Freitag , 24 Mai 2013
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Zur “Forscherkritik” an angeblich mangelnder religiöser Bildung

Bildquelle: www.galerie-der-kirchenkritik.de

Bildquelle: www.galerie-der-kirchenkritik.de

WEIMAR. (fgw). Mitunter ist das Blättern in alten Tageblättern, sprich Tageszeitungen eine gar span­nende Angelegenheit. Manche schein­bar nur tagak­tu­elle Pressemitteilung hat auch Jahre danach noch nichts an Substanz ver­lo­ren. Dieser Tage also stieß ich erneut auf den Abdruck einer Pressemitteilung zu christ­li­cher Religionspädagogik vom 2. Mai 2008 in der Zeitung “Neues Deutschland”, S. 10.

Unter der Über­schrift „Forscherkritik an feh­len­der reli­giö­ser Bildung” heißt es da „In vie­len Kindertageseinrichtungen in Deutschland kommt die reli­giöse Bildung einer Studie zu folge zu kurz. In zahl­rei­chen Einrichtungen hät­ten Kinder keine Möglichkeit, sich mit Religion aus­ein­an­der­zu­set­zen, erklär­ten die Tübinger Religionspädagogen Albert Biesinger [evan­ge­lisch] und Friedrich Schweitzer[katholisch] bei der Vorstellung der Untersuchung …”

Doch die Gedanken, die mir sei­ner­zeit durch den Kopf gin­gen, sind auch heute noch gül­tig:

Was für eine Schlagzeile. Das ist aber mutig, könnte man mei­nen: „Forscherkritik an feh­len­der reli­giö­ser Bildung.”

Forscher, Wissenschaftler, sogar christ­li­che Religionspädagogen, die kri­ti­sie­ren etwas. Und was? Bei unse­ren Kindern eine zu kurze und gar feh­lende reli­giöse Bildung. Fast hätte man sich in all den gän­gi­gen Schlagworten ver­hed­dert, und geglaubt, „sich mit Religion aus­ein­an­der­zu­set­zen” würde im Anspruch wirk­lich die Möglichkeit kri­ti­scher Auseinandersetzung for­dern.

Doch halt, weit gefehlt!

Hier geht es aus­schließ­lich um christ­li­chen Kult, den Kultus und Forderungen des tra­di­tio­nel­len Kultusministeriums.

Haben mün­dige Zeitungsleser sich bis jetzt eigent­lich schon gefragt, mit wel­chem Recht in öffent­li­chen Bildungseinrichtungen reli­giöse Gemeinschaften mit eige­nen Religionspädagogen und eige­nen reli­giö­sen Pädagogikkonzepten aus ihrer Gemeinschaft her­aus wirk­sam wer­den konn­ten? – „Kinder brau­chen Religion” und sol­len diese anneh­men, das ist die Prämisse, die Voraussetzung für sol­ches Tun. Demokratisch und öffent­lich zu dis­ku­tie­ren ist da nichts, denn schließ­lich ver­kün­di­gen reli­gi­ons­theo­lo­gi­sche Autoritäten ihre per­sön­li­chen Auffassungen als angeb­lich uni­ver­selle.

„…Nur die Hälfte aller christ­li­chen Kinder…. wer­den reli­giös beglei­tet.” – An öffent­li­chen Stätten! Skandal! – „. ..in mehr als 90Prozent der unter­such­ten Einrichtungen gebe es keine ‘mus­li­mi­sche Bildung‘.” – An öffent­li­chen Stätten! Skandal! – „‚Kinder brau­chen Religion‘, beton­ten die Wissenschaftler. Religion müsse daher in den Kindergärten the­ma­ti­siert wer­den. … Integration …. Verständnis und Toleranz …” – reli­giö­ses Bedrohungsszenario ent­schärft durch Religionspädagogen?

Das ist zu schön, um wahr zu sein.

Doch halt, „the­ma­ti­siert”, das wäre schon gut.

Wo sind eigent­lich die Aufklärer in die­sem Land? Gab es sie wirk­lich nie? Die Weimarer Aufklärung in Thüringen nur ein Laborversuch? Was machen eigent­lich die mehr als 33 Prozent Konfessionsfreien in der deut­schen Republik? Schlafen? – „Kinder brau­chen Religion”, also wirk­lich die Religion oder doch viel­leicht die Aufklärung?!

Andererseits, end­lich tut man mal wie­der etwas für die lie­ben Kleinen. Na gut, der Staat und die bei­den Kirchen tun etwas Religiöses mit Kultus. Die kon­fes­si­ons­freien Elternhäuser sind da schon alle abge­schrie­ben, oder?

Wie war eigent­lich die Grundfrage der Philosophie? Wie ist das Verhältnis von Materie und Bewusstsein?

