Arundhati Roy: Die Diktatur der Mittelklasse
Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy im Gespräch mit Iris Radisch über Kapitalismus, Verführung und das Glück der Askese.
DIE ZEIT: Seit die Flugzeuge am 11. September die Twin Towers zum Einsturz gebracht haben, gibt es ein Loch in der Welt, das inzwischen eher größer als kleiner geworden ist. War der 11. September der Anfang vom Ende des kapitalistischen Westens?
Arundhati Roy: Es war der Beginn des Untergangs des amerikanischen Imperiums, der im Augenblick schneller und schneller voranschreitet. Schon immer sind Imperien aufgestiegen und gefallen. Aber noch nie war die Welt kulturell und ökonomisch so eng verbunden, dass der Sturz eines Imperiums alle anderen mitriss. Unsere gesamten Ideen davon, was zu einem zivilisierten Leben gehört, sind fraglich geworden.
ZEIT: Übertrifft das Ausmaß der augenblicklichen Krise das, was unsere Eltern und Großeltern erlebt haben, in deren Lebenszeit zwei Weltkriege stattgefunden haben?
Roy: Diese Generationen haben in Europa einen hohen Preis bezahlt. Aber ihre Welt spannte sich noch in einem übersichtlichen Begriffsfeld auf. Es ging um Faschismus, Sozialismus oder Demokratie. Wir befinden uns bereits jenseits dieses Feldes. Wir wissen nicht mehr, was unsere Träume sind und was wir unter Glück verstehen.
ZEIT: Vor zehn Jahren haben Sie einen berühmt gewordenen Essay geschrieben, darin verglichen Sie die Vereinigten Staaten mit al-Qaida und bezeichneten Bush und bin Laden als Doppelgänger.
Roy: Beide waren größenwahnsinnig. Beide waren überzeugt davon, dass die Welt so sein muss, wie sie das für richtig halten. Aber natürlich kann man einen Mann, der die ganze Welt unter Kontrolle hat, mit niemandem mehr vergleichen. Man kann sich nur vorstellen, dass beide, wären sie gleich mächtig, auch genauso zerstörerisch wären.
3 Responses to Arundhati Roy: Die Diktatur der Mittelklasse

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Aber wahrscheinlich können wir uns keine Arundhati Roy in Deutschland -sonstwoland- nicht leisten. Verzicht und Selsbtdisziplin ist eben doch so ein riesiger Lusxus, weer könnte sich sowas leisten? Nennen wir diese Dame einer Verliererin unserer Zeit,so’n Opfa, eine “Haterin”. Damit kann man wenigstens nicht falsch liegen; sie dagegen könnte falsch liegen…
Ich habe das Gefühl, nicht zu verstehen, was Du meinst.
Wieso sollten wir uns keine Arundhati Roy “leisten” können? Es gibt viele Menschen auch in diesem Land, die ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit erheben. Und – genau eben wie auch in Indien – Medien, die dies gut zu verstecken wissen und denen keine Öffentlich geben.
Verzicht und Selbstdisziplin sind Luxus??? Und “Einfach-Mitmachen-und-Hirn-Abschalten” deshalb normal? – Das ist eine Haltung, gegen die ich anschreibe und -lebe.
Arundhati Roy als Verliererin zu bezeichnen… dazu gehört schon eine große Menge Arroganz (oder Dummheit). Für mich gehört sie zu den Helden dieser Zeit. Sie ist Vorbild, nicht “Opfa”. Eben WEIL sie gegen den Strom schwimmt ist die verehrenswert; eben WEIL sie den Mund aufmacht gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt ist ihr zu danken und eben WEIL sie sich selbst auch einsetzt (und nicht nur schreibt, sondern tut) ist sie eine der Großen.
Und eben WEIL Du das nicht verstehst (was ich Dir nicht zum Vorwurf mache, weil sie eben gegen den Mainstream anschreibt) ist ihre Stimme wichtig.
Ich verehre sie: http://nicsbloghaus.org/tag/arundhati-roy/
Lies mein Beitrag lieber aus der Sicht eines Menschen, der sich der Idee der Mittelklasse nicht lossagen kann, weil er zu sehr an den Gewohnheiten dieser “Klasse” hängt. Ich denke persönlich nicht so, aber die Sicht solch einer Person, die nicht mit Entsagung und Verzicht anfangen kann, ist mir wichtig zu durchdringen. Denn dieser Mensch ist der, der heute – bei uns – das sagen hat und dessen Verhalten die politische, soziale und ökonomische Lage seiner Umgebung bestimmt; auch wenn dieser es sich nicht ganz bewusst ist.
Nein, ich schreibe das nicht aus Arroganz – oder Dummheit – , denn zur der Mittelklasse Distanz zu gewinnen und als Diktatur zu bezeichnen ist sehr interessant und mutig, irgendwo auch verehrenwert. Aber die Menschen aus der Mittelklasse können schwerlich solch eine Sicht auf sich selbst ertragen – wie auch, wenn man dem, wodurch man sich selbst definiert, dem Wohlstand und Genuss des Konsums, entsagen müsste. Ich glaube diese würden Roy nur als Aussenseiterin betrachten, deshalb eine “Verliererin” unserer Zeit; wie gesagt, nicht ganz meine Meinung, aber wenn wir ein Stück im Fluss bewusst mitschwimmen, kommen wir auf paar Fragen, die uns nicht egal sein dürfen:
Worauf will denn das Selbstverständnis der Mittelklasse bauen, wenn sie sich dem Konsum und den Gütern entzieht? Jenseits dessen entdecke ich nicht viel oder nichts annähernd mächtiges – weder religiöse Vorstellungen, noch demokrtatische, zivilbürgerliche Werte haben solch bindende Kraft. Es ist die Idee des Wohlstandsbürgers, dass uns zusammenführt.
Kann die Mittelklasse aus sich selbst heraus sich diesem materiellem Band entziehen? Arundhati sagt “NEIN”, und ich meine auch nein. Und sie meint auch weiter:
“Ich bin nicht daran interessiert, diesen intelligenten Europäern zu erklären, was ihre wirklichen Bedürfnisse sind.”
Denn umgekehrt wie in Indien (das sagt sie über Indien, ich weiss es nicht so genau) können wir nicht auf “eine asketischen Tradition, unter anderem aus dem Sufismus” bauen.
Was sie verlangt, geht stark über das schöne bürgerliche Verständnis von Masshalten hinaus! Masshalten ist dagegen “nur”, weniger von dem haben zu wollen, was man nicht braucht. Was darüber hinaus geht braucht unendlich mehr Kraft und Überzeugung.
Wenn wir das Kind aber nun doch ausziehen wollen, ihm sagen, dass es diese Dinge wirklich nicht braucht, was kriegt es als nächstes zum Anziehen? Was wird ihm die Kraft geben, der Kälte des Verzichts auszuhalten?
Oder ist denn Roys Idee des Lebens mit Verzicht und Selbstdiziplin hier in Deutschland – Europa…ausgeweitet Westen usw.- gar nicht gesamtgesellschaftlich möglich, sondern nur eine Idee für ein paar Wenige?