jafarverhaftung offener Brief von Jafar PanahiDieser offene Brief von Jafar Pahini wurde von Isabella Rossellini bei der Eröffnung der Berlinale ver­le­sen:

“In der Welt eines Filmemachers flie­ßen Traum und Realität inein­an­der. Der Filmemacher nutzt die Wirklichkeit als Inspirationsquelle, er zeich­net sie in den Farben sei­ner Vorstellungskraft. Damit schafft er einen Film, der seine Hoffnungen und Träume in die sicht­bare Welt trägt.

Die Wirklichkeit ist, dass mir ohne Prozess seit fünf Jahren das Filmemachen unter­sagt wird. Jetzt wurde ich offi­zi­ell ver­ur­teilt und darf auch in den nächs­ten 20 Jahren keine Filme rea­li­sie­ren. Trotzdem werde ich in mei­ner Vorstellung wei­ter­hin meine Träume in Filme über­set­zen. Als sozi­al­kri­ti­scher Filmemacher muss ich mich damit abfin­den, die all­täg­li­chen Probleme und Sorgen mei­nes Volkes nicht mehr zei­gen zu kön­nen. Aber ich werde nicht auf­hö­ren, davon zu träu­men, dass es in 20 Jahren kei­nes die­ser Probleme mehr geben wird und ich dann, wenn ich wie­der die Möglichkeit dazu habe, Filme über den Frieden und den Wohlstand in mei­nem Land machen werde.

Die Wirklichkeit ist, dass mir für 20 Jahre das Denken und Schreiben unter­sagt wurde. Aber sie kön­nen mich nicht davon abhal­ten zu träu­men, dass in 20 Jahren die Verfolgung und die Einschüchterung durch Freiheit und freies Denken ersetzt sein wird.
Mir wurde für 20 Jahre der Blick auf die Welt ent­zo­gen. Aber ich hoffe, nach mei­ner Freilassung eine Welt ohne geo­gra­fi­sche, eth­ni­sche und ideo­lo­gi­sche Grenzen zu berei­sen.
Eine Welt, in der die Menschen unge­ach­tet ihres Glaubens und ihrer Über­zeu­gun­gen in Frieden mit­ein­an­der leben.
Ich wurde zu 20 Jahren Stillschweigen ver­dammt. Aber in mei­nen Träumen schreie ich nach einer Zeit, in der wir uns gegen­sei­tig tole­rie­ren und unsere jewei­li­gen Meinungen respek­tie­ren, in der wir für­ein­an­der leben kön­nen.

Letztendlich bedeu­tet die Wirklichkeit mei­ner Verurteilung, dass ich sechs Jahre im Gefängnis ver­brin­gen muss. In den nächs­ten sechs Jahren werde ich in der Hoffnung leben, dass meine Träume Realität wer­den. Ich wün­sche mir, dass meine Regiegefährten in jedem Winkel der Welt in die­ser Zeit so groß­ar­tige Filme schaf­fen, dass ich, wenn ich das Gefängnis ver­lasse, begeis­tert sein werde in jener Welt wei­ter­zu­le­ben, die sie in ihren Werken erträumt haben.

Ab jetzt und für die nächs­ten 20 Jahre werde ich zum Schweigen gezwun­gen. Ich werde gezwun­gen, nicht sehen zu kön­nen, ich werde gezwun­gen, nicht den­ken zu kön­nen. Ich werde gezwun­gen, keine Filme machen zu kön­nen.

Ich stelle mich der Wirklichkeit der Gefangenschaft und der Häscher. Ich werde nach den Manifestationen mei­ner Träume in Euren Filmen Ausschau hal­ten: In der Hoffnung, dort das zu fin­den, was mir genom­men wurde.”

[gefun­den bei "die Unschuld in Person"]

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Über den Autor

Nic

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2 Responses to offener Brief von Jafar Panahi

  1. Jafar Panahi – Berlinale Opening 2011…

    Hier ein Mitschnitt (Trailer), in dem auch der Brief von Jafar Panahi bei der Berlinale-Eröffnung ver­le­sen wird: Nic ShareTweet……

  2. ebbe sagt:

    merci für die ver­lin­kung…
    inter­es­san­tes blog hast du da!