[mit freund­li­cher Genehmigung des Autors]

von Francis Byrne

Sehr viele Menschen ken­nen den von Marx gepräg­ten Ausdruck der Religion als Opium des Volkes. Doch das kom­plette Zitat ist weit weni­ger Menschen bekannt. Darin wird deut­lich, dass Marx‘ Haltung zu Religion erheb­lich viel­schich­ti­ger war:„Das reli­giöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirk­li­chen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirk­li­che Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedräng­ten Kreatur, das Gemüt einer herz­lo­sen Welt, wie sie der Geist geist­lo­ser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.” (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

Wissenschaft und Religion

Die mate­ria­lis­ti­sche Philosophie geht davon aus, dass alles – auch die mensch­li­chen Gedanken und Ideen – mit mate­ri­el­len Ursachen zu erklä­ren sind. Die Wissenschaften haben es ermög­licht, dass wir nicht mehr auf Gott oder andere reli­giöse Erklärungen zurück­grei­fen müs­sen, um Phänomene der Natur zu erklä­ren.
Es ist aber wich­tig zu erken­nen, dass die reli­giö­sen Gefühle der Menschen authen­ti­sche Gefühle aus­drü­cken. In einer Welt, die von Unsicherheit, Plackerei und Gewalt geprägt ist, sind diese Gefühle „Seufzer“ und „Geist“ für die ver­un­si­cher­ten Individuen.
Klassenkampf und Religion

Religion kann sich sehr unter­schied­lich aus­drü­cken. Sie kann einer­seits von Regierungen zur Unterdrückung der Massen genutzt wer­den. Andererseits kön­nen sich unter reli­giö­sen Parolen auch ganz hand­feste mate­ria­lis­ti­sche und klas­sen­kämp­fe­ri­sche Aspekte arti­ku­lie­ren. Thomas Müntzer, der deut­sche Revolutionär der Bauernkriege im 16. Jahrhundert oder Martin Luther King, einer der Führer der schwar­zen Bürgerrechtsbewegung in den USA der 1960er Jahre ste­hen für kämp­fe­ri­sche, eman­zi­pa­to­ri­sche Bewegungen unter reli­giö­ser Führung.
Aus die­sem Grunde war Marx war nicht ein­fach anti­re­li­giös. Er erkannte, dass Religion oder reli­giöse Gefühle nicht ein­fach per Dekret abge­schafft wer­den kön­nen. Tatsächlich zei­gen die Erfahrungen der Geschichte, dass Menschen sich sehr stark und sehr schnell ver­än­dern kön­nen, wenn sie gemein­sam für höhere Löhne im Betrieb oder andere Verbesserungen kämp­fen. Je stär­ker sie Herrscher ihres eige­nen Handelns und ihrer eige­nen Entscheidungen sind, desto weni­ger not­wen­dig sind reli­giöse Erklärungen für sie.
Religion ist Privatsache

Sozialisten gegen Religion

Sozialisten sind – ganz in der Tradition der Aufklärung – für eine Trennung von Staat und Religion. Die Religion ist ganz ein­fach Privatsache und reli­giöse Erklärungen soll­ten nicht durch staat­li­che Institutionen ver­stärkt oder gar erzeugt wer­den.
Aus die­sem Grund sind Sozialisten gegen Religionsunterricht an den Schulen und für eine Art Ethikunterricht, in wel­chem ver­schie­dene Weltanschauungen – aber auch die ver­schie­de­nen Religionen – erklärt und dis­ku­tiert wer­den.
Gleichbehandlung der Religionen ist wich­tig
Jedoch ist die Trennung von Staat und Kirche längst nicht durch­ge­setzt. Bis dahin ist es ganz wich­tig, nicht zuzu­las­sen, dass eine Religion gegen die andere aus­ge­spielt wird.

Benachteiligung des Islam

Der Islam und die Muslime in Deutschland wer­den zuneh­mend ange­grif­fen und aus­ge­grenzt. Mit geschür­tem Islamhass sol­len die Kriege des Westens gegen mus­li­mi­sche Länder ideo­lo­gisch gerecht­fer­tigt wer­den. Zudem wer­den – spä­tes­tens seit der Hetze von Thilo Sarrazin – Einwanderer, die selbst oder deren Eltern ursprüng­lich aus mus­li­mi­schen Herkunftsländern kamen, zuneh­mend für gesell­schaft­li­che Missstände ver­ant­wort­lich gemacht. Hier ist höchste Vorsicht gebo­ten, denn das kapi­ta­lis­ti­sche System steckt in einer sehr tie­fen Krise (man­che Analysten ver­glei­chen die aktu­elle Krise sogar mit der Großen Depression der 1930er Jahre) und es besteht die Gefahr, dass wie­der ein Sündenbock für das Scheitern der Konkurrenzwirtschaft aus­ge­guckt wer­den soll. Wir leben in gefähr­li­chen Zeiten!
Ein Beispiel für staat­li­chen Rassismus: Eine kopf­tuch­t­ra­gende Lehrerin an einer Schule in NRW wurde von ihrem Direktor abge­mahnt, das Kopftuch nicht an der Schule und im Unterricht zu tra­gen. Sie wurde ent­las­sen, weil sie wei­ter mit Kopftuch unter­rich­tete. Nachdem die Lehrerin gegen ihre Entlassung klagte, bestä­tigte das Landesarbeitsgericht Hamm (AZ 11 Sa 280/08 und 11 Sa 572/08) ihre Entlassung. Im Urteil gegen die Lehrerin wird das Tragen von christ­li­cher Ordenstracht und jüdi­scher Kippa aber aus­drück­lich erlaubt. So ist die­ses Urteil kein Ausdruck der Trennung von Staat und Kirche son­dern ein zutiefst ras­sis­ti­sches und aus­gren­zen­des Urteil.

In dem sehr lesens­wer­ten Artikel „Wie hast du’s mit der Religion?“ von Marx 21 zum Thema Religion an Schulen heisst es:
„Auch das gehört zur Tradition der Aufklärung: gegen Unterdrückung und Diskriminierung von reli­giö­sen Minderheiten und für voll­stän­dige Religionsfreiheit ein­zu­tre­ten.“
(Hier der direkte Link zum Artikel)
Francis Byrne ist Mitglied von Die Linke und Marx21

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Nic

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