Conference Hannovre Iran Konferenz in Hannover

Prof. Ingolf Ahlers, Prof. Dawud Gholamasad, Dr. Azmayesh, H.N. Gabel, Moderation

Das Regime im Iran unter­drückt den Freiheitsdrang sei­ner über­wie­gend jun­gen Bevölkerung mit bru­ta­len Mitteln. Davon sind wir im Westen Zeugen gewor­den. Bekannt ist auch, dass der Bevölkerung im Iran vor gut 32 Jahren die Revolution durch fana­ti­sche Kräfte gestoh­len wurde, die sich im Hintergrund mehr und mehr an die Macht geschli­chen haben. Diese Kräfte hal­ten jetzt an der Macht fest. Die Konferenz zielt dar­auf, das Wesen der aktu­ell herr­schen­den Ideologie im Iran ins Bild der Öffent­lich­keit zu rücken und die Konsequenzen die­ser Machtausübung auf Iran, den nahen Osten und die gesamte Welt aus­zu­spre­chen. Gemeinsam mit den Teilnehmern der Konferenz wer­den Ideen ent­wi­ckelt, wie die west­li­che Zivilgesellschaft über die Agenda der Ideologen im Iran auf­ge­klärt wer­den kann.
Eingeladen sind Journalisten, Politiker, Studenten und Professoren und alle Iran-Interessierten. Ergebnisse der Konferenz wer­den auch im Iran zu sehen sein. Die Bevölkerung im Iran bekommt Signale der Solidarität, trotz Atomunglück in Japan, trotz Kämpfen in Libyen, Protesten in vie­len ara­bi­schen Ländern. Englisch, Persisch und Deutsch sind die Konferenzsprachen.

Bericht:

Zu Beginn der Veranstaltung stellte Prof. Ingolf Ahlers das Buch “Irans neuer Umbruch” von Prof. Dawud Gholamasad vor. Klar wurde, dass das Buch einen Gegensatz auf­zeigt zwi­schen der nekro­phi­len Ideologie des Regimes und des lebens­be­ja­hen­den Zugangs eines über­wie­gen­den Teils der Bevölkerung, die sich von dem Regime zuse­hends drang­sa­liert und zu Gehorsam gezwun­gen sieht. Prof. Ahlers zeigte, wie sich die Schrift von D. Gholamasad in das Herz zweier wider­strei­ten­den Lebensrealitäten im Iran vor­tas­tet: die psy­cho­lo­gi­sche Realität unrei­fer Persönlichkeiten, die sich in nekro­phile Phantasien hin­ein­stei­gern und als rasen­der Mob alles um sich Zerstören, was nicht ihrem Gesellschaftsideal ent­spricht und der ver­zwei­fel­ten Sehnsucht einer betro­ge­nen Gesellschaft nach Freiheit und Selbstverantwortung, die eine starke Liebe zum Leben aus­drückt.

Impulsvortrag Prof. Gholamasad über die­sen Link erreich­bar. Wir wie­der­ho­len hier nur noch­mals den letz­ten Abschnitt: “Deswegen ist auch die mehr oder weni­ger poten­ti­elle Fähigkeit der zuneh­mend grö­ße­ren Zahl der Menschen zur Freiheit im dop­pel­ten Sinne eine der zen­tra­len Gründe für die suk­zes­sive Abwendung frü­he­rer Khomeinisten bzw. deren refor­mis­ti­schen Fraktionen von dem sich zuneh­mend als des­po­tisch erwei­sen­den „velajat-e Faghih“, der „Schriftgelehrten Herrschaft“ und der unre­for­mier­ba­ren „Islamischen Republik“ und ihre Betonung der repu­bli­ka­ni­schen Dimensionen der Verfassung, deren Belebung sie in der „grü­nen Bewegung“ nun for­dern.
Dementsprechend ist auch die zuneh­mende Skrupellosigkeit und Brutalität der immer klei­ner wer­den­den Kerngruppen der Macht Ausdruck ihrer zuneh­mend ein­ge­schränk­ten Entscheidung- und Handlungsspielräume, die sich durch ihre zuneh­mende Gefühlsstarre repro­du­zie­ren, wie sie sich in ihrer zuneh­men­den nekro­phi­len Destruktivität mani­fes­tie­ren. Für sie hat die Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft und die damit ein­her­ge­hende Sicherung ihrer mono­po­li­sier­ten Macht- und Statusquellen abso­lute Priorität in dem, was sie als ihr Leben defi­nie­ren.”

