Luc Jochimsen: Eine Woche in Iran, Teil 1
Ich wurde heute per Mail davon in Kenntnis gesetzt, dass eine der Bundestagsabgeordneten, die in der vergangenen Woche in Iran war, darüber Tagebuch führte und das nun schrittweise veröffentlicht. Da ich glaube, dass kaum jemand, der meinen Blog liest, auch dort nachsieht, möchte ich auch hier veröffentlichen. Zumal dort die Kommentarfunktion ausgeschaltet ist.
Vom 17. bis 22. Oktober war ich mit dem Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik im Iran. Über diese Woche habe ich Tagebuch geführt, das in den kommenden Tagen in mehreren Teilen hier veröffentlicht wird.
Mehr Gegensätze kann es kaum geben. Natürlich ging es noch vor der Ankunft los mit den Verboten. „Wichtiger Hinweis für unsere weiblichen Passagiere“ sagte die Stewardess durchs Bordmikro „im Iran müssen alle Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen.“ In der Öffentlichkeit, bei öffentlichen Treffen, auch in Restaurants, also überall, außer in privaten Räumen oder in der Deutschen Botschaft – sechs Tage Kopftuchleben. Für Männer gelten neuerdings auch Haarschnittgebote. Keine langen Koteletten, kein Gel, keine „aufstehenden“ Haare. Sonderbarerweise sah unser Busfahrer aus wie ein orientalischer Elvis Presley. Eine Haar-Tolle wie in den frühen Jahren des Idols und Koteletten natürlich.
Land der Gegensätze
Den ersten Tag verbrachten wir vor allem im iranischen Parlament. Im spiegelglasgeschmückten Palast-Bau aus der Schah-Zeit von Reza Pahlavi 1925.Erster Gesprächspartner war der Vorsitzende des Kulturausschusses, Haddad Adel, der eigentlich auch Ausrichter des diesjährigen UNESCO-Welttages der Philosophie in Teheran sein sollte – doch die UNESCO verlegte die Veranstaltung wegen der Einflussnahme der iranischen Regierung nach Paris. Haddad Adel, ein akademischer Philosoph und Kant-Übersetzer, der aber auch Dissidenten die „Kahrisah“ androht, Wegsperren und Folter. Für unseren Besuch findet er zunächst positive Worte, um dann sofort die Haltung Deutschlands und Europas als von Vorurteilen und Klischees gekennzeichnet anzuprangern.
Wir kontern, dass eine Wiedereröffnung des Goethe-Instituts, ein freier Studentenaustausch, die Vergrößerung der deutschen Schule in einem Neubau helfen würde, diese Vorurteile abzubauen.
Er lächelt fein, lässt Tee servieren im feudalen Salon unter Lüstern. „Politik der kleinen Schritte“: ja. „Kultur als Fundament für gegenseitige Gespräche“: ja. Er weist darauf hin, dass seit über einem Jahr keine Parlamentarier aus Deutschland in den Iran gekommen wären – insofern sei unser Gespräch jetzt ein „kleiner Schritt“, in der Tat.Beim anschließenden Mittagessen im Prunk-Foyer des alten Parlamentsgebäudes versammeln sich dann mehrere Parlamentarier, auch eine Shador-verhüllte Abgeordnete – und es geht sehr widersprüchlich her. Der Oppositionspolitiker Hojatoleslam Khodratollah Alikhani sagt ganz offen: „Regierungen kommen und gehen, Parlamente bleiben. Auch diese Regierung wird abgewählt werden. Khomeini hat gesagt: ‚Die Regierung des Irans ist das Parlament‘. Das können Sie übrigens auf großen Plakaten überall in der Stadt lesen. Ich kritisiere die Regierung für vieles. Wir sind eine lebendige Opposition, aber wir wollen natürlich keine Demokratie nach westlichem Vorbild – damit keine Missverständnisse aufkommen!“
Auf mehr akademische Weise setzt sich dieses Gespräch wieder oben im Salon fort, als Schlagabtausch zwischen Hojatoleslam Khodratollah Alikhani und dem Vorsitzenden der iranisch-deutschen Freundschaftsgruppe des Parlaments, Seyyed Ali Adiani Rad. Claudia Roth, Mitglied der deutsch-iranischen Parlamentariergruppe des Bundestages spricht den Fall der inhaftierten deutschen Journalisten in Täbris an. Wann werden sie endlich konsularisch betreut werden? Die Parlamentarier schlagen vor, die Angelegenheit am nächsten Tag dem Parlamentspräsidenten vorzutragen.
Quelle: http://lukrezia-jochimsen.de/
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