humanist victoria Ein Berliner in Australien(hpd) Oliver-Martin Rapsch ist der zweite Vorsitzende der Berliner Ortsgruppe der Giordano Bruno Stiftung (GBS). Im Sommer gab er Stephen Stuart von der „The Humanist Society of Victoria, Australia“ ein Interview. Das Interview wird in eng­li­scher Sprache im “Australian Humanist”, Heft 100, erschei­nen.

Stephen Stuart : Oliver, berichte doch ein­mal, wie Du dazu gekom­men bist, Dich in der Humanisten-Bewegung zu enga­gie­ren?

Oliver-Martin Rapsch: Das ist eine lange Geschichte. Nachdem ich getauft wurde und in einer oberflächlich-christlichen Familie groß gewor­den bin, ent­wi­ckelte ich nach und nach ein Interesse an Wissenschaften. Meine erste Freundin ent­stammte einer tiefre­li­giö­sen katho­li­schen Familie und da man ja als jun­ger, ver­lieb­ter Mensch alles über seine Partnerin erfah­ren möchte, beglei­tete ich sie und ihre Familie zur Messe. Ich war etwas scho­ckiert, erst zu sehen wie sich Menschen bekreu­zig­ten und unter­wür­fig ver­hiel­ten und dann anschlie­ßend arro­gant gesagt zu bekom­men, dass ich als Lutheraner ja sowieso nichts ver­ste­hen würde. Bei die­ser Gelegenheit habe ich zum ers­ten Mal gemerkt, was die Kirche aus einem Menschen machen kann. Als ich mehr und mehr über Wissenschaft las war das wie ein geis­ti­ger Sonnenaufgang: Ein Weltbild, dass kei­nen Gott erfor­derte, statt­des­sen Evolution – was für ein auf­re­gen­der Gedanke! Vor unge­fähr acht Jahren traf ich dann meine jet­zige Freundin, die einer metho­dis­ti­schen Familie ent­stammt, in der mir dann wie­der das­selbe bor­nierte Verhalten begeg­nete. Ich dachte, dass sie wohl sehr unsi­cher sein müss­ten und nach jeman­dem such­ten der ihnen Geborgenheit geben würde. Ich bin daran gewöhnt, ratio­nal zu den­ken und schließ­lich gerie­ten wir anein­an­der. Von mei­nen Verwandten war nie­mand daran inter­es­siert, zu phi­lo­so­phie­ren.
Auf den Humanismus bin ich durch Zufall gesto­ßen, ich hatte über Erasmus von Rotterdam gele­sen und fand seine Gedanken sehr attrak­tiv und was ich über den neuen Humanismus las, zog mich sogar noch mehr an. Ich nahm an einer Versammlung von Humanisten in Berlin teil und fand her­aus, dass es noch mehr Leute gab, die dach­ten wie ich: Plötzlich war ich nicht mehr allein. Ich bin sehr froh, dass ich diese Menschen getrof­fen habe und auch froh über den ent­spann­ten Umgang, den wir mit­ein­an­der haben.

Stuart: Es ist eigen­ar­tig, dass wir reli­giöse Gruppierungen miss­bil­li­gen und doch nicht­re­li­giöse Gruppen bil­den, die sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen. Es ist eine wahr­haft mensch­li­che Eigenschaft, dass man häu­fig Unterstützung benö­tigt, die man von Menschen erhält, die auf der­sel­ben Ebene den­ken.

Rapsch: Na ja, ich miss­bil­lige reli­giöse Gruppen ja nicht: Sie besit­zen das abso­lute Recht, ihren Glauben zu haben und ihn aus­zu­üben, so lange sie nie­mand ande­ren dadurch unter­drü­cken. Unglücklicherweise ten­die­ren sie dazu, sich inner­halb ihrer Gruppe zu respek­tie­ren, aber auf die her­ab­zu­se­hen, die nicht dazu­ge­hö­ren. Uns allen kann das pas­sie­ren, aber ich glaube, wir Humanisten sind da etwas tole­ran­ter.

