Vernunft ist erfrischend!

Maryam Namazie
Warum Kulturrelativismus Grundrechte von Bürgerinnen ignoriert, IslamkritikerInnen über Rechtspopulisten aufgeklärt werden müssen und was hinter dem Begriff Ex-Muslime steckt
Ein Interview mit Maryam Namazie1 : Humanistin, Menschenrechtsaktivistin, Sprecherin der Ex-Muslime in England.
Warum finden Sie es notwendig zu betonen, dass jemand „Ex-Muslim(a)“ ist? Das Council of Ex-Muslims2 in England ist mittlerweile eine bekannte Institution und ist vernetzt mit ähnlichen Gruppierungen weltweit.
Maryam Namazie: Ich habe, offen gesagt, selbst Probleme mit dem Begriff Ex-Muslime.
Ich lehne jede Form von „Identität“, die sich konstruiert aus Ethnizität, Geschlecht oder Religion ab. Die menschliche Identität ist die wichtige, sie trennt uns nicht voneinander sondern verbindet uns. Es soll hier also keine neue Identität zu all den anderen Millionen bereits existierenden Identitäten geschaffen werden. Erst recht keine, die aus Ablehnung einer anderen besteht. Jedoch ist es tatsächlich genau in diesem Fall wichtig, ein politisches Statement abzugeben.
In Ländern wie Iran kann das „Bekenntnis zum Atheismus“, der Austritt aus der muslimischen Gemeinde eine Verurteilung zum Tode zur Folge haben, da sie als Apostasie betrachtet wird. Selbst in Europa werden teilweise Menschen bedroht, die aus religiösen Gruppen austreten wollen. Also bedeutet es eine Form des Widerstandes, offen zu verkünden: ich bin nicht (mehr) gläubig. Es ist vergleichbar mit der Notwendigkeit für homosexuelle Menschen, laut und vernehmlich zu verkünden, dass sie homosexuell sind und ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wahrnehmen. Sowohl Religionszugehörigkeit als auch sexuelle Orientierung sind Privatangelegenheiten- es sei denn, es ist wichtig ein Statement diesbezüglich abzugeben um auf Ungerechtigkeit oder Diskriminierung hinzuweisen, bzw. diese zu verhindern. Deshalb ist das „Label“ Ex-Muslim derzeit noch wichtig.
Der Kampf um die Einhaltung der Menschenrechte hat heute so viel Relevanz wie vor 20 Jahren, wenn nicht noch mehr. Wo sehen Sie Gefahren und wo sehen Sie Hoffnung, sowohl in Europa als auch global?
Maryam Namazie: Der Kampf um die Menschenrechte, die Bürgerrechte3 ist tatsächlich eine globale Angelegenheit. Speziell im Hinblick auf die islamische Bewegung aber auch auf andere Gruppen.
Leider sind es nicht nur rechte Gruppierungen und rechtspopulistische Organisationen sondern auch zum Teil linke Gruppen, die so tun, als wären die hart erkämpften Rechte etwas, das nur für einige Menschen Geltung hat, etwas, das einem Kulturrelativismus geopfert werden dürfe.
Aber Menschen in Nahost oder Nordafrika haben den gleichen universalen Anspruch auf die Einhaltung der Menschenrechte wie Menschen in Europa.
Was zum Beispiel die Widerstandsbewegung in Iran deutlich aufzeigt in ihrem Kampf um Freiheit und Gleichberechtigung ist der Anspruch den alle Menschen haben. Sie wollen als BürgerInnen des 21.Jahrhunderts leben und sie sind bereit, dafür zu kämpfen.
Es ist also eine ungeheuerliche Anschuldigung, zu behaupten, die Menschen wollen Islamismus. Als ob Sakineh Mohammadie Ashtiani gesteinigt werden wolle. Wenn das der Fall wäre, warum würde sie dann um ihr Leben kämpfen, warum würde ihr Sohn, ein Lastwagenfahrer, der nie aus Iran rausgekommen ist, offene Briefe schreiben? Ich denke, alleine dieses Beispiel zeigt bereits, wie vernetzt unser aller Bedürfnisse sind und wie wichtig Solidarität ist. Wenn das derzeitige Regime in Iran einem anderen weichen wird, wird das große Folgen haben, auf globaler Ebene. Es ist eine Chance für Säkularismus und Gleichberechtigung und würde der eigentlichen Revolution, die damals, 1979, brutal unterdrückt wurde, endlich den Raum geben, den sie damals verlor.
