[Erstveröffentlichung: 22. März 2009]

bruhns meines vaters Wibke Bruhns   Meines Vaters LandManchmal errei­chen einen Bücher auf ver­schlun­ge­nen Wegen. Vor allem sol­che, die man sich ver­mut­lich nie selbst gekauft oder aus eige­nem Antrieb gele­sen hätte.
Meines Vaters Land (Geschichte einer deut­schen Familie) von Wibke Bruhns gehört ganz sicher dazu.

Wibke Bruhns ist die Tochter von Hans Georg Klamroth, einem im Zuge des 20 Juli 1944 hin­ge­rich­te­tem Offiziers. Diesem Vater, den W. Bruhns nicht ken­nen­lernte, spürt das Buch nach.
Herausgekommen ist eine Familiensaga, die fünf Generationen umfasst. Wobei natür­lich die Zeit der Eltern (Else & Hans Georg Klamroth) den Großteil des Buches aus­macht. Es endet mit dem Kriegsende 1945.

Wibke Bruhns schafft den Drahtseilakt, zum einen eine sehr per­sön­li­che Nähe zu den Eltern, den Geschwistern und Verwandten dar­zu­stel­len und trotz­dem einen Abstand zu wah­ren, der viel über das Unverstandene (wer ver­steht schon wirk­lich die Gedanken und Gefühle sei­ner Eltern) aus­sagt. Ihr Vater wird im gesam­ten Buch immer nur “HG” genannt; die Mutter (per­sön­li­cher) Else. Ein ein­zi­ges mal bricht die Autorin mit die­ser Distanz und spricht ihren Vater direkt an.

Was mir an die­sem Buch vor allem gefällt: es ist eine Aufarbeitung der deut­schen Geschichte; eine sehr per­sön­li­che. Und das macht das Buch lesens­wert und wich­tig. Ich kenne nicht viele Bücher, die auf solch per­sön­li­che Art ver­su­chen, Geschichte begreif­bar zu machen; zu ver­su­chen, zu ver­ste­hen wie Dinge gesche­hen konn­ten, die zur Katastrophe des 2. Weltkrieges führ­ten. Was Menschen dazu brachte, dem Demagogen Hitler zu fol­gen.
Diese Fragen stellt sich die Autorin, deren Eltern beide NSDAP-Mitglieder, deren Vater SS-Angehöriger und Major der Wehrmacht war. Und der Etliches wis­sen musste über das, was im “Reich” geschah, war er doch als Offizier der Abwehr ins­be­son­dere auch mit dem (geheim­dienst­li­chen) Schutz der sog. V1 und V2-Projekte betraut. HG war nach­weis­lich in Dora-Mittelbau; muss also gese­hen haben, unter wel­chen Bedingungen die Menschen dort leben und arbei­ten muss­ten.
Sich – als Tochter – damit aus­ein­an­der set­zen zu müs­sen; den nur aus Tagebüchern und Briefen bekann­ten Vater in die­ser Rolle zu sehen… wie unglaub­lich schmerz­haft – und wie unge­heuer mutig, dies öffent­lich zu tun!

Freilich spie­gelt die­ses Buch weit mehr als nur den schmerz­haf­ten Prozess der Annäherung an den unbe­kann­ten Vater; es ist zugleich die exem­pla­ri­sche Geschichte einer ange­se­he­nen, groß­bür­ger­li­chen Kaufmannsfamilie, der Klamroths aus Halberstadt. Wibke Bruhns ver­folgt diese Geschichte über fünf Generationen, und am Ende weiß man, warum diese Sippe und die Gesellschaftsschicht, die sie reprä­sen­tierte, so anfäl­lig waren für das, was sich Nationalsozialismus nannte. Mit wach­sen­dem zeit­li­chem Abstand wird immer deut­li­cher: Das Unheil, das nach 1933 sei­nen Lauf nahm, war lange im Schoße deut­scher Bürgerfamilien aus­ge­brü­tet wor­den. (Quelle: Die Zeit Online)

hg im kontor Wibke Bruhns   Meines Vaters Land

HG, Bildquelle: klausklamroth.de

Es ging mir wirk­lich zu Herzen zu lesen, wie sich die Autorin zum einen in die dis­tan­zierte Rolle der Chronistin drängt und zum ande­ren aber manch­mal nicht in der Lage ist, diese Rolle durch­zu­hal­ten – wenn sie ver­sucht, ihrer Erschütterung gerad dar­über Ausdruck zu geben, dass Ihr Vater und mit Abstrichen auch die Mutter über­zeugte Nazis waren. Sie ver­sucht sich (und dem Leser) zu sagen: “Na ja, sie muss­ten das wohl um die Firma zu hal­ten…” aber gleich­zei­tig zer­reißt sie die Wut zu sehen, dass sie die schrei­en­den Ungerechtigkeiten nicht zur Kenntnis neh­men. An die­sem inne­ren Kampf läßt Wibke Bruhns den Leser teil­ha­ben.

Der o.g. Zeit-Artikel endet mit den Worten: “Ein anrüh­ren­des, muti­ges, wahr­haf­ti­ges Buch. Man kann es nicht ohne Erschütterung lesen.
Dem ist kaum noch etwas hin­zu­zu­fü­gen. Nur, dass ich dank­bar bin, die­ses Buch gele­sen zu haben, das auf so selt­sa­mem Wege zu mir kam.

Nic

PS: für wei­ter­füh­rende Recherche der Familiengeschichte emp­fehle ich: www.klausklamroth.de

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