348 0 Glaube und GeldgierJunge Welt: »Violettbuch Kirchenfinanzen«: Wie der christ­li­che Klerus den Staat aus­nimmt

Die »Zehn Gebote« des Christentums haben Kultur und Ethik des Abendlandes nach­hal­tig geprägt. Sie gel­ten zwar als Konzentrat der gött­li­chen Offenbarung– aller­dings hal­ten sich die­je­ni­gen offen­bar am wenigs­ten daran, die sie am offen­sivs­ten pro­pa­gie­ren: die Würdenträger der evan­ge­li­schen und vor allem der katho­li­schen Kirche. Wie sehr Anspruch und Wirklichkeit in der kle­ri­ka­len Welt aus­ein­an­der­klaf­fen, läßt sich in einer Untersuchung nach­le­sen, die der Soziologe Carsten Frerk jetzt im Alibri-Verlag ver­öf­fent­licht hat: »Violettbuch Kirchenfinanzen – Wie der Staat die Kirchen finan­ziert.«

Der Begriff »Violettbuch« bedarf der Erklärung. Frerk wählte den Begriff, »da es weder ein Schwarzbuch noch ein Weißbuch ist, son­dern ein rea­lis­ti­sche­res Bild der Kirchen zeich­net. Der Zufall, daß Violett in der Kirche auch die lit­ur­gi­sche Farbe der Buße und des Fastens ist, kann dabei durch­aus als sinn­voll betrach­tet wer­den.«

Buße? Fasten? Diese Begriffe gel­ten eher für das gemeine Kirchenvolk, die »Schäflein« im Pferch, denen der »Pastor« (lat.: Schäfer) sagt, wo es lang­geht. Ob sich diese Worte aber auch auf die kirch­li­chen Institutionen und ihre Würdenträger anwen­den las­sen, ist ein ganz ande­res Ding – wer Frerks minu­tiöse Untersuchung gele­sen hat, kommt eher zu der Über­zeu­gung, daß der Klerus sein ural­tes Motto »Wasser pre­di­gen, Wein trin­ken« mitt­ler­weile bis zur Perfektion aus­ge­baut hat. Mit einem fein ver­äs­tel­ten Geflecht von Verträgen, Gesetzen, for­mel­len und infor­mel­len Abmachungen haben es die Kirchen über Jahrhunderte hin­weg geschafft, die säku­lare Gesellschaft für ihre eige­nen Zwecke ein­zu­span­nen und finan­zi­ell aus­zu­sau­gen.

Beispiel Sozialwesen. Diskutiert man mit einem getauf­ten, aber nicht mehr ganz glau­bens­fes­ten Katholiken über einen Kirchenaustritt, wird einem mit Sicherheit das Argument ent­ge­gen­ge­hal­ten: »Aber die Kirche tut doch so viel Gutes!« Tut sie das wirk­lich? Unbestritten ist, daß Caritas und Diakonie wich­tige soziale Aufgaben wahr­neh­men – das aller­dings machen sie mit öffent­li­chen Geldern. Nur zwei Prozent der jähr­li­chen Ausgaben bei­der Wohlfahrtskonzerne, so fand Frerk her­aus, kom­men aus Kirchengeldern – 98 Prozent bezah­len Staat, Bundesländer oder Kommunen. »Von den rund 45 Milliarden Euro Aufwendungen für die Arbeit von Caritas und Diakonie (im Jahre 2002) finan­zier­ten die Kirchen aus eige­nen Geldern rund 810 Millionen Euro, das sind knapp zwei Prozent. Legt man dann noch zugrunde, daß die Kirchensteuern nur die Hälfte der Kircheneinnahmen aus­ma­chen, dann sind es aus der Kirchensteuer noch nicht ein­mal ein Prozent.«

Beispiel Kirchensteuer: Die evan­ge­li­sche Kirche bezog 2008 4,6 Milliarden Euro, die katho­li­sche Konkurrenz 5,1 Milliarden Euro. Da sich die Kirchensteuer als Sonderausgabe von der Einkommenssteuer abset­zen läßt, ent­gin­gen Bund und Ländern in die­sem Jahr rund drei Milliarden Euro an Einnahmen. Die Finanzämter über­neh­men aber auch das Inkasso für die Kirchen, so daß diese noch ein­mal 1,7 Milliarden Euro spa­ren. In kei­nem ande­ren euro­päi­schen Land wer­den die Kirchen so vom Staat ver­wöhnt.

