Sonntag , 19 Mai 2013
Du bist hier: Startseite >> Gastbeitrag >> BILD am Sonntag: Wir sind in großer Sorge um zwei Kollegen

BILD am Sonntag: Wir sind in großer Sorge um zwei Kollegen

Walter Mayer, Chefredakteur von BILD am SONNTAG – ©Axel Springer Verlag, Berlin

Wir von BILD am SONNTAG sind in gro­ßer Sorge. Es geht um zwei unse­rer Kollegen. Seit 42 Tagen ban­gen wir um einen Reporter und einen Fotografen. Seit 42 Tagen sind beide im Iran in Haft. In Einzelzellen, unter schlim­men Bedingungen. Wir haben lange gehofft, dass die bei­den Kollegen durch stille Diplomatie schnell frei­kom­men. Alle Medien in Deutschland haben sich die­ser Zurückhaltung ange­schlos­sen, dafür sind wir ihnen dank­bar. Doch unsere Hoffnung erlitt am ver­gan­ge­nen Montag einen schwe­ren Schlag.

Das ira­ni­sche Staatsfernsehen zerrte unsere Kollegen in die Öffent­lich­keit und stellte sie im Hauptabendprogramm vor einem Millionenpublikum wie Geiseln zur Schau. Wir haben uns die­ses Video in der Redaktion immer wie­der ange­schaut. Wir sehen Reporter und Fotograf, und wir sehen, dass es ihnen schlecht geht, dass sie lei­den. Ihre Blicke tun uns weh. Wir kön­nen nicht hören, was sie sagen, wir hören nur, was ein ira­ni­scher Sprecher behaup­tet. Wann wur­den deut­sche Bürger jemals von der Justiz eines frem­den Landes so gede­mü­tigt?

Was soll das Verbrechen unse­rer Kollegen sein? Es war nichts als jour­na­lis­ti­sche Neugier! Sie wur­den ver­haf­tet, weil sie die Wahrheit such­ten!

Der Reporter und der Fotograf fuh­ren Anfang Oktober nach Täbris im Nordiran, um mehr zu erfah­ren über das Schicksal von Sakine Aschtiani. Jener 43-jährigen Frau, Mutter und Volksschullehrerin, die zum Tod durch Steinigung ver­ur­teilt wor­den ist, weil sie Ehebruch began­gen haben soll! Kein Mensch bei uns kann so etwas begrei­fen, aber tat­säch­lich gibt es im Iran ein „Strafgesetz zur Ahndung des uner­laub­ten Geschlechtsverkehrs“. Darin steht, dass ein Seitensprung mit dem Tod geahn­det wer­den kann. Dieses Gesetz wird zwar gerade über­ar­bei­tet und die Steinigung wurde inzwi­schen aus­ge­setzt. Doch der Tod durch den Strang droht ihr wei­ter. Dies geschieht mit­ten in unse­rer glo­ba­li­sier­ten und digi­ta­li­sier­ten Welt, in der von Berlin bis Teheran die­sel­ben Songs gehört wer­den.

Weil man die Wirklichkeit nicht aus zwei­ter Hand ergrün­den kann, weil Google nicht aus­reicht, um eine Story zu begrei­fen, weil nichts das Auge des Reporters ersetzt, sind unsere Leute los­ge­fah­ren, um die Geschichte die­ser unglück­li­chen Frau vor Ort zu recher­chie­ren.

Man müsste den­ken, dass so eine Wahrheitssuche auch im Interesse des Irans ist, des­sen Vertreter sich ja immer wie­der dar­über beschwe­ren, dass im Westen ver­fälschte Geschichten über den Fall Aschtiani erschei­nen wür­den. Stattdessen erschwert das Land west­li­chen Medien die Berichterstattung, wo und wie es nur geht.

Heute Abend vor sechs Wochen, am 10. Oktober, wur­den der Reporter und der Fotograf gemein­sam mit dem Sohn und dem Rechtsanwalt der Familie Aschtiani in des­sen Kanzlei in Täbris fest­ge­nom­men.

Das Visavergehen, das Reporter und Fotograf vor­ge­wor­fen wird, könnte, müsste und wird über­all sonst auf der Welt mit Verwarnung, Ausweisung und Geldstrafe geahn­det. Stattdessen droht ein Staatsanwalt in Täbris nun mit dem Vorwurf der Spionage. Das ist absurd. Die ira­ni­schen Behörden wis­sen ganz genau, dass es sich um Journalisten und sonst gar nichts han­delt.

Die Kollegen aber haben am 43. Tag ihrer Haft noch nicht ein­mal einen Anwalt. Mitarbeiter der deut­schen Botschaft in Teheran, die sich pro­fes­sio­nell und mensch­lich berüh­rend für die bei­den Journalisten ein­set­zen, durf­ten nur kurz mit den inhaf­tier­ten Kollegen spre­chen.

