Montag , 20 Mai 2013
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Lachbuch gegen hinrissig-unterwürfige Medieninszenierung

WEIMAR. (fgw) Lachen ist gesund, heißt es. Lachen befreit – von unbe­grün­de­ten Ängs­ten. Auslachen macht Größenwahnsinnige wie­der klein, siehe das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Auslachen wird Frauen auch von Psychologen emp­foh­len, soll­ten diese von einem Exhibitionisten bedroht wer­den. Mit Spottversen und Satiren wur­den u.a. die Reformation und auch die fran­zö­si­sche Revolution beför­dert. Die poli­ti­sche Satire war schon immer ein gutes Mittel im Kampf für gesell­schaft­li­chen Fortschritt. Kein Wunder, daß macht­gie­rige reli­giöse und poli­ti­sche Autoritäten sich mit­tels der Strafgesetze und deren Paragraphen über Majestätsbeleidigung und Blasphemie dage­gen zu Wehr setz­ten. Und set­zen. Man denke nur an jüngste Urteile und Forderungen in Rußland und auch in Deutschland…

Volksbuch der verspotteten PäpsteDer ebenso anti­roya­lis­ti­schen wie anti­kle­ri­ka­len Satire aus der Zeit der fran­zö­si­schen Revolution von 1789 füh­len sich die Herausgeber des zeit­ge­nös­si­schen Volksbuches ver­pflich­tet. Und man kann sagen, ihre zeit­ge­nös­si­sche Version einer radi­ka­len Papst-Satire ist Haasis/Jestrabek durch­aus gelun­gen. Bereits auf der ers­ten Seite stellt sich ein befrei­en­des Lachen ein… Und auch das soll beson­ders her­vor­ge­ho­ben wer­den, sie blei­ben nicht an der Oberfläche, also bei der Person auf dem soge­nann­ten Heiligen Stuhl, ste­hen. Nein, sie stel­len ihre Kritik an der Medieninzenierung “Wir sind Papst” etc. in den Kontext unse­rer rea­len gesell­schaft­li­chen Zustände. Das beginnt bereits mit den ers­ten fünf Zeilen die­ses Buches:

“Die Freiheitsbibliothek BLAUWOLKENGASSE hat lange geschlum­mert. Dazwischen kam über uns die übelste aller neue­ren Regierungen, wie eine Pestseuche mit dem Schwarzen Tod im Mittelalter: Schröder/Fischer. Mit ver­hee­ren­den Folgen, die noch nicht aus­ge­ba­det sind, auch inter­na­tio­nal.” (S. 5)

Erst dann wer­den als Grund für diese Edition die Mißbrauchsvorwürfe, die Mißbrauchs-Tatbestände, genannt, die die katho­li­sche Kirche welt­weit erschüt­tert haben…

Da hier­zu­lande alles ver­recht­lich ist, sind der eigent­li­chen Satire “Vier juris­ti­sche Gutachten über Straffreiheit oder Straffälligkeit…” vor­an­ge­stellt, aus­ge­hend einem “spät­mit­tel­ter­li­chen, heute noch gül­ti­gen Gesetzestext”, dem § 166 des bun­des­deut­schen Strafgesetzbuches.

Bereits diese Einleitung stellt eine Spitzensatire dar, denn “das über­ra­schende am Recht ist, dass es zwar einen ein­heit­li­chen Gesetzestext gibt, aber min­des­tens einige hun­dert ver­schie­dene Ansichten dazu – zumeist weit vom Text und sei­ner Intention ent­fernt. – Aber darum geht es ja den meis­ten Juristen schon lange nicht mehr.” (S. 9)

Ein herz­haf­tes Lachen brin­gen an die­ser Stelle allein schon die Namen der vier be-gutachtenden Anwaltskanzleien her­vor: Salvatorius Hugendubel (München), Rote Kobra (Berlin), Maria Magdalena Crescentia Hobelding (Aulendorf/Oberschwaben) sowie Dagobert Geldhamster (Stuttgart) her­vor.

Den Hauptteil des Buches bil­det ein fik­ti­ves “sym­pa­thisch ent­hül­len­des, sen­sa­tio­nel­les Exklusivinterview des Papstes”, das ein Anonymus den Herausgebern über­sandt hatte. Auch dies ein gelun­ge­ner Kunstgriff, wie ihn die Literaturgeschichte mehr­fach kennt.

Dieses Interview mit dem Titel “Ein lau­schi­ger Sommerabend mit dem Papst in Rom” soll daselbst anno 2010 geführt wor­den sein, wort­ge­treu pro­to­kol­liert von zwei frei­den­ken­den Schwaben namens Gottfried Lepusis und Enrico Marcard.

Bezeichnenderweise ist die­ses Interview auf den 6. Juli 2010, dem 695. Hinrichtungstag des bömi­schen Ketzers Jan Hus, datiert.

