Walter Mayer, Chefredakteur von BILD am SONNTAG – ©Axel Springer Verlag, Berlin
Wir von BILD am SONNTAG sind in großer Sorge. Es geht um zwei unserer Kollegen. Seit 42 Tagen bangen wir um einen Reporter und einen Fotografen. Seit 42 Tagen sind beide im Iran in Haft. In Einzelzellen, unter schlimmen Bedingungen. Wir haben lange gehofft, dass die beiden Kollegen durch stille Diplomatie schnell freikommen. Alle Medien in Deutschland haben sich dieser Zurückhaltung angeschlossen, dafür sind wir ihnen dankbar. Doch unsere Hoffnung erlitt am vergangenen Montag einen schweren Schlag.
Das iranische Staatsfernsehen zerrte unsere Kollegen in die Öffentlichkeit und stellte sie im Hauptabendprogramm vor einem Millionenpublikum wie Geiseln zur Schau. Wir haben uns dieses Video in der Redaktion immer wieder angeschaut. Wir sehen Reporter und Fotograf, und wir sehen, dass es ihnen schlecht geht, dass sie leiden. Ihre Blicke tun uns weh. Wir können nicht hören, was sie sagen, wir hören nur, was ein iranischer Sprecher behauptet. Wann wurden deutsche Bürger jemals von der Justiz eines fremden Landes so gedemütigt?
Was soll das Verbrechen unserer Kollegen sein? Es war nichts als journalistische Neugier! Sie wurden verhaftet, weil sie die Wahrheit suchten!
Der Reporter und der Fotograf fuhren Anfang Oktober nach Täbris im Nordiran, um mehr zu erfahren über das Schicksal von Sakine Aschtiani. Jener 43-jährigen Frau, Mutter und Volksschullehrerin, die zum Tod durch Steinigung verurteilt worden ist, weil sie Ehebruch begangen haben soll! Kein Mensch bei uns kann so etwas begreifen, aber tatsächlich gibt es im Iran ein „Strafgesetz zur Ahndung des unerlaubten Geschlechtsverkehrs“. Darin steht, dass ein Seitensprung mit dem Tod geahndet werden kann. Dieses Gesetz wird zwar gerade überarbeitet und die Steinigung wurde inzwischen ausgesetzt. Doch der Tod durch den Strang droht ihr weiter. Dies geschieht mitten in unserer globalisierten und digitalisierten Welt, in der von Berlin bis Teheran dieselben Songs gehört werden.
Weil man die Wirklichkeit nicht aus zweiter Hand ergründen kann, weil Google nicht ausreicht, um eine Story zu begreifen, weil nichts das Auge des Reporters ersetzt, sind unsere Leute losgefahren, um die Geschichte dieser unglücklichen Frau vor Ort zu recherchieren.
Man müsste denken, dass so eine Wahrheitssuche auch im Interesse des Irans ist, dessen Vertreter sich ja immer wieder darüber beschweren, dass im Westen verfälschte Geschichten über den Fall Aschtiani erscheinen würden. Stattdessen erschwert das Land westlichen Medien die Berichterstattung, wo und wie es nur geht.
Heute Abend vor sechs Wochen, am 10. Oktober, wurden der Reporter und der Fotograf gemeinsam mit dem Sohn und dem Rechtsanwalt der Familie Aschtiani in dessen Kanzlei in Täbris festgenommen.
Das Visavergehen, das Reporter und Fotograf vorgeworfen wird, könnte, müsste und wird überall sonst auf der Welt mit Verwarnung, Ausweisung und Geldstrafe geahndet. Stattdessen droht ein Staatsanwalt in Täbris nun mit dem Vorwurf der Spionage. Das ist absurd. Die iranischen Behörden wissen ganz genau, dass es sich um Journalisten und sonst gar nichts handelt.
Die Kollegen aber haben am 43. Tag ihrer Haft noch nicht einmal einen Anwalt. Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Teheran, die sich professionell und menschlich berührend für die beiden Journalisten einsetzen, durften nur kurz mit den inhaftierten Kollegen sprechen.
