Samstag , 25 Mai 2013
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Evolution

Uwe Lehnert: “Warum ich kein Christ sein will” (Cover 5. Auflage)

Uwe Lehnert: “Warum ich kein Christ sein will”
(Cover 5. Auflage)

Meinen lan­gen Auszug aus dem Wuketits-Buch zu Fragen der Evolution hat auch Uwe Lehnert kom­men­tiert. Nachgefragt, ob ich den Kommentar als Artikel ver­öf­fent­li­chen darf, hat Uwe Lehnert nicht nur das erlaubt, son­dern mir einen etwas umfang­rei­che­ren Ausschnitt aus sei­nem – nun­mehr in der 5. Auflage vor­lie­gen­den Buches “Warum ich kein Christ sein will” – zur Verfügung gestellt:

Das hier [in der Evolutionstheorie - Anm. Nic] behaup­tete Walten des Zufalls pro­vo­ziert aller­dings den mas­si­ven Protest vie­ler, ins­be­son­dere natür­lich gläu­bi­ger Christen, die sich nicht damit abfin­den wol­len, dass der Mensch ein Produkt blin­den Agierens natür­li­cher Kräfte sein sollte. Ich habe noch den apo­dik­tisch urtei­len­den Spruch mei­nes dama­li­gen Biologielehrers im Ohr, der meinte: »Zu argu­men­tie­ren, dass der Mensch durch Zufall ent­stan­den sei, kommt der Behauptung gleich, dass der Parthenon-Tempel auf der Akropolis sich durch blo­ßen Steinwurf geformt hätte.« Und er schmet­terte noch ein nach­drück­li­ches »Niemals!« hin­ter­her, so über­zeugt war er davon, dass er mit sei­nem Vergleich auch den ulti­ma­ti­ven Gegenbeweis erbracht hätte.

Zwei Irrtümer lie­gen hier jedoch vor. Erstens eine fal­sche Vorstellung von der Rolle des Zufalls im Rahmen des Evolutionsprozesses. Und zwei­tens die immer wie­der vor­ge­tra­gene, nur durch Glauben gestützte Auffassung, dass die Evolution ein ziel­ge­rich­te­ter Prozess wäre, der im Menschen als Krone der Schöpfung sei­nen Höhepunkt und seine Erfüllung fände.

Die fal­sche Vorstellung von der Rolle des Zufalls bei der Entwicklung der Arten und schließ­lich des Menschen besteht in der nai­ven Annahme, dass sich bei der Entwicklung von Pflanzen und Tieren ein­fach Zufall an Zufall gefügt hätte. Viele Kritiker der Evolutionstheorie mei­nen, dass sich nach die­ser Theorie eine zufäl­lige Merkmalsänderung an die nächste zufäl­lig erfol­gende gereiht hätte und dass sich so das Leben in sei­ner beob­acht­ba­ren Vielfalt nach und nach erge­ben haben sollte. Und zu Recht wird dann von die­sen Kritikern fest­ge­stellt, so könne es denn wohl doch nicht gewe­sen sein. Aber kein Evolutionsbiologe, auch schon DARWIN nicht, ver­tritt ein der­art ein-fältiges Konzept.

Nach Über­zeu­gung der Evolutionstheoretiker spielt sich im Prinzip Folgendes ab. Bei jedem auf die Welt kom­men­den Organismus gibt es, ver­gli­chen mit den Organismen der glei­chen Art, eine mehr oder weni­ger starke Variation der inne­ren und äuße­ren Merkmale. Diese Variationen erfol­gen zufäl­lig und völ­lig unge­rich­tet, die meis­ten Veränderungen blei­ben dabei in ihren Auswirkungen neu­tral. Merkmalsänderungen aller­dings, die das Individuum im Kampf ums Dasein benach­tei­li­gen, füh­ren dazu, dass sol­che Individuen nach und nach ver­schwin­den.