Stuart: Wenn man Deutschland als Ganzes betrach­tet, wie sieht die der­zei­tige Situation des Humanismus und des­sen Entwicklung aus?trans Ein Berliner in Australien

Rapsch: Um ehr­lich zu sein: Humanisten bil­den nur einen Bruchteil der Gesellschaft. Was die GBS sich als Ziel gesetzt hat, ist die Arbeit als „Think-Tank“, eine Ethik des 21. Jahrhunderts zu ent­wi­ckeln. Die Hauptaufgabe, so wie ich sie sehe, besteht darin, Menschen, die ähnlich den­ken, zusam­men­zu­brin­gen. Die meis­ten Humanisten sind recht gebil­det und an neuen Ideen inter­es­siert. Unglücklicherweise gibt es mei­ner Ansicht nach kei­nen Politiker, der sich öffent­lich zum Humanismus bekennt. Es ist offen­sicht­lich leich­ter, Wählerstimmen zu gewin­nen, indem man auf christ­li­che Geschichte und christ­li­che Werte in den Vordergrund stellt und es gibt nicht viele Menschen, die huma­nis­ti­sche Werte als sol­che ken­nen.

Stuart: Daraus folgt, dass eine Aufgabe des Humanismus darin besteht, die Menschen im all­ge­mei­nen dar­über zu infor­mie­ren, dass man auch ohne reli­giö­sen Glauben ein guter Mensch sein kann, dass man sich selbst respek­tie­ren und sich auch ohne Gott ehren­wert ver­hal­ten kann

Rapsch: Ich hätte es selbst nicht bes­ser aus­drü­cken kön­nen: Das ist defi­ni­tiv der Fall. Das Interessante daran ist, dass die große Mehrheit in Berlin das bereits ver­stan­den hat ohne sich dar­über im Klaren zu sein. Erst letz­tes Jahr gab es eine Abstimmung über Religionsunterricht in Schulen, in der Leute gebe­ten wur­den, dar­über zu ent­schei­den, ob Religionsunterricht ver­bind­lich sein sollte oder nicht. Der Lehrplan beinhal­tete bereits Ethik und man sollte zwi­schen evan­ge­li­schen, katho­li­schen oder mus­li­mi­schen Unterricht und Ethik wäh­len kön­nen. Der Antrag, dass Religionsunterricht ver­bind­lich sein sollte wurde von den Kirchen gestellt.


Stuart: War die Abstimmung etwas, dass wir ein Referendum nen­nen, also ver­bind­lich für die Regierung oder han­delte es sich um eine Empfehlung für die Regierung, wie sie han­deln sollte?

Rapsch: Sie wäre ver­bind­lich für die Regierung gewe­sen. Eine Volksabstimmung war etwas sehr Neues für Deutschland und Berlin, denn man war bis­her nicht in der Lage gewe­sen, Entscheidungen direkt beein­flus­sen zu kön­nen. Es wur­den viele Leute benö­tigt, die eine Petition unter­schrei­ben muss­ten um die Volksabstimmung durch­füh­ren zu kön­nen, im Falle Berlins so unge­fähr 300.000, und diese Zahl wurde auch erreicht. Als dann die Volksabstimmung tat­säch­lich durch­ge­führt wurde und die Leute tat­säch­lich abstimm­ten, na ja, von da an ging es bergab für die Kirche. Die Menschen infor­mier­ten sich dar­über, was die Kirche tat­säch­lich unter dem Begriff Religionsunterricht ver­stand und mein­ten: „Nein, SO wol­len wir das nicht, es stimmt nicht, dass Werte Gott benö­ti­gen“. Dies war eines der Schlagworte, die die Kirche benutzte: „Werte brau­chen Gott“ und damit Leute, die eben nicht an Gott glau­ben bei­nahe zu Kriminellen stem­pelte. Dies war einer der Gründe, die Leute dazu brach­ten, mit „Nein“ zu stim­men.
Ethikunterricht wird also wei­ter­hin durch­ge­führt und kann nicht abge­wählt wer­den, indem man ihn durch Religionsunterricht ersetzt. Die Gründe für die Einführung des Ethikunterrichts war übri­gens ein so genann­ter „Ehrenmord“, bei dem ein Mädchen von ihren Brüdern getö­tet wurde, weil diese der Ansicht waren, sie hätte die Familie ent­ehrt.

Stuart Ich glaube, es gibt einen der­ar­ti­gen Fall nicht in Australien, zumin­dest kei­ner, der mir bekannt wäre. Aber das ist natür­lich eine Bedrohung und ich hoffe wir sind in der Lage, ange­mes­sen dar­auf zu rea­gie­ren. Was wir bis­her getan haben, ist die Beschneidung von Mädchen abso­lut ille­gal zu machen. Es ist zumin­dest ein Schritt gegen die Scharia oder woge­gen auch immer.

