[Erstveröffentlichung: 29. September 2009]

mss gutundboese Michael Schmidt Salomon   Jenseits von Gut und BöseMit die­sem Buch will Michael Schmidt-Salomon „Das Böse“ aus der Welt schrei­ben.

Der Videotrailer zum Buch ver­spricht wahr­lich Revolutionäres. Das Buch ist dann doch für mich weni­ger revo­lu­tio­när – was aber auch daran lie­gen mag, dass ich mich mit der Thematik seit gerau­mer Zeit aus­ein­an­der setze und mir viele der im Buch geäu­ßer­ten Gedanken nicht mehr ganz fremd und neu vor­kom­men.“ Jenseits von Gut und Böse“ ist nicht grell und schrei­end bunt wie das Video; es ist ruhi­ger und es ist span­nen­der.

Schon in sei­nen letz­ten Artikeln und Aufsätzen hat sich Schmidt-Salomon von der eher ein­fa­chen Position des rei­nen (und radi­ka­len) Religionskritikers ent­fernt. Hin zu einer Denkweise, die weit dar­über hin­aus geht und Erklärungsansätze für ein ethi­sches Handeln zu fin­den ver­sucht, das fern von dog­ma­ti­schen und mora­lin­sau­ren Vorstellungen ist.
Es ist erstaun­lich, mit wel­cher Frische und Eleganz Schmidt-Salomon diese manch­mal doch sehr schwer ver­ständ­li­chen Themen anzu­pa­cken weiß. Kaum zu glau­ben, dass es sich um einen deut­schen Philosophen han­delt, der die­ses Buch schrieb. Man benö­tigt kein phi­lo­so­phi­sches Fremdwörterbuch, um sei­nes zu ver­ste­hen. Das ist eine Schreibart, die ich an Dawkins und ande­ren schätze und bei vie­len deutsch­spra­chi­gen Wissenschaftlern sehr ver­misse. Wie sol­len auf­klä­re­ri­sche Gedanken in die Gesellschaft kom­men wenn sie sich hin­ter Fremdworten und Geheimsprache ver­ste­cken?
Doch davon ist die­ses Buch frei. Es liest sich wie ein Roman. Und immer wie­der wird der Leser per­sön­lich ange­spro­chen und mit­ge­nom­men auf eine Reise. Eine Reise, die den 10 Angeboten aus dem evo­lu­tio­nä­ren Manifest folgt.

Der Autor unter­schei­det im Buch zwi­schen den Begriffen Moral und Ethik; das sind zwei Begriffe, die umgangs­sprach­lich als Synonym genutzt wer­den. Jedoch auf völ­lig ande­ren Grundlagen beru­hen. Wo Moral auf einen (oft reli­giö­sen) Kodex ver­weist und damit die Trennung zwi­schen In-Groups und Out-Groups unter­stützt, ist Ethik frei davon und allein durch die mensch­li­chen Grundrechte deter­mi­niert. Ich werde zukünf­tig also ver­su­chen, das Wort „Moral“ und vor allem mora­li­sie­rende Worte zu mei­den.

Der Gedanke taucht auch in Boldt’s Buch bereits auf. Die Religionen sind nach die­ser Lesart unter ande­ren ent­stan­den, weil sie eine Abgrenzung von Gruppen nach Außen und gleich­zei­tig eine Bindung der Gruppe nach innen ermög­li­chen und ver­stär­ken.
„Das Böse“ also kann allein des­halb nicht exis­tie­ren, weil es mora­lisch bewer­tet ist. Und wo kein „Böses an sich“ kann auch nicht der not­wen­dige Gegenpart exis­tie­ren; „Das Gute“. Das ist wahr­haf­tig schwie­rig zu den­ken.

