teil ihren Mitkonkurrenten gegenüber und damit die Chance, diese Eigenschaft weiter zu vererben. Ausschlaggebend ist: Jedes neue, durch Zufall zustande gekommene Merkmal wird erst einmal einem gnadenlosen Test unterzogen, und nur das, was sich als tauglich erweist, erhält die Chance, an die nächste Generation weitergegeben zu werden. Es reiht sich also keinesfalls eine zufällige Merkmalsänderung unmittelbar an die nächste.
Ganz entscheidend ist somit das Zusammenspiel von zufälliger Änderung einer Eigenschaft und deren notwendiger Bewährung im Überlebenskampf. Da die Evolution auf unserem Planeten bereits fast vier Milliarden Jahre auf die eben skizzierte Weise »experimentiert«, haben sich aufgrund der Millionen und Abermillionen von Generationen nach und nach die verschiedensten Lebensformen mit ihren fast unübersehbaren Verzweigungen entwickeln können. Unzählige, nach Millionen zählende Entwicklungsschritte – jeweils bestehend aus Merkmalsänderung und Bewährung im Überlebenskampf – haben u. a. auch zu uns als Menschen geführt, wobei die allermeisten »Versuche« eben scheiterten und nur ganz wenige weiterführten. Aber diese wenigen, mitunter nur äußerst geringfügigen Merkmalsvariationen akkumulierten so im Laufe von Millionen und Abermillionen Jahren zu der heute zu beobachtenden Vielfalt. Dabei sind die ungeheuren Zeiträume zu beachten, die der Evolution zur Verfügung standen.
Aber noch einmal: Nicht allein der Zufall ist hier am Werk, ebenso beteiligt ist das durch die Lebenswirklichkeit gebildete Verfahren der Bewährung. Mutation und Selektion und – so muss man ergänzen – eben grenzenlos verfügbare Zeit sind in der Tat die Kräfte oder – wenn man so will – die »Baumeister« der lebendigen Welt. (Eine andere Frage ist, wie es überhaupt zu der ersten Zelle, also zu erstem Leben gekommen sein könnte. Höchstwahrscheinlich ist vor Jahrmilliarden aus anorganischem Material durch »chemische« Evolution der erste sich selbst reproduzierende Molekülverband entstanden.)
Der zweite Irrtum – neben der falschen Auffassung von der Rolle des Zufalls im Evolutionsprozess – bezieht sich auf die von Gläubigen und Evolutionskritikern behauptete Zielorientierung der Entwicklungsprozesse in der belebten Natur. Selbst katholische und evangelische Kirche bezweifeln inzwischen – wenigstens in der Mehrheit ihrer führenden Repräsentanten – nicht mehr die Gültigkeit der Evolutionstheorie. Das Prinzip Mutation und Auslese, also auch die mitentscheidende Rolle des Zufalls, wird anerkannt. Der wesentliche Vorbehalt besteht in der Behauptung, dass hinter aller Entwicklung, ja selbst im Wirken des Zufalls, dennoch die lenkende Hand Gottes im Spiel sei: Sie steuerte die Schöpfung auf den Menschen hin, machte ihn zum Ebenbild des Schöpfers mit einer unsterblichen Seele und verlieh auf diese Weise diesem großartigen Szenario erst Sinn und Würde.
Der äußere Anschein spricht zunächst nicht gegen diese Deutung. Die Schönheit der uns über unsere Augen sichtbaren Natur, das fein abgestimmte Zusammenspiel zwischen Pflanzen- und Tierwelt oder die unerreichte Perfektion zum Beispiel des menschlichen Blutkreislaufs mit seinen präzise arbeitenden, raffiniert ineinandergreifenden Regelwerken, alles das deutet durchaus auf einen »Uhrmacher« hin, ohne den dieses »Räderwerk« nicht existieren und funktionieren könnte. Erkenntnisfortschritte und Entwicklungssprünge gab es in den Naturwissenschaften immer dann, wenn durch Änderung des Standpunkts ein Perspektivwechsel möglich wurde oder überkommene Deutungsmuster aufgegeben wurden. BRUNO und KEPLER revolutionierten die Astronomie, weil sie die Vorstellung aufgaben, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei. DARWIN und seine damaligen Mitstreiter HUXLEY, HAECKEL und WALLACE befreiten die Biologie von einem Erklärungsmuster, das eigentlich gar keines war, sondern die Naturwissenschaft bis dahin nur daran gehindert hat, nach natürlichen, also innerweltlichen Triebkräften zu suchen.