Das Gespräch führte S.N. (Übersetzt aus dem Englischen)
Maryam Namazie kämpft an vielen Fronten. Richtungsweisend ist ihr Seminar am 26.1.2011 in London: „Feinde, nicht Verbündete“4 , in dem sie über die Gefahren der rechtspopulistischen Meinungsmache aufklärt, ohne sich dabei mit jenen zu verbünden, die von diesen kriminalisiert werden.
7 Responses to Vernunft ist erfrischend!

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Deshalb ist das „Label“ Ex-Muslim derzeit noch wichtig. Betonung auf “derzeit”. Welcher Kulturrelativismus gerade auf der Linken Seite verbreitet ist, zeigt z.B. die bekopftuchte Luc Jochimsen bei ihrem Iranbesuch deutlich.
Mit diesem Pseudoantiimperialismus haben sich die Westlinken jahrzehntelang um die 0,1% der Stimmen gesichert. Ich befürchte sehr, dass der Weg der LINKE wieder dorthin führt, wenn Leute wie die o.a. Personen die Deutungshoheit über linke Politik bekommen.
Haben Sie das Interview von Gremliza mit Frau Jochimsen u.a. zu ihrem Iranbesuch gelesen?
“Frage: Und wenn die ein Gesetz beschließen, daß Sie eine Burka tragen, dann ziehen Sie auch eine Burka an?
Antwort: Darüber muß man nachdenken.
Frage:
Mit einem Ayatollah darüber zu diskutieren, ob eine Frau gesteinigt werden darf, ist sinnlos. Der will nichts erreichen, der will sie tot haben! Und zwar auf möglichst grausame Weise. Dem kann man nichts beibringen.
Antwort:
Die Iraner sehen das als Teil ihrer Kultur. Es gibt den Satz, daß Unterschiede in der Kultur kein Disease sind, keine Krankheit, kein Fehler, sondern sie müssen als Unterschiede akzeptiert werden. ”
http://lukrezia-jochimsen.de/start/01-2011/in-der-neuen-konkret-interview-mit-der-beinahe-bundesprasidentin-luc-jochimsen/
Ich habe hier das Reisetagebuch von Frau Jochimsen veröffentlicht: http://nicsbloghaus.org/tag/lukrezia-jochimsen/
und auch einen sehr kritschen Gegenkommentar: http://nicsbloghaus.org/2010/11/09/vom-kritischen-zum-kriecherischen-dialog/
Dass das Label “Ex Muslim” noch wichtig ist, betont Frau Namazie sehr nachdrücklich.
Danke, kannte ich noch nicht. Mir gefällt eine Selbstdefinition über ein Ausschlusskriterium nämlich auch nicht, ich sehe aber auch die temporäre Notwendigkeit, dass weiter zu verwenden.
Gremliza at ist best führt Frau Jochimsen im Interview ganz schön vor
)
Erschreckend finde ich auch ihr Verständnis für Folter “für einen guten Zweck” (Fall Gäfgen)
Dem Kulturrelativismus haben sich aber auch alle anderen “schuldig gemacht”, die die Reise mitgemacht haben. So könnte man urteilen.
Es bleibt immer ein Abwägen zwischen dem, was man will und dem was man tatsächlich erreichen kann. Ich maße mir da kein Urteil an. Persische Freunde meinen, dass der Kontakt da sein muss. Auch als Hoffnung für die Unterdrückten im Lande.
Allerdings – das ist meine Einschränkung – sollten diese Kontakte nicht auf Regierungsebene sein. Sondern von Mensch zu Mensch.
Das korrespondiert mit meiner Meinung (und der einiger Iraner), dass nicht Wirtschaftssaktionen das Mittel zum Zwecke sind, sondern politische Sanktionen. Die Botschafter und Attachés gehören ausgewiesen; MA darf kein Rederecht vor der UN bekommen und und und…
Allerdings hat unsere eigene Wirtschaft zu viel zu verlieren dabei… und unsere Regierung ist mit der Wirtschaft gleichzusetzen. Also: es wird sich nichts ändern
Vernunft ist erfrischend!…
Warum Kulturrelativismus Grundrechte von Bürgerinnen ignoriert, IslamkritikerInnen über Rechtspopulisten aufgeklärt werden müssen und was hinter dem Begriff Ex-Muslime steckt Ein Interview mit Maryam Namazie : Humanistin, Menschenrechtsaktivistin, Spre…
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[...] Denkweise von Frau Namazie ist mir sehr nahe (siehe das Interview im Bloghaus) – und ich würde gern den ganzen Artikel übernehmen… Aber ich beschränke mich auf [...]