[Erstveröffentlichung: 14. Januar 2009]

dietrich soz21jh Heinz Dieterich   Der Sozialismus des 21. JahrhundertsIch habe es mir zur Angewohnheit gemacht, in Büchern, die ich lese und hier vor­stelle, mit die­sen bun­ten Klebezetteln Stellen zu mar­kie­ren, die als Zitat in Frage kämen. Dieses Buch hier hat den Rekord gebro­chen; habe ich doch 28 Stellen mar­kiert…

Das Buch kam in meine Hände, weil ein Freund meinte, dass mich das sicher­lich inter­es­sie­ren würde und er gespannt wäre über meine Meinung dazu. Mir scheint, er hat Einiges daran aus­zu­set­zen…

Ja, auch wenn Manfred Wekwerth im Vorwort schreibt: “Das Buch…ist nicht nur ein her­vor­ra­gen­der poli­ti­scher Text, es ist auch ein lite­ra­ri­scher…” so ist gerade das – nun sagen wir – bestreit­bar. Der Autor, Heinz Dieterich, schwankt zwi­schen der Sprache eines politisch-philosophischen Textes und eher popu­lär­wis­sen­schaft­li­chem Duktus. So sind viele Fremdworte oder Fachbegriffe erklärt, indem eine Entsprechung in Klammern dahin­ter steht. Dies aller­dings wird nicht kon­se­quent gemacht und manch­mal sogar umge­dreht. Das stört den Lesefluss.
Aber nichts­des­to­trotz hat Dieterich eini­ges zu sagen. Und das hebt die­sen Nachteil völ­lig auf; denn in die­sem Buch geht es um die Gedanken und Ideen und weni­ger um den Stil.

Grundsätzlich ist Dieterich der – sicher nicht unstrit­ti­gen – Meinung, dass das Zeitalter des Kapitalismus/Imperialismus sich sei­nem Ende ent­ge­gen neigt. Und – geschult an Marx, Engels und Lenin – so ver­sucht sich der Autor mit einer Utopie für die Zukunft: wie kann, wie muss eine Gesellschaft des Postkapitalismus aus­se­hen.
Leider man­gelt es mir am Glauben; aber ich wünschte, das, was Dieterich als Zukunftsbild malt, könne in irgend­ei­ner Form tat­säch­lich erreicht wer­den.

Bedrückt durch die exis­ten­ti­elle täg­li­che Angst um seine unge­si­cherte Reproduktion, ohne geis­tige Transzendenz in einem Meer tri­via­li­sie­ren­den Konsumismus navi­gie­rend und stän­dig wei­ter um sich grei­fen­der Tendenzen reli­giö­sen und magi­schen Obskurantismus aus­ge­setzt, kann das ent­frem­dete Subjekt sei­ner Situation inner­halb der eher­nen Strukturen bür­ger­li­cher Gesellschaft keine Erlösung ver­schaf­fen. Diese wird nur mög­lich sein in einer Form qua­li­ta­tiv anders­ar­ti­gen Zusammenlebens in einer neuen Wirklichkeit: der demo­kra­ti­schen Wirtschaft und Gesellschaft der nach­ka­pi­ta­lis­ti­schen Geschichtsphase, in deren Übergang wir uns befin­den. Seite 18

Nicht alle Sätze des Buches sind so lang und kom­pli­ziert. Das wäre dem Buch anzu­krei­den: die­ser unstim­mige Wechsel zwi­schen einem ökonomisch-philosophischen Traktat und der Sprache einer Tageszeitung:

Ein der Mystik pro­gres­siv ver­fal­len­der Ex-KGB-Funktionär und eine alko­ho­li­sierte Randfigur der Lumpenbourgeoisie…. Seite 19

Dieterich nennt die Gesellschaftsordnung der Zukunft Das neue his­to­ri­sche Projekt. Ich möchte nun nicht im Einzelnen aus­füh­ren, worin genau die Idee des Projektes besteht (das würde hei­ßen, das halbe Buch zu erklä­ren); aber einige – wir mir scheint – hoch­ak­tu­elle Zitate erwäh­nen.
So schreibt Dieterich über das Ungleichgewicht der Verteilung gesell­schaft­li­chen Reichtums; aber nicht nur inner­halb der Grenzen das Westens, son­dern in einem glo­ba­len Maßstab. Das erscheint mir auch rich­tig, ist doch die Wirtschaft kaum noch auf natio­nale Ebene beschränkt son­dern viel­mehr glo­ba­li­siert. Das beginnt mit dem Rohstoffen und Bodenschätzen bis zum Verkauf von fer­ti­gen Waren.