Wie viel Gerechtigkeit können wir von einer Justiz erwarten, die eine Frau mit dem Tod bedroht, weil sie vielleicht einen Mann küsste, der den Religionswächtern oder der Geheimpolizei oder böswilligen Nachbarn nicht genehm war? Dennoch müssen wir hoffen, dass es deutschen Diplomaten und Politikern gelingt, den Iran zur Freilassung der Kollegen zu bewegen. Die Wachsamkeit der Öffentlichkeit wird dabei wichtiger, je länger es dauert.
- Wir verlangen auch im Namen der Familie und der Freunde unserer Reporter Gerechtigkeit für die Inhaftierten! Das bedeutet sofortige Freilassung unserer Kollegen, des Sohnes von Frau Aschtiani und ihres Anwalts.
- Wir verlangen, dass die deutsche Botschaft die Kollegen bis zur Freilassung so oft wie möglich besuchen kann, wie es das „Wiener Übereinkommen“ vorsieht, das auch der Iran unterschrieben hat.
- Wir fordern die Regierung in Teheran auf, die Kollegen vor entwürdigender Behandlung zu schützen, so wie das die Verfassung der Islamischen Republik Iran vorschreibt (Artikel 39).
Kenner des Irans erklären, der Fall sei kompliziert. Es gehe um iranische Außen- und Innenpolitik, um rivalisierende Machtzentren, um Fanatiker und Gemäßigte, die sich gegenseitig blockieren, um Intrigen und Propaganda.
Mag alles sein. Im Grunde, davon bin ich überzeugt, geht es aber um ganz eindeutige Fragen. Darf man lieben, wen man liebt? Darf man leben, wie man will? Darf man sagen, was man denkt? Darf man nachfragen, wo man Ungerechtigkeit sieht?
Es geht um die Freiheit. Und Pressefreiheit ist der Gradmesser der Freiheit.
Die Tage in den Zellen von Täbris werden länger und dunkler und addieren sich zu Wochen und Monaten. Am kommenden Freitag, dem 26. November, hat einer unserer beiden Journalisten Geburtstag, er wird 45 Jahre alt. Ich bitte Sie, liebe Leser, denken Sie an diesem Tag an ihn und seinen Kollegen. Beide müssen bald nach Hause kommen!
Nics Bloghaus
Der Iran ist schlimm ohne Frage………soll die Frau nicht ihren Mann getötet haben……Diplomatie kümmert sich doch derzeit garnicht so sehr um den Iran….die meisten Firmen haben doch die Bodenschätze dort schon weitgehend unter sich aufgeteilt. Ausgerechnet die Bild will darüber schreiben das deren mentalität so ungerecht ist. Soll ich wirklich glauben dort wäre nicht als Schlagzeile Polemik pur herausgekommen.
Wieviele werden jeden Tag in China hingerichtet, wieviele sterben täglich in Somalia…wieso schreibt Bild nicht über die Situation nach dem Abzug der UNO.
Der Satz wann Deutsche Bürger jemals so gedemütigt werden….welchen Zeitraum dürfen wir erfassen nur die letzten 10 Jahre? Aber die wollen über ein Land schreiben welches noch genauso wie vor 300 jahren handelt. wie sind Deutsche mit Bürgern umgegangen vor 60 Jahren?
Es ist ohne Frage schlimm was dort passiert, was in vielen orten auf der Welt passiert aber welchen Zeitraum haben wir gebraucht um uns zu verändern. Will jemand sagen als der Schah an der macht war da war alles gut? So schwer es fällt aber die Welt ist nicht zu ändern solange der Westen…und das ist Fakt…in der ganzen Welt seinen Vorteil sucht. Es ist wirklich ein Witz das wir es schaffen die meisten Bodenschätze zu verwerten ohne selbst auch nur einen Bruchteil davon zu haben. Globalisierung für uns um Westen heist doch bisher nur leichter an Rohstoffe ranzukommen. Kann man nicht die Welt Stück für Stück ändern….kann Bild nicht nach Israel gehen und dort recherchieren…dort Frieden schaffen..Gerechtiglkeit. Nein in dem Fall ging es um eine Schlagzeile…Man schickt die Leute hin ….und hätte Bild gegoogelt hätten sie genug erfahren über die Situation. Was erwarten wir für eine Antwort wenn an ein Kind fragt was es zum bevorstehendem Tod der Mutter denkt? Ich finde jedenfalls den Brief der Bild als Farce…..und mir tut niemand mehr leid als die beiden dort.