[Erstveröffentlichung: 9. Januar 2009]

heym radek Stefan Heym   RadekIn mei­nem Artikel über Heyms “Lassalle” habe ich ja bereits auf die­ses Buch hier hin­ge­wie­sen.
Kaum Jemand kennt den Namen Karl Radek heute noch; er wurde im Stalinismus aus den Geschichtsbüchern gestri­chen.
So wie Trotzki in der unter Stalins Ägide redi­gier­ten “Geschichte der KPdSU” nicht ein­mal erwähnt wurde, obwohl er der Oberbefehlshaber der Roten Armee war, war Radek Mitglied des Zentralkomitees der Partei und wird (wurde) nicht mehr erwähnt, wenn es um die Geschichte der Sowjetunion geht.

Vielleicht idea­li­siert Heym (wie im Wikipedia-Artikel ange­merkt) tat­säch­lich die Figur des unste­ten Karl Radek; aber scheint es mir, als würde das Buch das Flair der revo­lu­tio­nä­ren Begeisterung einer gan­zen hof­fen­den Generation aus­drü­cken.

Stefan Heym folgt in die­sem … Roman den Spuren einer der schil­lerns­ten Gestalten der Dritten Internationale: Karl Bernhardowitsch Radek, in Polen gebo­re­ner Jude, lei­den­schaft­li­cher Revolutionär und glän­zen­der Journalist, Kommunist und Politiker von ganz eige­nem Charisma, Weggefährte Lenins und Opfer der Moskauer Schauprozesse 1937. Aus dem Klappentext

Heym beschreibt unter ande­rem, dass Radek das Skript zu sei­nem Schauprozess selbst schreibt; also die Texte, die sowohl der Staatsanwalt(!) als auch er und die ande­ren Angeklagten zu reden haben. Das ist tat­säch­lich bezeugt. Wenn das nicht so abgrund­tief trau­rig wäre, könnte man laut­hals dar­über lachen, dass der Angeklagte dem Staatsanwalt den Text schreibt, weil ihm des­sen Anklage lächer­lich vor­kommt. Ich glaube, dass Ryklin dar­über schrieb.

Es ist schwer zu sagen, was Stefan Heym dazu bewo­gen hat, sich der Figur Radek lite­ra­risch anzu­neh­men; aber ich ver­mu­ten, dass ihn die Konstellation gereizt hat, dass Radek in mehr­fa­cher Hinsicht immer ein Außenstehender war: er war Jude, er war Pole und Kommunist (und damit in der glei­chen Partei wie Rosa Luxemburg, mit der ihn eine gewisse Hass-Liebe ver­band), er war Jemand, der die Wahrheit auch dann aus­sprach wenn es nicht oppor­tun schien, dies zu tun. Ich ver­mute, dass Heym einige Parallelen zwi­schen sei­nem und dem Lebenslauf Radeks sah (mit dem Unterschied, dass Heym das Glück hatte, alt zu wer­den). Aber ein Leben gegen die “eige­nen Leute” war Stefan Heym so bekannt wie Radek; die lan­gen Reisen und Fluchten ver­bin­den Radek und Heym wie die poli­ti­sche Einmischung und die Kraft der Sprache.

Für mich ist Radek eines der bes­ten Bücher Heyms. Und ich habe es bereits drei­mal gele­sen und werde es sicher­lich noch ein­mal tun.

Nic

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