Sonntag , 19 Mai 2013
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Alternative Lebensweisen in der Sexualität: Die Welt des BDSM

Ring der O.

Der sogenannte Ring der O. - je nachdem, an welchem Ringfinger er getragen wird, signalisieren die Träger, ob sie dominant oder submissiv geneigt sind.

WEIMAR. (fgw) Die Liebensweisen der Menschen sind so viel­fäl­tig wie ihre Lebenswelten. Vieles an ihren Formen und Praktiken kommt den einen Menschen befremd­lich oder gar absto­ßend vor, ande­ren wie­derum ist diese das nor­malste auf der Welt. Die einen mögen es sanft, andere hart. Empirischen Untersuchungen zufolge sol­len etwa zehn Prozent der Deutschen in ihrem Sexualleben dominant-devote Rollen aus­le­ben. Nachfolgend reflek­tiert eine junge Frau über ihre devote, sub­mis­sive Neigung.

von Corinna Mägdefessel

BDSM, ins­be­son­dere Dominanz/Submission (D/s) – das waren Begriffe, deren Bedeutung ich lange nicht kannte und trotz­dem weiß ich heute, dass mich diese Themen schon in mei­ner Kindheit und Pubertät inter­es­siert haben. Da gab es zum Beispiel die Cowboy- und Indianer-Filme, bei denen ich die Szenen, in denen jemand aus­ge­peitscht wird, immer am bes­ten fand und regel­recht auf sol­che gewar­tet habe. Dann kam irgend­wann im Alter von 13 oder 14 der Film „Tokyo Dekadenz” im Fernsehen und die darin dar­ge­stell­ten Sex-Szenen, die ein­deu­tig in den BDSM-Bereich gehör­ten, gin­gen mir lange nicht aus dem Kopf und gehör­ten zu mei­nen ers­ten Selbstbefriedigungsfantasien.

Das Internet trat etwas spä­ter sei­nen Siegeszug durch die Privathaushalte an und beim neu­gie­ri­gen Surfen bin ich als 18/19-jährige natür­lich auch auf Seiten zu die­sen Themen gelan­det. All das hat mich auf Anhieb fas­zi­niert und ich wollte mehr dar­über erfah­ren. In ver­schie­de­nen Chaträumen habe ich mit bewusst devo­tem Chatnamen nach domi­nan­ten Herren gesucht, um in ver­schie­de­nen Gesprächen zu erfah­ren, was diese Herren vir­tu­ell von mir ver­lan­gen und wie weit ich gehen würde.

So habe ich mich lang­sam voran getas­tet und bin dabei aber immer nur im vir­tu­el­len „siche­ren” Bereich geblie­ben.

Bis dann ein domi­nan­ter Mann in mein Leben trat, der schnell mein Vertrauen gewann und mir diese fremde Welt in vie­len Gesprächen und Demo-Versionen näher gebracht hat. Er hat mich sozu­sa­gen in die Theorie ein­ge­führt, und auch wenn er nicht mein Herr wurde, so ist er seit­dem einer mei­ner bes­ten und ver­trau­tes­ten Freunde.

Selbst jetzt nach zehn Jahren weiß ich nicht, ob BDSM wirk­lich mein Weg ist. Denn so rich­tig aus­ge­lebt habe ich es ja noch immer nicht. Nur Ansätze, kür­zer oder län­ger, habe ich seit­her erlebt. Seit eini­gen Jahren bin glück­lich ver­hei­ra­tet, aber meine Neigung hat darin nicht die gewünschte Befriedigung gefun­den.

Zur Zeit zweifle ich oft und stelle mir die Frage, wel­ches nun der rich­tige Weg für mich ist. Vor allem, weil mein gelieb­ter Mann ein­fach nicht diese Dominanz in sich trägt, die ich immer so fas­zi­nie­rend fand. Und das macht es für mich noch schwie­ri­ger.

Ja, ich möchte mich lie­bend gerne unter­wür­fig ver­hal­ten und ich möchte auch nach kla­ren Regeln leben. Und das, obwohl ich im rea­len Leben stark und eman­zi­piert bin.

Aber ich möchte das Ersehnte in mei­ner Beziehung erle­ben, nicht außer­halb die­ser und auch nicht vir­tu­ell, wie das so viele andere Frauen tun.

Natürlich habe auch ich mich im Internet umge­schaut. In der Hoffnung, meine Neigung wenigs­tens vir­tu­ell ein wenig befrie­di­gen zu kön­nen. Ein gefun­de­ner Kontakt bot mir da vie­les. Nach fast zwei Jahren habe ich die­sen Kontakt nun fast wie­der been­det, weil ich meine Ehe nicht gefähr­den will.

Aber… Ich frage mich, warum ich ihn nicht wirk­lich been­den kann. Obwohl ich doch genau weiß, dass die­ser Mann aus dem Internet mir see­lisch nicht gut tut. Er ist in gewis­ser Hinsicht zu ver­lo­ckend und weil er mir auch zu oft genau das sagt, was ich nicht hören will.

Natürlich haben mir die Regeln gefal­len, die ich für ihn befolgt habe. Aber es war eine stän­dige Gratwanderung, weil mein Mann nichts davon wusste und damit auch nicht ein­ver­stan­den wäre. Es steu­erte am Ende auf die eine Entscheidung hin­aus, ob ich die letzte Grenze zu wirk­li­chem Betrug über­schrei­ten will oder nicht – und ich habe mich dage­gen ent­schie­den.