Vortrag Dr. Mostafa Azmayesh über die ideo­lo­gi­sche und soziale Seite im Iran und die Hintergründe des Regimes.

Ich freue mich sehr, heute hier sein zu dür­fen und dass Sie sich für die­ses Thema inter­es­sie­ren. Ich möchte gar keine lange Rede hal­ten, son­dern lie­ber auf Ihre Fragen ant­wor­ten und über den Iran und Islam mit Ihnen in eine Diskussion tre­ten.
Nach 32 Jahren isla­mi­scher Revolution im Iran spricht jeder über Islam. Aber wis­sen wir denn, was mit Islam gemeint ist?
Es gibt unge­fähr 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt. Wenn wir diese fra­gen wür­den “Was ist Islam?“, wer­den sie sicher­lich zur Antwort geben, dass Islam eine Religion ist. Auch alle ande­ren, die keine Muslime sind, wür­den die­selbe Antwort geben: „Islam ist eine Religion.“
Doch als Ayatollah Khomeini vor 32 Jahren die Macht vom Schah über­nahm, sprach er die­sen Satz: „Niemand weiß was Islam ist.“ Er hat also zum ers­ten Mal die Frage „Was ist Islam?“ in Zweifel gezo­gen. Seine Rede, in der er diese Frage zu Islam stellt, kann man heut­zu­tage auf YouTube sehen. Ich zitiere dar­aus: „Niemand weiß was Islam ist und kein Islamwissenschaftler auf die­ser Welt hat eine Ahnung davon.“
Das ist also eine ent­schei­dende Frage, denn es geht darum, eine poli­ti­sche Ideologie oder Theorie zu ken­nen, die ein Land regiert. Das heißt also, als Khomeini gesagt hat, dass kei­ner weiß – noch nicht ein­mal die Islamwissenschaftler es wissen-, was Islam bedeu­tet, hat er selbst eine poli­ti­sche Theorie ent­wi­ckelt, die er Islam genannt hat.
Diese Theorie war bis dahin nicht bekannt. Es war die Theorie oder Ideologie der Herrschaft des Rechtsgelehrten (Velayat-e Faqih).
Gemäß Velayat-e Faqih ist Islam keine Religion. Ein Faqih ist jemand, der im isla­mi­schen Recht eine Art Doktortitel hat und damit eine hohe reli­giöse Autorität dar­stellt. Das heißt, es geht um Velayat, das ist die Autorität, die sozu­sa­gen das letzte Wort hat was Rechtsfragen anbe­langt, und um die Dominanz die­ser Autorität, die Herrschaft des Schriftgelehrten.
Wir haben also den Gegensatz zwi­schen Velayat, eine Vereinigung von Herrschaft in einer Person, wel­che die oberste Autorität in allen Fragen hat und allen ande­ren, den so genann­ten Safis, den Dummen und Unmündigen.
Wir haben also den Gegensatz zwi­schen dem Einen, der sich in Kontakt zu einer höhe­ren Macht (zu Gott) ste­hen sieht und daher wisse, was zu tun ist, und wir haben das Volk, das ein­zig und allein gehor­sam sein muss. Das sei die ein­zige Aufgabe des Volkes und wer den Anweisungen des Faqih, des obers­ten Rechtsgelehrten, nicht folgt, wird ver­haf­tet, gefol­tert und unter­liegt der Todesstrafe.
Ich möchte hierzu kurz ein Beispiel geben: Wenn der Faqih, der oberste Rechtsgelehrte, einen Präsidenten ernen­nen möchte, den das Volk aber nicht mag und nicht will und sich gegen die Ernennung des Präsidenten wehrt, dann ist das Volk nicht nur dem Faqih gegen­über unge­hor­sam, son­dern auch gegen­über Gott.
Wir kön­nen uns also fra­gen, was für einen Sinn die­ses System macht oder wel­chem Zweck es dient. Im bes­ten Fall hat ein Regierungssystem den Zweck, eine Gesellschaft in frucht­bars­ter Weise zu orga­ni­sie­ren.
Warum hat Khomeini die­ses Velayat-e Faqih System geschaf­fen? Laut Khomeini war der ein­zige Zweck, die­ses System zu schaf­fen von Anfang an die gesamte Welt aus der Hand des Satans zu rei­ßen. Und wer ist Satan? Die west­li­che Welt. Und der große Satan ist die USA.
Man kann die­sen Zweck von der ers­ten Stunde an als Kriegserklärung betrach­ten. Dieses System ist also ein des­po­ti­sches System, ähnlich der Kalifate der Omajaden und Abbasiden und ver­schie­dene andere Systeme.
