Mittwoch , 22 Mai 2013
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Necla Kelek – Die fremde Braut

Das Buch habe ich schon ewig bei mir lie­gen; aber es erst jetzt gele­sen. Warum? Weil ich Keleks tete-á-tete mit Sarrazin unmög­lich fand? Ja, auch des­halb. Vor allem aber, weil ich von ande­ren, die das Buch lasen, hörte, dass es selbst nicht frei wäre von Ausgrenzungen. Und das vorab: es hat sich bestä­tigt.

Denn es mutet merk­wür­dig an, wenn Necla Kelek aus all der (zum Teil berech­tig­ten) Kritik an der muslimisch-türkischen Community eine Gruppe her­aus­zu­neh­men scheint: die Tscherkessen. Den Volksstamm, dem sie sich selbst zuge­hö­rig fühlt.

Aber der Reihe nach: Ein Großteil des Buches ist die Autobiographie der Autorin. Und dies zu lesen ist span­nend und lehr­reich. Es sollte fast genü­gen, um die Probleme, vor denen Familien ste­hen, die aus der Türkei – aus Anatolien – nach Deutschland ein­wan­dern, begreif­lich zu machen. Es wird schnell klar, dass Necla Kelek einen eher unüb­li­chen Weg geht, der sie zu dem macht, was sie jetzt ist: eine über­aus kri­ti­sche Kommentatorin der geschei­ter­ten Integration in Deutschland.

Mir scheint jedoch, als würde sie das Kinde mit­samt Bad aus­schüt­ten, wenn sie ein­zig den Migranten “die Schuld” am Scheitern der Integration geben möchte. Sicherlich sind viele der Argumente, viele der geschil­der­ten Facetten rich­tig und kor­rekt beob­ach­tet. Jedoch ist es ein­fach falsch, anzu­neh­men, dass andere Menschen die Kraft und den Mut haben wür­den, sich – wie sie – gegen die Normen der Kultusgemeinde, der Umma zu stel­len. Wer meint, dass dies einem Migranten leicht fal­len müsste, irrt ganz ein­fach.

Richtig hin­ge­gen sind Keleks Hinweise und Ratschläge an die deut­sche Mehrheitsgesellschaft.

Eine Toleranz, die selbst noch die Intoleranz und all­täg­li­chen Gewaltverhältnisse als Bestandteil eines “ande­ren kul­tu­rel­len Kontextes” hin­zu­neh­men, ja, zu respek­tie­ren bereit ist, ent­larvt sich letz­ten Endes als wert­los und gibt damit jeden Anspruch preis, die Gesellschaft nach all­ge­mein gül­ti­gen Rechten und Verpflichtungen zu gestal­ten. Menschenrechte, Grundrechte sind nicht teil­bar, nicht kul­tu­rell rela­ti­vier­bar. (Seite 276)

Wie jedoch diese unteil­ba­ren Menschen- und Grundrechte den türkische-muslimischen Menschen ver­mit­telt wer­den kön­nen kann auch Necla Kelek nicht beant­wor­ten. Sie sieht – wie ich – jedoch als ers­ten Schritt in diese Richtung einen Deutschunterricht als drin­gend not­wen­dig an. Ich gehe da noch einen Schritt wei­ter und meine, dass Bildung ins­ge­samt Grundvoraussetzung ist, um Menschen in die Lage zu ver­set­zen, am gesell­schaft­li­chen Leben teil­ha­ben zu las­sen. Allerdings man­gelt es daran ja nicht nur bei Migranten.