Die DARWINsche Botschaft lautet: In der Pflanzen- und Tierwelt existiert das, was sich aus dem Zusammenspiel von zufälliger Variation und Einwirkung der Umwelt ergeben hat und fortpflanzen konnte, alles andere hat sich nicht durchgesetzt und ist folglich nicht vorhanden. Selbst die komplexesten Organismen mit den raffiniertesten internen Regel- und Informationsverarbeitungssystemen sind nicht das Ergebnis beabsichtigter und planvoller Schöpfung, sie sind die in einem Millionen Jahre währenden Prozess von Mutation und Auslese geformten Resultate. Diese Organismen sind unter allen anderen denkbaren und versuchten Kreationen die einzigen, die existieren, weil nur bei ihnen zufallsgesteuerte Merkmalausstattung und jeweils vorgefundene Umwelt zueinander passten.”
(Aus: Uwe Lehnert, Warum ich kein Christ sein will, 2012, 5. Auflage)
Nics Bloghaus
Danke für das am Ball bleiben mit Hinweis auf den Anstoß vor 2 Tagen. Solange die Grundprinzien der Evolution nicht mehrheitlich anerkannt sind, sind argumentative Diskussionen über Religionsfreiheit, Beschneidung und Grundeinkommen reine Zeitverschwendung. Vernünftige Lösungen scheitern an der tradierten Schwarmdummheit.
Oh, oh, oh,
da legt aber jemand die Latte verdammt hoch. Um die Grundprinzipien der Evolution zum gesellschaftlichen Konsens zu machen, bräuchten wir erst einmal durchgehend Lehrer, die sie auch verstanden haben und nicht ihren Schöpfer als Quereinsteiger irgendwo in die Kette hineindrücken wollen. Gesellschaftliche Akzeptanz wächst aus der Jugend, nicht in der Seniorenriege.
Und die Erkenntnis, dass Götter in dieser Welt keinen Platz haben, wäre der KO für die Religionen, denn – wofür sind Götter gut, wenn sie mit Entstehung und Entwicklung des Menschen nichts zu tun haben?
Wieso sollten sie uns vorschreiben können, was wir zu tun und zu lassen haben, wenn wir nicht ihre Geschöpfe wären?
Die Herrschaften von der Religiotenfraktion sind nicht blöd und wüssten, mit welchem Feuer sie spielen …
Die Latte immer höher hängen, bedeutet natürliche kulturelle Evolution. Die elementaren Grundprinzipien wären leicht vermittelbar, aber nicht von bereits autoritätshörigen, dogmengläubigen und gehinmodulzertstörten Pädagogen. Die Jugend entwickelt internetgestützt unter aufklärerischen Bedingungen eine Eigenimmunität, die zu Hoffnung Anlass gibt.
Blitz und Donner, eigentlich müsste schon die Entzauberung der Elektrizität, Biologie oder Chemie das KO des Scharlatanentums eingeleutet haben, was Gott aus Eigeninteresse nicht verhindert hat. Die Schwarmdummheit von oben genügt ihren Interessen und danach der Sintflut.
Also, kulturelle Evolution würde für mich bedeuten, dass sich irgendwann niemand mehr vorstellen kann (außer aus historischen Gründen), dass die Latte je tiefer hing. Was das Internet angeht, bin ich ebenfalls viel weniger optimistisch:
Wir haben hier eine Plattform für die Fortschrittlichen, die Indifferenten und die Ewiggestrigen – und allen dient sie zur Verbreitung ihrer Vorstellungen. Wie ich schon sagte, bin ich der Meinung, dass im Internet weniger grundsätzlich neue Ideen aufgenommen, als altbekannte intensiviert und vertieft werden. Ich halte die Zahl der im Internet “bekehrten” Naturalisten oder Skeptiker für überschaubar. Und auf der anderen Seite wird niemand im Internet religiös.
Was die Entzauberung der physikalisch/biologischen Phänomene angeht, da haben die Religionen doch bisher ein Musterbeispiel für ihre seit Jahrhunderten erprobte Taktik abgeliefert, für jede argumentative Tür einen passenden Fuß parat zu haben, den sie geschwind hineinstellen können, damit sie ihnen nicht vor der Nase zugeschlagen werden kann.
Wer sich seit 2000 Jahren tagtäglich aus unsäglichem Mist herausschwurbeln muss, hat darin Übung.
Noch schnell, solange das Internet auch in Demokratien noch nicht völlig von der Schwarmdummheit zensiert oder zugemüllt wird. Der evolutionäre Transzendenz-Schwindel mit Gruß an Zensursula oder den Datensammler und Innenminister F.:
http://www.ibka.org/artikel/miz98/werte.html