Mittwoch , 22 Mai 2013
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Die Türkei entwickelt sich zu einem islamischen Staat

Auch für mich kommt das nicht uner­war­tet. Denn wenn ein Land jah­re­lang vom Westen igno­riert und hin­ge­hal­ten wird, wen­det es sich – zumal an der Schnittstelle zwi­schen Orient und Okzident gele­gen – für mich logisch nach­voll­zieh­bar – der ande­ren Seite zu.

Es scheint, als habe sich Ankara – viel­leicht noch nicht end­gül­tig, aber sicher­lich auf abseh­bare Zeit – vom Westen ent­täuscht abge­wen­det. Das stolze Land, das sich als Großmacht mit legi­ti­mem Führungsanspruch ver­steht, sucht jetzt sein mor­gen­län­di­sches Glück. Und das schließt eine enge Kooperation mit der poten­zi­el­len Atommacht Iran ein.
Eine beun­ru­hi­gende Vorstellung. An die­ser fata­len Entwicklung ist gerade die Europäische Union nicht schuld­los. Über Jahre hin­weg ließ man die Türkei bei der Frage einer Mitgliedschaft zap­peln. Ein Versprechen folgte auf das nächste, ohne dass es aus Ankaras Sicht einen ein­zi­gen Schritt vor­an­ging mit den Verhandlungen. Dass dies dem ohne­hin labi­len Verhältnis scha­den würde, lag auf der Hand. Trotzig sucht Erdogan nun nach neuen Wegen, um die von ihm her­bei­ge­sehnte Wertschätzung ein­schließ­lich einer Führungsrolle zu erhal­ten. (Quelle)

Muss oder bes­ser: sollte uns das ängs­ti­gen?

Ja, das sollte es. Ist doch die ker­ma­lis­ti­sche Türkei ein Beispiel (gewe­sen?) für einen lai­zis­ti­schen isla­mi­schen Staat. Unter Erdogan hat sich hier eine gegen­läu­fige Entwicklung mani­fes­tiert, auf die der Westen mit Staunen und Abwinken regierte.

Ich habe viel ein­zu­wen­den gegen jede Art von National-Gedusel. Ich mag auch das deut­sche nicht. Nationalstolz ist für mich etwas Unnatürliches. Als läge es im Ermessen und in der Entscheidung irgend eines Menschen, in wel­che Nation er hin­ein­ge­bo­ren wird. Das ist Zufall. Und auf die­sen Zufall soll ich stolz sein? Das erschließt sich mir nicht.

Was dort in der Türkei geschieht hat lei­der sehr viel mit genau die­sem Nationalstolz zu tun. Ich habe keine Ahnung, was die tür­ki­sche Nation dazu bringt, sich bes­ser als die im glei­chen Lande leben­den Kurden zu hal­ten. Oder die Armenier.

Der türkisch-arabische Antagonismus, der bis in osma­ni­sche Zeiten zurück­reicht, soll unter sei­ner Ägide ein Ende fin­den. Und was anstelle der Differenzen des 19. und 20. Jahrhunderts nach Erdogans Vorstellung in Zukunft tre­ten könnte, hat er jetzt Freund und Feind durch eine Rede in Kuwait wis­sen las­sen: eine mus­li­mi­sche Union, beste­hend aus der Türkei und den ara­bi­schen Staaten. Ein Bündnis, das Potenzial hätte, „die ganze Welt“ zu gestal­ten. [...] …des­halb ist es laut Erdogan längst über­fäl­lig, dass sich die ver­ei­nigte isla­mi­sche Welt scharf vom Christentum (ver­mut­lich auch vom Judentum) abgrenzt. „Türken und Araber haben diese Gegenden gemein­sam in der Zeit der Kreuzzüge ver­tei­digt“, sagte Erdogan laut einem von der tür­ki­schen Nachrichtenagentur Anadolu ver­brei­te­ten Text. Auch spä­ter habe man Seit an Seit gegen die „Invasoren“ gekämpft.

Wie viel von die­sen bescheu­er­ten Sprüchen mag der Tatsache geschul­det sein, dass “ein christ­li­ches Heer” von Bushs Gnaden die Gegend unsi­cher macht?

Nic

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

3 Kommentare

  1. Zitat:

    “Wie viel von die­sen bescheu­er­ten Sprüchen mag der Tatsache geschul­det sein, dass “ein christ­li­ches Heer” von Bushs Gnaden die Gegend unsi­cher macht?”

    Tatsache 1:

    Die Türkei ist mit 1.740 Soldaten am ISAF-Mandat in Afghanistan betei­ligt und hatte 2005 den Oberbefehl.

    Tatsache 2:

    “Die USA gehen nach Einschätzung der Türkei nicht kon­se­quent genug gegen die kur­di­schen Rebellen im Nordirak vor. Die Regierung in Ankara erwägt, selbst mili­tä­risch ein­zu­schrei­ten.” So 2007. Und genau das ist dann auch gesche­hen.

    Wenn Religion und Politik zusam­men­kom­men, ist das Ergebnis Radikalität, Inhumanismus und Antidemokratie. Siehe auch Gaza-Streifen, Saudi-Arabien, Iran etc.

    Links kann nur die voll­stän­dige Trennung von Staat und Religion sein, der Laizismus.

    Wobei auch der Staat nicht zur Ersatzreligion wer­den darf, schlech­tes Beispiel ist die Türkei. Dort wurde Nationalismus als Ersatzreligion erzeugt. Ergebnnis: Das glei­che nationalistisch-religiöse Hass-Gemisch wie in Israel.

    Lesenswert dabei: http://www.uri-avnery.de/news/115/17/Die-Ur-Suende

    Yoram Hazony
    Ist die Idee des Nationalstaats über­holt?
    http://www.online-merkur.de/seiten/lp201101aj.htm

    • Ich kann nicht genau erken­nen, ob das Wider- oder Zuspruch war :-)

      zu 1.
      Das beweist nicht das Gegenteil. Eher die Anbiederungsversuche Erdogans an die EU und die USA

      zu 2.
      ich habe doch die tür­ki­sche Politik gegen­über der kur­di­schen und arme­ni­schen) Bevölkerung ange­spro­chen.

      Links kann nur die voll­stän­dige Trennung von Staat und Religion sein, der Laizismus.

      Definiere mir Links. :-) das ist keine allei­nig linke Position. Ich halte es eher für eine libe­rale (libe­ral hat nichts mit der FDP zu tun; bitte nicht ver­wech­seln!)
      Es gibt – vor­ran­gig inner­halb der Sunna – sehr wohl Stimmen, die diese Trennung eben­falls wol­len.

      • Ich meinte damit, als Linker könne man nur für eine erst säku­lare, spä­ter lai­zis­ti­sche Gesellschaft ein­tre­ten. Du hast recht, es ist keine linke Position, ich würde sie auch nicht als libe­ral, son­dern als repu­bli­ka­nisch bezeich­nen.

        Den Gründervätern (siehe Thomas Jefferson) der Vereinigten Staaten war auch sehr daran gele­gen. Leider wurde die Verfassung dahin­ge­hend immer wei­ter auf­ge­weicht.
        Viele Menschen wis­sen nicht, dass reli­giöse Symbole in den öffent­li­chen Gebäuden der USA ver­bo­ten sind, es gibt auch kei­nen Religionsunterricht.

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