
Der sogenannte Ring der O. - je nachdem, an welchem Ringfinger er getragen wird, signalisieren die Träger, ob sie dominant oder submissiv geneigt sind.
WEIMAR. (fgw) Die Liebensweisen der Menschen sind so vielfältig wie ihre Lebenswelten. Vieles an ihren Formen und Praktiken kommt den einen Menschen befremdlich oder gar abstoßend vor, anderen wiederum ist diese das normalste auf der Welt. Die einen mögen es sanft, andere hart. Empirischen Untersuchungen zufolge sollen etwa zehn Prozent der Deutschen in ihrem Sexualleben dominant-devote Rollen ausleben. Nachfolgend reflektiert eine junge Frau über ihre devote, submissive Neigung.
von Corinna Mägdefessel
BDSM, insbesondere Dominanz/Submission (D/s) – das waren Begriffe, deren Bedeutung ich lange nicht kannte und trotzdem weiß ich heute, dass mich diese Themen schon in meiner Kindheit und Pubertät interessiert haben. Da gab es zum Beispiel die Cowboy- und Indianer-Filme, bei denen ich die Szenen, in denen jemand ausgepeitscht wird, immer am besten fand und regelrecht auf solche gewartet habe. Dann kam irgendwann im Alter von 13 oder 14 der Film „Tokyo Dekadenz” im Fernsehen und die darin dargestellten Sex-Szenen, die eindeutig in den BDSM-Bereich gehörten, gingen mir lange nicht aus dem Kopf und gehörten zu meinen ersten Selbstbefriedigungsfantasien.
Das Internet trat etwas später seinen Siegeszug durch die Privathaushalte an und beim neugierigen Surfen bin ich als 18/19-jährige natürlich auch auf Seiten zu diesen Themen gelandet. All das hat mich auf Anhieb fasziniert und ich wollte mehr darüber erfahren. In verschiedenen Chaträumen habe ich mit bewusst devotem Chatnamen nach dominanten Herren gesucht, um in verschiedenen Gesprächen zu erfahren, was diese Herren virtuell von mir verlangen und wie weit ich gehen würde.
So habe ich mich langsam voran getastet und bin dabei aber immer nur im virtuellen „sicheren” Bereich geblieben.
Bis dann ein dominanter Mann in mein Leben trat, der schnell mein Vertrauen gewann und mir diese fremde Welt in vielen Gesprächen und Demo-Versionen näher gebracht hat. Er hat mich sozusagen in die Theorie eingeführt, und auch wenn er nicht mein Herr wurde, so ist er seitdem einer meiner besten und vertrautesten Freunde.
Selbst jetzt nach zehn Jahren weiß ich nicht, ob BDSM wirklich mein Weg ist. Denn so richtig ausgelebt habe ich es ja noch immer nicht. Nur Ansätze, kürzer oder länger, habe ich seither erlebt. Seit einigen Jahren bin glücklich verheiratet, aber meine Neigung hat darin nicht die gewünschte Befriedigung gefunden.
Zur Zeit zweifle ich oft und stelle mir die Frage, welches nun der richtige Weg für mich ist. Vor allem, weil mein geliebter Mann einfach nicht diese Dominanz in sich trägt, die ich immer so faszinierend fand. Und das macht es für mich noch schwieriger.
Ja, ich möchte mich liebend gerne unterwürfig verhalten und ich möchte auch nach klaren Regeln leben. Und das, obwohl ich im realen Leben stark und emanzipiert bin.
Aber ich möchte das Ersehnte in meiner Beziehung erleben, nicht außerhalb dieser und auch nicht virtuell, wie das so viele andere Frauen tun.
Natürlich habe auch ich mich im Internet umgeschaut. In der Hoffnung, meine Neigung wenigstens virtuell ein wenig befriedigen zu können. Ein gefundener Kontakt bot mir da vieles. Nach fast zwei Jahren habe ich diesen Kontakt nun fast wieder beendet, weil ich meine Ehe nicht gefährden will.
Aber… Ich frage mich, warum ich ihn nicht wirklich beenden kann. Obwohl ich doch genau weiß, dass dieser Mann aus dem Internet mir seelisch nicht gut tut. Er ist in gewisser Hinsicht zu verlockend und weil er mir auch zu oft genau das sagt, was ich nicht hören will.
Natürlich haben mir die Regeln gefallen, die ich für ihn befolgt habe. Aber es war eine ständige Gratwanderung, weil mein Mann nichts davon wusste und damit auch nicht einverstanden wäre. Es steuerte am Ende auf die eine Entscheidung hinaus, ob ich die letzte Grenze zu wirklichem Betrug überschreiten will oder nicht – und ich habe mich dagegen entschieden.
