Montag , 20 Mai 2013
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Häufige Einwände gegen die Evolution und ihre Widerlegungen

Diese Auflistung von Argumenten, mit denen man denen begeg­nen kann, die noch immer die Meinung ver­tre­ten, dass die Evolution ein Hirngespinst wäre, habe ich im November 2009 im “alten” EHBB-Blog ver­öf­fent­licht. Da die­ser Blog still­ge­legt wurde (bzw. nach gbs-berlin.org umge­zo­gen ist), und es mir leid tun würde, wenn die­ser Artikel ver­lo­ren ginge… hier noch ein­mal in vol­ler Länge:

Aus gege­be­nem Anlass möchte ich Interessierten ein paar Argumente an die Hand geben, wie sie auf die pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Fragen diver­ser Religiöser ant­wor­ten kön­nen.

[grey_box]Evolution läßt sich nicht beweisen.[/grey_box]

FALSCH. Für die Evolution liegt eine gera­dezu über­wäl­ti­gende Fülle von empi­ri­schen Belegen aus sämt­li­chen Gebieten der Biologie und ihrer Randdisziplinen vor. Pflanzen- und Haustierzucht sowie ver­schie­dene Experimente (Mutationsexperimente) lie­fern sogar einen sehr direk­ten Zugang zum Verständnis von Evolutionsprozessen; heute hel­fen dabei auch Computersimulationen.

[grey_box]Für die Evolution gibt es keine Augenzeugen.[/grey_box]

IRRELEVANT. Auch für die Pharaonen des Alten Ägyp­ten gibt es keine Augenzeugen, trotz­dem zwei­felt nie­mand an ihrer Existenz. Dem Historiker die­nen Handschriften, Bilder, Bauwerke usw. bei der Rekonstruktion geschicht­li­cher Abläufe, dem Evolutionsbiologen Strukturen rezen­ter Organismen, Fossilien und so wei­ter bei der Rekonstruktion evo­lu­ti­ons­ge­schicht­li­cher Abläufe.

[grey_box]Das Fehlen von Über­gangs­for­men lässt auf einen Schöpfungsakt und nicht auf Evolution schließen.[/grey_box]

FALSCH. Es sind recht viele Über­gangs­for­men vor­han­den. Das bekann­teste Beispiel ist der Urvogel Archaeopteryx als Bindeglied zwi­schen Reptilien und Vögeln, von dem meh­rere Exemplare fos­sil über­lie­fert sind. Fehlende Über­gangs­for­men sind ledig­lich ein Indiz für die Lückenhaftigkeit der fos­si­len Über­lie­fe­rung und recht­fer­ti­gen nicht die Annahme eines Schöpfungsaktes.

[grey_box]Die Selektion als „blinde Kraft“ kann die Ordnung des Lebenden nicht erklären.[/grey_box]

FALSCH. In den gro­ßen zeit­räu­men, in denen sich Evolution abspielt, kann die Selektion sehr wohl vie­les bewir­ken. Außerdem wir­ken fund­am­ten­tale Nautrgesetze, die zum Beispiel aus­schlie­ßen, dass wür­fel­för­mige Haie oder vier Meter große Ameisen ent­ste­hen. Letztlich ist Evolution als kom­ple­xes Wechselspiel zwi­schen Umweltbedingungen und den Konstruktions- und Fuktionsbegingungen der Organismen zu ver­ste­hen. (innere Selektion)

[grey_box]Die Natur weist auf einen intel­li­gen­ten Planer hin.[/grey_box]

FALSCH. Die vie­len Sackgassen der Evolution – bedingt vor allem durch eine Spezialisierung von Arten – las­sen eher an einen Pfuscher als an einen intel­li­gen­ten Planer den­ken. Warum hätte die­ser zulas­sen sol­len, dass 99,9 Prozent aller Arten, die je exis­tiert haben, wie­der aus­ge­stor­ben sind? Warum hat er nicht gleich alle Organismen per­fekt kon­stru­iert? Warum lässt er zu, dass der Mensch, die „weise“ Spezies, die Natur zer­stört und sich damit selbst den Boden unter den Füßen weg­zieht?

[grey_box]Nicht alle Strukturen und Funktionen der Lebewesen las­sen sich als Anpassung erklären.[/grey_box]

IRRELEVANT. Schon Darwin wusste, dass nicht alles Anpassung ist. Lebewesen sind aktive Systeme, die sich nicht ein­fach anpas­sen, son­dern auch ihre Umwelt ver­än­dern. Und sie kön­nen sich nicht belie­big anpas­sen – Flusspferde wer­den nie Flügen ent­wi­ckeln kön­nen, um sich an irgend­wel­che neuen Umwelterfordernisse anzu­pas­sen.

[grey_box]Darwin konnte nicht alle Probleme der Evolution befrie­di­gend beantworten.[/grey_box]

IRRELEVANT. Es hat auch kein Physiker alle Probleme der Physik gelöst. Seit Darwin hat die Evolutionsbiologie unzäh­lige Einzelerkenntnisse gewon­nen, die unser Bild von der Evolution nach und nach ver­voll­stän­di­gen.

