k spanien tag11 20 Reisetagebuch   Teil 6Tag 11 – 23.07.2011

Es ist dicht bewölkt heute mor­gen! Nicht kalt, aber eben auch nicht spanisch-heiß. Heute woll­ten wir wie­der einen Badetag ein­le­gen; doch ein Blick in den Himmel sagt uns, dass der heu­tige Samstag wohl eher ein Stadtbummeltag wer­den wird.

Durch die Straßen fährt wie­der ein Auto, aus dem ent­we­der Werbung tönt oder aber ein Wahlaufruf. „Attention, Attention…“ schallt es durch die Stadt.
Ich meine: es ist Werbung für einen Möbelladen und ein Aufruf, sein ehr­lich ver­dien­tes Geld nicht zur Konkurrenz zu tra­gen. Erstaunlicherweise rich­tet sich die Rede der Lautsprecherstimme nur an Frauen.
Dieses mal ist es mir gelun­gen, das Auto und das Geschrei zu fil­men: wer also des Spanischen mäch­tig ist…

Da wir uns eh lang­sam damit abfin­den müs­sen, bald wie­der nach Hause zu fah­ren kön­nen wir ja schon immer mal damit begin­nen, dar­über nach­zu­den­ken, wor­auf wir uns dort freuen. Also ich auf chlor­freies Leitungswasser. Ich finde das, was hier aus dem Hahn kommt, selbst beim Zähneputzen nach mehr als einer Woche noch immer wider­lich. Was noch? Eine Zeitung, die ich lesen kann. Mein eige­nes Bett.
Die Liste mei­nes Sohnes liest sich ähnlich; nur, dass darin noch die Worte „Computer“ und „Internet“ vor­kom­men.
Wenn ich jedoch dar­über nach­denke, dass ich in einer guten Woche wie­der ins Büro muss… dann nehme doch lie­ber das Chlorwasser und ein nicht so beque­mes Bett in Kauf. Da schwitz ich doch lie­ber hier in Spanien als in mei­nem Büro.

Weil ich mir gerade eine Zigarette gedreht habe: ges­tern habe ich hier den Drehtabak ent­deckt, den ich auch zuhause rau­che: Pueblo. Allerdings hat die­ser Name hier sicher­lich einen ande­ren Klang, bedeu­tet das Wort doch „Dorf“. Ob dem Geisenhausener Hersteller klar ist, dass man mit „Dorftabak“ nicht unbe­dingt punk­tet. Das klingt dann doch eher nach ganz ein­fa­chem Kraut.

Das das hier ein „Live-Schreiben“ ist: Inzwischen hat sich zu dem einen Auto mit der Möbelwerbung noch ein wei­te­res gefun­den, das noch schwie­ri­ger zu ver­ste­hen hier rum­tönt. Vielleicht der Mitbewerber des ers­ten Möbelladens…
Eine Beschallung aus dem Osten der Stadt, eine aus dem Westen. Sehr ner­vend.

***

Wir waren heute in der Stadt, in der Antonio Banderas gebo­ren wurde. Die liegt näm­lich nicht – was Viele glau­ben – in den USA. Sondern hier in Andalusien. Vor eini­gen Jahren gab es dort eine Prozession, an der Bandereas teil­nahm. Daher habe ich das erfah­ren.
Leider war die Stierkampfarena geschlos­sen; auch wenn ich Stierkämpfe ablehne: es ist eine der ältes­ten (die älteste?) Spaniens und allein des­halb einen Besuch wert.

Markt war in der Stadt. Allerdings waren viele Händler bereits am Wiedereinpacken, als wir dort waren. Vor allem gab es Kleidung und fri­sches Obst. Was auf den Berliner Märkten die viet­na­me­si­schen Kleiderverkäufer sind, sind hier Schwarzafrikaner; die Qualität der Ware ist ent­spre­chend.

Gegenüber der Stadt thront auf einem Berg die Figur irgend einer Heiligen. Mein Sohn meinte, dass das ein Abklatsch von Rio de Janeiro sei. Die Stadt ist auf Sand(stein) gebaut; es gibt viele Keller, die in den Boden gebaut sind; einige davon ver­fal­len und ver­las­sen, was uns die Möglichkeit gab, hin­ein­zu­se­hen. Einen Granatapfelbaum vol­ler Früchte sahen wir. Das war der erste mei­nes Lebens. Hier also ist das Paradies icon wink Reisetagebuch   Teil 6

Allerdings ein sehr tro­cke­nes. In den Bergen, die wir sonst immer nur von unten sahen, fehlte der Wind vom Meer, der das Leben hier so ange­nehm macht. Knapp 40 Grad zeigt dort das Thermometer. Und wenn man über die Landschaft schaut (und sich die all­ge­gen­wär­ti­gen Stromleitungen weg­denkt) ver­steht man, wes­halb viele Western hier gedreht wur­den. Das Grillenzirpen ist ohren­be­täu­bend, die Luft flim­mert über der Steppenlandschaft und es gibt einige auf­ge­ge­bene Häuser, die in ihrem strah­len­den Weiß leuch­ten. Die klei­nen Ortschaften (bes­ser: Ansammlung von Häusern) gefal­len mir wegen ihrer schat­ti­gen Alleen – wobei Allee hier bedeu­tet, dass die knapp drei Meter breite Straße baum­ge­säumt ist und der gärt­ne­ri­schen Anpflanzung von Kakteen, die 20 Meter davon ent­fernt wild wuchern.
Leider fehlt auch der obli­ga­to­ri­sche Golfplatz nicht inmit­ten die­ser tro­cke­nen Steppenlandschaft. Für mich hat das irgend­wie etwas wirk­lich Dekadentes an sich: in einer Landschaft, in der jeder Tropfen Wasser zählt, wird kurz­ge­hal­ten­der Rasen gepflegt und gehegt, bewäs­sert und geschnit­ten.
Allerdings: es golft dort nie­mand.