Nur ein außer­or­dent­lich klei­ner Teil der Merkmalsänderungen, viel­leicht eine Ände­rung unter Millionen, hat eine unter­stüt­zende Funktion im Über­le­bens­kampf. Das kann zum Beispiel eine leicht gefleckte Fellfarbe sein, die eine bes­sere Tarnung ermög­licht, ein leicht ver­än­der­ter che­mi­scher Aufbau eines Enzyms, der die vor­ge­fun­dene Nahrung bes­ser zu ver­dauen hilft, eine höhere Lichtempfindlichkeit, die die­sem Organismus die Nahrungssuche erleich­tert, ein Verhaltensmerkmal, das Zusammenhalt und Über­le­gen­heit der für das Über­le­ben not­wen­di­gen Gruppe stärkt oder viel­leicht eine ana­to­mi­sche Ände­rung, die neue Lebensräume zu erschlie­ßen ermög­licht. Individuen mit sol­chen vor­teil­haf­ten Merkmalen haben dann einen Überlebensvor-teil ihren Mitkonkurrenten gegen­über und damit die Chance, diese Eigenschaft wei­ter zu ver­er­ben. Ausschlaggebend ist: Jedes neue, durch Zufall zustande gekom­mene Merkmal wird erst ein­mal einem gna­den­lo­sen Test unter­zo­gen, und nur das, was sich als taug­lich erweist, erhält die Chance, an die nächste Generation wei­ter­ge­ge­ben zu wer­den. Es reiht sich also kei­nes­falls eine zufäl­lige Merkmalsänderung unmit­tel­bar an die nächste.

Ganz ent­schei­dend ist somit das Zusammenspiel von zufäl­li­ger Ände­rung einer Eigenschaft und deren not­wen­di­ger Bewährung im Über­le­bens­kampf. Da die Evolution auf unse­rem Planeten bereits fast vier Milliarden Jahre auf die eben skiz­zierte Weise »expe­ri­men­tiert«, haben sich auf­grund der Millionen und Abermillionen von Generationen nach und nach die ver­schie­dens­ten Lebensformen mit ihren fast unüber­seh­ba­ren Verzweigungen ent­wi­ckeln kön­nen. Unzählige, nach Millionen zäh­lende Entwicklungsschritte – jeweils beste­hend aus Merkmalsänderung und Bewährung im Über­le­bens­kampf – haben u. a. auch zu uns als Menschen geführt, wobei die aller­meis­ten »Versuche« eben schei­ter­ten und nur ganz wenige wei­ter­führ­ten. Aber diese weni­gen, mit­un­ter nur äußerst gering­fü­gi­gen Merkmalsvariationen akku­mu­lier­ten so im Laufe von Millionen und Abermillionen Jahren zu der heute zu beob­ach­ten­den Vielfalt. Dabei sind die unge­heu­ren Zeiträume zu beach­ten, die der Evolution zur Verfügung stan­den.

Aber noch ein­mal: Nicht allein der Zufall ist hier am Werk, ebenso betei­ligt ist das durch die Lebenswirklichkeit gebil­dete Verfahren der Bewährung. Mutation und Selektion und – so muss man ergän­zen – eben gren­zen­los ver­füg­bare Zeit sind in der Tat die Kräfte oder – wenn man so will – die »Baumeister« der leben­di­gen Welt. (Eine andere Frage ist, wie es über­haupt zu der ers­ten Zelle, also zu ers­tem Leben gekom­men sein könnte. Höchstwahrscheinlich ist vor Jahrmilliarden aus anor­ga­ni­schem Material durch »che­mi­sche« Evolution der erste sich selbst repro­du­zie­rende Molekülverband ent­stan­den.)
Der zweite Irrtum – neben der fal­schen Auffassung von der Rolle des Zufalls im Evolutionsprozess – bezieht sich auf die von Gläubigen und Evolutionskritikern behaup­tete Zielorientierung der Entwicklungsprozesse in der beleb­ten Natur. Selbst katho­li­sche und evan­ge­li­sche Kirche bezwei­feln inzwi­schen – wenigs­tens in der Mehrheit ihrer füh­ren­den Repräsentanten – nicht mehr die Gültigkeit der Evolutionstheorie. Das Prinzip Mutation und Auslese, also auch die mit­ent­schei­dende Rolle des Zufalls, wird aner­kannt. Der wesent­li­che Vorbehalt besteht in der Behauptung, dass hin­ter aller Entwicklung, ja selbst im Wirken des Zufalls, den­noch die len­kende Hand Gottes im Spiel sei: Sie steu­erte die Schöpfung auf den Menschen hin, machte ihn zum Ebenbild des Schöpfers mit einer unsterb­li­chen Seele und ver­lieh auf diese Weise die­sem groß­ar­ti­gen Szenario erst Sinn und Würde.

