Ein gesellschaftliches Erdbeben   der Filmemacher Ali Samadi Ahadi im Gespräch

Der Regisseur und Drehbuchautor Ali Samadi Ahadi (Bild: picture alliance / dpa)

Deutschlandradio Kultur Filmemacher Ali Samadi Ahadi über die schwie­rige Situation von Künstlern im Iran
Ali Samadi Ahadi im Gespräch mit Joachim Scholl

Nach den Protesten gegen die Präsidentschaftswahl im Iran sit­zen nach Auskunft von Regisseur Ali Samadi Ahadi viele Künstler im Gefängnis oder leben wie er im Ausland. Sein Film “The Green Wave” über die Grüne Revolution kommt im Februar ins Kino.

Joachim Scholl: Sie rei­ßen nicht ab, die Meldungen aus dem Iran über Festnahmen und Verurteilungen von Journalisten, Anwälten und Künstlern. In die­ser Woche wurde die Anwältin Nasrin Sotude zu 11 Jahren Haft ver­ur­teilt, kurz vor Weihnachten der Filmemacher Jafar Panahi zu 6 Jahren und 20 Jahren Berufsverbot. Beide hat­ten sich um mehr Demokratie und Menschenrechte in ihrer Heimat ein­ge­setzt. Diese Hoffnung auf einen poli­ti­schen Wandel doku­men­tiert nun ein Film, den Ali Samadi Ahadi gedreht hat, “The Green Wave”. Der Titel spielt auf die soge­nannte Grüne Revolution an, auf die Proteste nach den Parlamentswahlen 2009. Ali Samadi Ahadi ist jetzt bei uns zu Gast. Willkommen, Herr Ahadi!

Ali Samadi Ahadi: Vielen Dank!

Scholl: Als Sie im Dezember für “The Green Wave” den Deutschen Menschenrechtspreis erhiel­ten, haben Sie aus Jafar Panahis Verteidigungsrede vor dem Teheraner Gericht zitiert. Was bedeu­tet diese Verurteilung für die Filmwelt, für die Filmkünstler im Iran?

Ahadi: Das ist, würde ich sagen, ein kla­res Signal an die Filmschaffenden, an die Künstler: Das, was wir mit Jafar Panahi machen kön­nen als renom­mier­tem, welt­be­kann­ten Regisseur, das kön­nen wir mit Leichtigkeit auch mit euch machen. Das ist ein kla­res Signal: Haltet euch von Menschenrechten fern, hal­tet euch von Dingen fern, die euch nichts ange­hen, und ihr wer­det wei­ter exis­tie­ren kön­nen. Aber ich glaube, dass es gerade der Anfang erst ist die­ser Auseinandersetzung.

Scholl: Es gab ja etli­che Festnahmen von Regisseuren – jetzt gibt es diese Verurteilung und diese auch über­aus harte Strafe. Ist das eine neue, absichts­voll bru­tale Dimension, wie jetzt die Staatsmacht vor­geht?

Ahadi: Also die Brutalität hört ja nicht mit har­ten Haftstrafen gegen Filmschaffende oder Rechtsanwälte auf, son­dern wir haben eine rie­sen­große Welle von Hinrichtungen seit den Präsidentschaftswahlen erlebt. Fast jeden Tag gibt es Nachrichten von Hinrichtungen, von Menschen, die aus irgend­wel­chen unter­schied­lichs­ten Gründen ver­haf­tet wor­den sind. Iran führt diese Hinrichtungsliste welt­weit, nach China, laut Reporter ohne Grenzen ist Iran das größte Gefängnis für Journalisten. Und all das zeigt, dass die Regierung der Meinung ist, dass durch harte Gegenmaßnahmen der Wunsch bei den Menschen nach Veränderung, nach Wechsel abeb­ben wird.

Scholl: Nun ist Jafar Panahi inzwi­schen eine wirk­lich pro­mi­nente Persönlichkeit, auch gerade durch den Prozess. Er war jetzt bei der Berlinale in die Jury ein­ge­la­den wor­den. Als das Urteil bekannt wurde, hat die Berlinale sofort ihre aus­drück­li­che Unterstützung zuge­sagt. Schon vor­her war die Solidarität groß für ihn. Bewirken sol­che Reaktionen eigent­lich etwas im Iran, oder pro­vo­zie­ren sie viel­leicht sogar gerade das Gegenteil?

Ahadi: Wir haben gar keine andere Wahl, als den Mund auf­zu­ma­chen, gegen Unrecht laut Nein zu rufen. Wenn wir uns als freie Menschen betrach­ten, wenn wir uns dem deut­schen Grundgesetz ver­pflich­tet füh­len, wenn wir uns der Menschlichkeit ver­pflich­tet füh­len, sind wir gezwun­gen, unse­ren Mund auf­zu­ma­chen und laut Nein zu rufen. Dementsprechend glaube ich, dass Herr Kosslick und seine Kollegen bei der Berlinale genau das Richtige gemacht haben, und ich glaube schon, dass es der ira­ni­schen Regierung nicht unwich­tig ist, wie die Rezeption deren Politik außen ankommt.