Tag 12 – 24.07.2011

Sonntagsruhe liegt über der kochen­den Stadt. Sogar das Abwaschen artet zu einer schweiß­trei­ben­den Arbeit aus bei geschätz­ten 35 Grad drau­ßen und nicht viel weni­ger innen. Eigentlich kann man nur still sit­zen und war­ten, dass das vor­über geht. Und die Zeit kommt, da man ans bezie­hungs­weise ins Meer gehen kann. Genau das haben wir heute noch vor.

Das Urlaubsende kommt nun mit rie­si­gen Schritten dro­hend näher. Über­mor­gen Abend beginnt die Heimreise. Und dabei habe ich das Gefühl, noch längst nicht alles gese­hen zu haben, gero­chen und gehört zu haben, das nötig wäre, um den Eindruck blei­bend zu machen. Doch viel­leicht kehre ich hier­her wie­der. Ich wün­sche es mir bereits jetzt, da ich noch hier sitze und aus dem Fenster auf das Meer bli­cke.

***

Wir waren schwim­men, Wasser von der Quelle holen und haben Nachrichten geschaut. Das hät­ten wir nicht sol­len tun. Denn nun ist der Urlaub befleckt von der Ereignissen in Oslo.

Es war zu erwar­ten. Die Saat ist auf­ge­gan­gen. Die Saat der rechts­ge­rich­te­ten Populisten hat mit einem Schlag der Welt klar­ge­macht, dass von ihr eine ähnli­che Gefahr aus­geht wie von den per­ma­nent als Feindbild beschwo­re­nen Islamisten. Die Saat eines Sarrazin, eines Wilders ist auf­ge­gan­gen. Wäre das ein irrer Moslem gewe­sen: ich ver­mute, das Geschrei des Hasses wäre rie­sig. In die­sem Falle jedoch wer­den von den Reportern Entschuldigungen dafür gesucht, dass der Mann knapp 100 Menschen getö­tet und mehr noch ver­letzt hat.

Schaut ver­dammt noch mal genauer hin! Auch Herr Friedrich! – und ver­sucht zu ver­ste­hen, dass diese rechts­ge­rich­te­ten Christen um kei­nen Deut bes­ser sind als die Extremisten der ande­ren Seite. Neben dem Schock, dass der Mann es wagte, in der Hauptstadt Norwegens eine Bombe zu zün­den, klang in den Nachrichten das Bedauern über das Massaker an den Jugendlichen auf der Insel regel­recht ver­hal­ten. Und nur in einem Nebensatz wurde klar­ge­macht, dass es sich um ein Zeltlager einer lin­ken Organisation han­delt.

Der Herr Mörder möchte nun also – nach geta­ner Arbeit – mit der Polizei zusam­men­ar­bei­ten. Es bleibt genau zu beob­ach­ten, ob wir, ob die Öffent­lich­keit tat­säch­lich erfah­ren wird, was die Beweggründe des Mörders waren, die­ses Massaker anzu­rich­ten. Oder ob irgend­wann die lapi­dare Mitteilung kommt, der Mann sei geis­tes­ge­stört (das ist er sowieso). Doch ob wir wirk­lich erfah­ren, auf­grund wel­cher Ideologie, auf­grund wel­cher „Vordenker“ er han­delte?

In Dänemark schließt man die Grenzen „wegen der isla­mis­ti­schen Ausländer“ und in Norwegen sprengt ein blond-blauäugig-Weißer die Stadt in die Luft und tötet hun­dert­fach.

Hinter jedem Stein und in den Elektronen jeder Mail sieht Friedrich einen Islamisten; hält 300 Linksextremisten für bedeu­tend gefähr­li­cher als 1600 Neonazis; Sarrazin bleibt Mitglied der SPD und es for­mie­ren sich die „Pro“-Rechtspopulisten und die Partei „Die Freiheit“…

Deutschlands Innenminister waren schon immer auf dem rech­ten Auge blind. Es ist wohl ein ver­geb­li­ches Hoffen, dass Oslo die­ses Auge öffnet.

Nic

 

 

Getagged mit
 
Über den Autor

Nic

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

2 Responses to Reisetagebuch – Teil 6

  1. Roger Burk sagt:

    Schade, dass ihr die Nachrichten geschaut habt und es euch die letz­ten Tage ver­gif­tet hat…

    btw. pro­biere mal Rancho half­z­ware :)

  2. [...] Reisetagebuch: Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil [...]