Der äußere Anschein spricht zunächst nicht gegen diese Deutung. Die Schönheit der uns über unsere Augen sicht­ba­ren Natur, das fein abge­stimmte Zusammenspiel zwi­schen Pflanzen- und Tierwelt oder die uner­reichte Perfektion zum Beispiel des mensch­li­chen Blutkreislaufs mit sei­nen prä­zise arbei­ten­den, raf­fi­niert inein­an­der­grei­fen­den Regelwerken, alles das deu­tet durch­aus auf einen »Uhrmacher« hin, ohne den die­ses »Räderwerk« nicht exis­tie­ren und funk­tio­nie­ren könnte. Erkenntnisfortschritte und Entwicklungssprünge gab es in den Naturwissenschaften immer dann, wenn durch Ände­rung des Standpunkts ein Perspektivwechsel mög­lich wurde oder über­kom­mene Deutungsmuster auf­ge­ge­ben wur­den. BRUNO und KEPLER revo­lu­tio­nier­ten die Astronomie, weil sie die Vorstellung auf­ga­ben, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei. DARWIN und seine dama­li­gen Mitstreiter HUXLEY, HAECKEL und WALLACE befrei­ten die Biologie von einem Erklärungsmuster, das eigent­lich gar kei­nes war, son­dern die Naturwissenschaft bis dahin nur daran gehin­dert hat, nach natür­li­chen, also inner­welt­li­chen Triebkräften zu suchen.

Die DARWINsche Botschaft lau­tet: In der Pflanzen- und Tierwelt exis­tiert das, was sich aus dem Zusammenspiel von zufäl­li­ger Variation und Einwirkung der Umwelt erge­ben hat und fort­pflan­zen konnte, alles andere hat sich nicht durch­ge­setzt und ist folg­lich nicht vor­han­den. Selbst die kom­ple­xes­ten Organismen mit den raf­fi­nier­tes­ten inter­nen Regel- und Informationsverarbeitungssystemen sind nicht das Ergebnis beab­sich­tig­ter und plan­vol­ler Schöpfung, sie sind die in einem Millionen Jahre wäh­ren­den Prozess von Mutation und Auslese geform­ten Resultate. Diese Organismen sind unter allen ande­ren denk­ba­ren und ver­such­ten Kreationen die ein­zi­gen, die exis­tie­ren, weil nur bei ihnen zufalls­ge­steu­erte Merkmalausstattung und jeweils vor­ge­fun­dene Umwelt zuein­an­der pass­ten.”

(Aus: Uwe Lehnert, Warum ich kein Christ sein will, 2012, 5. Auflage)

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Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

5 Kommentare

  1. Danke für das am Ball blei­ben mit Hinweis auf den Anstoß vor 2 Tagen. Solange die Grundprinzien der Evolution nicht mehr­heit­lich aner­kannt sind, sind argu­men­ta­tive Diskussionen über Religionsfreiheit, Beschneidung und Grundeinkommen reine Zeitverschwendung. Vernünftige Lösungen schei­tern an der tra­dier­ten Schwarmdummheit.

