Dienstag , 21 Mai 2013
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Missbrauchsofer reden jetzt – und die Evangelikalen

Bildquelle: Sueddeutsche.de

Bildquelle: Sueddeutsche.de

Beim Humanistischen Pressedienst hat eine Serie begon­nen, in denen Missbrauchsopfer ihre Leidensgeschichte erzäh­len. Der erste Artikel, der ges­tern erschien, erzählt vom Schicksal einer Frau Roswitha Weber. Wer das lesen kann, ohne ohn­mäch­tig vor Wut zu wer­den, ist unfä­hig zu Empathie. (Der Text ist sehr lang, aber man sollte sich dazu durch­rin­gen, ihn in Gänze zu lesen.) Nicht umsonst steht vor Beginn des eigent­li­chen Textes: “Dieser Bericht ent­hält Inhalte, die bei trau­ma­ti­sier­ten Menschen Erinnerungen an eigene schmerz­hafte Erlebnisse wecken kön­nen. Bitte ach­ten Sie auf Ihre Belastbarkeitsgrenzen.”

Roswitha war ein leb­haf­tes Kind, wollte alles wis­sen und spielte gerne mit den ande­ren Heimkindern. Für die Schwester Marte auf der Krabbelstation war sie zu wild beim Spielen, sie nahm einen Strick und band Roswithas rech­tes Bein an einem Stuhlbein fest.

Nach eini­gen Stunden Stillsitzens, ver­gaß die Kleine, dass sie ange­bun­den war und lief mit dem gan­zen Stuhl durchs Zimmer. Die Nonne Marte war auf­ge­bracht, jetzt ging sie mit einem ande­rem abge­schnit­te­nen Stück Strick anders vor. Sie nahm jetzt beide Beine von Roswitha und band sie an einem Tischbein fest. Aufstehen konnte sie nun nicht mehr und es gab, weil sie weinte, noch zusätz­lich einige Ohrfeigen und Schläge auf den Hinterkopf.

Ich bin nicht in der Lage, zu zitie­ren, was über das Essen der Heimkinder berich­tet wird. Es ist so unge­heuer, es ist (im wahrs­ten Wortsinn) unglaub­lich. Ich habe beim Lesen Tränen in den Augen gehabt und eine ohn­mäch­tige Wut auf die “hei­li­gen” Schwestern emp­fun­den.

Mir ist bewusst, dass eine Verallgemeinerung nicht statt­haft ist. Allerdings auch, dass das Schicksal von Roswitha Weber kein Einzelfall ist. Dieses System hatte Methode.

***

In der Süddeutschen Zeitung von ges­tern erschien ein Interview mit dem Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Werth. (Die Evangelische Allianz ist ein Dachverband der evan­ge­li­ka­len Kirchen in Deutschland.) Im Interview wird ins­be­son­dere danach gefragt, wes­halb min­des­tens zwei Erziehungsratgeber der Allianz die Prügelstrafe für ange­mes­sen hal­ten.
In dem Gespräch ver­sucht Werth – wie immer, wenn kri­ti­sche Fragen laut wer­den – vor allem dar­auf zu ver­wei­sen, dass die evan­ge­li­sche Allianz der Zusammenschluss ver­schie­de­ner Gruppen und Grüppchen ist, die allein ent­schei­den, was sie für ange­mes­sen hal­ten.
Wie immer: kein Kreuz. Wie immer: andere sind gemeint. Wie immer: wir kön­nen nichts dage­gen tun. Also soll es so ein, wie es ist.
Was für eine unend­li­che Feigheit.

Es klingt auf­ge­klärt und dies­sei­tig, wenn sich Werth hier gegen die Prügelstrafe aus­spricht, gar die kri­ti­siert, die sich aus der Bibel “pas­sende Passagen” her­aus­neh­men, um sich selbst Moralvorstellungen zu defi­nie­ren. Wobie ich mich wirk­lich frage, ob der Mann die Bibel kennt:

sueddeutsche.de: Man kann Kinder auch anders unter Druck set­zen als mit kör­per­li­cher Gewalt. Zum Beispiel mit Drohungen, sie kämen in die Hölle, wenn sie bestimm­ten Einflüssen aus der Umwelt nach­ge­ben würde.