Gemeinsam mit dem Papst wan­dern die bei­den Freidenker aus Schwaben durch Rom, u.a. vor­bei am Denkmal für Giordano Bruno (!), sowie ero­ti­schen Gesprächen im Antico Caffè Greco und bis hin zum Petersdom.

Die hier geführ­ten Dialoge kann man ein­fach nur köst­lich nen­nen, sie las­sen auch nichts aus. Innerkirchliches eben­so­we­nig wie all­ge­mein mensch­li­ches. Diese nach­denk­lich stim­mende Satire möge jeder selbst lesen.

Nur drei kleine Kostproben aus dem Munde von R. seien hier zitiert: “Das ist unser wich­tigs­ter Glaubensgrundsatz, wich­ti­ger als alles selbst über Maria und Josef: DIE AMTSKIRCHE HAT IMMER RECHT – selbst wenn sie sich mal irren sollte.” (S. 38) Etwas wei­ter hin­ten heißt es dann: Denn “wenn wir auch nur einen EINZIGEN IRRTUM eingesteh’n, wankt unsere kom­plett unver­än­der­li­che Wahrheit und damit wankt die Sicherheit, die alle Seelen brau­chen. Was wankt, stürzt. Und was stürzt, wird nicht mehr geglaubt. Und dann krie­gen wir kein Geld mehr – und müs­sen sel­ber arbei­ten.” (S. 51) “Für Menschen kann rich­ti­ges Denken not­wen­di­ger­weise nur gött­li­ches Denken sein. Und Freiheit ist nur Gottes Freiheit. Frei ist nur, wer sich Gott unter­wirft.” (S. 54) Hier spricht der (fik­tive) Gottesmann wohl das aus, was ein rea­ler poli­ti­sie­ren­der Gottesmann sicher in erste Linie meint, wenn er über Freiheit – gefragt und unge­fragt – pre­digt.

Empfehlenswert sind zwei nach­fol­gende Essays. Zunächst schreibt Hellmut G. Haasis über die sati­ri­schen Literaturprodukte der Revolutionsepoche: “Kleine Leidens- und Freudengeschichte der fast unter­ge­gan­ge­nen ‘Merkwürdigen Reise’ aus Nürnberg 1792″.

Es folgt ein Originaltext aus dem sel­ben Jahre “Merkwürdige Reise des Papstes in den Himmel, in die para­die­si­schen Gerichtshöfe und in die Hölle”. Lesenswert noch heute!

Heiner Jestrabeks Essay ist über­schrie­ben mit “Antiklerikale an anti­päpst­li­che Satiren in der Französischen Revolution und ihre Parteienkämpfe – Mit einer Würdigung des Père Duchesne des Jacques-René Hébert u.a. zeit­ge­nös­si­scher Freidenker”.

Dieser Text ist für den Rezensenten der mit Abstand bedeut­samste Beitrag im LACHBUCH. Denn hier wird Geschichte leben­dig und in kom­pri­mier­ter Form anschau­lich dar­ge­stellt. Zunächst geht Jestrabek auf die “Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte” ein und zitiert deren Artikel X.: “Niemand soll wegen sei­ner Anschauungen, selbst reli­giö­ser Art, belangt wer­den, solange deren Äuße­rung nicht die durch das Gesetz begrün­dete öffent­li­che Ordnung stört.” (S. 119) Vor mehr als 200 Jahren war man da in Frankreich also schon wei­ter als das heu­tige Deutschland mit sei­nem § 166 StGB…

Wie waren die gesell­schaft­li­chen Zustände im feu­da­len Staat “von Gottes Gnaden” beschaf­fen? Darauf geht Jestrabek aus­führ­lich ein. Und bleibt nicht nur bei den relig­lö­sen Verhältnissen ste­hen. Sind doch diese nicht von den Eigentumsverhältnissen zu tren­nen:

“Vor der Revolution stellte der katho­li­sche Klerus mit sei­nen 130.000 Personen (rund 0,5 % der Bevölkerung) im Ständestaat Frankreich den Ersten Stand dar (der Adel war der Zweite Stand mit 350.000 Angehörigen rund 1,5 %…) Die hohen Würdenträger des Klerus – ledig­lich ca. 4.000 Personen – stamm­ten aus­nahms­los aus der Aristokratie.” (S. 125)

Der Dritte Stand umfaßte 98 % der Bevölkerung und war “allei­ni­ger Zahlmeister” für Klerus und Hochadel. Insbesondere die (land­lo­sen) Bauern ernähr­ten das ganze Land, aber “dem Klerus gehör­ten 10 – 15 % des frucht­bars­ten Ackerlandes Frankreichs. Ein Viertel des Pariser Stadtgebietes war in Kirchen- und Klosterbesitz. Der Klerus hatte immense Einnahmen und zog den Zehnten von der Bauernschaft ein, war aber selbst von Abgaben befreit…” (S.126)

Kein Wunder wenn, sich die katho­li­sche Kirche und ins­be­son­dere der Papst mit allen Mitteln gegen die Revolution, gegen die Abschaffung der Privilegien des Klerus wandte. Nicht nur in Worten, son­dern auch mit Waffengewalt. Priester hetz­ten zum blu­ti­gen Bürgerkrieg auf und nut­zen ihren Einfluß auf das Schulwesen gna­den­los im Kampf gegen jed­we­den gesell­schaft­li­chen Fortschritt aus.