[grey_box]Offene Fragen und Kontroversen las­sen ver­mu­ten, dass Evolution keine Tatsache ist.[/grey_box]

FALSCH. Probleme der Erklärung oder strit­tige Erklärungen von Einzelphänomenen ändern nichts an der Tatsache der Evolution selbst.

[grey_box]Die Entstehung geis­ti­ger Eigenschaften des Menschen lässt sich nicht evo­lu­ti­ons­theo­re­tisch erklären.[/grey_box]

FALSCH. Auch Phänomene wie das reflek­tie­rende Selbstbewusstsein, Symbolsprache und so wei­ter fügen sich ins Kontinuum der Evolutionsprozesse ein. Verschiedene unse­rer geis­ti­gen Eigenschaften sind in Vorstufen auch bei ande­ren Tieren vor­han­den. Sie sind Eigenschaften eines kom­ple­xen Gehirns, wel­ches – genauso wie alle ande­ren Organe – in der Evolution durch natür­li­che Auslese ent­stan­den sind. Auch wenn die geis­tige Entwicklung gegen­über der orga­ni­schen Evolution einen eigen­dy­na­mi­schen Verlauf zeigt, bleibt sie mit die­ser untrenn­bar ver­bun­den. Das Geistige ist kein von der Natur abge­ho­be­ner, selbst­stän­di­ger Bereich der Wirklichkeit.

Aus dem über­aus lesens­wer­ten Buch von Franz M. Wuketits: „Darwins Kosmos – Sinnvolles Leben in einer sinn­lo­sen Welt“, Alibri Verlag 2009 – Seite 64 ff.

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Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

5 Kommentare

  1. Schöne Zusammenfassung FAQ, wer­den dyna­misch immer aktu­el­ler. Siehe Nobelpreise 2012 Quantenphysik, Energie(Geist)/Materie (ver­damm­tes Gottesteilchen, LOL) und Wechselwirkung. Und Medizin, Stammzellen gegen Beschneider.

    Woran erkennt man Religiöse? Daran, dass sie bei der Sinnsuche die nätur­li­che Mutation zur Anpassung und Auslese durch try and error ver­nei­nen (glaub ich nicht).

  2. Schöner Beitrag. Ich möchte ihn ein­fach noch ergän­zen.

    Viele Kritiker der Evolutionstheorie kön­nen sich mit der Rolle des Zufalls nicht abfin­den, sie wol­len nicht glau­ben, dass der Mensch ein Produkt blin­den Agierens natür­li­cher Kräfte sein sollte. Ich habe noch den apo­dik­tisch urtei­len­den Spruch mei­nes dama­li­gen Biologielehrers im Ohr, der meinte: »Zu argu­men­tie­ren, dass der Mensch durch Zufall ent­stan­den sei, kommt der Behauptung gleich, dass der Parthenon-Tempel auf der Akropolis sich durch blo­ßen Steinwurf geformt hätte.« Und er schmet­terte noch ein nach­drück­li­ches »Niemals!« hin­ter­her, so über­zeugt war er davon, dass er mit sei­nem Vergleich auch den ulti­ma­ti­ven Gegenbeweis erbracht hätte.

    Aber hier liegt eine fal­sche Vorstellung von der Rolle des Zufalls im Rahmen des Evolutionsprozesses vor. Die fal­sche Vorstellung von der Rolle des Zufalls bei der Entwicklung der Arten und schließ­lich des Menschen besteht in der nai­ven Annahme, dass sich bei der Entwicklung von Pflanzen und Tieren ein­fach Zufall an Zufall gefügt hätte. Viele Kritiker der Evolutionstheorie mei­nen, dass sich nach die­ser Theorie eine zufäl­lige Merkmalsänderung an die nächste zufäl­lig erfol­gende gereiht hätte und dass sich so das Leben in sei­ner beob­acht­ba­ren Vielfalt nach und nach erge­ben haben sollte. Und zu Recht wird dann von die­sen Kritikern fest­ge­stellt, so könne es denn wohl doch nicht gewe­sen sein. Aber kein Evolutionsbiologe, auch schon DARWIN nicht, ver­tritt ein der­art ein­fäl­ti­ges Konzept.

    Nach Über­zeu­gung der Evolutionstheoretiker spielt sich im Prinzip Folgendes ab. Bei jedem auf die Welt kom­men­den Organismus gibt es, ver­gli­chen mit den Organismen der glei­chen Art, eine mehr oder weni­ger starke Variation der inne­ren und äuße­ren Merkmale. Diese Variationen erfol­gen zufäl­lig und völ­lig unge­rich­tet, die meis­ten Veränderungen blei­ben dabei in ihren Auswirkungen neu­tral. Merkmalsänderungen aller­dings, die das Individuum im Kampf ums Dasein benach­tei­li­gen, füh­ren dazu, dass sol­che Individuen nach und nach ver­schwin­den.

