Dienstag , 21 Mai 2013
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Uwe Tellkamp – Der Turm

[Erstveröffentlichung: 20. Februar 2009]

Land in selt­sa­mer Krankheit, Jugend war alt, Jugend wollte nicht erwach­sen wer­den, Bürger leb­ten in Nischen, zogen sich im Staatskörper zurück, der, regiert von Greisen, in todes­na­hem Schlaf lag. [...] Die selt­same Krankheit zeich­nete die Gesichter; sie war anste­ckend, kein Erwachsener, der sie nicht hatte, kein Kind, das unschul­dig blieb. Verschluckte Wahrheiten, unaus­ge­spro­chene Gedanken durch­bit­ter­ten den Leib, wühl­ten ihn zu einem Bergwerk der Angst und des Hasses. Erstarrung und Aufweichung zugleich waren die Hauptsymptome der selt­sa­men Krankheit. In der Luft lag ein Schleier, durch den man atmete und sprach. Die Konturen wur­den undeut­lich, Dinge wur­den nicht mehr beim Namen genannt. Die Maler mal­ten aus­wei­chend, die Zeitungen druck­ten Reihen schwar­zer Buchstaben, aber nicht sie dien­ten der Verständigung, son­dern der Raum dazwi­schen: weiße Schatten von Worten, die zu wit­tern und zu inter­pre­tie­ren waren. Auf den Bühnen sprach man in anti­ken Versmaßen. Beton… Watte… Wolken… Wasser… Beton… aber dann auf ein­mal… Seite 890

Ich habe lang über­legt, ob ich und wenn, dann was aus die­sem Buch zitie­ren kann und möchte. Ähnelt es doch einem Sammelsurium der Stile, der Stilmittel. Das nun Zitierte ist nicht der Stil des gesam­ten Buches; es ist einer der vie­len, die die­ses Buch bemer­kens­wert machen; auch wenn mich manch­mal diese sei­ten­lan­gen, kur­siv gesetz­ten Passagen der inne­ren Einkehr ihrer Langatmigkeit wegen lang­weil­ten.

Doch erscheint mir diese Passage aus dem Schlussteil des Buches bezeich­nend für die dem Buche inne­woh­nende Melancholie; der Melodie des Abschiedes; die­ses Abgesanges der Hoffnung, Utopie und des Sonnenlichts.

Tellkamp ist ein unglaub­lich guter und genauer Beobachter. Die graue Tristesse des Alltags in der DDR ist in jeder Zeile all­ge­gen­wär­tig. Auch wenn die Sonne scheint und man auf­at­met in vom Regen erfrisch­ter Luft bleibt doch das Bild der ver­gam­meln­den, der ver­fal­le­nen Städte. Wer Dresden gese­hen hat vor ’89 kennt die­sen depres­siv stim­men­den Anblick ster­ben­der Orte, kennt die Menschen, die grau wie die Häuserwände zwi­schen eben denen leben.
Oft sind es bei Tellkamp nur win­zige Halbsätze, die bei mir vie­les an Erinnerungen wach­ru­fen; Dinge, die ich bereits ver­ges­sen glaubte. Ich konnte beim Lesen sowohl die Abgase der Trabbis und Wartburgs rie­chen als auch den Geruch eines schwer erhält­li­chen Buches, die Freude über eine sel­tene Schallplatte nach­le­ben.

Wenn ihm etwas vor­zu­wer­fen wäre – aber das ist es ver­mut­lich nicht, denn die Definition kam von der Literaturkritik – dann das, dass die­ser bil­dungs­bür­ger­li­che Kosmos, in dem sich die Romanfiguren bewe­gen, eben nicht den Großteil der Bevölkerung aus­mach­ten. Diese ist noch viel­mehr klein­bür­ger­lich und wurde es sofort wie­der, nach­dem die D-Mark im Lande war. Kurz und hef­tig war die Bewegung… (aber das ist nicht Thema das Buches).

Vielleicht noch ein Kritikpunkt: zu wenig hat der Autor her­aus­ge­ar­bei­tet, wes­halb sich die Eltern des (auto­bio­gra­phi­schen?) Hauptheldens letzt­lich dafür ent­schei­den, an der “fried­li­chen Revolution” mit­zu­wir­ken, Die inne­ren Konflikte blei­ben mei­ner Meinung nach unge­sagt, unge­klärt. Auch ver­ab­schie­det sich die Hauptfigur ziem­lich still­schwei­gend aus der Geschichte; als hätte es in der NVA (der Nationalen Volksarmee) die Konflikte, die das Land erschüt­ter­ten in den Jahren 88/89, nicht gege­ben. Oder nicht in dem Maße.
Und dabei schreibt Tellkamp doch gerade auch in der Szene, in der sein Hauptheld in der Dunkelhaft des Armeestrafvollzuges sitzt, dar­über, dass der “ganz innen” ist; in einem Land, dass seine Bürger zwi­schen Mauern sperrt, in einer Armee, die ihre Soldaten in Kasernen sperrt, im Armeeknast, der seine Gefangenen hin­ter Stacheldraht, Mauern und Wachtürme sperrt, in einer Dunkelzelle, die ihn von Allem abschließt.

Und so sehe ich, dass die NVA ein Staat im Staate war,in dem sich genau die “drau­ßen” von­stat­ten gehen­den Veränderungen der Gesellschaft poten­ziert wider­spie­gel­ten.

Doch genug geme­ckert; ich denke, das Der Turm sicher­lich nicht der Roman des Endes der DDR ist; dazu ist das Personal zu eng gefasst; zu klein in all sei­ner bil­dungs­bür­ger­lich­keit. Zu wenig aus­ge­ar­bei­tet die andere Position; die derer, die noch immer “an das Gute glau­ben”.

Aber es zeich­net ein gutes, in den Szenen des täg­li­chen Lebens her­vor­ra­gend beob­ach­te­tes Bild eines abster­ben­den Landes. Und sich – zumal wenn man öst­lich der Elbe auf­ge­wach­sen ist – daran ab und an zu erin­nern ist das Schlechteste nicht.

Nic

PS: Einen Nachsatz hab ich aber noch: auch wenn im Vortext aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen ist, dass die Romanfiguren nichts mit tat­säch­lich exis­tie­ren­den Menschen zu tun haben… es gibt Einige, die ich wie­der­er­kenne.

Über Nic Frank

Hauptautor des Blogs, alles andere steht auf einer Extraseite.

2 Kommentare

  1. anne234 bei twitter

    Schöner Eintrag, bin da sehr ähn­li­cher Meinung, lese gerade das Buch.

    • Danke

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