Rapsch: In die­sem Zusammenhang ist es viel­leicht inter­es­sant zu erfah­ren, dass es in Deutschland sehr popu­lär ist, Kinder aus der Dritten Welt vir­tu­ell zu adop­tie­ren indem man sie durch regel­mä­ßige Geldüberweisungen unter­stützt, die pri­mär für die Ausbildung des Kindes gedacht sind, wel­ches Afrika oder Bangladesch oder wo auch immer bleibt. Die über­wäl­ti­gende Mehrheit der Menschen, die sich für dafür inter­es­sie­ren, sind sich jedoch nicht dar­über im Klaren, dass keine der Organisationen, die diese Adoptionsform anbie­tet, sich gegen weib­li­che Beschneidungen aus­spre­chen, dies würde als Post-Imperialistische Einmischung betrach­tet.


Stuart: Aber dies fin­det in deren eige­nem Land statt, ich sprach hin­ge­gen über Dinge, die in die­sem Land gesche­hen.

Rapsch: Ja, aber diese Organisationen kön­nen Einfluss neh­men. Sie soll­ten sagen: „Wenn ihr euer Kind beschnei­den lasst, bekommt ihr kein Geld von uns, da ihr es ver­stüm­melt und ihm scha­det.“


Stuart: Also soll­ten Humanisten das publik machen?

Rapsch: Ja. Die ein­zige Organisation, die ich kenne und die sich die­ses Themas annimmt, heißt WHOA.


Stuart: Australier hal­ten Deutschland für die Wiege des Europäischen Individualismus und sind daher über die Verflechtung von Kirche und Staat über­rascht. Wir mei­nen, Deutschland sei ein Bannerträger der Säkularisierung, zwar ohne Zweifel sehr reli­giös aber als Privatsache. Inwiefern ist es keine Privatsache? Und wie kam es dazu? Ist es eine Geschichte, die bis zum Kaiser zurück­geht?

Rapsch: Nun, sogar noch wei­ter. Im Mittelalter erhiel­ten nicht nur welt­li­che Fürsten, wie z.B. Herzöge, ihr Land vom Kaiser als Lehen, son­dern auch Kirchenvertreter wur­den Vasallen. Dies führte zu hef­ti­gen Auseinandersetzungen zwi­schen dem Kaiser und der Kirche über das Recht, einen Bischof ein­zu­set­zen, den soge­nann­ten Investiturstreit: Der Kaiser meinte, er würde natür­lich berech­tigt sein, zum Bischof zu ernen­nen wen immer er wollte, denn es sei ja schließ­lich sein Land, wohin­ge­gen der Papst meinte, sein Reich sei nicht von die­ser Welt, nur er könne Menschen erhe­ben oder ernied­ri­gen. Dies geschah bereits recht früh, im 11. Jahrhundert, als der Kaiser schließ­lich nach Canossa gehen musste um sich vor dem Papst in den Staub zu wer­fen, da die­ser ihn zuvor mit dem Kirchenbann belegt hatte. Später kam es zwi­schen Protestanten und Katholiken zum Dreißigjährigen Krieg, der das Deutsche Reich ver­wüs­tete und es in viele kleine Fürstentürmer auf­ge­teilt hin­ter­ließ. Das Deutsche Reich exis­tierte wei­ter bis 1805, als es durch Napoleon Bonaparte abge­schafft wurde.
Aber bereits 1803, als Napoleon die west­rhei­ni­schen Fürstentümer besetzt hielt, ver­lo­ren einige Herzöge und Grafen ihr Ländereien und etwas musste gesche­hen, da diese von dem Land leb­ten und weder wil­lens noch in der Lage waren für ihren Lebensunterhalt zu arbei­ten. Also wurde ein Beschluss gefasst, Kirchenländereien auf­zu­lö­sen und den Gebieten säku­la­rer Herrscher zuzu­schla­gen. Plötzlich hat­ten die Kardinäle und Bischöfe keine Lehnsgüter mehr, und muss­ten daher vom Staat unter­hal­ten wer­den. Dieser Ausgleich war aller­dings nur für eine Generation gedacht, wird tat­säch­lich aber bis zum heu­ti­gen Tag gezahlt. Die Grundlage für die Besoldung der Kirchenfürsten durch den Staat wurde also bereits 1803 gelegt.
Um 1870 führte der dama­lige Reichskanzler Bismarck einen soge­nann­ten „Kulturkampf“ gegen die Katholische Kirche, den er ver­lor. Er war ledig­lich in der Lage, die „Zivilehe“ ein­zu­füh­ren, bei der die Ehepartner ver­pflich­tet sind, ihre Ehe durch eine staat­li­che Einrichtung bestä­ti­gen zu las­sen. Man kann zwar zusätz­lich eine Zeremonie in einer Kirche durch­füh­ren las­sen, aber diese allein macht die Verbindung nicht gül­tig. Bismarck gelang es nicht, Deutschland wei­ter zu säku­la­ri­sie­ren. Er wurde noch erreicht, dass Religionsunterricht durch den Staat ange­bo­ten wurde. Seitdem kann die Kirche auch ver­lan­gen, dass ein gewis­ser Prozentsatz der Professorenstellen in Deutschland durch die Kirche ver­ge­ben wird, da die Kirche diese Professuren prak­tisch besitzt. Ein wei­te­rer Schritt zur Verflechtung von Staat und Kirche.
Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, wurde er unver­züg­lich vom Vatikan um den Abschluss eines Konkordats, eines Vertrages zwi­schen dem Deutschen Reich und dem Vatikan, ersucht.


