Montag , 20 Mai 2013
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Günter Wallraff über iranische Repressionen: “Die meinen es todernst”

Stille Diplomatie werde nicht wei­ter­hel­fen, sagt Günter Wallraff. Der Publizist for­dert für ver­folgte Künstler mehr Solidarität. Er unter­stützt der­zeit den bedroh­ten Musiker Shahin Najaf.

Für die TAZ sprach Daniel Bax mit Günter Wallraff

taz: Herr Wallraff, Sie küm­mern sich jetzt um den Musiker Shahin Najafi, der aus dem Iran mit dem Tode bedroht wird. Was kön­nen Sie für ihn tun?

Günter Wallraff: Shahin Najafi hat sich an mich gewandt, und ich habe ihm meine Hilfe ange­bo­ten. Jetzt ist er an einem siche­ren Ort, an dem schon Salman Rushdie einige Zeit ver­bracht hat. Wichtig ist, dass er jetzt eine breite Unterstützung bekommt.

Konnten Sie ihm da die rich­ti­gen Kontakte ver­schaf­fen?

Das kommt teil­weise von selbst. Was die Medien betrifft, kann er sich nicht über man­gelnde Aufmerksamkeit bekla­gen. Aber die Solidarität sei­ner deut­schen Künstlerkollegen muss erst orga­ni­siert wer­den. Und ich warte noch dar­auf, dass sich mal eine Stiftung mel­det, die ihm ein Stipendium anbie­tet, damit er seine Arbeit fort­set­zen kann.

Gerade hat Shahin Najafi im Internet ein neues Lied ver­öf­fent­licht, in dem er seine Lage kom­men­tiert. War das klug?

Es gibt zwei Wege, mit so einer Situation umzu­ge­hen: Man kann sich zurück­zie­hen und sich raus­hal­ten. Aber damit ermu­tigt man die­je­ni­gen, die einen mit dem Tode bedro­hen. Rushdie hat es einst als den größ­ten Fehler sei­nes Lebens bezeich­net, als er auf den Rat der Sicherheitsbehörden hin nach Chomeinis Fatwa seine Haltung rela­ti­vierte. Da wurde er erst recht atta­ckiert.

Die andere Möglichkeit ist, sich nicht ein­schüch­tern zu las­sen. Shahin Najafi macht ein­fach seine Arbeit wei­ter. Das ist er nicht zuletzt auch denen schul­dig, die sich im Iran auf ihn beru­fen. Die Ajatollahs und die, die hin­ter ihnen ste­hen, ehren ihn ja auf ihre Art. Es ist kein Zufall, dass es aus­ge­rech­net ihn getrof­fen hat. Islamisten und Fundamentalisten jeder Couleur, die sich im Besitz der rei­nen Wahrheit wäh­nen, ver­ste­hen kei­nen Spaß, die mei­nen es tod­ernst. Deswegen sind Auch-Satiriker wie Rushdie, der ver­stor­bene tür­ki­sche Schriftsteller Aziz Nesin oder eben Shahin Najafi für sie sol­che Hassobjekte.

Wie geht es jetzt für Shahin Najafi wei­ter?

Er hat Einladungen aus den USA und Kanada, dort kann er unter ent­spre­chen­den Sicherheitsvorkehrungen auf­tre­ten.

Aus Deutschland noch nicht?

Bis jetzt noch nicht, da müs­sen erst die Voraussetzungen dafür geschaf­fen wer­den.

Was könn­ten Künstlerkollegen denn zum Beispiel tun?

Ein Solidaritätskonzert mit nam­haf­ten Künstlern wäre eine große Hilfe und Schutz für ihn. Er selbst ist sehr zurück­hal­tend, erwar­tet nichts und drängt sich kei­nem auf. Aber ich erwarte so etwas. Leider habe ich den Eindruck, dass sich gerade die deut­schen Stars damit schwer­tun.

Warum?

