ERFURT. (fgw) “Beim Tag der offenen Tür im Thüringer Landtag am Samstag, 9. Juni, stellt sich die Medienstelle des Bistums Erfurt mit einem Bücherflohmarkt sowie einer Bastel- und Schminkaktion für Kinder vor. Der Stand mit der Nummer 148 befindet sich im ersten Obergeschoss des Funktionsgebäudes des Landtages”, so heißt es stolz auf der Webpräsenz des Bistums.

Landtag Thüringen
Aber das ist noch nicht alles. Es kommt noch lauter. Und das im sogenannten “Raum der Stille” im Landtag, einem ökumenischen Betstübchen in einem öffentlichen Gebäude. Und hier erleben wir wieder, wie institutionell verquickt doch Amtskirchen und Staat immer noch sind – trotz eindeutiger Verfassungsgebote.
Das Bistum teilt mit besonderem Stolz auch dies noch mit, wenngleich versteckt nach dem oben zitierten kinderfreundlichen Aufmacher: “Abseits des Trubels geht es im “Raum der Stille” eher besinnlich zu. Dort legt Ministerin Marion Walsmann, zuständig für Bundes- und Europa-Angelegenheiten sowie Chefin der Thüringer Staatskanzlei, um 13 Uhr den Psalm 8 der Bibel aus, der von der Herrlichkeit des Schöpfers und der Würde des Menschen handelt. Walsmann spricht im Rahmen einer Andacht, zu der das Katholische und das Evangelische Büro einladen.”
Das offizielle Programm des Thüringer Landtages selbst gibt sich etwas nüchterner: “Marion Walsmann, Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Chefin der Staatskanzlei, predigt über Psalm 8. Einladende sind die Beauftragten der Kirchen beim Thüringer Landtag.”
Soso, eine Ministerin predigt also… Sollten Politiker, auch die der CDU, in einem Parlamentsgebäude aber nicht eher politische Reden halten?Ddenn sie sind ja vom Wahlvolk als Politiker legitimiert worden und nicht als Kleriker!
Tja, wer und was sind nun aber das Katholische und das Evangelische Büro?
Dazu wollen wir an dieser Stelle nur mal www.katholisch.de zitieren:
Die Katholischen Büros sind eine wichtige Verbindungs- und Informationsstelle zwischen Kirche und Politik. Über die Büros treten Bischöfe mit Landesregierungen, Ministerien, der Bundesregierung, Parteien und gesellschaftlichen Verbänden in Kontakt. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, auf den Gebieten der Politik, Gesellschaft sowie Gesetzgebung eine einheitliche Auffassung der katholischen Kirche nach außen darzustellen und zu vertreten.
Das geschieht zum Beispiel durch Stellungnahmen bei Gesetzesanhörungen und durch Vorbereitung, Prüfung und Abschluss von Verträgen und Vereinbarungen. Außerdem finden regelmäßige Treffen, Hintergrundgespräche und Diskussionsforen zwischen Vertretern aus Kirche und Politik statt. Die Arbeit der Katholischen Büros soll so zu einem dialogischen und vertrauensvollen Verhältnis zwischen Staat und Kirche beitragen.
Neben dem Katholischen Büro in Berlin, das für die Bundespolitik zuständig ist, gibt es in jedem Bundesland ein Katholisches Büro, das die Verbindung zur Landesregierung hält. Die Landesbüros befassen sich unter anderem mit gemeinsamen Aufgaben von Staat und Kirche, die in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesländer fallen. Dazu gehört das gesamte Unterrichts- und Bildungswesen vom Kindergarten bis zur Universität und vor allem der Religionsunterricht und die Katholisch-Theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten. Alle Aufgaben werden in Verträgen zwischen Staat und Kirche, den so genannten Konkordaten, geregelt.
Diese Büros sind also Lobbyisten der Bischöfe beider Amtskirchen. Und dies sogar mit deutlichst forderndem Anspruch. Sie wollen zu Gesetzesvorlagen etc. Gehört werden. Nun ja, wenn es nur um religionspolitische Gesetze ginge, könnte man das ja akzeptieren. Aber der Klerus will seine Meinung zu allem um jeden sagen und vor allem diese Meinung auch durchsetzen. Den Begriff “Hintergrundgespräche” könnte man sicher mit “Kamingespräche” oder “Kungelgespräche” besser fassen.
Zu Recht werden in der Öffentlichkeit die Lobbyisten z.B. der Pharma- oder der Rüstungskonzerne kritisiert und deren Einflußnahme auf die Politik (Man denke da auch an die FDP-initiierte Lex Mövenpick.) Warum aber nicht auch die seitens der Bischöfe? Von den Gläubigen ist übrigens bezeichnenderweise bei katholisch.de nicht die Rede…
Nochmals zum offiziellen Programm des Landtags für den Tag der Offenen Tür am 9. Juni 2012.
Es listet auch alle Aussteller auf. Neben den beiden schon erwähnten bischöflichen Lobbybüros und dem Bistum Erfurt selbst sind da seitens der christlichen Kirchen außerdem noch erwähnt (wobei sich hinter einzelnen hier nicht genannten durchaus ebenfalls kirchliche Organisationen verbergen können):
* Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Thüringen
* Familienbund der Katholiken
* Evangelisches Augustinerkloster zu Erfurt
* Christus Zentrum Erfurt
* Diakonie
Was aber auffällt: Nicht vertreten mit Infoständen sind an diesem Tag hier die säkularen Verbände: Deutscher Freidenkerverband Thüringen, Humanistischer Verband Thüringen, Regionalgruppe Mittelthüringen der Giordano-Bruno-Stiftung, Jugendweihe Thüringen…
Warum eigentlich? Klar, bezahlte Lobbybüros können sich diese Organisationen nicht leisten. Aber sie sollten auch solche Gelegenheiten, wie Tage der Offenen Tür im Landtag, nutzen, um sich einer breiteren Öffentlichkeit und vor allem gegenüber der Landespolitik zu präsentieren. Und sie sollten auch Beauftragte ihrer Verbände für Kontakte zur Landespolitik benennen und dies der Landtagsverwaltung anzeigen, damit auch die Säkularen bei Gesetzesvorlagen angehört werden können.
Zumindest aber aber sollten die säkularen Verbände rechtzeitig eigene Infostände für den Tag der Offenen Tür im Jahr 2013 anmelden.
Zur Information hier der Psalm 8:
Herr unser Herrscher,
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde;
über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.
Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob,
deinen Gegnern zum Trotz;
deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.
Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger,
Mond und Sterne, die du befestigt.
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst,
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott,
hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt,Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände,
hast ihm alles zu Füßen gelegt:
All die Schafe, Ziegen und Rinder
und auch die wilden Tiere,
die Vögel des Himmels und die Fische im Meer,
alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.
Herr unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!
[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]
Nics Bloghaus
Sollte, sollte, sollte.