Stuart: Glaubst Du per­sön­lich, dass Hitler Katholik war? Manche Leute behaup­ten, er sei Atheist gewe­sen.


Rapsch:
Nun ja, er war defi­ni­tiv kein Atheist, er glaubte ja unter ande­rem an die Vorsehung. Er wurde zwar als Katholik erzo­gen, aber ich würde ihn nicht als streng­gläu­bi­gen Katholiken bezeich­nen. Aber er war auch kein Atheist. Ihm war sehr wohl bewusst, wie er die Kirche instru­men­ta­li­sie­ren konnte und er wurde unbe­streit­bar von der katho­li­schen Kirche unter­stützt. Erst 1944 wand­ten sich einige Kardinäle gegen ihn, aber das war sehr spät, als bereits das Ende abseh­bar war. Widerstand, sofern es die Kirche betraf, kam aus den Reihen der Protestanten, aller­dings gegen den Willen ihrer Kirche. Die Kirchenorganisationen unter­stütz­ten Hitler voll und ganz. Durch den metho­dis­ti­schen Hintergrund meine Freundin beschäf­tigte ich mich auch mit der Rolle die­ser Kirche im Dritten Reich und erfuhr, dass die Methodisten Hitler bis zum Schluss unter­stüt­zen, er ist durch sie nie kri­ti­siert wor­den – eines der dunk­len Kapitel die­ser Kirche.
In den fünf­zi­ger Jahren wurde die Gültigkeit des Konkordats bestä­tigt und es bleibt bis zum heu­ti­gen Tage gül­tig. Wir haben also der­zeit eine Situation, in der die Kirche in Deutschland sehr stark auf­ge­stellt ist, obwohl dies nicht mehr die Bevölkerungsstruktur wider­spie­gelt. In Deutschland sind zur­zeit etwa 30% der Bevölkerung pro­tes­tan­tisch, wei­tere 30% katho­lisch und der Rest gehört ande­ren Religionen an oder ist kon­fes­si­ons­los.. Methodisten bei­spiels­weise zäh­len dabei zu den Protestanten.


Stuart: Erzähl mir jetzt bitte etwas mehr über das Steuersystem, dass durch das Konkordat und andere Einflüsse eta­bliert wor­den ist.