Wir kön­nen es erle­ben anhand von Sakineh Ashtiani, die zur Steinigung ver­ur­teilt wor­den war, und deren Steinigung nach vehe­men­ten Protesten welt­weit abge­setzt wer­den musste, weil man gemerkt hat: Man kann nicht so gegen sein eige­nes Volk vor­ge­hen. Ich glaube schon, dass es was bewirkt, und ich hoffe auch, dass es nicht nur im Iran was bewirkt, son­dern auch in unse­rer Politik, unse­rer Außenpolitik im Westen was bewirkt betref­fend Iran.

Scholl: Ali Samadi Ahadi, der ira­ni­sche Filmemacher ist bei uns zu Gast hier im Deutschlandradio Kultur. Sie haben Ihren Film nun, Herr Samadi, aus der Ferne gedreht, Sie sind nicht in den Iran gereist. War das nicht mög­lich, oder woll­ten Sie das gar nicht?

Ahadi: Nein, es war nicht mehr mög­lich nach den Wahlen im Iran ein­zu­rei­sen und wirk­lich offen Filme zu machen. Sie haben sicher­lich ver­folgt, dass aus­län­di­sche Kollegen aus dem Land ver­wie­sen wur­den, dass ira­ni­sche Kollegen in Scharen in die Gefängnisse gebracht wur­den, dort ver­haf­tet wur­den, unter­drückt wur­den, dass sie fal­sche Zeugnisse able­gen muss­ten. Jeder, der mit einer Kamera drau­ßen war, wurde ver­haf­tet, ver­schwand. Das Risiko, egal, für uns oder für andere, war viel zu groß, und dem­ent­spre­chend war es klar: Wir kön­nen es nur von außen beglei­ten, die­sen Prozess, und den Film von außen machen, und muss­ten eben dem­ent­spre­chend unsere Elemente suchen, mit denen wir die­sen Film umset­zen konn­ten.

Scholl: Die Grüne Revolution – die Massenproteste nach den Parlamentswahlen – wurde über das Internet zur Weltöffentlichkeit, das konnte die ira­ni­sche Führung nicht ver­hin­dern. Für Ihren Film haben tau­sende von Internet-Blog-Einträgen durch­stö­bert und dar­aus zwei fik­tive Studenten ent­wi­ckelt, die ihre Geschichte als Animation gewis­ser­ma­ßen erzäh­len. Was ist das für eine Geschichte, Herr Samadi?

Ahadi: Das Beginnt mit der Hoffnung oder mit dem Wunsch nach Veränderung, nach Wandel. Die Iraner haben in der ers­ten Legislaturperiode von Herrn Ahmadinedschad gemerkt, dass er nicht ihre Stimme ist, dass er denen scha­det. Arbeitslosigkeit, Inflation, man­gelnde Menschenrechte, man­gelnde Frauenrechte, Pressefreiheit, man­gelnde Perspektive für junge Menschen – das sind alles ele­men­tare Wünsche der Menschen gewe­sen, die unbe­ant­wor­tet blie­ben in den ers­ten vier Jahren. Und das war auch der Grund, warum man gesagt hat: Bei den letz­ten Wahlen sind wir nicht zu den Urnen gegan­gen, jetzt müs­sen wir zu den Urnen gehen, damit er nicht noch mal vier Jahre bekommt.

Und als diese Option für Wechsel, für Veränderung, den man ja wirk­lich gewünscht hat, ver­schwand wie aus dem Nichts, da gin­gen sie auf die Straße und sag­ten nicht mehr, wir wol­len den Wandel, son­dern frag­ten eine grund­ge­setz­kon­forme und men­schen­rechts­kon­forme Frage: Wo ist unser Stimmzettel geblie­ben? Und die Antworten waren Schüsse. Und ab dem Moment war es über­haupt kein Thema mehr, ob Ahmadinedschad gute Politik gemacht hatte oder nicht mehr, son­dern es war die Frage: Haben wir eigent­lich das Recht, in die­sem Land zu sein, haben wir das Recht, unse­ren Menschenrechten nach­zu­ge­hen, unse­ren zivi­len Rechten nach­zu­ge­hen oder nicht?

Scholl: Sie haben zahl­rei­che Unterstützer die­ser Grünen Revolution inter­viewt, Journalisten, die Blogger, poli­ti­sche Dissidenten, einige von ihnen waren im Gefängnis, alle leben im Ausland. Sehr nüch­tern erzäh­len sie in Ihrem Film von Ihren ja zum Teil extrem grau­sa­men Erlebnissen, die sie machen muss­ten, aber man spürt gleich­zei­tig, wie tief diese Emotionen gehen. Also an einer Stelle bricht so bei dem Blogger und Journalist Mehdi Mohseni also wirk­lich das ganze Grauen durch, er fängt an zu wei­nen. Wie trau­ma­ti­siert sind diese Menschen und was bedeu­tet es für sie, jetzt im Ausland zu leben?