Werth: Wenn so etwas vor­kommt, dann dis­tan­ziere ich mich davon genauso deut­lich wie von der kör­per­li­chen Züchtigung. Da wird Kindern ja das Bild ver­mit­telt, Gott sei der große Oberpolizist. Aber Gott ist unser lie­ben­der Vater im Himmel.

Gott ist also der “lie­bende Vater im Himmel”. Hat Werth je von der Sintflut gehört? Als der “lie­bende Vater” alles Leben aus­löschte?

Die Hölle kommt bei Jesus sel­ten vor. Man muss das rich­tig ver­ste­hen. Die Hölle ist die Trennung von Gott. Der Gott der Bibel ist der lie­bende Gott, der alles ver­sucht, um seine Menschen zurück­zu­lo­cken. Auch mit Drohungen, klar – aber nicht um sie zu knech­ten, son­dern um sie frei zu machen

Diese Jesus-Fixierung zeigt, dass die Evangelikalen das Alte Testament gern ver­ges­sen machen wür­den. Und nur die “Liebe Jesu” als ver­kün­di­gungs­wür­dig sehen. Blöd nur, dass auch der – laut Bibel – nur zu denen lie­be­voll war, die ihm folg­ten. Der Rest der Menschheit ist nicht mensch­lich.

Und daher kommt die Haltung, dass man Kinder zu Menschen prü­geln müsse, dass deren Willen gebro­chen und sie geduckte Untertanen zu sein hät­ten. All das Klugsnaken eines Herrn Wirth ändert nichts daran.

sueddeutsche.de: Sie sagen, nicht alles, was im Alten Testament steht, taugt für unsere Gesellschaft. Aber Abraham zum Beispiel hat mit sei­nem abso­lu­ten Willen, sich Gott zu unter­wer­fen, für Gläubige heute noch Vorbildcharakter. Warum soll man einer­seits Abraham als Vorbild ernst neh­men – ande­rer­seits aber die Empfehlungen, den Nachwuchs mit der Rute zu züch­ti­gen, nicht? Abraham war immer­hin bereit, das eigene Kind zu töten.

Werth: Abraham hatte den Eindruck, Gott nimmt das, was er mir geschenkt hat, wie­der weg. Und das ist sein gutes Recht, denn er ist Gott. Kann man das auf das Prügeln über­tra­gen? Wenn irgend­was von mir ver­langt wird, was den Anweisungen des Neuen Testaments wider­spricht, dann kann das nicht von Gott sein. Luther hat eine herr­li­che Auslegungsmethode für die Bibel emp­foh­len. Es komme dar­auf an, “was Christum trei­bet”. Die Bibel muss immer im Sinne Jesu aus­ge­legt wer­den.

Ich über­setze das mal: “Nimm Dir aus der Bibel, was Dir passt und bas­tel Dir Deine Privatmoral.” – das ist im Übri­gen genau das, was er anfangs des Interviews als “nicht statt­haft” befand:

Wer ein­fach wild aus dem Alten Testament irgend­wel­che Bibelverse her­aus­greift und danach seine Ethik aus­rich­tet, der hat ein Problem. Man muss schon auf die Gesamtbotschaft der Bibel hören.

Immer so, wie es gerade passt. Innerhalb eines Interviews, inner­halb weni­ger Zeilen (und Minuten) wider­spricht sich Werth.

Ach so, ja, auf die Prügelstrafen wird in dem Interview dann nicht wei­ter ein­ge­gan­gen. “Passt scho” wird sich die Süddeutsche gedacht haben.

Nic

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

Ein Kommentar

  1. was brau­chen wir noch, um wach zu wer­den? was?

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