Wie fin­den wir einen Keim von demo­kra­ti­schen Impulsen in solch einem System? Ein demo­kra­ti­sches System basiert auf sozia­len Kontrakten, auf Freiwilligkeit, auf dem freien Willen des indi­vi­du­el­len Menschen.
In die­sem des­po­ti­schen System muss jeder aus­schließ­lich gehor­sam sein. Um eine Gesellschaft zu regie­ren, ist es sehr wich­tig, einen Plan und eine Vorstellung davon zu haben, wie man eine Gesellschaft wirt­schaft­lich orga­ni­siert.
Vielleicht erin­nern Sie sich daran, dass einige Leute aus dem Umfeld von Khomeini ihn frag­ten, wie es mit der Wirtschaft aus­sehe, was sie dafür tun müss­ten und sei­ner Meinung nach machen soll­ten. Darauf hat Khomeini geant­wor­tet: „Die Wirtschaft ist Sache der Esel.“ Es hört sich an wie ein Scherz, aber es ist lei­der bit­tere Realität.
Dieses System nährt also den Willen der Menschen sich selbst zu opfern und ihr Leben hin­zu­ge­ben, um den Westen bzw. den Teufel (Satan) zu bekämp­fen. Sie erin­nern sich sicher an die Schilderungen aus dem Iran/Irak Krieg über die ira­ki­schen Minenfelder und die ira­ni­schen Märtyrer. Vor allem Kinder und Jugendliche wur­den dafür gewon­nen, über die Minenfelder zu gehen und ihr Leben zu opfern.
Sollte jemand die­sen Aufruf und diese vom System auf­er­legte Verpflichtung nicht akzep­tie­ren, so wird er ver­haf­tet, gefol­tert und letzt­end­lich gehängt. Und nicht nur das: die­ses System basiert auf dem Export von Krisen in die gesamte Welt.
Wir haben zunächst über die Basis die­ses Systems gespro­chen und nun ist vor ca.6 Jahren eine Erweiterung die­ser Ideologie dazu gekom­men. Diese Erweiterung führt zu einer mes­sia­ni­schen Theorie, einer arma­ged­do­nis­ti­schen Theorie. Es ist die Idee, dass das Regime alles dafür tun muss, damit der ver­spro­chene Messias (Heilbringer) zurück­kehrt und die Welt dann in einer apo­ka­lyp­ti­schen Periode lebt.
Das ist die Armageddon Theorie, die das Regime im Iran zu näh­ren ver­sucht. Laut die­ser Armageddon Theorie ist es die west­li­che Welt oder der Satan selbst, der alles dafür tut, damit der erwar­tete Messias nicht zurück­kehrt. Die Invasion der Amerikaner im Irak sollte nicht nur die Erdölquellen sichern, son­dern die Ankunft des Messias ver­hin­dern. Diese Behauptung von Ahmadinedschad geht soweit, dass die Amerikaner in den Irak ein­mar­schiert sind, damit sie den Mahdi (Messias) fin­den, ihn ver­haf­ten und ihn aus dem Weg räu­men. Die ganze Zeit ist die Rede von einer west­li­chen Verschwörung.
Im Monat Mehr (23. September – 22. Oktober) hat das Ministerium für isla­mi­sche Führung und Kultur in Teheran eine Ausstellung orga­ni­siert, die sich dem Thema „Das Böse in der Welt“ gewid­met hat. Dort war ein Ausstellungsraum dem Satanismus gewid­met, des­sen Anhänger und Wirken auf ver­schie­dene Weise dar­ge­stellt wurde. Eines der Poster stellte den Satan mit einem gro­ßen Umhang dar.
Satan öffnet auf die­sem Poster sei­nen Umhang und es sieht so aus, als ob ver­schie­dene sei­ner Schüler dort her­aus­kom­men wür­den. Darunter waren Moussavi, Karoubi, ver­schie­dene reli­giöse Minderheiten wie Sufi-Derwische, Bahais, Christen, Juden etc. Diese Menschen wer­den quasi als Verschwörer gegen das Regime im Iran dar­ge­stellt, die ver­hin­dern wol­len, dass der Mahdi (Messias) erscheint.
Wenn also jemand im Iran über Freiheit spricht, ist es sofort klar, dass er zur Verschwörung dazu­ge­hört, also ein Gegner des Regimes ist.
Was die Menschen inner­halb des Regimes beschäf­tigt, sind nicht die sozia­len Entwicklungen, son­dern ihre Sinne sind ein­zig und allein auf die phy­si­sche Wiederkehr des Mahdi (Messias) aus­ge­rich­tet.
In einem System, wie wir es skiz­ziert haben, kann man keine Freiheit erwar­ten und schon gar nicht über Freiheit spre­chen.