Dieser … Zustand … gebärt fol­gende Frage: Wie schafft es eine glo­bale Minderheit von zehn­tau­send Bankern, Industrie- und Handelskapitalisten, die Mehrheit von 5,5 Milliarden Menschen auf der­art bru­tale Weise von den Wohltaten der Arbeit, der Kultur und der aktu­el­len Technologie abzu­schlie­ßen? Oder anders gefragt: Warum tole­riert die über­wie­gende Mehrheit der Menschen die Tyrannei…? Seite 145

Innerhalb der Gesellschaftsordnung des Neuen his­to­ri­schen Projektes wird es daher kei­nen Ware-Geld-Austausch mehr in dem Sinne geben, wie wir ihn heute ken­nen. Dieterich plä­diert hier für die Anwendung des Äqui­va­lenz­prin­zips. Das heißt, dass der Wert einer Ware oder einer Dienstleistung nicht mehr frei bestimmt von dem sein soll, der die Ware oder Dienstleistung anbie­tet son­dern dass – ähnlich wie in der Frühgeschichte der Menschheit – nicht der moni­täre (und damit sub­jek­tiv defi­nierte) Wert als Grundlage des Austausches gilt, son­dern der tat­säch­li­che Wert einer Ware oder Dienstleistung, wie er sich dar­stellt durch die in ihr inves­tierte tat­säch­li­che Arbeit.

Ich bin kein Ökonom und kann die Modelle, die im Buch zur Berechnung des Werte nach dem Äqui­va­lenz­prin­zip nicht oder nur schwer nach­prü­fen. Doch klingt mir das, was ich begreife, logisch und als Möglichkeit für eine gerech­tere Zukunft. Vor allem, und dar­auf weist Dieterich dedi­ziert hin, vor allem kann so das Ungleichgewicht zwi­schen dem rei­chen Westen und dem aus­ge­beu­te­ten Rest der Welt auf­ge­ho­ben wer­den. Er plä­diert sogar dafür, dass den Ländern, die wir, die der Westen seit meh­re­ren Generationen erbar­mungs­los aus­ge­beu­tet haben, eine Wiedergutmachung zuge­stan­den wird; wer­den muss.

Mehrfach ver­weist der Autor auf Arno Peters, der das “Äqui­va­lenz­pri­zip als Grundlage der Global-Ökonomie” ent­wi­ckelt hat und die ers­ten Modelle zur Berechnung der (tat­säch­li­chen) Werte von Waren und Dienstleistungen erstellt hat (die sog. Peters-Rose).
Abgedruckt ist (von den Seiten 118 bis 122 ein Interview, das der Autor mit Arno Peters führte und in dem es um die grund­le­gen­den Fragen zu die­sem neuen Wirtschaftssystem geht:

F.: “Ist Ihr Vorschlag die Fortsetzung des Marx/Engels-Projektes?”

A.:”Gedanken von Marx und Engels sind in die äqui­va­lente Ökono­mie mit ein­ge­gan­gen wie Gedanken ande­rer Philosophen, Historiker, Ökono­men und Soziologen der letz­ten fünf Jahrtausende. Seite 122

Nun ja… ich denke schon, dass die Idee, die Dieterich ver­tritt, eine Fortschreibung der Marx’schen Ökono­mie ist. Nicht mehr und nicht weni­ger.

Ein Bestandteil des Neuen his­to­ri­schen Projekts ist auch eine “direkte Demokratie“, eine Demokratie, die in den Kommunen beginnt und glo­bal denkt. (Mich erin­nert das ein wenig an Bahro’s Ideen.)

Da ich das Gefühl habe, schon viel zu viel geschrie­ben zu haben abschlie­ßend noch ein Gedanke: ich emp­finde die Logik, die der Idee eigen ist, als schlüs­sig. Ich wünschte, es würde das Wunder gesche­hen… Allein mir fehlt der Glaube.
Denn wenn Dieterich davon aus­geht, dass das Proletariat die not­wen­dige Revolution aus­lö­sen wird… dann frage ich mich; wel­ches Proletariat? Das hier im Westen? das voll­ge­fres­sene? RTL2-Bildzeitungs-verblödete?

Die kost­barste Gabe der Menschheit, das intellektuell-rationale Denkvermögen, unter­liegt dem stän­di­gen Versuch des Systems, seine kri­ti­schen Elemente und Potentiale zu atro­phie­ren. Es han­delt sich um eine Art kul­tu­rel­ler Lobotomie, die die Mehrheit der Bürger in einem wesent­lich instru­men­ta­len, vor­wis­sen­schaft­li­chen und vormo­ra­li­schen Stadium geis­ti­ger Entwicklung ein­zu­schlie­ßen ver­sucht. Seite 57

Nein, wenn sich die Welt, die Gesellschaft in der Form ändern soll wie es Dieterich und offen­bar auch Peters wün­schen… dann kann das mei­ner Meinung nach sei­nen Ausgang nur in den sog. Schwellenländern neh­men.

Nic


Nachtrag am 19.01.2009:
In der Süddeutschen Zeitung ist am 12. Dezember 2008 ein län­ge­res Interview mit Dieterich erschie­nen.
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Waldsee, Berlin-Hermsdorf
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