Jestrabek geht dann auf die ver­schie­de­nen Parteiungen auf sei­ten der Revolution ein, sowie auf deren ver­schie­dene Etappen von 1789 bis zur Machtergreifung Napoleon Bonapartes 1799. Vorgestellt wird auch der Republikanische Kalender, denn icht mehr die ver­meint­li­che Geburt eines Jesus sollte jetzt der Beginn der Zeitrechnung sein, son­dern die Ausrufung der Republik.

Den Abschluß des Buches bil­den sechs anonyme Spottschriften, u.a. “Reise der Märtyrer des Goldes und Silbers nach Rom” (1099), “Rezept für den Magen des Heiligen Petrus und des­sen totale Erneuerung beim Konstanzer Konzil” (1415).

In die­sen Abschnitt gehö­ren auch eine Schrift von Hébert aus dem Jahre 1792 (“Die große Reise des Père Duchesne mit dem Papst ins Paradies”) und die Beschreibung einer “Lustreise des künf­ti­gen Papstes Leo X. ins neue Messbuch” aus der Feder von Pietro Aretino (etwa um 1530).

Die Herausgeber haben nicht zuviel ver­spro­chen. Dieses Volksbuch regt tat­säch­lich zum befrei­en­den Lachen an. Und es noch viel mehr als nur ein Lachbuch, denn es ist gepaart mit fun­dier­ter Wissensvermittlung. Ja, in die­sem Buch lebt die Aufklärung wei­ter…

Hellmut G. Haasis & Heiner Jestrabek (Hg.): Volksbuch der ver­spot­te­ten Päpste. Ein befrei­en­des Lachbuch mit fröh­lich sur­rea­lis­ti­schen Collagen von Uli Trostowitsch. 172. S. Paperback. Verlag Freiheitsbaum. 2. Aufl. Heidenheim 2011. 12,00 Euro. ISBN 978-3-922589-34-1

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

2 Kommentare

  1. Das ist meine Welt. Und spä­tes­tens nach der Rezension weiß ich auch warum. Mein Trauma “Späßle g`macht” und kei­ner hat gelacht. Je schein­hei­li­ger, desto humor­feind­li­cher wegen Entdeckelungsgefahr. Frei nach Goethe braucht man nur noch zu fra­gen, wie hälts du`s mit dem §166. Genau der rich­tige Zeitpunkt für ein Geschichtsrevival gegen Paragraphenreiter und Autoritätshörige. Noch Fragen zur Schwarmdummheit? Ich nicht. Tausend Dank dafür.

  2. Steter Tropfen höhlt den Stein. Ran an die Wurzeln des Humbugs. Hier noch­mals der Hinweis auf das Sachbuch zum Lachbuch, allen §166-Rechtfertigern hin­ters Ohr geschrie­ben:
    http://www.buecher.de/shop/buecher/traktat-ueber-die-drei-betruegertrait-des-trois-imposteurs/anonymus/products_products/detail/prod_id/05366792/

    Und hier mein lai­en­haf­tes Resümee kurz und bün­dig, eigent­lich nur für mich, das dür­fen aber auch andere wis­sen.

    Anonymus Traktat über die drei Betrüger:
    Es ist erschre­ckend, wie weit damals im 17. Jahrhundert schon ver­stan­den wurde, was Sache ist, und wie ana­chro­nis­tisch noch heute Religion dis­ku­tiert wird. Vor und nach Darwin, Gen- und Hirnforschung. Das Traktat erin­nert mich an die vor­bild­li­che Volksbildung durch die ers­ten Sozialisten. Dass heute noch Religionskritik betrie­ben wer­den muss, ist eine Katastrophe. Die über­heb­li­che phi­lo­so­phi­sche Kritik aus dem Elfenbeinturm in der Einleitung ist erbärm­lich. Für eine all­ge­mein­ver­ständ­li­che Aufklärung a la Leibniz ist kein Butterkeks.
    Wer gibt schon zu, dass er sich von banal­tri­via­len Verbrechern hat ver­ar­schen las­sen? Glauben ist beque­mer, als d´ran glau­ben zu müs­sen. Hut ab vor den Aufklärern von Lug und Trug. Alles Märtyrer, oder sie haben als Anonymus über­lebt.
    Werdet (bleibt) wie die Kinder, sonst wer­det ihr das Himmelreich nicht erlan­gen. Der reli­giö­sen Verarschung soll man noch das humane Lied der Stressminderung zubil­li­gen? Schluss mit der Erziehung zu glück­li­chen, weil unwis­sen­den, Sklaven.

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