Zusammenfassung der anschlie­ßen­den Diskussionspunkte, die von bei­den Referenten getra­gen wur­den:

Man kann in einer poli­ti­schen Auseinandersetzung nur erfolg­reich sein, wenn man den Gegner kennt. Wir haben hier ver­sucht, die Persönlichkeitsstruktur und die soziale und ideo­lo­gi­sche Orientierung des Gegners soweit zu durch­leuch­ten, damit ie Welt weiß, mit wem sie es zu tun hat.

Solange sich die Opposition nicht diese Mühe macht, führt sie einen so genann­ten Schattenkrieg. Wenn die Struktur und die Zusammenhänge der Herrschaft begrif­fen wer­den, kann eine rea­lis­ti­sche Umorientierung statt­fin­den.

Frage des Moderators: Wer hat das Potential und durch wen kann das Regime von innen gestürzt wer­den?

durch soziale Bewegungen, die aus gut aus­ge­bil­de­ten Jugendlichen beste­hen, die keine Lebensperspektive inner­halb die­ses Regime im eige­nen Land haben
durch ökono­mi­sche Veränderungen, denn durch die Abschaffung der Subventionen wer­den ökono­mi­sche Nachteile ver­ur­sacht
durch die Frauen, die in ihrem Land dis­kri­mi­niert wer­den
durch die Gewerkschaften
durch poli­ti­sche und natio­nale Minderheiten, die poli­tisch unter­drückt wer­den

Die Solidarität die­ser Gruppen ist sehr gefähr­lich für das System, denn sie kön­nen sich im so genann­ten Cyberspace aus­tau­schen, Termine für Demonstrationen ver­ein­ba­ren etc. Das System gibt eine Menge Geld aus, um eine Cyber Armee auf­zu­stel­len und kauft vom Westen die Technologie für den Cyber Krieg. So liegt es am Westen zu ver­hin­dern, dass das Regime an diese Technologie her­an­kommt. Denn hier geht es letzt­lich auch um die Freiheit der Menschen im Westen.
Es ist wich­tig, die Menschenrechte, und nicht immer nur die Atomproblematik in die Verhandlungen mit dem Regime zur Sprache zu brin­gen. Zum Beispiel indem die Parteien und Gruppierungen unter­stützt wer­den, wel­che die Menschenrechte als Rahmenbedingung der Politik begrei­fen.
Die Verankerung der Menschenrechte muss die Voraussetzung einer gemein­sa­men poli­ti­schen Orientierung hin zur Demokratie sein.
Die Menschen hier im Westen müs­sen auch über ihre eigene Freiheit nach­den­ken. Denn die Herrschaft des Velayat-e-faghi Systems ist ein Problem für die ganze Welt, nicht nur für die ira­ni­sche Bevölkerung. Wenn die Menschen im Westen etwas gegen das Regime im Iran tun, hilft es nicht nur der Bevölkerung im Iran, son­dern auch ihnen selbst.
Das Wesen des deut­schen Faschismus wurde lange nicht wirk­lich erkannt. Wir befin­den uns in Bezug auf den Iran in der exakt glei­chen Lage, wir im Westen ver­ken­nen die­ses Regime!
Von den Zuhörern kam der Hinweis, dass auch das Regime der Nationalsozialisten in den 30er Jahren von der Welt ver­kannt, ja hofiert wurde. (Beispiel olym­pi­sche Spiele 1936 in Berlin).

Der Iran kre­iert immer neue Krisen und wird immer gefähr­li­cher für die gesamte Welt. Die Menschen im Westen sind sich der Gefahr nicht bewusst, die von dem Regime aus­geht. Die mes­sia­ni­schen Ideologen wer­den die Nuklearwaffen gegen ihr eige­nes Volk und gegen das west­li­che Volk rich­ten, wenn der Westen nicht end­lich und ernst­haft beginnt die Bevölkerung im Iran in ihrem Kampf gegen das Regime zu unter­stüt­zen. Dann wird auch die Atomproblematik gelöst sein.

Susanne Treude für mehriran.de

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Auf dem Kreuzberg
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Iran-Mahnwache Berlin, 31.07.2011
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