Sonntag , 19 Mai 2013
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Nihilistisches: Nichts werden wollen, wenn nichts Sinn hat?

von Siegfried R. Krebs und Lysett Wagner

WEIMAR. (fgw) Guten Kinder- und Jugendbüchern ist eigen, daß sie von Menschen jeden Alters gele­sen wer­den kön­nen. Dies trifft in ganz beson­de­rem Maße auch auf Janne Tellers Buch “Nichts” zu. “Nichts”ist eine beklem­mende Parabel über die uralte und doch ewig junge Frage nach dem Sinn des Lebens. Dieses däni­sche Jugendbuch liegt mitt­ler­weile auch in deut­scher Über­set­zung vor.

Die Sommerferien sind been­det und für Pierre Anthon und seine Klassenkameraden beginnt das sie­bente Schuljahr. Dieser steht in der ers­ten Unterrichtsstunde unver­mit­telt auf und ver­läßt mit den Worten “Nichts bedeu­tet irgend­et­was, dashalb lohnt es sich nicht, irgend­was zu tun.” (S. 9) den Unterricht und die Schule. Fortan ver­bringt er seine Zeit in einem Pflaumenbaum und wirft von dort sei­nen scho­ckier­ten Mitschülern seine nihi­lis­ti­schen Lebenssichten an den Kopf.

Die Klasse beschließt nach eini­ger Zeit, ihm das Gegenteil zu bewei­sen und beginnt Dinge zu sam­meln, die ihrer Meinung nach Bedeutung haben. In einem still­ge­leg­ten Sägewerk ent­steht so ein “Berg aus Bedeutung”. Doch anfangs kommt außer Nebensächlichkeiten nichts zusam­men, in einem Gespräch heißt es dazu: “…Und dann müs­sen wir erzäh­len, was Pierre Anthon sagt. Und das kön­nen wir nicht, denn die Erwachsenen wol­len nicht hören, dass wir wis­sen, dass nicht wirk­lich etwas etwas zu bedeu­ten hat und dass alle nur so tun als ob.” (S. 17)

Irgendwann kommt die Idee auf, daß jeder Schüler etwas ihm ganz beson­de­res Wichtiges abge­ben und auf den “Berg von Bedeutung” legen soll. Reihum ergeht nun ein das Forderungsrecht an einen ande­ren: Boxhandschuhe, ein neues Rennrad, die däni­sche Flagge. Doch das immer noch harm­lose Spiel gerät lang­sam aus den Fugen: Vom korea­nisch­stäm­mi­gen Mädchen wird die Adoptionsurkunde ver­langt, vom Moslem sein Gebetsteppich… Die Atheistin muß ihr Teleskop her­ge­ben. Je grö­ßer das Opfer, desto grö­ßer wäre des­sen Bedeutung mei­nen die 14jährigen.

Zwischendurch bekom­men sie auf ihren Schulwegen immer wie­der von Pierre Anthon des­sen Thesen zu hören: “Man geht in die Schule, um eine Arbeit zu bekom­men, und man arbei­tet, damit man frei­ha­ben kann. Warum nicht gleich von Anfang an frei­ha­ben?”, rief er und spuckte einen Pflaumenkern nach uns. (S.44)

Langsam, aber unauf­halt­sam beginnt nun das Geschehen zu eska­lie­ren. Die Forderungen an die Mitschüler wer­den immer absur­der, gro­tes­ker und immer grau­sa­mer, men­schen­ver­ach­ten­der: Da wird der Sarg mit der Leiche eines jung ver­stor­be­nen Bruders aus­ge­gra­ben und ein Hund soll getö­tet wer­den, der fromme Christ muß eine Christus-Statue aus der Kirche ent­wen­den muß. Alles lan­det auf dem “Berg von Bedeutung”, doch das ist immer noch nicht genug… So muß Sofie ihre Unschuld opfern und als letz­tem aus der Klasse wird dem Gitarristen Johan der Zeigefinger abge­hackt.

Doch die­ser petzt sei­nen ent­setz­ten Eltern das gesche­hen. Die Polizei sichert das Sägewerk, ein media­les Nachspiel beginnt. Dieses jedoch sen­sa­ti­ons­lüs­tern, das Treiben der Kinder wird gna­den­los ver­mark­tet… In der Schule bekom­men die Schüler ihre Standpauke, doch Sofie (!) erwi­dert ihrem Klassenlehrer nur: “Die Bedeutung.” Sie nickte wie zu sich selbst. “Sie haben uns ja nichts dar­über beige­bracht. Also haben wir sie jetzt selbst gefun­den.” (S.101)

Das inter­na­tio­nale Medienspektakel erscheint allen in der Kleinstadt von Bedeutung, nur Pierre Anthon läßt sich nicht beein­dru­cken. Er ver­lacht seine ehe­ma­li­gen Mitschüler, die sol­che Opfer brin­gen, um Bedeutung zu fin­den. Doch schließ­lich läßt er sich zu einem Besuch im Sägewerk ver­lei­ten… Und hier geschieht das Unfaßbare: Gemeinsam erschla­gen die bis­he­ri­gen Klassenkameraden Pierre Anthon. Und… Das Leben geht den­noch wei­ter…

Ja, wel­chen Sinn hat das Leben für junge Menschen, wenn ihnen die Gesellschaft, die Schule keine wirk­li­che und men­schen­wür­dige Perspektive mehr bie­ten kann? Was für Menschen wer­den so her­an­ge­zo­gen? Wirklich nur noch Egoisten, Opportunisten und Karrieristen, nur noch Zyniker? Menschen, die sich nur noch gegen­sei­tig has­sen und ver­let­zen müs­sen? Damit es nicht so kom­men möge, möge die­ses Buch auch in Deutschland eine weite Verbreitung fin­den. Die Lektüre ist zwar auch für den erwach­se­nen Leser beklem­mend, sie läßt nicht kalt, sie regt zu Nachdenklichkeit an. Jeder von uns ist gefor­dert, der nach­fol­gen­den Generation Vorbild zu sein, ihr huma­nis­ti­sche Werte zu ver­mit­teln. Und hier ist nicht zuletzt auch der Staat gefor­dert, poli­ti­sche Rahmenbedingungen für eine mensch­li­che Gesellschaft zu set­zen.

Janne Teller wurde 1964 in Kopenhagen gebo­ren und ist seit 1995 haupt­be­ruf­lich Schriftstellerin. Die Originalausgabe von “Nichts” erschien im Jahre 2000 und wurde 2001 mit dem Kinderbuchpreis des däni­schen Kulturministerims aus­ge­zeich­net. Das Buch löste bei sei­nem Erscheinen kon­tro­verse Diskussionen aus und war zeit­weise sogar wegen Blasphemie ver­bo­ten. Heute zählt es in Dänemark zur bevor­zug­ten Schullektüre.

Janne Teller: NICHTS Was im Leben wich­tig ist. Roman. Aus dem Dänischen von Sigrid Engeler. München 2010 (Carl Hanser). 144 S. 12,90 €, ISBN 978-3-446-23596-0

[Erstveröffentlichung: Freigeist Weimar]

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

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