Mittwoch , 22 Mai 2013
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Religionen richten noch immer großen Schaden an

16VOR – Nachrichten aus Trier:
Michael Schmidt-Salomon ist neben Karlheinz Deschner der der­zeit bekann­teste Religionskritiker Deutschlands. Der Trierer ist Mitgründer der “Giordano-Bruno-Stiftung”, die sich seit 2004 für die Interessen der Konfessionslosen ein­setzt. Zuletzt sorgte er für Aufsehen mit sei­nem 2009 publi­zier­ten Werk “Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die bes­se­ren Menschen sind”. 16vor sprach mit dem 43-Jährigen über Religion, sein am Donnerstag erschei­nen­des Buch “Leibniz war kein Butterkeks” und seine Zeit an der Universität Trier.

16vor: Herr Schmidt-Salomon, gibt es einen Gott?

Michael Schmidt-Salomon: Tut mir Leid, auf diese Frage kann ich keine klare Antwort geben, da der Begriff “Gott” nicht hin­rei­chend defi­niert ist.

16vor: Die Frage zielt vor allem auf eine Titulierung des Spiegels ab, der Sie mal zu “Deutschlands Chef-Atheisten” gemacht hat. Würden Sie sich über­haupt selbst als Atheisten bezeich­nen?

Schmidt-Salomon: Das kommt ganz drauf an. Tatsächlich halte ich “Gott” für eine “unele­gante Hypothese”, die das Verständnis des Universums eher erschwert als erleich­tert. Dessen unge­ach­tet könnte es aber durch­aus einen “unvor­stell­ba­ren Gott” geben, ja sogar ganze Heerscharen “unvor­stell­ba­rer Götter”. Die Idee eines “unvor­stell­ba­ren Gottes” habe ich nie kri­ti­siert. Das wäre ja auch sinn­los, da man über Unvorstellbares per defi­ni­tio­nem keine ver­nünf­ti­gen Aussagen machen kann. Was ich kri­ti­siere, sind die Vorstellungen, die sich Menschen von “Gott” gemacht haben. Die Religionen haben ihren Gottes-Konstrukten bestimmte Eigenschaften zuge­schrie­ben, die ein­fach nicht in Einklang zu brin­gen sind mit dem, was wir über die Welt wis­sen. Die christ­li­che Vorstellung eines all­gü­ti­gen, all­mäch­ti­gen, all­wis­sen­den Gottes passt bei­spiels­weise nicht zu dem, was wir in der Natur sehen. Denken Sie nur an all die Tiere, die im Verlauf der Evolution gefres­sen wur­den, die kläg­lich ver­hun­ger­ten, ver­durs­te­ten, erstick­ten, ertran­ken, ver­brann­ten, inner­lich ver­faul­ten! Das Leid der Lebewesen schreit seit Jahrmillionen zum Himmel, ohne dass wir jemals irgend­wel­che gött­li­che Maßnahmen zur Linderung die­ses Elends haben fest­stel­len kön­nen.

16vor: Das ist das alte Theodizee-Problem nach Gottfried Wilhelm Leibniz. Aber könnte der Mensch nicht trotz­dem von einem Wesen plan­voll geschaf­fen wor­den sein, das seit­dem nicht mehr ein­ge­grif­fen hat nach dem Motto: “Ich bin dann mal weg – schaut mal selbst, wie ihr zurecht­kommt”?

Schmidt-Salomon: Realistischerweise soll­ten wir davon aus­ge­hen, dass sich hin­ter dem Auf und Ab der Evolution kein gött­li­cher Heilsplan ver­birgt, son­dern nur das blinde Walten von Zufall und Notwendigkeit. Wenn der Mensch tat­säch­lich von Anfang an von Gott als “Krone der Schöpfung” geplant gewe­sen wäre, wie der Papst meint, so müsste man sich doch fra­gen, warum “Gott” zum Erreichen die­ses Ziels einen so ver­rück­ten Weg ein­ge­schla­gen hat: Warum, bit­te­schön, erschuf er zunächst a.) eine unglaub­li­che Vielfalt an Dinosauriern, die über Jahrmillionen die Erde beherrsch­ten, dann b.) einen Riesen-Asteroiden, den er vor 65 Millionen Jahren auf der Erde ein­schla­gen ließ, damit c.) die Dinosaurier wie­der aus­ster­ben, um so d.) eini­gen rat­ten­gro­ßen Säugetieren Platz zu machen, aus denen sich e.) einige Millionen Jahre spä­ter die auf­recht gehende Affenart Homo sapi­ens ent­wi­ckeln konnte? Ein Gott, der sich so selt­sam ver­hal­ten würde, würde eher einem inter­ga­lak­ti­schen Mister Bean glei­chen als einem all­mäch­ti­gen, all­wis­sen­den, all­gü­ti­gen Wesen. Kein Unternehmen die­ser Welt würde einen Designer mit einer solch ver­hee­ren­den Kosten-Nutzen-Bilanz ein­stel­len.

