WEIMAR. (fgw) Die Zeitschrift MIZ – Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistInnen – widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe 2/12 dem Schwerpunktthema “Perspektiven des transnationalen Atheismus”. In ihrem Editorial stellt Nicole Thies fest, daß die internationale Vernetzung von Atheisten zügig vorangekommen sei, was die zahlreichen Kongresse und Tagungen des Jahres 2012 zeigten. Und sie stellt dazu auch, frei nach Karl Marx und Friedrich Engels, die Forderung auf: “Atheisten aller Länder vereinigt euch!”
Den Hauptbeitrag zum Schwerpunktthema liefert Heike Jackler mit einem ausführlichen Bericht über die Internationale Atheistische Tagung vom 25. bis 27. Mai in Köln. Veranstalter waren der IBKA Atheist Alliance International (AAI).
Hier haben Atheisten, Freidenker und Humanisten aus Europa, Nordamerika, Asien und Afrika sich der Frage zugewandt, ob die säkularen Bewegung eine weltweite Kraft werden könne, die dem Machtanspruch der organisierten Religionen wirksam entgegentreten kann. Deutscherseits haben sich an der Debatte in Köln u.a. Ingrid Matthäus-Maier (Diskriminierungen durch Besonderheiten des kirchlichen Arbeitsrechts hierzulande) und Michael Schmidt-Salomon (gbs-Projekt “evokids”) beteiligt.
Über die erste atheistische Konferenz Südostasiens am 21. April in der philippinischen Hauptstadt Manila berichtet Matthias Krause. Dem schließt sich ein Beitrag von Gunnar Schedel an, bezugnehmend auf die Forderung des katholischen Dichters Martin Mosebach, daß “Blasphemie” in Deutschland wieder strafbar werden müsse. Unter der Überschrift “Gewalt und Schrecken” konstatiert, unter Benennung konkreter Beispiele, daß die Verfolgung von Menschen, die sich zum Atheismus bekennen, weltweit zunehme. Und daß nicht nur in islamischen Monarchien und Republiken, sondern auch im “christlichen” Europa.
Passend dazu äußert sich in einem Interview Corinna Gekeler über den aktuellen Stand ihrer Studie zum kirchlichen Arbeitsrecht in Deutschland: “Diskriminierende Arbeitssituationen und Druck vom Arbeitgeber”.
Ins Mittelalter zurückversetzt fühlt man sich bei der Lektüre eines Berichtes darüber, wie ein deutsches Gericht per Urteil zwei Kinder zwangsmissioniert und gegen den Willen der konfesssionsfreien Mutter und Kinder zum Besuch von Religionsunterricht und schulischen Gottesdiensten verpflichtet.
Dieser Beitrag wird durch einen Exkurs zum “Religionsunterricht aus kirchlicher Sicht” ergänzt: “Es ist für die Kirche eine große Chance, in der [staatlichen; SRK] Schule Menschen aller Weltanschauungen zu begegnen. In einer Zeit der Säkularisierung, Pluralisierung und des immer wieder beklagten Mitgliederschwundes hat sie hier die einmalige [!!!; SRK] Möglichkeit, ihre Botschaft auch außerhalb der eigenen Kreise zu verbreiten, Menschen [sprich unmündige Kinder; SRK] zu überzeugen, mit ihrem Personal präsent zu sein. Und das auch noch fast kostenneutral.” (Zeitung “Evangelisches Frankfurt”, Juli 2012). Ähnliches geht aus einer Boschüre der katholischen Bischofskonferenz “Argumente für den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen” hervor.
Also, dank vielfacher Rückendeckung durch deutsche Juristen können die Kleriker beider Amtskirchen ungeniert un d öffentlich verkünden, worum es ihnen mit dem Religionsunterricht in Wirklichkeit geht: Um Zwangsmissionierung und das noch auf Kosten der Allgemeinheit!
Roland Ebert steuert einen sehr fundierten Beitrag über die tatsächliche Anwendung der “Scharia in Deutschland” bei und wirft die Frage auf, ob islamisches Recht hierzulande als spezielles Recht akzeptierbar sei. Er bleibt aber nicht bei der Fokussierung auf den Islam stehen, sondern schreibt sehr deutlich dies: “In der ganzen Diskussion wird allerdings unterschlagen, dass der Staat von seiner Anlage her ein säkularer Staat ist. Für allgemeine Belange ist es nicht zweckdienlich, wenn die Normen einer bestimmten Religionsgemeinschaft bevorzugt als allgemeines Recht gesetzt werden.” Und damit spricht er die deutsche Realität an, in der amtskirchliche Postulate immer noch über allgemeine Normen gesetzt werden.
Weitere Beiträge beschäftigen sich mit diesen Themen: “Salafismus: Die unterschätzte Gefahr von rechts” (Klaus Blees); “Kirchenfinanzierung in Österreich” (Carsten Frerk über sein neuestes Buch) sowie “Diagnose? Homosexuell – Eine Gruppe katholischer Ärzte nutzt den Katholikentag in Mannheim als Podium für ihre Botschaft” (Pascale Müller).
Eine neue Rubrik “Netzreport” stellt säkulare Internetprojekte vor, einen Rückblick auf diverse Aktivitäten gibt die ebenfalls neue Rubrik “Zündfunke” und wertvolle Nachrichten liefert in bewährter Weise die “Internationale Rundschau” (natürlich einschließlich Deutschlands).
Ein ganz besonderes Schmäckerchen soll abschließend erwähnt und zur Leküre empfohlen werden: Diana Wakoniggs Glosse “Neulich… beim Boxenstopp”. Hier reflektiert sie ein Erlebnis der besonderen Art während einer Fahrt mit der Deutschen Bahn. Da geht es nicht nur um die bereits früher erwähnte Schuleinführungsbox des katholischen missionarischen Bonifatiuswerkes mit Kindergebetbuch, Segenswürfel, Heiligenpostkarten und einem Fläschlichen Weihwassers.
Aber lassen wir an dieser Stelle Wakonigg selbst zu Wort kommen, jeder weitere Kommentar erübrigt sich danach wohl:
“…eine ‘Prayerbox für unterwegs’. Inhalt: ein kleines silbriges Kreuz, ein Mini-Rosenkranz aus roten Holzperlen, eine Ampulle Weihwasser sowie ein Beipackzettel mit den gängigen christlichen Gebeten auf Deutsch, Englisch und Italienisch. (…) Sie stammte von einem Verein namens Kirche in Not – Weltweites Hilfswerk päpstlichen Rechts (…) auf dem Beipackzettel auch gleich Vorschläge für Gebetsanliegen mitlieferte, wie zum Beispiel ‘Die Neuevangelisierung Deutschlands und der ganzen Welt’ [!!!; SRK] oder ‘Gabe der Stärke für verfolgte, bedrängte und notleidende Christen’ (…)”
MIZ – das bedeutet Materialien und Informationen zur Zeit. Das Vierteljahresmagazin des IBKA (Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten) erscheint seit 1972 und kann beim Alibri-Verlag Aschaffenburg bezogen werden.
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