fundamentalismus f einsteiger Simon Schneeberger   Fundamentalismus für EinsteigerDarf man über die­ses angst­be­setzte Thema ein wit­zi­ges, amü­san­ten (und trotz­dem lehr­rei­ches) Buch schrei­ben? Ja. Man darf.
Ich halte es da mit Tucholsky, der emp­fahl, die Faschisten zu küs­sen, wo immer man sie trifft. Schneeberger nun küsst Fundamentalisten.

“Der Fundamentalismus besticht durch seine Effizienz. Ein Blick in eine „Heilige Schrift“ genügt, um auf so gut wie alle Fragen eine Antwort zu erhal­ten.” – so der Autor in einem hpd-Interview1. Und wahr­lich! Es ist so ein­fach, auf alle Fragen des Lebens eine ein­fach gestrickte Antwort zu bekom­men.
Wenn die Antwort nun aber nichts zur Klärung einer gestell­ten Frage bei­trägt? Dann ist die Frage falsch. Die Welt falsch. Kausalitäten falsch. So ein­fach ist das. Für einen Fundamentalisten.

“…ich denke tat­säch­lich, dass es sich loh­nen würde, die reli­giöse Intoleranz mehr unter dem Aspekt ihrer Attraktivität zu erfor­schen, als sie bloß als Nebenprodukt dog­ma­ti­schen Denkens zur Kenntnis zu neh­men. Sie bie­tet ja nicht nur Orientierung. Sie trägt zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls bei, lässt ein Gefühl mora­li­scher Über­le­gen­heit ent­ste­hen und ver­ein­facht die Verarbeitung von Angst und Aggressionen. Insofern ist Intoleranz wirk­lich ein Segen. Der Gläubige fühlt sich zudem durch seine Über­zeu­gun­gen auch zur Intoleranz legi­ti­miert, denn wenn er tole­rant wäre und z.B. andere Religionen als gleich­wer­tige Alternativen aner­ken­nen würde, wäre das Verrat an sei­nem Glauben und letzt­lich an Gott.”2 sagt Schneeberger.
Warum bestä­tigt mich das, wenn ich an die­sen geis­ti­gen Fehlschluss denke, den ich ges­tern ent­deckte?

Um nun in den Genuss die­ses ein­fa­chen Weltbildes zu kom­men, emp­fiehlt Schneeberger die Konvertierung in den Fundamentalismus. Und weil er das Buch auf Deutsch ver­fasste, emp­fiehlt er auch, sich einer christlich-fundamentalistischen (evan­ge­li­ka­len) Sekte anzu­schlie­ßen. Der Weg zum isla­mis­ti­schen Gruppierungen wäre wohl viel zu anstren­gend.
Bedingungen für den Über­tritt in ein ein­fa­ches Leben: sim­pler Geist, Humorlosigkeit und Denkfaulheit.

Auch wenn das alles sehr wit­zig klingt – das Buch ist das auch – es ist bit­te­rer Ernst. Denn es geht eine Gefahr von den Fundamentalisten aus, der sich viele von uns nicht bewusst sind. Fiona Lorenz schreibt in Ihrer Rezension3:

Frappierend ist die Veränderung des gesell­schaft­li­chen Klimas gegen­über Fundamentalisten, die vor eini­gen Jahrzehnten noch als ver­blen­dete Eiferer gegol­ten hät­ten, heute beschö­ni­gend „bibel­treu“ genannt wer­den. Fundamentalisten wer­den mit der Bezeichnung „kon­ser­va­tiv“ und “wer­te­treu” ver­klärt.

und trifft damit genau den Nagel auf den Kopf. Was wir oft als Irrsinnsideen eini­ger Weniger sehen, ver­brei­tet sich via Medien und Politik (erin­nert sei an unse­ren Herrn Wulff!) im täg­li­chen Leben. Schneeberger öffnet mit sei­nem Buch die Augen.

Also: Buch lesen! Einen Vortrag von Felix Thiessen hören. Aufmerksam blei­ben!

Nic


Simon Schneeberger: Fundamentalismus für Einsteiger. Alibri, 2010. 197 Seiten, kar­to­niert, Euro 14.- Das Buch im den­kla­den

Über den Autor

Nic

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