Ahadi: Na ja, die sind natür­lich durch schwie­rige, schwie­rige Situationen durch­ge­gan­gen. Ich glaube, dass da für viele Menschen ein Weltbild kaputt­ge­gan­gen ist, die hät­ten es sich nie vor­stel­len kön­nen, dass ihre eige­nen Landsleute auf sie so Gewalt aus­üben kön­nen, und es ist ein gesell­schaft­li­ches Erdbeben, was sich da ereig­net hat. Und sicher­lich – kei­ner ver­lässt seine Heimat so gern, kei­ner geht in die Fremde, erst recht nicht, wenn man mit Sprache arbei­tet, wenn man Journalist ist, wenn man Autor ist, wenn man Filmschaffender ist. Das ist, als ob man einen Fisch aus sei­nen Gewässern raus­nimmt und woan­ders hin­bringt. Das tut man nicht gerne. Der Heimat fern zu sein und von den Liebenden, zu wis­sen, dass man die even­tu­ell bedroht damit, dass man das Land ver­lässt, damit, dass man sei­nen Mund auf­macht, das ist ein hoher Preis, den diese Menschen zah­len.

Scholl: Ihr Film endet sehr hoff­nungs­voll, mit einem mäch­ti­gen Statement des ehe­ma­li­gen UN-Anklägers Payam Akhavan. Er sagt dem Sinn nach, der Iran werde von einer gro­ßen demo­kra­ti­schen Flutwelle über­rollt, die den Iran und den Mittleren Osten ver­än­dern werde. Das ist sehr, sehr hoff­nungs­voll in Anbetracht der vie­len Horrormeldungen von Verhaftungen, Gefängnisstrafen und Todesurteilen von Regimegegnern, Sie haben es erwähnt, Herr Samadi. Ist das so ein gro­ßes Zeichen der Hoffnung, des guten Mutes für eine Veränderung?

Ahadi: Genauso wie die isla­mi­sche Republik, die im Iran die Region beein­flusst hat vehe­ment, wür­den ein Friedensprozess oder eine zivile Gesellschaft im Iran die Region beein­flus­sen. Und da setzt natür­lich die Aufgabe des Westens oder der Weltgemeinschaft ein. Inwiefern wol­len wir das unter­stüt­zen, inwie­fern wol­len wir das the­ma­ti­sie­ren in unse­ren Verhandlungen mit Iran? Das ist nicht unwich­tig, denn wenn ich denke, dass man mit Atomfragen oder mit regio­na­ler Stabilität mit Iran ver­han­delt, dann frage ich mich: Wo ist die Frage nach Menschenrechten? Wo ist die Frage nach zivi­ler Gesellschaft im Iran Thema, Teil die­ser Verhandlung? Nirgendwo, aber das sollte es, denn nur ernst­hafte demo­kra­ti­sche Systeme, nur ernst­hafte Systeme, die ihre eigene Bevölkerung ach­ten, deren Rechte ach­ten, deren Rechte wah­ren, kön­nen ernst­hafte Partner für Dialoge sein, wo wir von denen ver­lan­gen, dass die unsere Rechte wah­ren.

Und ganz ehr­lich, ich meine, Deutschland wäre in der Lage, bin­nen kür­zes­ter Zeit die Atombombe zu bauen, ich glaube, zwei Monate dau­ert das, tech­nisch gese­hen, und jede zweite Woche könn­ten wir eine neue Bombe bauen. Also es man­gelt nicht an tech­no­lo­gi­schem Know-how für Deutschland, die Bombe zu bauen, was uns daran hin­dert, ist die starke Zivilgesellschaft, was uns daran hin­dert, ist die Einbettung in die inter­na­tio­nale Gemeinschaft.

Und wenn das der Schlüssel sein sollte, warum soll das nicht im Iran der Schlüssel sein? Und wenn wir das erken­nen, wenn unsere Politiker das erken­nen, dann frage ich mich: Warum set­zen sie sich nicht dafür ein, dass das ein Teil unse­rer Regeln ist, wie wir mit der ira­ni­schen Gesellschaft, wie wir mit der ira­ni­schen Regierung in Dialog tre­ten?

Scholl: “The Green Wave”, der schon preis­ge­krönte Film von Ali Samadi Ahadi über die Grüne Revolution im Iran läuft in der nächs­ten Woche beim Sundance-Filmfestival, bei uns kommt er im Februar in die Kinos. Herr Ahadi, alles Gute für Sie und herz­li­chen Dank für Ihren Besuch!

Ahadi: Ich danke Ihnen auch herz­lichst!

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Nic

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