Wie beant­wor­ten wohl Atheisten, Agnostiker, Freidenker, Freigeister, Humanisten und andere reli­gi­ons­freie Menschen diese Frage? Mit oder ohne Schöpfergott?

Richtig – Die Materie ist das Primäre und exis­tiert außer­halb und unab­hän­gig vom mensch­li­chen Bewusstsein und mensch­li­cher Erkenntnis. Materie exis­tierte und exis­tiert ewig in viel­fäl­ti­gen sich wan­deln­den Materieformen. Der Mensch ist Bestandteil und Produkt der mate­ri­el­len Welt.

Richtig – Die Welt ist ihrer Natur nach erkenn­bar. Immer mehr wird von der Menschheit erforscht ohne an den „Allgewaltigen Endpunkt”, das „Alles” zu gelan­gen. Das ändert nichts an der prin­zi­pi­el­len Erkennbarkeit der Welt.

Ja, Philosophie hat viel mit Weisheit, viel mit der Welt und den Ideen, mit dem bewuss­ten Sein zu tun. Richtig ver­stan­den trägt mate­ria­lis­ti­sche Weltanschauung auch sehr viel Ideelles in sich.

Ach, ja, ich ver­gaß – Die Kirche ist in Deutschland ja noch immer nicht vom Staat getrennt! Trotz Weimarer Verfassung von 1919! Das kir­chen­ei­gene christ­li­che Gottesbild ist reli­gi­ons­päd­ago­gisch von Fall zu Fall zu for­men, schon im Kindesalter. Das Muslimische gleich mit. Wegen der Integration. Zweidrittel kon­fes­si­ons­freie Kinder, die inte­grie­ren und ver­be­schäf­ti­gen sich der­weil eben ersatz­weise ethisch, im Ethikunterricht.

Da kommt jede noch so kind­ge­mäß kin­di­sche Hinterfragung unge­le­gen. Ein Beispiel dafür ist die bundesdeutsch-ministerielle Verfolgung eines Kinderbuches „Wo bitte geht’s zu Gott? …” 1, dass juris­tisch als kinder- und jugend­ge­fähr­dende Schrift auf den Index gesetzt wer­den sollte.

Warum eigent­lich hat(te) die oben genannte Zeitung (die sich selbst als Sozialistische Tageszeitung defi­niert) nicht den eigent­li­chen Skandal, dass Staat und Kirche, demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit und christ­li­che Religionspädagogik noch immer nicht getrennt sind? Dass das kon­fes­si­ons­freie Bevölkerungsdrittel sich „ach so fried­lich unter die­sen Scheffel stellt”? Schade, wie unkri­tisch man diese Pressemitteilung dazu auch noch unter Bildungssplitter abge­druckt hat.

Nachtrag: Angesichts der Sorgen der Forscher um die man­gelnde christ­li­che Indoktrinierung von Kindern in Kindergärten und Schulen, kön­nen diese sich ande­rer­seits freuen: Denn der Staat, Bund und Länder, haben Pfarrern und Pastoren eine andere wich­tige Aufgabe über­tra­gen: Denn, was in der Öffent­lich­keit kaum jemand weiß, Kleriker zeich­nen in Deutschland auf­grund von Verträgen für die berufs­ethi­sche Ausbildung und den lebens­kund­li­chen Unterricht in Polizei und Bundeswehr ver­ant­wort­lich. Jüngst erst bekannte sich am 23. Juni 2011 in der Zeitung „Thüringer Allgemeine” der thü­rin­gi­sche evan­ge­li­sche Landes-Militärpfarrer Christian Peter Kahlert ganz stolz zu die­ser Aufgabe. In dem Interview heißt es wört­lich:

“Was hat ein evan­ge­li­scher Standortpfarrer bei der Bundeswehr zu tun?

Er reprä­sen­tiert die evan­ge­li­sche Kirche unter den Soldaten. Er ist Seelsorger, fei­ert mit ihnen Gottesdienste. Zweimal inner­halb von sechs Jahren hat er meh­rere Monate Auslandseinsatz zu leis­ten. Außerdem gestal­tet er Rüstzeiten. Eine sei­ner wich­tigs­ten Aufgaben ist es, den Soldaten aller Dienstgrade Berufsethik zu ver­mit­teln, ihnen lebens­kund­li­chen Unterricht zu ertei­len.

Was ist das?

Die Auseinandersetzung dar­über, was den Menschen aus­macht. Soziologie, Philosophie, Religion.(…) Jetzt dis­ku­tie­ren wir sol­che Fragen: Wie struk­tu­riert man sein Leben? (…) Wir spre­chen auch über den Umgang mit Verwundung und Tod.”

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

  1. Michael Schmidt-Salomon / Helge Nyncke: Wo bitte geht’s zu Gott? Fragte das kleine Ferkel. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen. Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2007. ISBN 3865690300.