Wenn man aber all die über­spitzte Polemik aus Keleks Buch her­aus­nimmt und von ihrer – aus per­sön­li­cher Betroffenheit ver­stärkte – Abneigung gegen reli­giöse (mus­li­mi­sche) Türken absieht, bleibt ein Credo übrig, dass auch ich unter­schrei­ben kann:

Die staat­li­che Neutralität gegen­über den Religionen darf nicht so weit gehen, dass Grund- und Menschenrechte im Namen der Religionsfreiheit ver­letzt wer­den. Damit fie­len wir hin­ter alles zurück, was die Aufklärung his­to­risch in einem lan­gen Prozess an Freiheiten für den Einzelnen gebracht hat. Und wir gäben damit das Fundament unse­rer zivi­len Gesellschaft auf – den Rechtsstaaat. (Seite 264)

Man darf gespannt sein, wie Necla Kelek die­ses Credo mor­gen im Fernsehen ver­tei­di­gen wird.

Nic

wei­tere Rezensionen beim Perlentaucher

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

4 Kommentare

  1. Cees van der Duin

    Guten Tag Nic,

    danke für den Hinweis auf Necla Keleks lesens­wer­tes Buch Die fremde Braut.

    Du sag­test: “Jedoch ist es ein­fach falsch, anzu­neh­men, dass andere Menschen die Kraft und den Mut haben wür­den, sich – wie sie – gegen die Normen der Kultusgemeinde, der Umma zu stel­len. Wer meint, dass dies einem Migranten leicht fal­len müsste, irrt ganz ein­fach.” Dazu denke ich, zum einen, dass sich die Umma in hun­dert oder schon fünf­zig Jahren ja ver­än­dert haben könnte und mehr­heit­lich in der Lage ist, die gegen­mo­der­nen Normen des Islamischen Rechts abzu­le­gen. Die Scharia ist nicht ange­bo­ren, es gibt eben gerade kein Kopftuch-Gen oder Islam-Gen.

    Vielleicht ist es, zum ande­ren, der Soziologin auch völ­lig klar, dass es die hör­bare Kritik an Scharia und Fiqh noch kei­nem nen­nens­wert star­ken Teil der mus­li­misch sozia­li­sier­ten “Migranten leicht fal­len” kann und – nicht nur in Pakistan oder Somalia – gefähr­lich ist.

    Ich meine zu erken­nen, dass Kelek reli­giös ist, dass aber ihre Religiosität mit den all­ge­mei­nen Menschenrechten ver­träg­lich ist, was mit einem Bejahen der Scharia (Abu Hamid al-Ghazali vor 900 Jahren, Yusuf al-Qaradawi heute) nicht fink­tio­nie­ren kann. Solche Säkularen haben die (angeb­lich vom Himmel gekom­me­nen und vor der Hölle ret­ten­den) dis­kri­mi­nie­ren­den Befehle hin­ter sich gebracht.

    Die Muftis und Scheiche sind über sol­che Säkularen nicht zufrie­den und fürch­ten, ziem­lich berech­tigt, als Theokrat oder jeden­falls Theologe arbeits­los zu wer­den.

    Wenn der Islam glo­bal eine (frei­heit­lich demo­kra­ti­sche) Zukunft hat, dann mit Leuten wie Bassam Tibi oder Necla Kelek.

    • Hallo Cees,

      Danke für den Kommentar und für Deine Ergänzungen. Dazu komme ich gleich. Aber erst ein­mal die Frage nach Bassam Tibi – den kenne ich nicht. Wer ist das?

      Dass sich die Umma moder­ni­siert bezwei­fel ich. Das ist ja auch das Grundlegende an der Kritik, die Kelek äußert. Im Gegenteil scheint es doch so zu sein, als würde sich der Islam der­zeit (welt­weit) immer mehr abwen­den von der Moderne und sich immer mehr rück­wärts gewandt gebär­den. Schön wäre, wenn ich mich irre.

