von Siegfried R. Krebs

Neun, das sei die hei­lige Zahl der Nomaden, teilt uns Galsan Tschinag mit. Und er erzählt in sei­nem bemer­kens­wer­ten historisch-psychologischen Roman mit archai­scher Sprachgewalt das Leben des Dschingis Khan.

In neun Tag- und Nachtträumen blickt der ster­bende Weltherrscher zurück auf seine Erfolge und seine Niederlagen, auf seine Hoffnungen und seine Ängste. Dschingis Khan ist im Laufe der Jahrhunderte ein Mythos gewor­den, in der Mongolei wird der “oze­an­glei­che Khan” noch heute fast als Gott ver­ehrt. Er starb im Jahr 1227, nicht durch Feindeshand, son­dern - für einen Reiterfürsten schmach­voll - alters­schwach nach einem Sturz vom Pferd.

Hier setzt der Roman an. Der Khan, den seine Diener noch zur letz­ten Schlacht getra­gen hat­ten, ver­sinkt nun in Fieberträumen von Krieg, Verrat und Mord - Bilder, stets in tie­fes Rot getaucht. Neun Tage wird er noch leben, vor sich hin­däm­mernd. Dabei geht sein Blick immer wie­der nach innen. Erinnerungen an seine Kindheit wer­den wach, an seine Getreuen, an seine Frauen und an die Liebe, die er emp­fun­den hat: ein Weltenbeherrscher am Ende sei­nes Lebens, im Sterben ganz Mensch.

Galsan Tschinag führt im Roman den ster­ben­den Kaiser, den Schöpfer des größ­ten Reiches aller Zeiten, zur Selbsterkenntnis. Er lässt ihn begrei­fen, dass der Khan, flam­mend vor Hass, sein Reich auf Krieg und Blut gegrün­det hat, dass er Furcht und Angst selbst unter sei­nen Getreuen ver­brei­tete.

Erst im Sterben lie­gend, erkennt der Mongolenkaiser sei­nen Irrtum, sich die Welt mit Waffengewalt unter­tan machen zu wol­len, träumt von einem fried­li­chen Zusammenleben der Völker. Galsan Tschinag zeigt uns Dschingis Khan so auch als Menschen, den Gewissensbisse quä­len, der Gefühle spürt, die wir ken­nen und nach­emp­fin­den kön­nen. So wird er uns ver­traut. Wir erken­nen in ihm alle Herrscher…

Eine rasant erzählte, wort­mäch­tige, auf­re­gende Geschichtsstunde. Dennoch ist Galsan Tschinags Roman keine Biographie. Das Buch ist viel­mehr eine Charakterstudie der Macht und wie sie diese Menschen ver­for­men kann. Brüder, Freunde, Weggefährten fal­len dem Misstrauen des Khans ebenso zum Opfer wie wider­spens­tige Gegner. Er ist heim­tü­ckisch, rach­süch­tig und ver­schla­gen, traut nur sehr weni­gen, fürch­tet stän­dig Verrat. Niemandem wagt er sich anzu­ver­trauen, schot­tet sein Herz gegen Mitgefühl und Milde ab, gesteht sich selbst kei­ner­lei Schwäche zu.

Neben his­to­risch ver­bürg­ten Personen spielt eine Kunstfigur, der Zwerg Oldoi, in der Rolle des Traumdeuters eine tra­gende Rolle in der Romanhandlung. Wie ein Hofnarr an euro­päi­schen Höfen darf er sich dem Herrscher mensch­lich nähern, als ein­zi­ger. Er hält dem mäch­tigs­ten Mann der Welt den Spiegel vor Augen.

Und der Leser erkennt, dass es nicht nur um den his­to­ri­schen Dschingis Khan, nicht nur um des­sen Biographie geht, son­dern dass Tschinag das Problem aller mäch­tigs­ten Männer (und Frauen) the­ma­ti­siert hat. Dass Reiche, die durch Unterwerfung und Zwang begrün­det wur­den, kein lan­ges Leben haben.

Galsan Tschinag: Die neun Träume des Dschingis Khan. Roman. Paperback. 270 S. Suhrkamp Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2008. ISBN 978-3-518-45970-6. 8,90 Euro

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]