[Erstveröffentlichung: 5. Juni 2009]

Wenn heute Stalin wie­der als gro­ßer Führer geprie­sen wird, als Patriot und Garant natio­na­ler Stärke, dann kommt das nicht nur einer Verhöhnung der Millionen Opfer gleich, die ihr Leben im Stalinismus ver­lo­ren haben. Ich sehe darin auch eine poli­ti­sche Gefahr für die Gegenwart. Solange die Verbrechen Stalins nicht als Teil der eige­nen Geschichte aner­kannt wer­den, ist der Weg zu einer wahr­haft demo­kra­ti­schen Gesellschaft in Russland nicht mög­lich. (Seite 184)

stalin leonard Wolfgang Leonhard   Anmerkungen zu Stalin

Mit dem oben zitier­ten Abschnitt endet das Buch. Und er sagt, worum es in dem Buch geht, wes­halb Rudolf Leonard das Buch über­haupt geschrie­ben hat. Wer sein bekann­tes­tes Werk, „Die Revolution ent­lässt ihre Kinder” kennt, wird so viel Neues nicht ent­de­cken; wenn man zudem Rudolf Bahros „Alternative” gele­sen hat, kom­men einem etli­che Argumente und Erklärungen Leonards doch sehr bekannt vor.

Nichtsdestotrotz ist das Buch unbe­dingt lesens­wert, schafft es Leonard doch auf nicht ein­mal 200 Seiten (ich habe das Buch ges­tern gekauft und heut aus­ge­le­sen) schlüs­sig und logisch zu erklä­ren, mit wel­chen Mitteln Stalin es erreichte, an die Macht zu kom­men und diese zu hal­ten.
Und – anders als viel­leicht Wolfgang Leonard es wollte – halte ich das Buch auch sehr wich­tig nicht nur für die Auseinandersetzung mit der aktu­el­len rus­si­schen Politik; son­dern auch für die Bearbeitung der DDR-Geschichte. Denn wenn heute der sog. „Kommunismus des Ostens” stän­dig dafür her­hal­ten muss, die (zufäl­li­gen) Bewohnern der Landstriche zwi­schen Elbe und Ural zu bevor­mun­den; Leonard weist dedi­ziert nach, dass das, was als „ent­wi­ckelte, sozia­lis­ti­sche Gesellschaft” in die Geschichtsbücher Eingang fand, wenig mit dem zu tun hat, was Marx und Engels (teil­weise auch Lenin) unter der Idee des Kommunismus ver­stan­den.
Das, was im „Ostblock” statt­fand, war rei­ner Stalinismus.

Leonard weist genau das nach:Nachdem Leonard den Abweichungen (wenn man so sagen kann) der Stalin’schen Theorien von denen der Klassiker ein­zelne Abschnitte gönnte, fährt er fort:

Wie sehr sich Stalin in weni­gen Jahren von den ursprüng­li­chen Idealen des Marxismus ent­fernt hatte, wird auch daran deut­lich, wenn man … betrach­tet, wel­che Grundsätze von Marx und Engels im Stalinismus gar nicht mehr vor­ka­men. (Seite 108)

Anschließend lis­tet er dann kurz auf, wel­che Uminterpretationen Stalin vor­nahm.

Es kann sein, dass das alles für Jemanden, der nicht in einer „ent­wi­ckel­ten, sozia­lis­ti­schen Gesellschaft” auf­ge­wach­sen ist und für Jemanden, der sich weder mit der Theorie noch der Praxis der sozia­lis­ti­schen Ideen befasst hat völ­lig gleich­gül­tig ist. Es mag ihm gar wie Fraktionskämpfe vor­kom­men.
Allerdings meine ich, dass, um zu begrei­fen, wes­halb das System Kommunismus geschei­tert zu sein scheint muss man sich damit aus­ein­an­der­set­zen und zumin­dest ver­su­chen, aus der Geschichte und den Fehlern der Geschichte zu ler­nen.

Etwas aus dem Zusammenhang geris­sen noch diese Zitate:

Stalin … pro­kla­mierte immer deut­li­cher die Sowjetunion als Beispiel und Modell für die Kommunisten aller Länder und ver­langte die Unterordnung der aus­län­di­schen Kommunisten unter die Direktiven der Sowjetunion. (Seite 100)

Und wäh­rend sich im Laufe der Jahre etli­che Länder von der Vormundschaft Moskaus frei­mach­ten, blieb beson­ders die DDR der alten, sta­li­nis­ti­schen Linie treu; war ver­mut­lich 1989 das sta­li­nis­tisch gepräg­teste Land des Ostens.

Umso mehr über­raschte mich, wie die DDR auf den Tod Stalins rea­gierte. Übli­cher­weise hielt sich die SED-Führung sehr genau an den poli­ti­schen Kurs, den die Sowjetunion vor­gab. Jetzt aber igno­rierte sie alle Signale, die aus Moskau kamen. Während man dort auf Stalins Tod ver­hal­ten rea­gierte, ver­an­stal­tete die DDR pom­pöse Trauerfeiern. (Seite 181)

Gut, das war etwas außer­halb des Zusammenhangs… Will Leonard doch eher war­nen: davor, die Augen zu ver­schlie­ßen vor einem Wiedererstarken des natio­nal­rus­si­schem Stalinkults. Denn so beginnt das Buch:

In Putins Russland bahnt sich Unheilvolles an: Stalin kehrt zurück. Er kehrt zurück in die Köpfe der Menschen und in den Alltag. (Seite 9)

Nic

PS: ich musste die ganze Zeit auch an die Beschreibungen aus Cruz Smith’ Buch „Stalins Geist” den­ken…

Über den Autor

Nic

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