Geht es wirklich um den Schutz des Lebens von Anfang an?
WEIMAR. (fgw) Es ist „weiß Gott“ nicht verwunderlich, dass unsere Bischöfe (Junkermann, evang., und Wanke, kath.) ein PID-Verbot fordern, und die Diskussion macht deutlich, dass ein amtskirchliches Dogma sich leider wieder mal als wirksamster Kontrahent der modernen Wissenschaft erweist. Das Kürzel PID steht für Präimplantationsdiagnostik.
von Uta Griechen
Die große Mehrheit unserer Regierungsvertreter setzt sich bekannter Weise aus „So wahr mir Gott helfe”-Politikern zusammen, und wenn selbst unter diesen keine Einigkeit über die PID herrscht, so kann man das evtuell als kleinen Hoffnungsschimmer für einen Fortschritt werten.
In einem säkularen, modernen aufgeklärten Land bräuchten wir eigentlich keine staatlich finanzierte Mythologie, und zu den aktuell anstehenden Entscheidungen sollte sich der Klerus mit seinem überholten Weltbild wirklich etwas zurückhaltender äußern.
Was in Nachbarländern längst üblich ist (wer es sich leisten kann, fährt dann dort hin), soll bei uns vehement verhindert werden. Eine Vielzahl kluger Argumente von ausgiebig mit der Materie vertrauten PID-Befürwortern wurden bereits publik, allerdings leider ohne Eingang in die Hirne der meisten „christlichen” Entscheidungsträger zu finden.
In anderen Ländern hat man übrigens die Erfahrung gemacht, dass sich keineswegs durch die PID eine abschätzigere Beurteilung von Behinderten entwickelt hat. Der Klerus versucht aber, uns das Gegenteil weiszumachen und malt den Teufel an die Wand.
Man hat auch nicht die Absicht, mithilfe der PID „unwertes” Leben zu eliminieren, man will es humanerweise gar nicht erst entstehen lassen, so wäre es wohl richtig ausgedrückt. Leben beginnt frühesten mit der Einnistung des befruchteten Eis im Uterus und nicht mit winzigen Zellklumpen in der Petrischale. Statt über diese winzigen Zellhäufchen zu diskutieren, sollten unsere Politiker z. B. endlich ein vernünftiges Organspendegesetz auf den Weg bringen (Widerspruchsregelung) und sich um bereits real existierendes Leben kümmern.
Mancher Schwerkranke muss länger als sieben Jahre auf eine Nierentransplantation warten, während man weiter von der Logik einer durch die PID eingeschränkten Menschenwürde schwafelt. Behinderungen sind nicht gottgewollt, sondern oft eine traurige „Laune” der Natur, und wir sind zum Glück heute in der Lage, uns zumindest einigen dieser Launen nicht mehr fatalistisch unterwerfen und auf ein humanes Leben verzichten zu müssen.
In absehbarer Zeit wird die PID genauso etabliert sein wie heute die Pille, und die Kirche wird trotz massivsten Widerstandes mit fortschreitender Säkularisierung der Gesellschaft immer mehr ihrer Pfründe aufgeben und den kürzeren ziehen müssen.
Jetzt noch ein Gedankenspiel die christlichen Logik betreffend, die heute meist auf der metaphysischen Denkverbotsebene lauert:
Der Allmächtige haucht also im Moment der Verschmelzung von Ei und Samenzelle das menschliche Leben bzw. die Seele ein. Jemand, der im Besitz eines nachdenklichen Hirnes ist, stellt sich nun die Frage, wie Gott es eigentlich handhabt, wenn sich in einem späteren Stadium das Zellgebilde noch einmal teilt und Zwillinge oder gar Drillinge entstehen. Nimmt Gott dann die erste Seele wieder zurück, teilt oder drittelt sie und haucht sie erneut ein?
Zu allem Überfluss bleiben auch noch ca. 50% der befruchteten Eizellen sowieso durch natürlichen Abort auf der Strecke (Gottes Wege sind eben unergründlich…), weil die Einnistung aus verschiedenen Gründen nicht erfolgen kann.
Ein gelingendes Leben hängt eben weniger vom Beten und Beichten, als von gelingender Technik ab, und die Hoffnung darauf ist völlig legitim und keineswegs unethisch, auch wenn diese Sicht den Heilsverkündern und Paradiesversprechern immer stärker der Wind aus den Segeln nimmt, und genau das ist ihr eigentliches, aber tunlichst verschwiegenes Problem.
Wer also Kraft daraus schöpft, ein schwerst behindertes Kind groß zu ziehen oder es evtl. wenige Tage nach seiner Geburt wieder zu beerdigen und darin eine menschenwürdige Prüfung Gottes sieht, kann dies gerne tun und darf auch im September unserem fundamentalistischen Obermetaphysiker verzückt zujubeln und sich von ihm segnen lassen.
Allen anderen mündigen und betroffenen Bürgern sollte man eine eigene und freie Entscheidung in Bezug auf die Präimplantationsdiagnostik zubilligen.