Rapsch: Dies ist in der Tat sehr inter­es­sant, da der Staat den Kirchen bei der Eintreibung der Steuern hilft. Wenn auf der Steuerkarte „katho­lisch“ oder „evan­ge­lisch“ steht, zieht der Staat auto­ma­tisch 9% von der Einkommensteuer ein und lei­tet sie an die jewei­li­gen Kirchen wei­ter. Dies ist ein Steuergeschenk des Staates an die Kirchen. Nun wird häu­fig gesagt: „Wenn Du die Kirche nicht mehr finan­zi­ell unter­stüt­zen willst, warum trittst Du dann nicht ein­fach aus und zahlst keine Kirchensteuer mehr?“. Nun, man ver­mei­det dann zwar, diese 9% Kirchensteuer zu zah­len, ver­hin­dert dadurch aber nicht die Finanzierung der Kirchen durch Steuergelder, denn die haupt­säch­li­che Anteil der Finanzierung der Kirchen geschieht durch den Staat mit Steuermitteln. Für Sozialdienste wie z.B. katho­li­sche Kindergärten, katho­li­sche Krankenhäuser oder evan­ge­li­sche Krankenhäuser steu­ern die Kirchen nur 2% der Mittel bei, der Rest wird aus Steuermitteln finan­ziert, also durch jeden: Muslim, Humanist, Atheist oder wen auch immer. Nun behaup­ten die Kirchen, sie böten ihre Dienste schließ­lich für jeden an. Ja, das stimmt zwar, aber um z.B. als Krankenschwester in einem katho­li­schen Krankenhaus arbei­ten zu kön­nen, muss man der katho­li­schen Glaubensgemeinschaft ange­hö­ren und somit 9% Kirchensteuer zah­len. Das System finan­ziert sich also nahezu von selbst, da die Angestellten gezwun­gen sind, für die Kirchenzugehörigkeit zu zah­len.

Stuart Wie sieht es mit den Schulen aus? Würden die Lehrer dem rich­ti­gen Glauben ange­hö­ren müs­sen?

Rapsch: Wir haben zwar einige Schulen, die der Kirche gehö­ren, aller­dings sind diese in der Minderheit, da die meis­ten Schulen durch den Staat ver­wal­tet wer­den. Aber doch, ja, sobald Du bei einer kirch­li­chen Organisation ange­stellt bist, musst Du deren Glaubensrichtung ange­hö­ren. Derzeit gehö­ren ca. 80 bis 90% aller sozia­len Einrichtungen in Deutschland der Kirche. Als Atheist muss man also ent­we­der heu­cheln und vor­ge­ben evan­ge­lisch oder katho­lisch zu sein und Kirchensteuer zah­len oder damit rech­nen, keine Arbeitsstelle zu bekom­men.


Stuart: In Krankenhäusern ist das ziem­lich kri­tisch, oder? Denn es gibt ja viele kirch­li­che Krankenhäuser. Wenn es nur wenige kirch­li­che Schulen gibt, kann ein Lehrer ja „Nein, Danke, ich arbeite lie­ber in einer ande­ren Schule“ sagen. Aber als Chirurg in einer Klinik hätte man weni­ger Wahlmöglichkeiten.

Rapsch: Ich glaube nicht, dass die Situation so ernst ist, was Krankenhäuser betrifft. Sozialeinrichtungen sind schlim­mer dran. Wenn Menschen alt und gebrech­lich wer­den und man sich um sie küm­mern muss, liegt deren Pflege fest in den Händen der Kirche. Meine Freundin lei­det eben­falls dar­un­ter. Sie ist Humanistin und arbei­tet für eine Pflegeeinrichtung. Ihr Arbeitsvertrag legt klipp und klar fest, dass sie sich nicht an athe­is­ti­schen Veranstaltungen betei­li­gen darf. Wenn sie sich jemals huma­nis­tisch enga­gie­ren wollte, dürfte sie das nicht. Wir Humanisten ver­ste­hen uns zwar nicht auto­ma­tisch als Atheisten, da gibt es schon noch einen Unterschied – aber die Kirche sieht das wohl etwas anders.


Stuart: Erzähl uns mehr über die Giordano Bruno Stiftung.