Aus Desinteresse und Ignoranz? Aus fal­scher Rücksichtnahme? Aus beque­mer Feigheit oder aus Gratisangst? Ich weiß es nicht, aber das geht eini­gen offen­bar total am Arsch vor­bei. Ich lasse mich gerne eines Besseren beleh­ren. Leider hat das Tradition. Als ich damals eine Solidaritätsaktion für Rushdie gestar­tet habe, da wollte ihn etwa die Lufthansa zuerst nicht flie­gen. Erst als wir mit Zeitungsannoncen einen Boykott orga­ni­siert haben, haben sie nach­ge­ge­ben.

Wie rea­giert die deut­sche Politik jetzt auf die­sen Fall?

Einige Politiker haben sich schon zu Wort gemel­det. Aber hier sind unsere Spitzenpolitiker gefragt. Ein Außenminister darf hier nicht schwei­gen, wenn in orga­ni­sier­ten Demonstrationen vor der deut­schen Botschaft in Teheran die Auslieferung von Shahin Najafi ver­langt wird oder ein Mitarbeiter des ira­ni­schen Generalkonsulats in E-Mails die Vollstreckung der Fatwas ver­langt. Da muss der ira­ni­schen Botschafter ein­be­stellt und zur Rede gestellt wer­den.

Vielleicht setzt die Bundesregierung bis­her ja lie­ber auf stille Diplomatie?

Stille Diplomatie wird hier nicht wei­ter­hel­fen: Die Fatwas sind in der Welt, ein Kopfgeld ist auf ihn aus­ge­setzt. Soeben erst wurde im Iran ein Killerspiel ins Netz gestellt, in dem Najafi vir­tu­ell hin­ge­rich­tet wer­den kann – ein „Training“, zu dem die staat­li­che Nachrichtenagentur FAR-News direkt auf­ruft. In ande­ren Foren wird aus­führ­lich dar­über dis­ku­tiert, wie man ihn am bes­ten zur Strecke bringt. Das alles ist ernst zu neh­men, des­halb steht er unter Polizeischutz.

Wie, glau­ben Sie, könnte sich sein Fall zum Guten wen­den?

Die ein­zige Hoffnung besteht darin, dass die­ses Regime im Iran sei­nem Ende ent­ge­gen­geht. Sonst wird es wei­tere Fälle wie den von Shahin Najafi geben. Er ist jemand, der diese Hoffnung am Leben hält. Genau darum ist er ja zur Zielscheibe gewor­den.

Das klingt pes­si­mis­tisch.

Nein, denn die­ses Regime ist über­fäl­lig. Der Iran hat eine mehr­heit­lich sehr junge Bevölkerung. Und die will in einem ande­ren, frei­heit­li­chen Staat leben und sich nicht von fins­te­ren Mullahs und religiös-faschistischen Revolutionsgarden, Geheimdiensten das eigent­li­che Leben ver­bie­ten und auf Dauer unter­drü­cken las­sen. Davon bin ich fest über­zeugt. Man muss den Angstmachern in die­sem men­schen­ver­ach­ten­den Regime zei­gen, dass sie letzt­lich unter­le­gen sind, sich zum Idioten machen und das Gegenteil von dem errei­chen, was sie beab­sich­ti­gen.

 [Sorry, liebe TAZ, dass ich das Interview fast kom­plett über­nehme... ich musste es wegen des Themas...]

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

2 Kommentare

  1. gefällt mir, so war der hint ver­deckt beab­sich­tigt. Wallraffen statt gau­cken oder fried­rich­sen, dran blei­ben.
    Ihr kennt misch net, isch kenn eisch all,
    denn wo isch schaff, isch mor am Ball.
    Und wo isch schaff, des isch doch klaa,
    isch bin de Monn vom BKA.

  2. Nicht dass es unter­geht. Ach ja die mut­be­schnit­te­nen Politiker, die sich um soviel inter­na­tio­nale Gefühlsbeleidigungen küm­mern müs­sen: http://www.youtube.com/watch?v=02O0JwYOwD4

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