Montag , 20 Mai 2013
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Sharia ohne Gnade

jungle-world.com: von Fathiyeh Naghibzadeh

Bis vor fünf Jahren bezeich­nete man in Deutschland die Islamische Republik gerne als Ausdruck »ori­en­ta­li­scher Kultur«. Mit Ahmadinejads Amtsantritt wurde immer deut­li­cher, dass die­ses Regime sich nur durch blanke Gewalt an der Macht hal­ten kann. Der Aufstand der ira­ni­schen Freiheitsbewegung im Sommer ver­gan­ge­nen Jahres zer­störte den Nimbus der Islamischen Republik end­gül­tig. Die deut­sche Politik und Wirtschaft sowie einen Großteil der Think-Tanks und der Medien hat diese Entwicklung aber nur kurz irri­tiert. Ungezählt sind die Versuche etwa der Grünen, mit Vertretern des Mörderregimes wie dem ira­ni­schen Botschafter in der Bundes­republik, Ali Reza Sheikh Attar, ins Gespräch zu kom­men, oder die Treffen des ehe­ma­li­gen Bundeskanzlers Gerhard Schröder mit regime­treuen Leuten in Deutschland und im Iran. Erst im Oktober reiste eine Delegation des Unterausschusses für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik mit Peter Gauweiler (CSU), Claudia Roth (Die Grünen), Luc Jochimsen (Linkspartei) und ande­ren unter dem Motto des »kul­tu­rel­len Dialogs« zu einer ein­wö­chi­gen Propagandatour in den Iran. Ihnen folgte wenige Wochen spä­ter die FDP-Abgeordnete Elke Hoff, die im Iran gleich­zei­tig die Interessen des seit 1934 tra­di­ti­ons­reich wir­ken­den »Nah- und Mittelostvereins« ver­trat, des­sen Vorstandsmitglied sie ist.

Kazem Moussavi, Sprecher der Green Party of Iran, kom­men­tierte die­sen Regimetourismus tref­fend mit den Worten: »Diese Reisen ändern nichts an der kata­stro­pha­len Menschenrechts­lage der ira­ni­schen Bevölkerung und an der Situation von Sakineh Ashtiani, Shahla Jahed, Sajjad, Hutan, Nasrin Sotudeh und den wei­te­ren Rechtsanwälten und Oppositionellen, die im Gefängnis sit­zen. Im Gegenteil, sie nut­zen allein dem men­schen­ver­ach­ten­den Regime. Dieses kann der Welt zei­gen: Wir sind nicht iso­liert.«

Genau dies wollte auch die Konferenz »Iran Business Forum – Investitionsmöglichkeiten in den Nordwestlichen Provinzen Irans« bewei­sen, die am 22. November in Hamburg statt­fand. Das Regime ent­sandte zu dem deutsch-iranischen Wirtschaftstreffen aus­ge­rech­net den Gouverneur der Provinz Ost-Aserbaidschan, in der Ashtiani ver­ur­teilt wurde und die zwei deut­schen Journalisten Marcus Hellwig und Jens Koch de facto als Geiseln gehal­ten wer­den. Die Veranstaltung in Hamburg wäre ohne die Duldung oder Unterstützung der Bundesregierung nicht mög­lich gewe­sen. Das Signal ist klar: Anstatt auf die Terrorliste gesetzt zu wer­den, kön­nen Vertreter des ira­ni­schen Verbrecherregimes in Deutschland als Wirtschaftslobbyisten auf­tre­ten. Wie bestellt kam noch die Aussage des Generalstaatsanwalts von Ost-Aserbaidschan, dass eine Steinigung Ashtianis nach Abschluss aller Formalitäten wei­ter­hin mög­lich sei.

Der Fall Ashtiani ist zum glo­ba­len Politikum gewor­den. An ihm schei­den sich auch unter Iranern, die im Ausland leben, die Geister. Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hat mehr­mals die Thematisierung des ira­ni­schen Atomprogramms kri­ti­siert, da diese angeb­lich von den Menschenrechtsverletzungen im Iran ablenke. In der Sache Ashtiani behaup­tete sie nun, es han­dele sich um eine »auf­ge­bla­sene« Geschichte, die andere Menschenrechtsverletzungen ver­dunkle.

Mitte November sekun­dierte ihr der in Deutschland lebende Exiloppositionelle Mehran Barati. In einem Interview mit dem Radiosender »Voice of America« machte er Ashtianis Sohn und eine nicht nament­lich genannte Über­set­ze­rin – gemeint war Mina Ahadi – für die Verhaftung der deut­schen Journalisten ver­ant­wort­lich. Auch Mariam Lau griff Ahadi in der Zeit in einer Weise an, die in Deutschland in der Regel für die »Israelkritik« reser­viert ist, näm­lich indem man eigene Ressentiments im Namen ande­rer for­mu­liert. »Ein oft geäu­ßer­ter Verdacht« unter deutsch-iranischen Exiloppositionellen laute, schreibt Lau, Ahadi habe Ashtians Sohn »und die bei­den ahnungs­lo­sen Journalisten in die Falle der Mullahs tap­pen las­sen, um so ein Exempel zu sta­tu­ie­ren«.

Diese absur­den Anschuldigungen kön­nen als Warnung an viele Oppositionelle gese­hen wer­den, sich gefäl­ligst an die von Deutschland und Europa zuge­las­se­nen Regimekritiker zu hal­ten, wäh­rend jede unab­hän­gige oder gar radi­kale Kritik am isla­mi­schen Regimes in den Abgrund führe. So wird der Fall Ashtiani – der wie kein zwei­ter seit dem Tod von Neda Agha Soltan wäh­rend der Proteste im Sommer 2009 für welt­weite Empörung gesorgt hat – abqua­li­fi­ziert, da er sich nicht dafür eig­net, Träumereien von einer refor­mier­ten Islamischen Republik zu ver­brei­ten.

Doch genau sol­che Illusionen haben die Machthaber des ira­ni­schen Regime im ver­gan­ge­nen Jahr selbst kon­se­quent zer­stört, als sie die »Reformer« erfolg­reich bekämpf­ten. Und ob es Ebadi, Barati und andere Oppositionelle von Deutschlands Gnaden wol­len oder nicht, das Engagement von Mina Ahadi und ande­ren hat gezeigt: Nur wer ernst­haft und kom­pro­miss­los gegen die Barbarei des ira­ni­schen Regimes kämpft, hat eine Chance, Menschen in aller Welt zu gewin­nen und das Regime an sei­nen mör­de­ri­schen Absichten zu hin­dern. »Scharia oder Gnade?« – die­ser Alternative, mit der Laus Artikel über­schrie­ben ist, will sich die Mehrheit der Iraner nicht mehr unter­wer­fen.

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Über Nic Frank

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