Mittwoch , 19 Juni 2013
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Politiker und Klerus können es einfach nicht lassen…

Weimar. (fgw) Politiker und Klerus kön­nen es ein­fach nicht las­sen, sich in Deutschland über die Verfassung, sprich das Grundgesetz, hin­weg­zu­set­zen. Wie heißt es doch so schön, seit 1919? Staat und Kirche sind getrennt bzw. es gibt keine Staatskirche. Und viele Menschen, auch linke und LINKE Politiker glau­ben dies in vol­ler Naivität, gehen den schö­nen Sonntagspredigten von der ach so barm­her­zi­gen und nächs­ten­lie­ben­den (Amts-)Kirche auf den Leim, die sich neu­er­dings angeb­lich sogar ent­welt­licht (so der Ratzinger-Papst bei sei­ner vor­jäh­ri­gen Deutschland-Heimsuchung).

Dorfkirche Glienicke-NordbahnDoch wie stets im Leben sind Verfassungs-Lyrik und Verfassungs-Wirklichkeit zwei ver­schie­dene Paar Schuhe und fast jeder nimmt das hin.

Drei Zeitungsmeldungen aus den ver­gan­ge­nen Tagen führ­ten wie­der krass vor Augen, wie ver­quickt doch auch heut­zu­tage noch Staat und (Amts-)Kirche(n) in Deutschland sind.

Meldung Numero 1: In München fand jetzt ein öffent­li­cher Beförderungsappell der Bundeswehr statt. 573 Bundeswehrangehörige wur­den hier zum ers­ten Offiziersdienstgrad ernannt. Ein hun­dert­pro­zen­tig staat­li­cher Akt, ohne Zweifel. Aber wie lau­tete der erste Punkt des Zeremoniells? Richtig geht, wer da sagt: Öku­me­ni­scher Gottesdienst…

In die­sem Zusammenhang fällt mir ein, daß Inhaber höchs­ter Staatsämter mit einem soge­nann­ten Großen Zapfenstreich aus ihrem repu­bli­ka­ni­schen Amt ver­ab­schie­det wer­den. Und wie lau­tet ein gene­rel­ler Befehl an die Angehörigen des Ehrenbataillons der Bundeswehr wäh­rend die­ses Zeremoniells? Ja, rich­tig gehört: „Helm ab zum Gebet!”

Unabhängig von die­ser unse­li­gen, ver­fas­sungs­wid­ri­gen Verquickung reli­giö­ser und welt­li­cher Rituale wäh­rend staat­li­cher Akte sollte auch dies bedacht wer­den: 40 und mehr Prozent der Bundeswehr sind nicht reli­giös gebun­den oder gehö­ren zu einem klei­nen Teil ande­ren Religionen an. Sie alle wer­den gezwun­gen, kraft Befehls an reli­giö­sen Handlungen teil­zu­neh­men.

Meldung Numero 2: Im Weimarer Ortsteil, in den ich wohne, wurde jetzt ein neues Gebäude für die ört­li­che Freiwillige Feuerwehr sei­ner Bestimmung über­ge­ben und sei­tens der Stadt wur­den Wehrführer und Stellvertreter ernannt. Brandschutz gehört zu den kom­mu­na­len Pflichtaufgaben, das Gebäude wurde mit öffent­li­chen Geldern errich­tet. Dennoch konnte „man” es auch hier nicht las­sen und so gehörte zum Protokoll des Tages auch dies: Ein evan­ge­li­scher Pfarrer seg­nete das öffent­li­che Gebäude ein… Nebenbei in einer Gegend, in der weni­ger als 25 % der Menschen der evan­ge­li­schen (und katho­li­schen) Kirche ange­hö­ren. Auch eine deut­li­che Mehrzahl der Mitglieder die­ser Freiwilligen Feuerwehr dürfte reli­gi­ons­frei sein…

Meldung Numero 3: Der wie­der­ge­wählte Oberbürgermeister von Weimar legte jetzt sei­nen Amtseid ab, ver­bun­den mit der Formel „So wahr mir Gott helfe!”. Das ist zwar ver­fas­sungs­mä­ßig gedeckt, den­noch frag­lich. Warum? Weil lt. Grundgesetz, Landesverfassung(en) und ande­ren Gesetzen die reli­giöse Eidesformel die nor­male ist und deren Weglassung als Ausnahme gilt. In einem reli­giös und welt­an­schau­lich neu­tra­lem Staat, also wenn Staat und Kirche getrennt sind, hat auch eine Eidesformel reli­giös und welt­an­schau­lich neu­tral sein. Nun ja, wenn reli­giöse Menschen unbe­dingt die Gottes-Beteuerung brau­chen, dann könnte man ja ein Auge zudrü­cken und sie als Ausnahme trotz allem akzep­tie­ren.