      Was ich – wenn – Kelek vor­werfe, ist, dass sie ihre Kritik und die Bringeschuld allein bei den türkisch-islamischen Migranten sucht. Ich meine, dass auch die Mehrheitsgesellschaft an der Ausgrenzung ihren Anteil hat. Richtig ist natür­lich, dass sich, wer in die­sem Land leben möchte, an die Gesetze des Landes hal­ten muss. Das ist eine Forderung, die – gerade auch hin­sicht­lich der Bildung – auf jeden Fall unter­schrie­ben wer­den muss. Zu klä­ren ist dabei aller­dings: kann man Migranten zwin­gen, an sol­chen Lehrgängen teil­zu­neh­men? Kelek sagt dazu unbe­dingt “Ja”.

      • Zur letz­ten Frage kann ich auch nur unein­ge­schränkt sagen: JA! – Das wäre gerade auch für die Frauen unter den Migranten die Verpflichtung, sich hier eine Grundorientierung zu ver­schaf­fen. Diese soll­ten sie haben, sie wird ihnen aber oft, befürchte ich, von ihren Paschas ver­wehrt, nicht von ihrem eige­nen man­geln­den Interesse. Wenn sie müs­sen, müs­sen die Paschas sie auch las­sen. Gezwungen zu sein, kann auch manch­mal Freiheit geben.

        Mag sein, dass Kelek ein­sei­tig ist, wenn sie die Schuld nur bei den Migranten sieht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich immer dar­auf geach­tet habe, dass ich nicht gedan­ken­los oder unfair wäre. So habe ich auch einen tür­ki­schen Kollegen ein­ge­ar­bei­tet. Von dem habe ich dann Vorwürfe gehört, er würde von mir und mei­nen Kollegen nicht genü­gend respekt­voll behan­delt. Von ihm habe ich gehört, dass die däni­schen Karikaturen Volksverhetzung wären, aber die dar­auf fol­gen­den Demos mit Todesdrohungen “Behead all those who insult Islam” welt­weit waren nur eine legi­time Antwort. Ich: “Die wol­len uns ein­schüch­tern.” – Er: “Ja, ist ja auch rich­tig so.”

        Seither, nicht etwa wie die klü­ge­ren Mitbürger schon seit 9/11, bin ich hell­hö­rig gewor­den. Ich konnte mir bei 9/11 nicht vor­stel­len, dass die den gan­zen Westen mei­nen – tun sie aber.

        Es ist eine aktive Verweigerung, die wir sehen. Das ist nur auf Seiten von einer erheb­li­chen Menge von Migranten aus _muslimischen_ Ländern zu sehen. Viele wol­len sich inte­grie­ren, viele wol­len ein­fach ihre Lebensweise durch­zie­hen, und dabei in Frieden gelas­sen wer­den (ist ja auch okay, solange das nicht gegen die Menschenrechte geht, wie z.B. Beschneidung), aber viele sind da sehr viel recht­ha­be­ri­scher, gar aggres­si­ver und letz­lich impe­ria­lis­ti­scher. Das liegt NICHT an uns Deutschen, eben­so­we­nig wie an den Dänen, Franzosen, Italienern, Briten und US-Amerikanern, die damit kon­fron­tiert sind.

        Es ist rich­tig, die Tatsachen sehen zu wol­len, mit offe­nen Augen durch die Welt zu gehen. Darum bemüht sich auch Bassam Tibi, Professor em. in Göttingen und Harvard. Ein klu­ger Weltbürger syri­scher Abstammung und mit deut­schem Pass. Er hat einen dann spä­ter viel von Konservativen miss­brauch­ten Begriff geprägt, den der Leitkultur. Er meinte damit einen Grundkonsens demo­kra­ti­scher Werte, der von allen hier leben­den Mitmenschen akzep­tiert wer­den müsste – er hat auch die opti­mis­ti­sche Idee eines (demokratie-verträglichen) Euro-Islam ent­wi­ckelt. Er ist ein aus­ge­spro­chen klu­ger und nach mei­ner Einschätzung ehr­li­cher Mann. Er redet nicht so mit ver­lo­gen gespal­te­ner Zunge wie ein Tariq Ramadan.

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