Mittwoch , 22 Mai 2013
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Iran im Umbruch

In der Schriftenreihe der „Soziologischen Diskurse“ der Universität Hannover legt Dawud Gholamasad hier eine sozio­lo­gi­sche Studie vor, die sich mit der Situation des Iran seit der soge­nann­ten „isla­mi­schen Revolution“ befasst. Das Buch ist nicht leicht zu lesen und doch ein Gewinn.

Ich habe dem Begriff „isla­mi­sche Revolution“ bewusst das Wort „soge­nannt“ vor­an­ge­stellt. Denn nach mei­ner Sicht ist eine Revolution immer etwas Vorwärtsgerichtetes. Die „isla­mi­sche Revolution“ des Ajatollah Chomeini war dies jedoch in kei­nem Falle.
In genau die­sem Sinne argu­men­tiert der Autor auch. Er gab der vor­lie­gen­den Arbeit den Untertitel „Von der Liebe zum Toten zur Liebe zum Leben“. Gholamasad beschreibt die Lebensauffassung, die im kle­ri­ka­len System in Iran vor­herrscht, als lebens­feind­lich, pes­si­mis­tisch geprägt und den Tod ver­herr­li­chend. Dem gegen­über steht das, was vor­ran­gig die Jugend des Landes im letz­ten Jahr auf die Straße brachte: ein lau­tes „Ja“ zum Leben.

Diesem Wandel von einer erstarr­ten, toten (nekro­phi­len) Gesellschaft in eine quick­le­ben­dige (bio­phile) spürt Gholamasad in sei­nem Buch nach. Ganz im Sinne Erich Fromms zeigt er auf, wel­che tat­säch­lich revo­lu­tio­näre Phase im Jahr 1979 dazu führte, dass das Regime des Schahs abge­löst wurde und durch ein ande­res, sich schnell als ebenso unter­drü­ck­eri­sches erwei­sen­des, ersetzt wurde.
Ich meine, dass die­ser extreme Wandel der ver­lo­re­nen Hoffnungen und des kurz dar­auf begin­nen­den Krieges mit dem Irak die Bevölkerung regel­recht in eine Schockstarre ver­setze, von der sie sich jetzt erst lang­sam erholt. Und nun dage­gen auf­be­gehrt.

Dawud Gholamasad gelingt – mei­ner Meinung nach – auf der sozio­lo­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Ebene das Denken und Fühlen einer gan­zen Generation nach­voll­zieh­bar zu machen. Unter der Maßgabe, dass der Iran die welt­weit jüngste Bevölkerung hat – das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren – und zudem eine gut aus­ge­bil­dete, erklärt sich, dass diese junge Gesellschaft gegen die alten Maßgaben und Machthaber revol­tie­ren muss. Es ist unmög­lich – und es wird immer unmög­li­cher – dass einige wenige, der Macht und der Religion Verhafteten, über das intime Leben der gro­ßen Mehrheit der Bevölkerung bestim­men.
Im Vergleich mit den sehr aktu­el­len Ereignissen in Tunesien zeigt sich, dass Wandel und Wechsel manch­mal sehr schnell gehen kön­nen. Dieser gesell­schaft­li­che Wandel ist in Iran so (noch) nicht erfolgt. Die Bewegung nach den Wahlen zeigt aber, dass das Potential dafür vor­han­den ist.

Der Autor ver­sucht, eine his­to­ri­sche Erklärung dafür zu fin­den, wes­halb die „grüne Bewegung“ noch nicht errei­chen konnte, wofür sie steht. „Deswegen strebt die … ‚grüne Bewegung‘ mit der Demokratisierung Irans und der Etablierung der Menschenrechte die ein­zige innen- und außen­po­li­ti­sche Lösung des Problems an, d.h. Die Über­win­dung der nekro­phi­len Tendenzen der ‚Islamischen Republik‘.“(Seite 90) Dabei bleibt er jedoch opti­mis­tisch, wenn er zum Beispiel dar­über schreibt, dass die öffent­li­chen Hinrichtungen als Zeichen der De-Zivilisierung der Macht zu wer­ten sind und das Entstehens der vie­len Menschenrechtsorganisationen in Iran als Gegenbewegung dazu. Er setzt das in grö­ßere Massstäbe, wenn er schreibt, dass die gewalt­lo­sen Protestaktionen der Bevölkerung gegen die Menschenrechtsverletzungen auch als Potential begrif­fen wer­den kann, „eine weit­ge­hende Humanisierung des Nahem und Mittleren Ostens aus­zu­lö­sen“ (Seite 77).

Das kleine Buch ist mei­ner Meinung nach eines der Wichtigsten, die zum Verständnis bei­tra­gen kön­nen, was in den letz­ten ein­ein­halb Jahren in Iran geschah. Auch wenn es nicht ein­fach zu lesen ist – es sei denn, man ist Soziologe – es ist ein gro­ßer Gewinn.

Nachsatz: Übli­cher­weise mar­kiere ich mir in Büchern immer die Stellen, auf die ich inner­halb der Rezensionen hin­wei­sen möchte. Das ist bei die­sem Buch so gut wie unmög­lich. Es sei denn, ich würde ein gutes Drittel des Buches als Zitat hier anbrin­gen.

Nic

Irans neuer Umbruch (Von der Liebe zum Toten zur Liebe zum Leben), ecce-Verlag 2010, ISBN 978-3-9813978-0-2, 9,90 Euro

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

6 Kommentare

  1. Ich würde gerne ein paar aus­führ­li­che Zitate aus die­sem offen­sicht­lich inter­es­san­ten Buch lesen. Ich weiß, das ist viel Tipp-Arbeit …

    • Mein Freund,
      das ist wirk­lich schwie­rig, weil ich – wie gesagt – ein gutes Drittel des Buches gemar­kert habe :-)

      ich muss mal schauen, viel­leicht kann ich Dir ein paar Seite scan­nen …
      Aber ich emp­fehle Dir, die 9,90 aus­zu­ge­ben und dem Autoren damit noch was Gutes zu tun :-)

    • Hallo Loewe,

      schau Dir mal die­sen Artikel vom Buchautor an:
      http://nicsbloghaus.org/2011/01/18/nekrophile-destruktivitaet-versus-liebe-zum-leben-im-iran/

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