16vor: Die Weltanschauung, auf die Sie sich posi­tiv bezie­hen, erläu­tern Sie in Ihrem 2005 erschie­ne­nen “Manifest des evo­lu­tio­nä­ren Humanismus.” Was hat es damit auf sich?

Schmidt-Salomon: Da will ich zunächst ein­mal den berühm­tes­ten Trierer zu Wort kom­men las­sen: Karl Marx zufolge besteht der kate­go­ri­sche Imperativ des Humanismus darin, “alle Verhältnisse umzu­wer­fen, in denen der Mensch ein ernied­rig­tes, ein geknech­te­tes, ein ver­las­se­nes, ein ver­ächt­li­ches Wesen ist”. Das heißt: Als Humanisten müs­sen wir daran arbei­ten, die Lebensverhältnisse so zu ver­bes­sern, dass jeder Mensch die Chance hat, ein lebens­wer­tes Leben zu füh­ren. Der evo­lu­tio­näre Humanismus unter­schei­det sich vom tra­di­tio­nel­len Humanismus nun darin, dass er nicht mehr “spe­zie­zis­tisch” argu­men­tiert. Speziezismus ist eine Haltung, die einem Lebewesen allein des­halb mehr Rechte bei­misst, weil es zufäl­li­ger­weise der glei­chen Spezies ange­hört wie wir. Als evo­lu­tio­näre Humanisten müs­sen wir jedoch von den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie aus­ge­hen. Somit müs­sen wir anneh­men, dass es zwi­schen Menschen und nicht­mensch­li­chen Tieren keine prin­zi­pi­el­len, son­dern nur gra­du­elle Unterschiede in Bezug auf Bewusstsein und Leidensfähigkeit gibt. Ethisch bedeu­tet dies, dass wir die Interessen nicht­mensch­li­cher Lebewesen stär­ker berück­sich­ti­gen müs­sen, als dies gemein­hin geschieht.

16vor: Wie gren­zen Sie sich dabei kon­kret von den ethi­schen Grundlagen der Religionen ab?

Schmidt-Salomon: Im Unterschied zu tra­di­tio­nel­len huma­nis­ti­schen Konzepten geht der evo­lu­tio­näre Humanismus nicht mehr von “abso­lu­ten Wahrheiten” oder “abso­lu­ten Werten” aus. Vielmehr den­ken wir auch in die­ser Hinsicht evo­lu­tio­när: Wir ver­su­chen, fal­sche Ideen ster­ben zu las­sen, bevor Menschen für fal­sche Ideen ster­ben müs­sen. Gegen die­sen Grundsatz der kri­ti­schen Rationalität haben die Religionen regel­mä­ßig ver­sto­ßen – und sie tun es lei­der auch heute noch. Vor allem außer­halb Europas rich­ten die Religionen noch immer unge­heu­ren Schaden an. Denken Sie etwa an den isla­mi­schen Fundamentalismus oder an die Hexenverfolgungen, die in den letz­ten Jahren in Afrika statt­ge­fun­den haben. Angestachelt von evan­ge­li­ka­len christ­li­chen Predigern sind in Nigeria in den letz­ten Jahren viele Tausend Kinder einem neuen Hexenwahn zum Opfer gefal­len. Damit sich der­ar­tige Formen des Wahns nicht noch wei­ter aus­brei­ten, ist Religionskritik uner­läss­lich. Fakt ist jeden­falls: Wer Wissenschaft, Kunst und Philosophie besitzt, der braucht keine Religion.

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Über Nic Frank

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