    Nur ein außer­or­dent­lich klei­ner Teil der Merkmalsänderungen, viel­leicht eine Ände­rung unter Millionen, hat eine unter­stüt­zende Funktion im Über­le­bens­kampf. Das kann zum Beispiel eine leicht ge¬fleckte Fellfarbe sein, die eine bes­sere Tarnung ermög­licht, ein leicht ver­än­der­ter che-mischer Aufbau eines Enzyms, der die vor­ge­fun­dene Nahrung bes­ser zu ver­dauen hilft, eine höhere Lichtempfindlichkeit, die die­sem Organismus die Nahrungssuche erleich­tert, ein Verhaltensmerkmal, das Zusammenhalt und Über­le­gen­heit der für das Über­le­ben not­wen­di­gen Gruppe stärkt oder viel­leicht eine ana­to­mi­sche Ände­rung, die neue Lebensräume zu erschlie­ßen ermög­licht. Individuen mit sol­chen vor­teil­haf­ten Merkmalen haben dann einen Über­le­bens­vor­teil ihren Mitkonkurrenten gegen­über und damit die Chance, diese Eigenschaft wei­ter zu ver­er­ben. Ausschlaggebend ist: Jedes neue, durch Zufall zustande gekom­mene Merkmal wird erst ein­mal einem gna­den­lo­sen Test unter­zo­gen, und nur das, was sich als taug­lich erweist, erhält die Chance, an die nächste Generation wei­ter­ge­ge­ben zu wer­den. Es reiht sich also kei­nes­falls eine zufäl­lige Merkmalsänderung unmit­tel­bar an die nächste.

    Ganz ent­schei­dend ist somit das Zusammenspiel von zufäl­li­ger Ände­rung einer Eigenschaft und deren not­wen­di­ger Bewährung im Über­le­bens­kampf. Da die Evolution auf unse­rem Planeten bereits fast vier Milliarden Jahre auf die eben skiz­zierte Weise »expe­ri­men­tiert«, haben sich auf­grund der Millionen und Abermillionen von Generationen nach und nach die ver­schie­dens­ten Lebensformen mit ihren fast unüber­seh­ba­ren Verzweigungen ent­wi­ckeln kön­nen. Unzählige, nach Millionen zäh­lende Entwicklungsschritte – jeweils beste­hend aus Merkmalsänderung und Bewährung im Über¬lebens¬kampf – haben u. a. auch zu uns als Menschen geführt, wobei die aller­meis­ten »Versuche« eben schei­ter­ten und nur ganz wenige wei­ter­führ­ten. Aber diese weni­gen, mit­un­ter nur äußerst gering­fü­gi­gen Merkmalsvariationen akku­mu­lier­ten so im Laufe von Millionen und Abermillionen Jahren zu der heute zu beob­ach­ten­den Vielfalt. Dabei sind die unge­heu­ren Zeiträume zu beach­ten, die der Evolution zur Verfügung stan­den.

    Aber noch ein­mal: Nicht allein der Zufall ist hier am Werk, ebenso betei­ligt ist das durch die Lebenswirklichkeit gebil­dete Verfahren der Bewährung. Mutation und Selektion und – so muss man ergän­zen – eben gren­zen­los ver­füg­bare Zeit sind in der Tat die Kräfte oder – wenn man so will – die »Baumeister« der leben­di­gen Welt. (Eine andere Frage ist, wie es über­haupt zu der ers­ten Zelle, also zu ers­tem Leben gekom­men sein könnte. Höchstwahrscheinlich ist vor Jahrmilliarden aus anor­ga­ni­schem Material durch »che­mi­sche« Evolution der erste sich selbst repro­du­zie­rende Molekülverband ent­stan­den.)

  3. Danke Uwe, mein Reden gegen die Wand auf einer Seite didak­tisch schlüs­sig um die Priorität ergänzt, am Anfang war der Zufall. Dann kam die Evolutionsstrategie ohne Dämon, die bei­läu­fig auch die Philosophie erklärt. Ohne das Zufallsprodukt Hybris-Mensch gäbe es keine Theologie. Umso kata­stro­pha­ler die Ignoranz des­sen. Der ein­ein­deu­tig end­gül­tige Beweis siehe die gest­rige Maischberger Sendung:
    http://www.focus.de/kultur/kino_tv/scharfe-kritik-einer-theologin-die-christen-haben-gott-zu-einem-daemon-gemacht_aid_835438.html

    Demgegenüber wir­ken die FAQ`s wie Don Quijoterien (1615), nur eben 400 Jahre zu spät.

  4. Je spä­ter, desto tra­gi­scher die stink­nor­male banal­tri­viale Reaktion auf die Kränkung durch die Evolution, wenn ein aner­zo­ge­nes gehirn­mo­dul­zer­stör­tes Weltbild zusam­men­bricht. Ischwarschulhof, jetzt ohne Beschneidung. Mein Abi(Aldi)-Deutschlehrer, ein Affe kann keine Gedichte schrei­ben, von dem sol­len wir abstam­men? Und die Schwarmdummheit applau­diert hämisch über­heb­lich nicht nur zu Karneval.

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