Selbst die Kosten des Religionsunterrichts haben die Kirchen nach Frerks Untersuchung weit­ge­hend auf die öffent­li­che Hand abge­wälzt. Für Religionslehrer gaben die Bundesländer 2009 rund 1,7 Milliarden Euro aus. Auch der aka­de­mi­sche Nachwuchs der Kirchen wird zu einem gro­ßen Teil mit staat­li­chen Mitteln aus­ge­bil­det – pro Jahr mit etwa einer hal­ben Milliarde Euro.

Es ist erschre­ckend, für wie viele Zwecke die Kirchen öffent­li­che Gelder auf ihre Konten umzu­len­ken wis­sen: Für die Instandhaltung von Gotteshäusern, für die Militärseelsorge, für die Bezahlung des Organisten, für theo­lo­gi­sche Bibliotheken, für Forschungsausgaben usw. Phantasie und die Geldgier der Prälaten, Bischöfe und Oberkirchenräte ken­nen keine Grenzen. Allerdings scheint die­sen Würdenträgern durch­aus bewußt zu sein, wie recht­fer­ti­gungs­be­dürf­tig ihr Tun ist: Haushaltspläne – auch das fand Frerk her­aus – wer­den zwar gerne ver­öf­fent­licht, sagen jedoch kaum etwas aus.

Wenn es ums Geld geht, grei­fen die Pfaffen zu rhe­to­ri­schen Winkelzügen, daß man durch­aus das achte der zehn Gebot in Erinnerung rufen kann: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden.« Und nur ein Satz ange­sichts des bevor­ste­hen­den Papst-Besuches dazu: Der mas­sen­hafte Kindesmißbrauch durch katho­li­sche Kleriker wider­spricht mit Sicherheit den »Zehn Geboten« – vor allem aber dem säku­la­ren Strafrecht.

Frerks Buch ist akri­bisch recher­chiert und nüch­tern geschrie­ben – wobei es sicher­lich nicht ein­fach war, ange­sichts der zahl­lo­sen Durchstechereien und Lügen, die sich die Kirchen über die Jahrhunderte hin­weg geleis­tet haben, die sach­li­che und wis­sen­schaft­li­che Distanz zu hal­ten. Ein Blick auf das Finanzgebaren der katho­li­schen Kirche ins­ge­samt hätte diese Untersuchung sicher gesprengt, aber auch ergänzt: Man würde z. B. gerne erfah­ren, in wel­chem Maße die Vatikanbank mit der Mafia und mit Geheimdiensten ver­ban­delt ist.

Hilfreich für die Argumentation wäre genauso eine tabel­la­ri­sche und über­sicht­li­che Zusammenstellung der staat­li­chen Dotationen an die Kirchen gewe­sen. Nichtsdestoweniger bie­tet Frerks Untersuchung auch für die Kommunalpolitik viele Anregungen, wo gespart wer­den kann – näm­lich bei den Subventionen für die Kirche.

Carsten Frerk: Violettbuch Kirchenfinanzen – Wie der Staat die Kirchen finan­ziert. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2010, 270 Seiten, 16 Euro

Carsten Frerk stellt sein Buch am mor­gi­gen Dienstag um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie(Torstraße 6 in Berlin-Mitte) vor. Moderation: Peter Wolter

Über den Autor

Nic

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

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