Über SRK

Co-Autor des Blogs, ansonsten schreibt er für den Freigeist Weimar.

4 Kommentare

  1. “halte du sie dumm – ich halte sie arm”

    • genau so… :-(

  2. Der Begriff “Forschung” impli­ziert “wis­sen­schaft­li­che Vorgehensweise”.
    Um wis­sen­schaft­lich Erkenntnisse zu gewin­nen, bedarf es eines Sujets, wel­ches wis­sen­schaft­li­cher Untersuchungsmethoden zugäng­lich ist.
    Dies dürfte im Fall der Existenz eines “Gottes” unmög­lich sein.
    Damit ist Religionsforschung per defi­ni­tio­nem eben keine, deren Ergebnisse mit­hin unwis­sen­schaft­lich und dür­fen dies­er­hal­ben kei­nes­fall als Grundlage poli­ti­scher Entscheidungsbildung die­nen.
    Der pos­tu­lierte angeb­li­che kind­li­che Bedarf an Religiosität möge doch erst ein­mal wis­sen­schaft­lich fun­diert erbracht wor­den sein, bevor sich hier zwei­fel­los intel­lek­tu­ell depri­vierte Geister beru­fen füh­len, sich in die­ser Angelegenheit stark zu machen.

  3. Die Kirchen ver­mit­teln keine Bildung, son­dern nur Märchen aus älte­ren Mythen abge­kup­fert in der Bronzezeit

    Wissenschaft ist eine Methodologie des Zweifels, sie arbei­tet mit Hypothesen, Theorien, Fossilien, Tests wie­der und wie­der auf der Suche nach gesi­cher­ten Antworten für eine allen Forschern zugäng­li­che und immer wie­der­hol­bare Realität. Forschendes Denken im Zweifel als zen­tra­les Element neuer Erkenntnis redu­ziert die reli­giöse abso­lute Wahrheit als puren Unsinn.

    Etwa 4350 Religionen erschöp­fen sich als para­si­tä­rer geis­ti­ger Diebstahl in ande­ren Kulturen. Zweifel an den geklau­ten Wahrheiten sind ver­bo­ten und wer­den durch Drohung von der Ausgrenzung bis zum Mord bestraft. Christliche Wahrheiten sind Phantasien nach 250 v.C. in Palästina aus sume­ri­schen Mythen als AT kopiert. Gegenteilige wis­sen­schaft­li­che Erkenntnis wird wil­lent­lich igno­riert, Religion als wahn­haf­ter Kult, zemen­tiert in ewig wah­ren Dogmen, kann weder Wissen inte­grie­ren noch neues schaf­fen.

    Die Kirchen läßt nur ihr eige­nes “Wissen” gel­ten, auch wenn es gar kein Wissen ist.
    Papst Ratzfatz stellt das Wort Gottes als von ihm auto­ri­sierte all­wis­sende Lehre der RKK über die Wissenschaft: „den posi­ti­ven Beiträgen aus der Wissenschaft Rechnung zu tra­gen und zu Lösungen zu kom­men, die in vol­ler Über­ein­stim­mung mit der Lehre der Kirche ste­hen“. (Enzyklika Spe-Salvi).
    Eine ewige Weisheit aus dem Kreis des RKK Großinquisitors vom Mai 1990 defi­niert: „Wer nicht die unfehl­ba­ren Inhalte des christ­li­chen Glaubens ohne Zweifel, ohne Kritik und Vorbehalte annimmt, der hat einen per­sön­li­chen Defekt, ein unge­nü­gend gebil­de­tes Gewissen, eine sün­dige Verfasstheit, eine auf Vorurteilen beru­hen­den Geist der Kritik und hul­digt der Untreue gegen den Heiligen Geist.“
    Der gläu­bige Christ darf keine Moral und kei­nen eige­nen Willen haben, vor allem darf er nicht sel­ber den­ken.

    All Erklärungen aus dem Vatikan sind dog­ma­tisch beto­niert
    Dogma: „Wer sagt, die mensch­li­chen Wissenschaften müss­ten mit sol­cher Freiheit behan­delt wer­den, dass ihre Behauptungen als wahr fest­ge­hal­ten und von der Kirche nicht ver­wor­fen wer­den könn­ten, auch wenn sie der geof­fen­bar­ten Lehre wider­sprä­chen, der sei aus­ge­schlos­sen“
    Dogma: „Wer sagt, es sei mög­lich, dass man den von der Kirche vor­ge­leg­ten Glaubenssätzen ent­spre­chend dem Fortschritt der Wissenschaft gele­gent­lich einen ande­ren Sinn bei­le­gen müsse als den, den die Kirche ver­stan­den hat und ver­steht, der sei aus­ge­schlos­sen“ Ausgeschlossen steht für „ewig in der Hölle bra­ten“.

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