Wie viel Gerechtigkeit kön­nen wir von einer Justiz erwar­ten, die eine Frau mit dem Tod bedroht, weil sie viel­leicht einen Mann küsste, der den Religionswächtern oder der Geheimpolizei oder bös­wil­li­gen Nachbarn nicht genehm war? Dennoch müs­sen wir hof­fen, dass es deut­schen Diplomaten und Politikern gelingt, den Iran zur Freilassung der Kollegen zu bewe­gen. Die Wachsamkeit der Öffent­lich­keit wird dabei wich­ti­ger, je län­ger es dau­ert.

  • Wir ver­lan­gen auch im Namen der Familie und der Freunde unse­rer Reporter Gerechtigkeit für die Inhaftierten! Das bedeu­tet sofor­tige Freilassung unse­rer Kollegen, des Sohnes von Frau Aschtiani und ihres Anwalts.
  • Wir ver­lan­gen, dass die deut­sche Botschaft die Kollegen bis zur Freilassung so oft wie mög­lich besu­chen kann, wie es das „Wiener Über­ein­kom­men“ vor­sieht, das auch der Iran unter­schrie­ben hat.
  • Wir for­dern die Regierung in Teheran auf, die Kollegen vor ent­wür­di­gen­der Behandlung zu schüt­zen, so wie das die Verfassung der Islamischen Republik Iran vor­schreibt (Artikel 39).

Kenner des Irans erklä­ren, der Fall sei kom­pli­ziert. Es gehe um ira­ni­sche Außen- und Innenpolitik, um riva­li­sie­rende Machtzentren, um Fanatiker und Gemäßigte, die sich gegen­sei­tig blo­ckie­ren, um Intrigen und Propaganda.

Mag alles sein. Im Grunde, davon bin ich über­zeugt, geht es aber um ganz ein­deu­tige Fragen. Darf man lie­ben, wen man liebt? Darf man leben, wie man will? Darf man sagen, was man denkt? Darf man nach­fra­gen, wo man Ungerechtigkeit sieht?

Es geht um die Freiheit. Und Pressefreiheit ist der Gradmesser der Freiheit.

Die Tage in den Zellen von Täbris wer­den län­ger und dunk­ler und addie­ren sich zu Wochen und Monaten. Am kom­men­den Freitag, dem 26. November, hat einer unse­rer bei­den Journalisten Geburtstag, er wird 45 Jahre alt. Ich bitte Sie, liebe Leser, den­ken Sie an die­sem Tag an ihn und sei­nen Kollegen. Beide müs­sen bald nach Hause kom­men!

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

Ein Kommentar

  1. Der Iran ist schlimm ohne Frage………soll die Frau nicht ihren Mann getö­tet haben……Diplomatie küm­mert sich doch der­zeit gar­nicht so sehr um den Iran….die meis­ten Firmen haben doch die Bodenschätze dort schon weit­ge­hend unter sich auf­ge­teilt. Ausgerechnet die Bild will dar­über schrei­ben das deren men­ta­li­tät so unge­recht ist. Soll ich wirk­lich glau­ben dort wäre nicht als Schlagzeile Polemik pur her­aus­ge­kom­men.
    Wieviele wer­den jeden Tag in China hin­ge­rich­tet, wie­viele ster­ben täg­lich in Somalia…wieso schreibt Bild nicht über die Situation nach dem Abzug der UNO.
    Der Satz wann Deutsche Bürger jemals so gede­mü­tigt werden….welchen Zeitraum dür­fen wir erfas­sen nur die letz­ten 10 Jahre? Aber die wol­len über ein Land schrei­ben wel­ches noch genauso wie vor 300 jah­ren han­delt. wie sind Deutsche mit Bürgern umge­gan­gen vor 60 Jahren?
    Es ist ohne Frage schlimm was dort pas­siert, was in vie­len orten auf der Welt pas­siert aber wel­chen Zeitraum haben wir gebraucht um uns zu ver­än­dern. Will jemand sagen als der Schah an der macht war da war alles gut? So schwer es fällt aber die Welt ist nicht zu ändern solange der Westen…und das ist Fakt…in der gan­zen Welt sei­nen Vorteil sucht. Es ist wirk­lich ein Witz das wir es schaf­fen die meis­ten Bodenschätze zu ver­wer­ten ohne selbst auch nur einen Bruchteil davon zu haben. Globalisierung für uns um Westen heist doch bis­her nur leich­ter an Rohstoffe ran­zu­kom­men. Kann man nicht die Welt Stück für Stück ändern….kann Bild nicht nach Israel gehen und dort recherchieren…dort Frieden schaffen..Gerechtiglkeit. Nein in dem Fall ging es um eine Schlagzeile…Man schickt die Leute hin ….und hätte Bild gegoo­gelt hät­ten sie genug erfah­ren über die Situation. Was erwar­ten wir für eine Antwort wenn an ein Kind fragt was es zum bevor­ste­hen­dem Tod der Mutter denkt? Ich finde jeden­falls den Brief der Bild als Farce…..und mir tut nie­mand mehr leid als die bei­den dort.

Scroll To Top