Ich kann nicht zwei Leben leben und dennoch will ich die Brücken in diese andere Welt des BDSM nicht abbrechen. Das Verrückte daran aber ist, dass ich gar nicht weiß, ob das wirkliche Ausleben von Dominanz/Submission das Richtige für mich wäre. Wobei dieses Ausleben ja eigentlich nur ein sexuelles Rollenspiel ist und nicht mehr.
Ich weiß, was mich anmacht und welche Phantasien in meinem Kopf sind, wenn ich mich selbst befriedige. Dominanz spielt da aber nur eine Nebenrolle, denn eigentlich kommen in diesen Phantasien meist irgendwelche Vergewaltigungsszenen aus Filmen oder Büchern vor.
Ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, die durch so etwas erregt wird und mittlerweile schäme ich mich nicht mehr so dafür wie früher. Aber es hat mit Dominanz halt nur am Rande zu tun und das eben macht mich so unsicher.
Wenn D/s mein Weg ist, dann ist da aber immer noch mein geliebter und zärtlicher Ehemann. Ich weiß vor allem, dass ich nicht zweigleisig fahren und meinen Mann auch nicht verlassen will. Denn es gibt so viel mehr, was ich an ihm liebe und was wichtiger ist, als ein paar Minuten Ekstase.
Das sind so die Gedanken, die mich immer wieder beschäftigen, verwirren und deprimieren. Das Leben könnte so einfach sein, wenn man nur wüsste, wo man hin gehört und welcher Weg der richtige für einen selbst ist… Wieviel einfacher wäre es, wohl nicht nur für mich, wenn der geliebte Partner einer submissiven Frau seinerseits dominant im Sexualleben wäre.
[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]
Nics Bloghaus
Obige mutige, sympathisch offene Schilderung stellt ein Beispiel dar, wie wir unserer Psyche ausgeliefert sind. Keiner kann anders als er ist – wie der Hirnforscher Wolf Singer formulierte. Sich moralisch zu entrüsten, wäre völlig unangebracht und würde bloß zeigen, dass wir noch immer nicht verstanden hätten, dass wir der uns von der Natur mitgegebenen Ausstattung erbarmungslos ausgeliefert sind.
Der eine hat rote Haare, die ihn traurig machen, die andere ist kurzsichtig, was sie behindert und benachteiligt, der oder die dritte verfügt über eine attraktive Figur und ein schönes Gesicht und ist von vornherein der Liebling des anderen Geschlechts. So mancher Mensch weiß nicht, zu welchem Geschlecht er eigentlich gehört, die Natur hat sich nicht entscheiden können und überlässt die arme Kreatur ihrem Schicksal. Pädophilie ist im Menschen angelegt und – wie wir inzwischen wissen – nicht heilbar. Homosexualität natürlich vorgegeben und doch verurteilt die Gesellschaft immer noch diese Veranlagung. Der eine hadert mit seiner körperlichen Kleinheit, der andere nimmt wie selbstverständlich seine überdurchschnittliche Körpergröße und die damit verbundene vorteilhafte natürliche Dominanz hin. Andere Menschen erfreuen sich bester Gesundheit, sind von Geburt an frohgestimmte Naturelle und haben es im Leben deutlich leichter als jene, die weniger gesund, weniger begabt, weniger attraktiv und weniger leistungsfähig sind.
Wir sollten noch bewusster akzeptieren, dass wir ungefragt und unverschuldet alle sehr unterschiedlich veranlagt sind: intellektuell, emotional, sexuell, körperlich, gesundheitlich – zum Beispiel. Auch das, was wir aus dem genetisch Mitgegebenen machen, ist abhängig von dem, was uns unsere Eltern mitgegeben haben, auch die uns mitformende Umwelt haben wir uns nicht aussuchen können. Der Gedanke der Gleichberechtigung geht ganz betont von der in jeder Hinsicht vorgegebenen Ungleichheit der Menschen aus.
Sehr spontane Gedanken zu einem sehr schwierigen Thema und gewiss noch nicht in allen Konsequenzen zu Ende gedacht. Dank an Frank, dass er Menschen die Möglichkeit einräumt, Dinge auszusprechen, die sie und sicher so manchen anderen auch sehr bewegen und die doch kaum öffentlich thematisiert werden. Wer weiß, welche anderen, Menschen zutiefst beunruhigende Themen ans Tageslicht drängen, aber keine Möglichkeit finden, geäußert zu werden.
Danke, Uwe.
Allein: das Lob und der Dank gebühren nicht mir; sondern SRK für die Veröffentlichung