Woran ich aller­dings sub­jek­tiv wirk­lich zu knab­bern habe, ist die logisch bewie­sene Abwesenheit eines freien Willens. Obwohl mir der Gedanke seit mehr als 30 Jahren nicht fremd ist. Damals bin ich in das größt­mög­li­che Fettnäpfchen getre­ten als ich sagte, dass ich nur des­halb in der FDJ bin, weil ich der Generation ange­höre, für die die HJ nicht mehr „bereit steht“. Anderenfalls wäre es anders gekom­men. Schon damals muss mir also irgend­wie bewusst gewe­sen ein, dass nicht ich es war, der sich für etwas ent­schie­den hat. Sondern dass es Gründe, Ursachen und Umstände gab, die mich zu die­ser Entscheidung brach­ten.

Und doch fällt es mir schwer, sub­jek­tiv mit die­sem Wissen umzu­ge­hen. Natürlich kann ich frei ent­schei­den, ob ich Kaffee oder Tee trinke. Aber dass ich mich über­haupt dazwi­schen ent­schei­den kann hat damit zu tun, dass ich in Mitteleuropa gebo­ren wurde, in einer Zeit, da diese Wahlmöglichkeiten mög­lich sind.

Wenn es „Das Böse“ nicht gibt, wenn es kei­nen freien Willen gibt – wie kann es dann eine Rechtsprechung geben? Die Konsequenz dar­aus ist näm­lich, dass es keine Schuld gibt. Und damit auch keine Sühne.

Hier bleibt auch Schmidt-Salomon sehr ober­fläch­lich in sei­nem Buch. Er spricht das Thema zwar an; begibt sich mei­ner Meinung nach aber auf glat­tes und brü­chi­ges Eis. In „Über­wa­chen und Strafen“ spricht Foucault dar­über, dass es ein Irrtum sei, dar­auf zu ver­wei­sen, dass Strafe „gut“ machen würde. Schmidt-Salomon kommt – von ande­ren Voraussetzungen aus­ge­hend – zum glei­chen Denkergebnis. Allerdings bleibt seine Begründung ein wenig ver­wa­schen. Denn natür­lich ist es rich­tig, dass die Gesellschaft vor einem – zum Beispiel – Mörder auch geschützt wer­den muss, indem jener in einem Gefängnis ver­wahrt wird. Aber wie die Bewertung der ethi­schen Gründe dafür aus­zu­se­hen hat, das bleibt offen. Denn wenn der Mörder eben nicht aus freien Stücken han­delte, son­dern wegen der Umstände, in denen er auf­wuchs, wird es schwie­rig, eine Begründung, die über die genannte (Sicherung der Gesellschaft) hin­aus­geht, zu fin­den.
Die Gefängnisse sind nicht vol­ler Mörder, son­dern vor allem mit jenen gefüllt, die wegen oft­mals gerin­ger Vergehen wie Diebstahl „sit­zen“. Wer wer­tet das? Und wie?
Doch Schmidt-Salomon ist kein Jurist – so müs­sen diese Fragen offen blei­ben und kön­nen aller­höchs­tens Denkanstöße geben.

Ich halte mich nur ungern zurück mit einer „ulti­ma­ti­ven Lobhudelei“… und bin doch der Meinung, dass die­ses Buch – eher trotz und nicht wegen der aggres­si­ven Werbung – eines von denen ist, die man regel­mä­ßig ver­schen­ken, ver­bor­gen und wie­der lesen soll. Ein Buch, das nötig und zum rich­ti­gen Zeitpunkt erschie­nen ist. Das zei­gen schon die jetzt schon beste­hen­den Reviews und Diskussionen um das Buch.

Zum Abschluss muss ich aller­dings noch sagen, dass es mich bit­ter ankommt, wenn sich Schmidt-Salomon auf den letz­ten Seiten dage­gen ver­wehrt, als Heiliger von mir ver­ehrt zu wer­den. Schade, wollte ich doch gerade nach die­sem Buch eine MSS-Religion begrün­den.

Nic

Review von Armin Pfahl-Traughber beim hpd
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Über den Autor

Nic

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