Rapsch: Ich habe schon erwähnt, dass die GBS sich als Think Tank ver­steht, die eine Ethik für das 21. Jahrhundert ent­wi­ckelt. Menschen kön­nen Werte auch ohne Gott haben. Wir fin­den diese Werte größ­ten­teils bereits vor. Dies ist eine der Aufgaben der GBS. Wie viel ist ein dem Menschen eigen­tüm­li­cher Sinn für Fairness und wie viel davon ist Erziehung? Es ist sehr inter­es­sant, diese Diskussion zu ver­fol­gen. Eine Diskussion ohne Grenzen, die sich über Jahre, viel­leicht Jahrhunderte hin­zieht. Was heute als ethisch gilt, mag auch in tau­send Jahren seine Gültigkeit haben, wohin­ge­gen Moral von der jewei­li­gen Gesellschaft abhän­gig ist. Ein Bürger des Römischen Reiches mag eine andere Vorstellung von Moral gehabt haben als ein Mensch im mit­tel­al­ter­li­chen Deutschland oder ein Einwohner des Dritten Reiches. Moral wird von der Gesellschaft dik­tiert, wohin­ge­gen Ethik ein all­ge­mei­nes fai­res Verhalten der Menschen unter­ein­an­der meint.
Die Goldene Regel „ver­halte Dich ande­ren gegen­über so, wie Du selbst behan­delt wer­den möch­test“, steht zwar auch in der Bibel, gab es aber schon viel frü­her und ist immer noch gül­tig. Dies ist in gro­ben Zügen, womit sich die GBS beschäf­tigt.
Wie ein Konzern Tochtergesellschaften hat, so hat die GBS Ortsgruppen, eine davon in Berlin. Es gibt noch andere, in Köln z.B. oder in der Schweiz, wo sich gerade eine Ortsgruppe grün­det. Die Berliner Gruppe wurde letz­tes Jahr im Juli gegrün­det, direkt im Anschluss an die Buskampagne. Die Buskampagne kam ursprüng­lich aus England, Busse wur­den mit Aufschriften ver­se­hen „Es gibt (mit an Sicherheit gren­zen­der Wahrscheinlichkeit) kei­nen Gott. Ein erfüll­tes Leben braucht kei­nen Glauben.“. In Deutschland woll­ten wir das eben­falls machen. Unglücklicherweise war ich daran nicht betei­ligt, ich bin erst spä­ter dazu­ge­stos­sen. Der erste Vorsitzende unse­rer Ortsgruppe in Berlin war übri­gens Sprecher der Buskampagne aber ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wie ich ihn kon­tak­tie­ren konnte.


Stuart: Du hast gesagt, für die Buskampagne sollte ein Bus gemie­tet wer­den und umher­fah­ren. Nur in Berlin oder auch außer­halb?

Rapsch: Durch ganz Deutschland. Es war not­wen­dig gewor­den, einen Bus zu mie­ten, da die Betreiber der öffent­li­chen Verkehrsmittel durch die Bank weg die Erlaubnis ver­wei­ger­ten, eine ent­spre­chende Anzeige auf ihren Fahrzeugen zu schal­ten. Sie rede­ten sich damit her­aus, dass sie keine welt­an­schau­li­che Werbung zulas­sen wür­den und ver­ga­ßen dabei, dass bereits über­all große Plakate mit Sprüchen wie „Jesus, Richter oder Retter?“ und der­glei­chen gezeigt wur­den. Das gab uns aller­dings die Chance, auf diese Umstände hin­zu­wei­sen und zumin­dest in Berlin ver­schwan­den diese Anzeigen. Ab und an sieht man noch wel­che, aller­dings recht klein und nicht für lange. Sie haben mei­ner Ansicht nach also eher das Gegenteil des­sen was sie beab­sich­tig­ten erreicht.
Nach der Buskampagne stellte sich her­aus, dass eine ganze Anzahl Menschen daran inter­es­siert ist, Gleichgesinnte zu tref­fen und die Berliner Ortsgruppe wurde gegrün­det. Ich wusste damals von der GBS, mir war aber nichts über die Ortsgruppen bekannt. Allerdings inter­es­sierte ich mich sehr für den Sprecher der GBS, Michael Schmidt-Salomon, der drei Monate nach der Gründung der Ortsgruppe nach Berlin kam. Dabei hatte ich die Gelegenheit, einem Vortrag zuzu­hö­ren und erfuhr dort auch über die Existenz der Berliner Ortsgruppe, der ich umge­hend bei­trat. Michael Schmidt-Salomon prä­sen­tierte sein Buch „Jenseits von Gut und Böse“, in dem er zwi­schen Ethik und Moral unter­schei­det – wir haben ja bereits dar­über gespro­chen. Er schreibt, dass Menschen, die wir gemein­hin als „böse“ anse­hen, sich selbst nicht als böse betrach­ten. Sogar Hitler dachte, er würde dem deut­schen Volk etwas Gutes tun, indem er ein Volk ver­nich­tete, von dem er annahm, es würde sein aus­er­wähl­tes deut­sches Volk unter­drü­cken. Er betrach­tete sich selbst also sicher­lich nicht als „böse“. Um die­ses Prinzip geht es in dem Buch: „Gut“ und „Böse“ als abso­lute Werte abzu­schaf­fen und durch eine ethi­sche Sichtweise zu erset­zen: „Ist das, was ich tue, fair gegen­über ande­ren?“, „Würde ich selbst behan­delt wer­den wol­len, wie ich andere behan­dele?“.