Ich kann nicht zwei Leben leben und den­noch will ich die Brücken in diese andere Welt des BDSM nicht abbre­chen. Das Verrückte daran aber ist, dass ich gar nicht weiß, ob das wirk­li­che Ausleben von Dominanz/Submission das Richtige für mich wäre. Wobei die­ses Ausleben ja eigent­lich nur ein sexu­el­les Rollenspiel ist und nicht mehr.

Ich weiß, was mich anmacht und wel­che Phantasien in mei­nem Kopf sind, wenn ich mich selbst befrie­dige. Dominanz spielt da aber nur eine Nebenrolle, denn eigent­lich kom­men in die­sen Phantasien meist irgend­wel­che Vergewaltigungsszenen aus Filmen oder Büchern vor.

Ich weiß, dass ich nicht die ein­zige bin, die durch so etwas erregt wird und mitt­ler­weile schäme ich mich nicht mehr so dafür wie frü­her. Aber es hat mit Dominanz halt nur am Rande zu tun und das eben macht mich so unsi­cher.

Wenn D/s mein Weg ist, dann ist da aber immer noch mein gelieb­ter und zärt­li­cher Ehemann. Ich weiß vor allem, dass ich nicht zwei­glei­sig fah­ren und mei­nen Mann auch nicht ver­las­sen will. Denn es gibt so viel mehr, was ich an ihm liebe und was wich­ti­ger ist, als ein paar Minuten Ekstase.

Das sind so die Gedanken, die mich immer wie­der beschäf­ti­gen, ver­wir­ren und depri­mie­ren. Das Leben könnte so ein­fach sein, wenn man nur wüsste, wo man hin gehört und wel­cher Weg der rich­tige für einen selbst ist… Wieviel ein­fa­cher wäre es, wohl nicht nur für mich, wenn der geliebte Partner einer sub­mis­si­ven Frau sei­ner­seits domi­nant im Sexualleben wäre.

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

Über SRK

Co-Autor des Blogs, ansonsten schreibt er für den Freigeist Weimar.

2 Kommentare

  1. Obige mutige, sym­pa­thisch offene Schilderung stellt ein Beispiel dar, wie wir unse­rer Psyche aus­ge­lie­fert sind. Keiner kann anders als er ist – wie der Hirnforscher Wolf Singer for­mu­lierte. Sich mora­lisch zu ent­rüs­ten, wäre völ­lig unan­ge­bracht und würde bloß zei­gen, dass wir noch immer nicht ver­stan­den hät­ten, dass wir der uns von der Natur mit­ge­ge­be­nen Ausstattung erbar­mungs­los aus­ge­lie­fert sind.

    Der eine hat rote Haare, die ihn trau­rig machen, die andere ist kurz­sich­tig, was sie behin­dert und benach­tei­ligt, der oder die dritte ver­fügt über eine attrak­tive Figur und ein schö­nes Gesicht und ist von vorn­her­ein der Liebling des ande­ren Geschlechts. So man­cher Mensch weiß nicht, zu wel­chem Geschlecht er eigent­lich gehört, die Natur hat sich nicht ent­schei­den kön­nen und über­lässt die arme Kreatur ihrem Schicksal. Pädophilie ist im Menschen ange­legt und – wie wir inzwi­schen wis­sen – nicht heil­bar. Homosexualität natür­lich vor­ge­ge­ben und doch ver­ur­teilt die Gesellschaft immer noch diese Veranlagung. Der eine hadert mit sei­ner kör­per­li­chen Kleinheit, der andere nimmt wie selbst­ver­ständ­lich seine über­durch­schnitt­li­che Körpergröße und die damit ver­bun­dene vor­teil­hafte natür­li­che Dominanz hin. Andere Menschen erfreuen sich bes­ter Gesundheit, sind von Geburt an froh­ge­stimmte Naturelle und haben es im Leben deut­lich leich­ter als jene, die weni­ger gesund, weni­ger begabt, weni­ger attrak­tiv und weni­ger leis­tungs­fä­hig sind.

    Wir soll­ten noch bewuss­ter akzep­tie­ren, dass wir unge­fragt und unver­schul­det alle sehr unter­schied­lich ver­an­lagt sind: intel­lek­tu­ell, emo­tio­nal, sexu­ell, kör­per­lich, gesund­heit­lich – zum Beispiel. Auch das, was wir aus dem gene­tisch Mitgegebenen machen, ist abhän­gig von dem, was uns unsere Eltern mit­ge­ge­ben haben, auch die uns mit­for­mende Umwelt haben wir uns nicht aus­su­chen kön­nen. Der Gedanke der Gleichberechtigung geht ganz betont von der in jeder Hinsicht vor­ge­ge­be­nen Ungleichheit der Menschen aus.

    Sehr spon­tane Gedanken zu einem sehr schwie­ri­gen Thema und gewiss noch nicht in allen Konsequenzen zu Ende gedacht. Dank an Frank, dass er Menschen die Möglichkeit ein­räumt, Dinge aus­zu­spre­chen, die sie und sicher so man­chen ande­ren auch sehr bewe­gen und die doch kaum öffent­lich the­ma­ti­siert wer­den. Wer weiß, wel­che ande­ren, Menschen zutiefst beun­ru­hi­gende Themen ans Tageslicht drän­gen, aber keine Möglichkeit fin­den, geäu­ßert zu wer­den.

    • Danke, Uwe.
      Allein: das Lob und der Dank gebüh­ren nicht mir; son­dern SRK für die Veröffentlichung ;-)

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