    • Oh, oh, oh,
      da legt aber jemand die Latte ver­dammt hoch. Um die Grundprinzipien der Evolution zum gesell­schaft­li­chen Konsens zu machen, bräuch­ten wir erst ein­mal durch­ge­hend Lehrer, die sie auch ver­stan­den haben und nicht ihren Schöpfer als Quereinsteiger irgendwo in die Kette hin­ein­drü­cken wol­len. Gesellschaftliche Akzeptanz wächst aus der Jugend, nicht in der Seniorenriege.
      Und die Erkenntnis, dass Götter in die­ser Welt kei­nen Platz haben, wäre der KO für die Religionen, denn – wofür sind Götter gut, wenn sie mit Entstehung und Entwicklung des Menschen nichts zu tun haben?
      Wieso soll­ten sie uns vor­schrei­ben kön­nen, was wir zu tun und zu las­sen haben, wenn wir nicht ihre Geschöpfe wären?
      Die Herrschaften von der Religiotenfraktion sind nicht blöd und wüss­ten, mit wel­chem Feuer sie spie­len …

  2. Die Latte immer höher hän­gen, bedeu­tet natür­li­che kul­tu­relle Evolution. Die ele­men­ta­ren Grundprinzipien wären leicht ver­mit­tel­bar, aber nicht von bereits auto­ri­täts­hö­ri­gen, dog­men­gläu­bi­gen und gehin­mo­dul­zert­stör­ten Pädagogen. Die Jugend ent­wi­ckelt inter­net­ge­stützt unter auf­klä­re­ri­schen Bedingungen eine Eigenimmunität, die zu Hoffnung Anlass gibt.

    Blitz und Donner, eigent­lich müsste schon die Entzauberung der Elektrizität, Biologie oder Chemie das KO des Scharlatanentums ein­ge­leu­tet haben, was Gott aus Eigeninteresse nicht ver­hin­dert hat. Die Schwarmdummheit von oben genügt ihren Interessen und danach der Sintflut.

    • Also, kul­tu­relle Evolution würde für mich bedeu­ten, dass sich irgend­wann nie­mand mehr vor­stel­len kann (außer aus his­to­ri­schen Gründen), dass die Latte je tie­fer hing. Was das Internet angeht, bin ich eben­falls viel weni­ger opti­mis­tisch:
      Wir haben hier eine Plattform für die Fortschrittlichen, die Indifferenten und die Ewiggestrigen – und allen dient sie zur Verbreitung ihrer Vorstellungen. Wie ich schon sagte, bin ich der Meinung, dass im Internet weni­ger grund­sätz­lich neue Ideen auf­ge­nom­men, als alt­be­kannte inten­si­viert und ver­tieft wer­den. Ich halte die Zahl der im Internet “bekehr­ten” Naturalisten oder Skeptiker für über­schau­bar. Und auf der ande­ren Seite wird nie­mand im Internet reli­giös.
      Was die Entzauberung der physikalisch/biologischen Phänomene angeht, da haben die Religionen doch bis­her ein Musterbeispiel für ihre seit Jahrhunderten erprobte Taktik abge­lie­fert, für jede argu­men­ta­tive Tür einen pas­sen­den Fuß parat zu haben, den sie geschwind hin­ein­stel­len kön­nen, damit sie ihnen nicht vor der Nase zuge­schla­gen wer­den kann.
      Wer sich seit 2000 Jahren tag­täg­lich aus unsäg­li­chem Mist her­aus­schwur­beln muss, hat darin Übung.

  3. Noch schnell, solange das Internet auch in Demokratien noch nicht völ­lig von der Schwarmdummheit zen­siert oder zuge­müllt wird. Der evo­lu­tio­näre Transzendenz-Schwindel mit Gruß an Zensursula oder den Datensammler und Innenminister F.:
    http://www.ibka.org/artikel/miz98/werte.html

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