Stuart: Fairness klingt rela­ti­ver als Gut und Böse, die beide abso­lut Werte sind. Man kann sich etwas ziem­lich Faires vor­stel­len, etwas, das noch fai­rer ist oder etwas sehr Faires. Leute zu ermu­ti­gen in die­sen Bahnen zu den­ken klingt beschei­de­ner als sie auf­zu­for­dern grund­sätz­lich gut zu sein.

Rapsch: Ich finde diese Idee sehr anzie­hend, aber mir ist auch klar, dass einige Menschen nun ein­mal abso­lute Werte brau­chen. Sie wol­len nicht die­ses knall­harte Logik-Ding son­dern sie benö­ti­gen einen fes­ten Punkt in ihrem Leben. Ich ver­stehe das, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Deshalb bin ich schließ­lich auch Humanist.
Jedenfalls, nach­dem ich einige Monate Mitglied der Berliner Ortsgruppe war, trat der dama­lige 2. Vorsitzende aus per­sön­li­chen Gründen zurück und ich wurde an sei­ner Stelle gewählt, wor­über ich sehr stolz bin.

Stuart: Glückwunsch!

Rapsch: Vielen Dank! Es han­delt sich dabei um Menschen, mit denen ich gerne zusam­men bin und die ich sehr schätze und ich bin stolz dar­auf, von die­sen Leuten gewählt wor­den zu sein.


Stuart: Habt Ihr aktu­ell Aktionen zu lau­fen?

Rapsch: Ja, wir wol­len huma­nis­ti­sche Ideen aktiv för­dern. Ich fürchte, wir haben keine Chance, der gesam­ten Bevölkerung den Humanismus nahe­zu­brin­gen aber wir wol­len uns zumin­dest denen bekannt­ma­chen, die sich bis­her nicht dar­über im Klaren sind, dass es noch mehr Leute gibt, die den­ken wie sie und sie wis­sen zu las­sen, dass es uns gibt, wenn sie uns brau­chen.
Und dann haben wir natür­lich diese Situation mit der Kirche, die sich tief in Staatsangelegenheiten ver­strickt hat. Wir wol­len dage­gen ange­hen, indem wir Leute dar­auf auf­merk­sam machen, denn die meis­ten Menschen wis­sen gar nicht, dass 98% der Finanzierung der Kirchenorganisationen durch ihre Steuergelder erfolgt. Fast eine halbe Milliarde Euro an Steuergeldern wer­den alleine für die Gehälter der Bischöfe und Kardinäle und deren Gefolgschaft aus­ge­ge­ben. Soweit ich weiß betrifft das aller­dings nicht den nie­de­ren Klerus, was auch erklär­lich ist, wenn man sich an die Säkularisierung von 1803 erin­nert, als die Kirchenfürsten durch den Staat bezahlt wer­den muss­ten.
Ansonsten küm­mern wir uns um unsere eigene Weiterbildung und üben, wie man kor­rekt dis­ku­tiert und sam­meln die Argumente die Gläubigen und Humanisten zur Verfügung ste­hen, denn man steht immer und immer wie­der der­sel­ben Argumentation gegen­über. Welche Einwände gibt es dann? Unsere Mitglieder dar­über zu infor­mie­ren ist eben­falls etwas, das wir tun.

Aus dem Englischen: Oliver-Martin Rapsch

Website der „The Humanist Society of Victoria, Australia”

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Über den Autor

Nic

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

2 Responses to Ein Berliner in Australien

  1. [...] This post was men­tio­ned on Twitter by erzie­hung, Nic. Nic said: Neu im Blog: Ein Berliner in Australien http://goo.gl/fb/D16Iq [...]

  2. Maria sagt:

    sehr inter­es­san­ter Beitrag habe noch nie was von die­ser Giordano Bruno Stiftung gehört