Nebenbei gesagt, ich betrachte solch eine Beteuerung auch als Flucht aus der per­sön­li­chen Verantwortung. Denn wenn der Amtsträger ver­sagt oder gar dem Staat, der Kommune oder den Menschen zufügt, dann hat ihm „Gott” eben nicht gehol­fen und er ist von jeder Schuld frei, denn die trägt dann eben „Gott”.

Leider sind das keine Ausnahmefälle im poli­ti­schen Leben im Staate Bundesrepublik Deutschland, son­dern lei­der die Regel.

Und das beginnt an der Spitze: Bei den Vereidigungen des Staatsoberhauptes, der Regierungschefs und der Minister… Dazu gehört auch, daß die Parlamente ihre neuen Wahlperioden pro­to­kol­la­risch mit öku­me­ni­schen Gottesdiensten eröff­nen…

Dabei soll­ten doch eigent­lich die Abgeordneten der Trennung von Staat und Kirche(n) ver­pflich­tet sein. Wer christlich-gläubig ist, der kann doch im Prinzip jeder­zeit indi­vi­du­ell eine Kirche auf­su­chen und dort sei­nen Glauben pfle­gen.

Letzter Gedanke: Und wenn irgend­ein grö­ße­res Unglück pas­siert, lädt „selbst­ver­ständ­lich” die Kirche bzw. laden die Kirchen zum öffent­li­chen öku­me­ni­schen Gedenken ein, selbst wenn alle Opfer die­sen Glaubensgemeinschaften gar nicht ange­hö­ren.

Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar

Über SRK

Co-Autor des Blogs, ansonsten schreibt er für den Freigeist Weimar.

3 Kommentare

  1. Statt Selbstverantwortung sich (selbst) ent­schul­di­gen (z.B. Kirche und Missbrauch). Man kann nicht tie­fer fal­len, als in Gottes (liebe) Hand (M. Käßmann). §166 gedeckte Schizophrenie und ver­welt­lichte (ent-, der Papst hat doch bloß ä Späßle g`macht) Religiotie, die es ab Schamanentum schon in der Steinzeit gab. Und staats­tra­gend wird die Assoziation zu “Des Kaisers neue Keider” igno­riert. Dass ihr mir ja mit dem System nicht brecht.

  2. Fundstück zur Symbiose von Staat und Kirche zur Lösung aller anste­hen­den Probleme:
    http://blasphemieblog2.wordpress.com/2012/07/03/k-tv-atheistengedicht/#comments

  3. Die BRD ist eben kein lai­zis­ti­scher Staat.

    Thierse schwir­melte auf ner SPD Veranstaltung er kenne das Schweigegebot nur aus’m Beichtstuhl. Ich sprach ihn auf die ‘motu poprio (pro­prio) an. Darin sind sämt­li­che Missbrauchsfälle nach Rom zu mel­den. Thierse meinte er küm­mert sich drum: “Wie war noch mal Ihr Name?” (hat sich bestimmt geküm­mert) Jetzt zum Laizissmus-Thema:
    In dem Zusammenhang schrieb ich auch Leutheusser-schnurrenberger an. Eine Referentin ant­wor­tete sinn­ge­mäß: Die Kirche hat ihre eigene recht­li­che Instanz, aber natür­lich würde die Staatsanwaltschaft tätig wer­den, wenn Bedarf bestünde…
    Es ist halt noch nicht all­zu­lange her, dass Adel+Klerus mun­ter auf Kosten des Volkes leb­ten.
    Heute sind gewisse andere ‘Schichten’ der Adels-ersatz.
    Der Schoß ist noch frucht­bar aus dem das alles kriecht.

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