[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]
5 Responses to Geht es wirklich um den Schutz des Lebens von Anfang an?

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Wer sich angesichts des zu beobachtenden und sich beschleunigenden medizinischen Fortschritts, hier insbesondere der Diagnostik, auf ein Menschenbild beruft, das seine Wurzeln in den Jahrtausende alten Legenden eines einst in der Wüste lebenden Hirtenvolkes hat, wird in immer größere Abwehrkämpfe geraten und wird sein Heil letztlich immer nur in Verboten und mehr oder weniger willkürlichen Einschränkungen sehen. Was sich hier am Sonderfall PID abspielt, wird sich zukünftig in vielerlei Formen wiederholen. Irgendwann, vermutlich in Bälde, wird sich die Kirche durch ihre eigenen Fesseln handlungsunfähig machen.
Noch eine Anmerkung zu obigem „Gedankenspiel“: Ab wann eigentlich verfügte der aus dem Tierreich sich entwickelnde „ebenbildliche“ Mensch über eine Seele? Schon vor 100 000 Jahren, schon als inzwischen ausgestorbener Neandertaler oder erst sehr viel später? Wann entschloss sich Gott, dem Affen zuzurufen, jetzt bist Du ein Mensch, jetzt bekommst Du eine Seele?
Ich lese gerade Peter Singers “Praktische Ethik” – keine einfache Lektüre; aber sehr spannend.
Zu all diesen Fragen nimmt er Stellung. Eigentlich sollte das Buch Pflichtlektüre werden (muss sich nur jemand finden, der es ins “Allgemeinverständliche” übersetzt
Ich freu mich schon darauf, die Rezension zu schreiben…
Also in der Sache bin ich völlig bei Ihnen.
Allerdings muss ich gestehen, dass es doch nicht so einfach ist und man der Kirche oder den Politikern so einfach die Schuld geben kann. Es war schon oft das Problem der Linken oder auch der “aufgeklärten Wissenschaft”, alles besser zu wissen und zu denken man sei auf jedenfall auf dem richtigen Pfad. Deshalb muss man die Bedenken ernst nehmen und diesen durch Informations- und Lobbykampagnen entgegentreten. Politiker sind nämlich nicht einfach so “christlich”, sondern sie werden von Christen gewählt. Wissenschaftler sollten sich nicht immer hinstellen und sagen: ja schaut mal ihr seid so blöd und dumm. Das bringt nämlich rein gar nichts. Sie sollten die Leute informieren und auf die Pros und Contras aus naturwissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Hinsicht hinweisen. PID oder die Pille sind nämlich mehr als einfach nur eine neue Technik. Sie verändern unser Zusammenleben, wer das nicht sieht ist genauso blind wie die geistlichen Hetzer.
Wer auch immer mit “Ihnen” gemeint sei: Ich selbst habe mich in mehreren Artikeln ausführlich mit der Problematik befasst, auch in meinem Buch „Warum ich kein Christ sein will“ (4. Auflage, 2011, S. 372f) habe ich meine Einstellung dazu dargelegt, nicht ohne die Argumente der Gegenseite zu berücksichtigen. Mit den vorliegenden Kurzkommentaren ging es lediglich um die Bekräftigung von Positionen, die man ebenfalls teilt. Eine ausführliche Würdigung der Gesamtproblematik war hier sicher nicht intendiert, das ist bereits an vielen Stellen ausführlichst geschehen. Hinweisen aber sollte man immer wieder auf die Anmaßung kirchlicher Kreise, die ihre – von mir nicht gewählten – Vertreter überall in der Politik, in den höchsten Gerichten und in den meinungsbeherrschenden Medien (vor allem ARD und ZDF) platziert haben und ihre r e l i g i ö s e n Auffassungen (Heiligkeit des Lebens, Beseeltheit des Embryos, Mensch als Ebenbild Gottes u.a.) per Gesetz allgemeinverbindlich machen wollen, obwohl sie damit massiv gegen die religiöse Neutralität des Staates und das Selbstbestimmungsrecht (Artikel 2 des Grundgesetzes) verstoßen.
Ihr Buch habe ich nicht gelesen. Ich vermute es nimmt die Gegenargumente auf. Mir ging es eigentlich eher um Ihre Polemik. Wer die ZDF oder ARD als einen Teil der “kirchlichen Kreise” bezeichnet, dem geht es nicht wirklich um Objektivität. Genauso wenig wie die Konservativen recht haben und es eine linke Meinungsherrschaft in der “Journaille” gibt, kann ich Ihnen bei ihrer Politiker/Medienschelte recht geben.
Außerdem ist Deutschland kein laizistischer Staat. Es gab Konkordate und es gibt noch immer die Kirchensteuer und Rechte der Kirche in Schulfragen (wenn auch geringe). Deshalb ist diese harte religiöse Neutralität des Staates (wie in Frankreich oder der Türkei) schon gar nicht gegeben. Auch verstößt so ein Gesetz (was im Grunde ein Sittengesetz wäre) sicherlich nicht gegen den Artikel 2, weil die Freiheit eben durch Gesetze eingeschränkt werden kann. Und genau um diese Debatte geht es. Wie sollen unsere Gesetze ausschauen. Hier gibt es eine offene Debatte, bei der ich übrigens auf Ihrer Seite bin. Aber gerade deshalb verstehe ich nicht, wieso Sie so tun als ob die Kirche wie eine Krake die Gesellschaft kontrolliert. Das ist einfach billigste Polemik.